Die Psychokraten

So zerstritten sie untereinander auch immer sein mögen – was die Psychokraten eint, steht ihnen auf der Nasenspitze geschrieben: Sie sind zutiefst durchdrungen (nein, nicht von der Geldgier, sondern) von der Überzeugung, dass unser Verhalten und Erleben nicht optimal seien, sondern stets verbesserungsbedürftig.

Nicht, dass wir aus Sicht der Psychokraten alle psychisch krank wären, keineswegs. Einige von uns sind durchaus halbwegs normal, allein: Es könnte uns besser gehen, wir könnten erfolgreicher, glücklicher sein, wir könnten bessere Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Staatsbürger werden, wenn wir uns der Hilfen bedienen würden, die uns die Psychokraten – selbstlos oder gegen einen bescheidenen Unkostenbeitrag – zur Verfügung stellen.

Auch wenn mir also nichts ferner liegt, als zu behaupten, die Psychokraten seien nur auf unser Geld aus, so kann man wohl doch nicht bestreiten, dass unsere Unvollkommenheiten zu deren Geschäftsgrundlagen zählen. Dies ist zwar auch bei den Ärzten so, die sich um unsere körperlichen Gebresten kümmern, allein, es gibt objektive Maßstäbe für physische Krankheiten und Abweichungen von wünschenswerten Zuständen; im Psycho-Gewerbe gibt es diese aber nicht.

Die Begründer und Hüter der Maßstäbe, an denen unser Verhalten und Erleben gemessen werden muss, sind nämlich die Psychokraten selbst. Sie sind schließlich die einschlägig qualifizierten Wissenschaftler. Sie haben die Autorität. Sie bestimmen, welche Gefühle intelligent oder dumm, welche Gedanken rational oder wahnhaft, welche Verhaltensweisen angepasst oder deviant sind. Sie gebieten jedoch nicht über objektive Methoden, mit denen sie die Diagnose einer „psychische Krankheit“ oder einer sonstigen Abweichung von ihren Idealvorstellungen wissenschaftlich erhärten könnten – keine Laborwerte, keine Biomarkeri, nichts dergleichen können sie zur Absicherung ihrer subjektiven Meinungen über uns ins Feld führen.

Die Psychokraten sind keineswegs die Führer irgendwelcher Sekten oder Kulte, sondern sie sind die Absolventen staatlich anerkannter Ausbildungsstätten; sie sind diplomiert, promoviert, approbiert; sie sind Psychologen, Psychiater, ärztliche und psychologische Psychotherapeuten. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint, trotz offenkundiger Mängel im wissenschaftlichen Bereich, alles in Ordnung zu sein. Der Staat sorgt für die Qualitätskontrolle und auch wenn nicht alles wissenschaftlich 100 pro erwiesen sein mag, so kann die Psychiatrie doch auf solidem, langjährig erprobtem Erfahrungswissen schalten und walten.

Doch selbst wenn Qualitätskontrolle und Erfahrungswissen in ausreichendem Maß gegeben gegeben wären (was natürlich nicht der Fall ist), dann würde dies überhaupt nichts an der Tatsache ändern, dass hier irgendwelche hergelaufenen Kanaillen bestimmten wollen, was richtig für uns ist. Und das kann doch eigentlich nicht wahr sein in einem demokratischen Rechtsstaat, in dem jeder Staatsbürger seine Persönlichkeit frei entfalten darf.

Die Medien sind im Allgemeinen voll des Lobes für die Psychokraten und preisen deren Tätigkeit als aufopferungsvollen Dienst zum Wohle der Menschheit an. Papier ist bekanntlich geduldig. Es mag zwar sein, dass manche Agentur den Medien kostenlos oder zu stark reduzierten Preisen Artikel oder Features anbietet; doch dies ist nicht der Hauptgrund für derartige Elogen.

Es sind die Leser selbst, die solche Lobeshymnen auf die Segnungen der Psychokratie gierig und dankbar verschlingen. Denn die meisten Leute wollen ja, dass ihnen eine Autorität erklärt, wie sie sich zu verhalten, wie sie zu denken und zu fühlen haben. Denn alle, alle möchten gern erfolgreich sein. Und das kann man nur, wenn man auf die Psychokraten hört. So wird gedacht.

Warum? Weil den Menschen während ihrer Kindheit und frühen Jugend eine Instanz in ihre Seele eingebläut wird, die Freud das Überich nannte, und deren Funktion darin besteht, die Menschen mit Gewissensbissen zu quälen, wenn sie den gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen. Darum suchen diese Leute im späteren Leben beständig Rat. Sie wollen wissen, was man tun muss, um Gewissensbisse zu vermeiden. Das gehört ebenfalls zu den Geschäftsgrundlagen der Psychokraten.

Die Psychokraten sind nicht die einzigen, die uns Vorschriften machen. Kirchen, weltanschauliche Gemeinschaften, Sekten und Kulte wissen ebenfalls alles besser als wir selbst, obwohl sie von nichts, was uns tief im Herzen bewegt, eine Ahnung haben und haben können. Doch die Psychokraten sind schlimmer, gefährlicher, weil sie für zuständig gelten. Wenn einer ein psychisches Problem hat, so heißt es gleich: Geht doch zum Psychiater! Oder: Warst du schon beim Psychologen? Der Pfarrer wird uns allenfalls anempfohlen, wenn wir uns im Dunstkreis von Kirchen und Sekten bewegen, was heutzutage eher selten der Fall ist.

Wer genauer hinschaut, entdeckt überall Spuren der Steuerung des Verhaltens und Erlebens durch die Psychokraten: in der Schule, in den Unternehmen, auf öffentlichen Straßen und Plätzen, in den Krankenhäusern und Arztpraxen, in den Supermärkten, im Fernsehen, im Internet, in den Zeitungen, sogar in den Kirchen – ganz gleich, wohin sie schauen: die Psychokraten waren schon da und haben die mentalen und emotionalen Wege für Sie, lieber Leser, gebahnt.

Der Bürger ist, ohne es zu ahnen, bereits in eine gigantische psychiatrische Anstalt namens Bundesrepublik Deutschland eingewiesen worden und wird zwangsbehandelt mit Wörtern, Bildern und entsprechend manipulierten Objekten, die allesamt wirken wie bewusstseinsverändernde Drogen. Der Einfluss der alleinseligmachenden, allgegenwärtigen katholischen Kirche im Mittelalter auf die Seelen der Menschen war nicht so groß wie die Suggestionswirkung der Psychokratie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft.

Selbst beim Formulieren dieser Sätze muss ich mich zwingen, all jene manipulativen Tricks und Techniken nicht anzuwenden, die man mir in meiner Psychologie-Ausbildung beigebracht hat. Und während ich dies schreibe, muss ich damit rechnen, dass mich Leute anrufen, die sich gern von mir manipulieren lassen möchten. Als ich gerade zum Fenster hinausschaute, um über den nächsten Satz nachzudenken, sah ich ein Luftschiff am Himmel, auf dessen Bauch in großen roten Lettern die Aufschrift prangte: „Psychologie ist gut für dich, o yeah!“

Natürlich ist es bequem und preiswert, sich eine Seele von der Stange einzuhandeln. Wer nicht anecken und auffallen will, muss schließlich mit der Mode gehen. Eigensinnige Leute sind nicht gefragt. Heutzutage hat man kommunikativ, sozialkompetent, team- und führungsfähig sowie mit eingebautem Lächeln ausgerüstet zu sein. Und da gibt es niemanden, niemanden, der in dieser oder jener Hinsicht nicht noch besser und immer besser werden könnte. Und wer zurückfällt, wird depressiv und muss zum Psychiater, muss Pillen schlucken oder Psychotherapie machen.

Unser Grundgesetz verbrieft uns das Recht auf freie Entfaltung unserer Persönlichkeit; aber was nützt denn dieses Recht auf dem Papier, wenn sich jeder, der sich mental oder emotional in diese oder jene Richtung bewegen will, vorher fragt, was wohl der Psychologe und Psychiater dazu sagt.

Oft wird das Internet als Füllhorn der psychokratischen Weisheit betrachtet, und im Zweifelsfall greift man zum Telefon, um sich vom Experten die Richtung weisen zu lassen.

Es gibt drei Formen der Gehirnwäsche: Die brutale zerbricht uns, indem sie uns durch Schmerzen gefügig macht und die sanfte verführt uns, indem sie uns die Linderung unserer Ängste verspricht. Oftmals erzeugen die Gehirnwäscher gezielt diese Ängste oder heizen sie an, um uns in Wachs in ihren Händen zu verwandeln.

Die hinterhältigste Form, die schmierige Gehirnwäsche besteht in der Ausnutzung von Schamgefühlen. Gibt es bei den beiden anderen Varianten entweder einen Aggressor, den wir hassen können, oder eine externe Quelle der Bedrohung, die es auszuschalten gilt, so sind wir im Falle der Scham auf uns selbst zurückgeworfen. Wir selbst sind daran schuld, dass wir uns in Scham auslösender Weise verhalten.

Den Psychokraten sind alle drei Formen der Gehirnwäsche nicht fremd. Sei es, dass sie uns einer Zwangsbehandlung unterziehen und uns durch Fixierung bzw. psychiatrische Drogen Leiden zufügen; sei es, dass sie uns vor den schlimmen Folgen mangelnder Krankheitseinsicht warnen; oder sei es, dass sie uns mit den angeblichen Folgen unseres Verhaltens auf die Anderen, die wohlmeinenden normalen oder besser angepassten Mitmenschen konfrontieren.

Und bei all dem gilt: Wir können niemals geheilt, niemals perfekt werden, sondern uns allenfalls den Zielen annähern, die von den Psychokraten für uns definiert wurden. Da die Diagnosen subjektiv und da die Diagnostiker die Autorität sind, können auch nur sie entscheiden, wie weit uns dies gelungen ist.

Und wer sich ihnen erst einmal unterworfen hat, wird sich selbst, seine Welt und sein Verhalten in ihr mit ihren Augen sehen. Hinter den Fassaden der Demokratie hat sich die Priesterherrschaft der Psychokraten entfaltet.

Die Slogans der Wahlkampagnen und die Sprachregelungen der Politiker wurden von ihnen entwickelt. Der Aufbau von Zeitungsartikeln und TV-Sendungen verrät die Handschrift der Kommunikationspsychologen. Auch in den Foren des Internets und in den sozialen Netzwerken versuchen bezahlte User nach den Regeln der psychologischen Kunst, uns von unseren Meinungen abzubringen, wenn sie vom Mainstream des Denkens abweichen.

Die heutige Psychokratie stellt George Orwells Gesellschaftsentwurf weit in den Schatten; „1984“ erscheint höchst antiquiert, verglichen mit einem System, das man öffentlich in Frage stellen kann und darf, ohne es ernsthaft zu gefährden. Selbst scharfe Kritiker sind dennoch in die unsichtbaren Ketten der Psychokratie geschlagen.

Man sieht dies recht deutlich an manchem (ehemaligen) Mollath-Unterstützer, der die Zwangspsychiatrie nicht etwa überwinden, sondern humanisieren will. Ein Leben ohne Psychiatrie können sich vielfach selbst jene nicht vorstellen, die sich mit ihren schlimmsten Auswüchsen auseinandergesetzt haben. Die Psychokratie hat die Seele des Volkes im Griff. Die Macht ist zwar noch nicht vollkommen, aber die totale Herrschaft über die Regungen unserer Psyche ist vorstellbar geworden.

Selbst die Sprache des Alltags, der intimste Ausdruck des Volkslebens, wird durch die Psychokraten geformt; man nennt dies „politische Korrektheit“, und die wird natürlich, natürlich mit besten Absichten, aus ethisch hohen Motiven durchgesetzt. Die Angriffe der Psychokraten zielen zentral auf die naturwüchsige Identität des Individuums; diese soll ausgeschaltet und durch ein Selbst von der Stange ersetzt werden.

Gender-Mainstreaming, also die Ausmerzung des Unterschieds zwischen Mädeln und Buben, ist ein offensichtliches Beispiel für Machenschaften dieser Art. Auch hier wird den Menschen vorgegaukelt, es ginge um hehre Ziele, um die Überwindung der Unterdrückung und Benachteiligung von Frauen.

Genug der Beispiele: Bis in die feinsten Verästelungen des gesellschaftlichen Lebens hinein sind psychokratische Machtansprüche wirksam.ii Lichtenberg sagte, den Druck der Regierung spüre man ebenso wenig wie den Druck der Luft. Und in der Tat: Die Herrschaft der Psychokraten wird von vielen Menschen gar nicht wahrgenommen, von einigen achselzuckend hingenommen und von einigen sogar begrüßt. Es spricht Bände, dass sich keine nennenswerte politische Partei ernsthaft mit der psychokratischen Macht auseinandersetzt.

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Die Suche nach Biomarkern konnte in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen der Medizin bahnbrechende Erfolge verzeichnen; nur nicht in der Psychiatrie. Obwohl dort dieselben raffinierten und ausgereiften Forschungsinstrumente eingesetzt werden, sind die Ergebnisse äußerst mager. Zwar wurde eine gewaltige Fülle von Daten produziert, aber die Befunde sind nicht replizierbar, konnten nicht validiert werden und eine praktische Bedeutung kommt ihnen erst recht nicht zu. Siehe: Kobeissy, F. et al. (2013). Biomarkers in psychiatry: how close are we? Frontiers in Psychiatry, General Commentary, published: 07 January 2013, doi: 10.3389/fpsyt.2012.00114

ii Hierzu auch: Dr. Tana Dineen, Autorin von: „Psychocracy: The Psychological Sphere of Influence“ (In Modernity and Its Discontents: Sceptical Essays on the Psychomedical Management of Malaise. Petteri Pietikainen (ed.), Stockholm: Ax:son Johnson Foundation, 2005) und „Manufacturing Victims: What the Psychology Industry is Doing to People“(Montreal: Robert Davies Pub, 1998), siehe Website.

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