Die Rolle des psychisch Kranken

Dem allgemeinen Sprachgebrauch folgend, spreche ich mitunter von psychisch Kranken. Dieser Begriff schießt mir unwillkürlich in den Kopf, wenn mir Menschen mit bizarren Verhaltensweisen oder Ideen begegnen. Natürlich weiß ich, dass diese Redeweise falsch ist. Denn ich müsste eigentlich von mutmaßlich psychisch Kranken sprechen. Manche Menschen prägen jene Phänomene aus, die von der Psychiatrie als Symptome einer psychischen Krankheit gedeutet werden. Ob diese Phänomene aber tatsächlich von einem kranken Prozess im Individuum verursacht werden, kann ich nicht wissen. Überdies ist eine psychiatrische Diagnose ein Kürzel für eine Reihe von Symptomen. Das sind überaus negative Merkmale. Man kann Menschen herabsetzen und kränken, falls man sie ihnen ohne Not zuschreibt.

Wenn Menschen bizarre Verhaltensweisen und / oder seltsame Ideen zeigen oder vortragen, so können prinzipiell drei Gründe dafür verantwortlich sein:

  1. Im Inneren des Betroffenen läuft ein Prozess ab, der die Phänomene hervorbringt. Das Individuum kann sich nicht dagegen wehren. Es hat keine Kontrolle darüber. Sollte es sich bei diesen Phänomenen um sich selbst oder andere schädigende Verhaltensweisen handeln, kann man in diesem Fall von Krankheit sprechen.
  2. Der Betroffene wird durch äußere Kräfte gezwungen, diese bizarren Verhaltensweisen zu zeigen oder diese merkwürdigen Ideen zu äußern.
  3. Der Mensch hat sich dazu aus freien Stücken entschieden.

Zum ersten Grund: Der Psychiatrie ist es bisher noch nicht gelungen, die Existenz von inneren Prozessen als Ursache der Symptome psychischer Krankheiten nachzuweisen. Deswegen basiert die Diagnostik psychischer Störungen ja auch auf Symptomen, aber nicht auf Ursachen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass sich solche Ursachen irgendwann einmal in den Gehirnen der so genannten psychisch Kranken finden. Bisher war dies aber nicht der Fall.

Zum zweiten Grund: Die mutmaßlich psychisch Kranken stecken häufig in sehr schwierigen Lebenssituationen. Manche allerdings auch nicht. Man kann zudem nicht genau sagen, ob diese Lebenssituationen der mutmaßlichen Erkrankung vorausgingen oder ihr folgten. So problematisch die Existenzbedingungen eines Menschen auch immer sein mögen: Es ist schwer vorstellbar, dass sie den Betroffenen keine Wahl ließen. Es wird wohl niemand mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen, die Symptome einer psychischen Krankheit auszuprägen.

Zum dritten Grund: Dieser bleibt übrig, wenn keine biologischen oder sozialen Ursachen vorliegen. In einem solchen Fall muss sich das Individuum dazu entschieden haben, die Rolle des psychisch Kranken zu spielen.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt kann man keine wahren Sätze über psychische Krankheiten formulieren. Nichts ist bewiesen, nichts widerlegt. Wir bewegen uns hier also im Reich des Glaubens. Wenn ich jedoch meine Lebenserfahrung und mein Fachwissen zusammennehme, so drängt sich mir der dritte Grund als der plausibelste auf. Mir fallen keine vernünftigen Argumente gegen die Vermutung ein, dass sich Menschen dazu entscheiden, die Rolle des psychisch Kranken zu übernehmen.

Damit ist keine Geringschätzung verbunden. Wir alle spielen Rollen – tagein, tagaus. Warum nicht gelegentlich auch diese? Natürlich betrachte ich meine Theorie der psychischen Krankheiten nicht als unumstößlich, als der Weisheit letzten Schluss. Sobald mir vernünftige Gründe gegen sie vorgetragen werden, revidiere ich sie. Dann ersetze ich sie klaglos durch eine andere, die besser mit den Fakten und der Logik übereinstimmt.

Meine These lautet also: Die „psychische Krankheit“ beruht nicht auf pathologischen Prozessen im Gehirn des Betroffenen oder auf krankhaften Abläufen in seiner „Psyche“.  Vielmehr ist sie eine Rolle, eine Krankenrolle, die der „psychisch Kranke“ aus freien Stücken spielt.

Mit dem Zusatz „aus freien Stücken“ soll natürlich keine Leichtfertigkeit, Bösartigkeit oder sonstige negative Einstellungen unterstellt werden. „Aus freien Stücken“ bedeutet: Der Betroffene hatte eine Wahl. Es mag sein, dass er sich als hilfloses Opfer unbeeinflussbarer Mächte empfand. Dennoch hatte er eine Wahl. Trotzdem hat er sich für die Rolle des psychisch Kranken entschieden. Er ist ihr nicht anheimgefallen wie einer körperlichen Krankheit. Die Entscheidung war in aller Regel unreflektiert, vielleicht sogar unbewusst. Sie wurde aber trotzdem gefällt.

Zwar ist natürlich das Gehirn an diesem Rollenspiel beteiligt, aber nicht anders als beim Spielen beispielsweise einer Berufsrolle. Mag auch die Rolle verrückt erscheinen, sie wird von einem intakten Gehirn hervorgebracht. So wie manche, der Not gehorchend, einen ungeliebten Beruf ausüben, nehmen andere die Leiden der „psychischen Krankheit“ in Kauf, vermutlich, um noch größere befürchtete Qualen zu vermeiden.

Der Grund für die Entscheidung zum Spielen der Rolle des psychisch Kranken mag schlecht durchdacht sein oder auf schierer Gedankenlosigkeit beruhen. Er kann aber auch im Extremfall wohl erwogen sein und kühler Berechnung entspringen. Wahrscheinlich liegt er oft zwischen diesen Polen.

Es gibt jedenfalls keine äußere Macht oder Kraft, die den „Kranken“ daran hindern könnte, seine Entscheidung zur „psychischen Krankheit“ zu revidieren. Wer durch eine Entscheidung „krank“ wurde, kann auch durch eine Entscheidung wieder „gesund“ werden. Man kann „psychische Krankheiten“ aufgeben wie das Rauchen.1)Manche wenden ein, dass dieser Vergleich nicht in jedem Fall zutreffend sei. Der Raucher wisse schließlich, dass er rauche. Der Schizophrene aber wisse nicht, dass er schizophren sei, weil er einem Wahn unterliege. Dieses bei oberflächlicher Betrachtung plausible Argument sticht aber nicht. Denn erstens wissen viele Schizophrene, dass ihre Sichtweisen von ihren Mitmenschen als verrückt betrachtet werden. Sie suchen deswegen sogar Hilfe. Zweitens neigen nicht wenige Raucher dazu, die Gefahren des Rauchens zu verleugnen oder zu bagatellisieren. Raucher und Schizophrene können also durchaus in einer Hinsicht miteinander verglichen werden: Beide haben es nicht leicht, sich ihre problematischen Verhaltensweisen abzugewöhnen, weil beiden oftmals die volle Einsicht in die Notwendigkeit fehlt.

Meine Einstellung ist im Übrigen eine optimistische. Ich sehe den „psychisch Kranken“ als Subjekt, nicht als Objekt unkontrollierbarer Mächte und Gewalten. Er mag eine falsche Entscheidung getroffen haben, nämlich die zur Übernahme der Rolle des psychisch Kranken. Aber er muss in dieser Rolle nicht verharren. Er kann sich anders entscheiden. Er ist autonom. Er hat einen freien Willen. Das medizinische Modell der psychischen Krankheit ist demgegenüber ein deterministisches. Der psychisch Kranke unterliegt einem pathologischen Mechanismus. Er wird als Objekt gesehen, das der Arzt behandeln muss wie einen Apparat mit Funktionsstörungen. Aus meiner Sicht ist dies eine zutiefst pessimistische Haltung. Sie wird überdies dem Menschen nicht gerecht. Menschen sind keine Automaten, allenfalls „Gewohnheitstiere“.

Die Gesellschaft kann es dem „psychisch Kranken“ leicht machen, seine Entscheidung zur „Krankheit“ zu widerrufen – oder schwer. Sie kann ihm nahelegen, diese Flucht vor der Lösung von Lebensproblemen zu wählen. Sie kann ihn aber auch ermutigen, nach produktiveren Lösungen für die Schwierigkeiten zu suchen. Unsere Gesellschaft scheint sich auf dem Weg der Medikalisierung, der „Verkrankung“ zu befinden.

In diesem Sinne werden zunehmend Verhaltensweisen und Erlebnisformen, die früher als Eigenarten, Unarten oder gar nur als Spielarten des Normalen galten, zu „psychischen Krankheiten“ erklärt. Und eine steigende Zahl von Menschen ist gern bereit, sich diese Diagnosen zu eigen zu machen.

Dennoch: Kein Mensch leidet unter Depressionen. Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit, unter beengten Wohnverhältnissen, unter Mobbing am Arbeitsplatz, unter dem Verlust eines geliebten Partners, unter Einsamkeit, unter eigenen Schwächen, unter überzogenen Ansprüchen, unter was auch immer. Sie leiden niemals unter Depressionen.

Sie haben auch keine Depressionen. Sie sind traurig, verzagt, mutlos, haben das Gefühl, in ein schwarzes Loch gefallen zu sein, können sich nicht mehr freuen. Sie haben aber keine Depressionen. Sie sind niedergeschlagen, fühlen sich kraftlos und gebeutelt, weil sie beispielsweise während ihres bisherigen Lebens, beginnend in frühester Kindheit, allzu viel Niedertracht erfahren haben. Sie leiden nicht unter Depressionen und sie haben diese auch nicht.

Kein Mensch leidet unter Schizophrenie. Menschen leiden unter Wahrnehmungen, die sonst niemand hat und sie leiden unter den Reaktionen von Mitmenschen auf die Bekundung derartiger Wahrnehmungen. Sie leiden unter Verfolgern, an deren Existenz sonst niemand glaubt. Sie leiden unter der Geringschätzung ihrer Mitmenschen. Sie leiden unter den Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend voller Gewalt, Verwahrlosung und Missachtung. Sie leiden unter verwirrenden oder demoralisierenden aktuellen Lebensbedingungen. Sie haben auch keine Schizophrenie. Sie haben Wahrnehmungen und Ideen, die andere für verrückt halten. Sie haben Angst, weil ihnen die Welt Rätsel aufgibt und bedrohlich erscheint.

Nach obigem Muster könnte man alle so genannten „psychischen Krankheiten“ durchdeklinieren und zu demselben Ergebnis gelangen: Niemand leidet unter „psychischen Krankheiten“ und niemand hat sie.

Die Menschen leiden unter den Widrigkeiten ihrer Lebensbedingungen und den Schrecken ihrer Lebensgeschichte. Sie haben keine „psychischen Krankheiten“, sondern Lebensprobleme.

Oftmals wurden sie von den Kräften in ihrem Umfeld dazu verführt oder auch dazu gedrängt, einen problematischen, einen riskanten Lebensstil zu entwickeln. Ihnen wurde ein Lebensstil aufgenötigt, der ihre soziale Existenz und auch ihre körperliche Gesundheit gefährdet. Aber dieser Lebensstil ist keine Krankheit, sondern ein Arrangement mit äußeren Einflussgrößen, mit Lebensbedingungen, die der Einzelne, wenn überhaupt, nur in sehr geringem Umfang beeinflussen kann. Voll unter seiner Kontrolle steht seine innere Einstellung zu diesen Lebensbedingungen. Er kann sie ändern. Die Entscheidung liegt bei ihm.

Fußnoten   [ + ]

1.Manche wenden ein, dass dieser Vergleich nicht in jedem Fall zutreffend sei. Der Raucher wisse schließlich, dass er rauche. Der Schizophrene aber wisse nicht, dass er schizophren sei, weil er einem Wahn unterliege. Dieses bei oberflächlicher Betrachtung plausible Argument sticht aber nicht. Denn erstens wissen viele Schizophrene, dass ihre Sichtweisen von ihren Mitmenschen als verrückt betrachtet werden. Sie suchen deswegen sogar Hilfe. Zweitens neigen nicht wenige Raucher dazu, die Gefahren des Rauchens zu verleugnen oder zu bagatellisieren. Raucher und Schizophrene können also durchaus in einer Hinsicht miteinander verglichen werden: Beide haben es nicht leicht, sich ihre problematischen Verhaltensweisen abzugewöhnen, weil beiden oftmals die volle Einsicht in die Notwendigkeit fehlt.