Die Rolle des Psychotherapeuten

Meines Erachtens erklärt die Handlungsstrukturanalyse1 von Psychotherapien die Befunde der empirischen Therapieforschung zur Bedeutung von formaler Qualifikation und Berufserfahrung in der „Psychotherapie“2. Erfahrene und langjährig ausgebildete „Therapeuten“ sind nicht effektiver als unerfahrene Laien, weil die erforderlichen „psychotherapeutischen“ Handlungsschritte zur Alltagskompetenz jedes Menschen gehören.

Natürlich mag der eine „Therapeut“ effektiver sein als der andere; dies aber liegt nicht daran, dass der erfolgreichere mehr Kurse absolviert und Schulungen durchlaufen hat als der weniger effektive; dies liegt auch nicht daran, dass sich der effektivere durch allgemein wertgeschätzte Charaktermerkmale von weniger erfolgreichen unterscheidet. Der Grund dafür besteht schlicht und ergreifend in der Tatsache, dass Menschen unterschiedlich gut dafür geeignet sind, als Hilfs-Ich für Leute zu fungieren, die sich ändern möchten.

Diese Eignung beruht keineswegs auf besonders positiven Charaktermerkmalen, im Gegenteil: Häufig eignen sich ausgesprochene Hallodris und Scharlatane für diese Aufgabe besonders gut, wenn sie ein Talent dafür besitzen, mit beruhigender Stimme von oben herab Durchhalteparolen zu intonieren.

Die oben skizzierten Grundstruktur der „Psychotherapie“ entspricht der universellen Struktur interaktiver Handlungen. „Psychotherapie“ kann jeder (allerdings nicht jeder gleich gut), der guten Willens ist und ernsthaft helfen will. „Psychotherapeuten“ – die „Psychotherapie“ als professionelle, gar wissenschaftlich fundierte Dienstleistung, wenn nicht Krankenbehandlung inszenieren müssen – sind durch diese wirklichkeitsfremden Einschränkungen gegenüber dem Laien natürlich gehandikapt.

Aus der empirischen Psychotherapieforschung wissen wir definitiv, dass der Therapieerfolg von den gewählten Methoden, von der formalen Qualifikation und der Berufserfahrung des Therapeuten unabhängig ist. Die Persönlichkeit des Therapeuten spielt durchaus eine Rolle, aber keineswegs die dominierende. Diese für den Laien auf den ersten Blick verblüffende, verwirrende und unglaubwürdige Erkenntnis wird verständlicher, wenn man sich die oben erwähnte Allgegenwart „psychotherapeutischer Prozesse“ im Alltag vor Augen führt.

Es ist im übrigen auch keineswegs so, dass psychische Störungen durch mechanische Einwirkungen behoben würden, so, wie ein Mechaniker ein defektes Auto repariert. Seelische „Heilung“ ist immer „Selbstheilung“. Wenn der Klient nicht fähig oder willens ist, die angestrebten Ziele zu verwirklichen, dann scheitert die beste „Therapie“ – da hilft dann auch kein Spitzen-Scharlatan mehr.

Heilung“ wird hier nicht im medizinischen oder religiösen Sinne verstanden. Was die „Psychotherapie“ betrifft, ist „Heilung“ ein Begriff eigener Art. Er bezeichnet einen Prozess, der Heillosigkeit überwindet. Heillos ist ein Zustand, in dem es keine Aussicht auf Besserung gibt.3 Der „Therapeut“ kann Anregungen und Rückmeldung geben, kann neue Ideen einbringen, Perspektiven eröffnen, motivieren – aber das eigene Denken, Fühlen, Handeln verändern kann nur der „Klient“ selbst.

Darum zeigt ja auch die empirische Therapieforschung, dass der wesentliche Teil der Varianz der „Therapie“-Ergebnisse nicht durch die „therapeutischen“ Ingredienzien – Methoden, „Therapeut“, die Tatsache, dass überhaupt „Therapie“ stattfindet etc. – erklärt wird, sondern durch die Fähigkeit und Bereitschaft des Klienten, die „therapeutischen“ Anregungen und sonstigen Umwelteinflüsse in Ressourcen zur Selbstveränderung zu verwandeln.

Heillos ist im Übrigen kein Zustand, nicht wirklich. Der Betroffene hat immer die Möglichkeit, seine Situation zum Besseren zu wenden, und sei es dadurch, dass er seine Bewertungsmaßstäbe den realen Bedingungen anpasst.

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