Die psychiatrische Fachsprache

Der Jargon

Würde uns etwas fehlen, wenn es die psychiatrisch-psychotherapeutische Fachsprache nicht gäbe? Kennten wir dann die Ursachen der „psychischen Krankheiten“ nicht mehr?

Wir kennen sie sowieso nicht.

Wüssten wir dann nicht mehr, wie „psychisch Kranke“ zu behandeln sind?

Das wissen wir sowieso nicht.

Alle medikamentösen, psychotherapeutischen, elektrokrampftherapeutischen, psychochirurgischen und sonstigen Methoden erzielen höchst unbefriedigende Ergebnisse.

Gäbe es diese Fachsprache nicht, so hätten wir dennoch ein erhebliches Problem. Wir könnten Leute, die aus rätselhaften Gründen stören, nicht mehr zum Psychiater schicken. Wir könnten sie nicht mehr gewaltsam unterbringen und zwangsbehandeln. Kurz: Uns fehlte die Rechtfertigung für den üblichen Umgang mit einer besonderen Sorte von Störern. Ohne diese Fachterminologie müssten wir uns in normaler, alltäglicher Sprache gesondert mit jedem einzelnen Fall auseinandersetzen.

Wenn jemand nachts im Treppenhaus lärmt, um die Außerirdischen zu verscheuchen, dann könnten wir nicht mehr sagen: „Schizophren, ab in die Psychiatrie!“ Derartige Begriffe würden uns einfach fehlen, und was dann? Ja, dann müssten wir mit dem Menschen doch tatsächlich in Verhandlungen treten, um eine Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten leben können. Das ist schwierig, das kann dauern. Und Zeit ist knapp. Also klammern wir uns an die Fachsprache, auch wenn sie nichts taugt. Pech für den, der dabei unter die Räder kommt.

Nicht alle, die, gedankenlos oder achselzuckend, die psychiatrische und psychotherapeutische Fachsprache akzeptieren, sind menschenverachtende Monster. Viele haben einfach keine Zeit, sich mit Leuten auseinanderzusetzen, die aus der Rolle fallen und die Kontrolle über ihr abweichendes Verhalten verloren zu haben scheinen. Man fühlt sich hilflos, überfordert – und da etwas geschehen muss, ruft man halt nach der Psychiatrie, die soll es richten, und man denkt allenfalls widerstrebend darüber nach, was mit den Betroffenen in der Psychiatrie tatsächlich angestellt wird.

Die Fachsprache eignet sich hervorragend zum Selbstbetrug, weil sie wissenschaftlich und gediegen klingt, wie das Idiom von Experten, die sich auskennen. Es handelt sich im Grunde aber nur um einen Jargon, denn keiner der Begriffe dieser Fachsprache ist wissenschaftlich valide. Für keinen dieser Termini konnte eine Beziehung zur Realität wissenschaftlich, also empirisch erhärtet werden.

Der Focus berichtet über den Hochstapler Gert Postel:

“Postel war unter anderem Weiterbildungsbeauftragter der sächsischen Landesärztekammer im Bereich Psychiatrie, Vorsitzender eines Fachärzteausschusses und Leiter des Maßregelvollzugs. Niemals wurde er kritisiert. ‚Fragen gilt in diesen Kreisen als Inkompetenz‘, erklärt Postel. Er habe sogar Krankheitsbegriffe erfunden, die es nicht gab, so etwa die bipolare Depression dritten Grades – die niemand jemals hinterfragte.“i

Der psychiatrisch-psychotherapeutische Jargon taugt zu sonst nichts, aber zum Renommieren eignet er sich hervorragend. Die Psychiatrie, so Postel, sei ein Fach, das von der Wortakrobatik lebe. Diese Einschätzung sollte man nicht als die von einem rechtskräftig verurteilten Hochstaplers stammende Verunglimpfung entwerten. Sie ist vielmehr eine Erklärung dafür, warum es der Mann so leicht hatte, in der Psychiatrie Karriere zu machen.

Wortakrobatik ist ein Wesensmerkmal des Ideologischen und die zentrale Aufgabe des Ideologischen besteht darin, Herrschaftsverhältnisse zu verschleiern bzw. zu verklären. Die Psychiatrie geht nahtlos in der ideologischen Sphäre auf. Man behandelt dort keine Kranken. Die psychiatrischen Institutionen erfüllen keine medizinischen Funktionen und die psychiatrische Wissenschaft erforscht keine „psychischen Krankheiten“.

Die Psychiatrie siedelt vielmehr in einem Graubereich zwischen der Normalität des Alltagslebens und der außergewöhnlichen Wirklichkeit des Strafvollzugs. Sie ist teilweise, nämlich im Maßregelvollzug und in geschlossenen Abteilungen, eine getarnte Spielart des Strafvollzugs und teilweise ist sie, zum Beispiel vielfach in der Psychotherapie, eine Variante des alltäglichen Totschlagens der Zeit. Meist aber liegt ihre Aktivität irgendwo zwischen diesen Extremen.

Es ist keineswegs so, dass man in der Psychiatrie irgendetwas können müsste, was der Laie nicht genauso gut kann. So zeigt zum Beispiel die Psychotherapieforschung, dass Laien ebenso erfolgreiche Therapeuten sind wie Profis. Und die Forschung zum „Expert Judgment“ beweist, dass Psychiater keine besseren Prognosen liefern als Hinz und Kunz.

Es genügt in der Psychiatrie völlig, den Jargon zu beherrschen und ärztliche bzw. psychotherapeutische Autorität zu verkörpern. So unterschiedlich „psychisch Kranke“ auch sein mögen, sie alle eint die Tatsache, dass sie Erwartungen nicht gerecht werden, die signifikante Andere an sie richten. Wenn sie leiden, dann vor allem darunter, dass signifikante Andere nicht mit ihnen zufrieden sind. Die Psychiatrie hat die Aufgabe, sie im Sinne dieser Anderen wieder zurechtzubiegen.

Manche lassen sich dies gern gefallen. Andere werden gezwungen. Doch wie auch immer: Das Zurechtbiegen ist keine Aufgabe, für die man einen Arzt braucht. Ärzte sollten sich dazu eigentlich auch zu schade sein. Der psychiatrische Jargon soll über die Tatsache hinwegtäuschen, dass beinahe alle Vorgänge, die durch ihn begleitet, gerechtfertigt und interpretiert werden, der Sphäre gesellschaftlicher Repression angehören. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sich viele dieser Unterdrückung freiwillig und dankbar unterwerfen.

Gehorsam zu sein, den Erwartungen signifikanter Anderer zu entsprechen, bietet zweifellos Vorteile für den Gehorsamen. Er ist ein braves Kind. Wer nicht brav ist, wütend wird, ausrastet, rast und tobt, läuft nur zu leicht ins offene Messer der Zwangspsychiatrie. Vermutlich hat allein die untergründige Furcht vor der Zwangspsychiatrie Abertausende depressiv gemacht.

Gerade bei Zwangseinweisungen akzeptiert die Mehrheit besonders kritiklos den psychiatrischen Jargon. Darum sind auch Leute, die der Psychiatrie im Allgemeinen skeptisch gegenüberstehen, oft nicht geneigt, psychiatrischen Zwang grundsätzlich abzulehnen. Man möchte die Gefahr bannen, aber mit gutem Gewissen, also in Form einer medizinischen Maßnahme.

Der Jargon erfreut sich so großer Beliebtheit, weil die Psychiatrie eine gesellschaftliche Funktion erfüllt und viele sich nicht vorstellen können, wie man die entsprechenden realen Probleme anders lösen könnte. Durch die Koppelung der Psychiatrie bzw. der Pharmaindustrie mit dem Markt und im Zusammenspiel mit der menschlichen Gier verschärft die Psychiatrie jedoch die Probleme, die sie zu lösen verspricht.

Der psychiatrisch-psychotherapeutische Jargon ist der Wegbereiter der Medikalisierung immer weiterer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Es ist bezeichnend, dass sich heute kaum noch jemand die Mühe macht, die Gemütsverfassungen zu benennen, die einen „Depressiven“, einen „Schizophrenen“ oder einen „Maniker“ plagen. Es handelt sich hier nämlich um alltägliche, keineswegs um seltene oder exotische Phänomene, für die aber die alltagssprachlichen Bezeichnungen fast vollständig verschwunden sind.

Die Begriffe des Jargons sind strategische Etiketten, sie legen fest, wie mit den in Rede stehenden Problemen jeweils umzugehen ist. Wenn sich der Jargon erst einmal durchgesetzt hat, wird die psychiatrische Problemlösung zur Selbstverständlichkeit. Immer dann, wenn wir in einem Bereich unseres Lebens die psychiatrische Problemlösung akzeptieren, gestatten wir gleichzeitig den „Experten“, in unser Leben hineinzuregieren.

Die Mainstream-Medien sind eifrige Verbreiter des psychiatrisch-psychotherapeutischen Jargons. Durch die beständige Wiederholung wird so der Eindruck erweckt, als beschriebe der Jargon die Wirklichkeit. Gern beruft man sich dabei auf wissenschaftliche Studien. In seinem Buch „Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare“ hat der dänische Medizinprofessor Peter C. Gøtzsche nachgewiesen, in welch verhängnisvoller Weise die Pharmaindustrie die pharmakologische Forschung zu ihren Gunsten beeinflusst hat. Doch wer hat die Zeit und macht sich die Mühe, derartige Bücher zu lesen?

Und so darf sich, dank psychiatrisch-pharmawirtschaftlicher Marketing-Maschinerie, der Jargon im Nimbus der Wissenschaftlichkeit sonnen. Die schiere Wortakrobatik wird so zu einer empirisch erhärteten, wissenschaftlichen Terminologie „veredelt“. Dass es sich bei dieser „Veredelung“ um eine Talmikultur handelt, bemerkt nur, wer es bemerken will, und das sind leider nur wenige.

Die Übernahme des Jargons durch die „Laien“

Der psychiatrisch-psychotherapeutische Jargon hat sich tief in die Umgangssprache eingegraben. „Psychose“, „Depression“, „ADHS“ und ähnliche Begriffe gehen den Leuten heute leicht von den Lippen, und auch Dopamin, Serotonin und fMRI provozieren kaum noch Nachfragen in Laien-Kreisen.

Im Grunde kann man vor so viel Scheinwissen nur noch kapitulieren. Wer unter seinem Verhalten oder seinem Erleben leidet, fragt sich: warum, will die Ursachen überwinden. Auf dem Weg dorthin muss er viele Barrieren hinter sich lassen. Vermutlich die erste, die ihm begegnet, nachdem er sich eingestanden hat, ein Problem zu haben, ist zugleich jene, deren Heimtücke nicht zu überbieten ist. Wenn man sich diese Barriere personifiziert vorstellen will, so könnte man sie mit einem Verbrecher vergleichen, der die Arglosigkeit und Wehrlosigkeit des Opfers bewusst einkalkuliert, um zum Ziel zu gelangen.

Bei dieser Barriere handelt es sich um eine Redeweise, die ich als „Psychobabble“ bezeichne. Unter diesem Jargon ist eine Sprachvarietät zu verstehen, die Merkmale der Alltagssprache und von Fach-Terminologien vermischt – und zwar in einer Weise, die eine umfassende, ein gründliche und ehrliche Reflexion des eigenen Innenlebens und des eigenen Umfelds beinahe unmöglich macht.

Dies beginnt bereits mit dem Begriff der „psychischen Krankheit“, der als unausgesprochener oder ausgesprochener Sinnstifter in die thematischen Felder aller anderen Begriffe hineinwirkt – und zwar in einer Weise, die unausweichlich Verwirrung stiftet. Eine Krankheit erfahren wir als ein leibliches Geschehen, das uns widerfährt, das wir nicht in bewusster Absicht herbeigeführt haben, das wir nicht direkt beeinflussen oder gar kontrollieren können und zu dessen Überwindung wir des Arztes bedürfen, sofern es sich um eine ernsthafte, nicht schnell vorübergehende Störung handelt.

Ich habe hier bewusst nicht körperliches, sondern leibliches Geschehen geschrieben, um hervorzuheben, dass wir Krankheit als bezogen auf unsere subjektive Repräsentation des Körpers erfahren. Maurice Merleau-Ponty unterscheidet zu Recht zwischen Leib und Körper und sieht im Leib eine vermittelnde Instanz zwischen Körper und Geist. Bei einer körperlichen Erkrankung wissen wir, dass wir den zugrunde liegenden Prozess prinzipiell nicht direkt beeinflussen können. Wir haben zwar eventuell Einfluss auf potenzielle Risikofaktoren, die wir meiden, und auf Schutzfaktoren, die wir in Dienst nehmen können, aber der biologische Prozess selbst unterliegt nicht unserer Verfügungsgewalt.

Bei einer so genannten psychischen Krankheit ist dies aber ganz anders. Hier erfahren wir uns ebenfalls als ausgeliefert, aber gleichzeitig wissen wir, dass wir es eigentlich nicht sein sollten. Wer beispielsweise einen Zwang hat, weiß, dass er eigentlich in der Lage sein sollte, ihm zu widerstehen. Wer sich vor Spinnen fürchtet, weiß, dass er angesichts geringer Gefahr eigentlich mutig sein könnte. Mit anderen Worten: Bei einer körperlichen Krankheit ist der zugrunde liegende Prozess durch den Willen prinzipiell unbeeinflussbar, allenfalls können wir Risiko- oder protektive Faktoren vermindern oder vermehren. Bei einer psychischen Krankheit jedoch ist der zugrunde liegende Prozess prinzipiell beherrschbar und als krank wird erlebt, dass dies nicht gelingen will.

Ich lasse hier jene Menschen außer acht, die ernsthaft glauben, alles sei psychisch und dass deswegen auch körperliche Krankheiten durch Gesundbeten, positive Gedanken oder dergleichen geheilt werden könnten. So etwas sagt sich leicht, wenn andere betroffen sind. Ist man aber selbst an der Reihe, dann bleiben nicht viele übrig, die diese Überzeugung ernstlich aufrecht erhalten.

In den Begriff der „psychischen Krankheit“ ist also, gleichsam als Geburtsfehler, ein Widerspruch eingebaut, eine doppelte Botschaft. Einerseits impliziert dieser Begriff, man sei einem Phänomen ausgeliefert, das sich grundsätzlich eigener Kontrolle entzieht und gleichzeitig suggeriert er, dass man in der Lage sein sollte, diese Kontrolle auszuüben.

Man macht sich dies am besten an einem Beispiel klar:

Patient A zittert und kann dieses Zittern nicht bezwingen, weil er an einer Störung seines Nervensystems erkrankt ist. Patient B zittert und kann dieses Zittern nicht bezwingen, weil er an einer „Konversionsstörung“ leidet, für die es keine neurologische Ursache gibt. Von außen ist kein Unterschied beim Zittern zu erkennen.

Es gibt zahlreiche Störungen des Verhaltens und Erlebens, die eindeutig oder zumindest nach menschlichem Ermessen auf Schädigungen des Nervensystems zurückzuführen sind.

Bei einer Verletzung der präfrontalen und frontalen Bereiche des Kortex können beispielsweise die als Stirnlappensyndrom bekannten Persönlichkeitsveränderungen auftreten. Durch Schädigungen in diesem Bereich, beispielsweise infolge von Unfällen, können die Motivation verringert, das soziale Urteilsvermögen beeinträchtigt und die Affekte labilisiert werden. Reizbarkeit und Aggressivität sind keine Seltenheit.

Bei zerebrovaskulären Erkrankungen wurden Katastrophenreaktionen mit Symptomen wie Ruhelosigkeit, Hyperemotionalität, Irritation und zornige Ausbrüche beschrieben. Aber auch Indifferenzreaktionen können auftreten, die sich in völliger Gleichgültigkeit gegenüber Schwächen, im Desinteresse an Tagesereignissen oder in der Tendenz zu sorglosen Späßen über ernste Dinge äußern.

Bei der Temporallappenepilepsie finden sich Symptome wie Angst, Depressionen, Wahnvorstellungen, Wutreaktionen oder extreme Ängstlichkeit.

Ich beschränke mich hier auf eine kleine Auswahl möglicher Zusammenhänge zwischen körperlichen Erkrankungen und psychischen Reaktionen; wer sich in dieses Gebiet vertiefen möchte, kann einschlägige Handbücher der Neuropsychiatrie zu Rate ziehen.

Es gilt festzuhalten, dass wir hier nicht von „psychischen Krankheiten“ sprechen, sondern von neurologischen Erkrankungen mit Auswirkungen auf das Seelenleben. Für keine der so genannten „psychischen Krankheiten“ konnte bisher eine körperliche Ursache identifiziert werden.

Es ist ein Charakteristikum des Psychobabbles, dass er den Unterschied zwischen neurologischen oder sonstigen körperlichen Erkrankungen und seelischen Problemen verwischt und zugleich die bereits erwähnten doppelten Botschaften vermittelt. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Botschaften des Psychobabbles auf die heute modische neurowissenschaftliche Sichtweise oder auf die überkommene psychoanalytische beziehen.

Die biologische Psychiatrie beispielsweise spekuliert über die Hirnprozesse, die mangelnder Krankheitseinsicht bei Schizophrenen zugrunde liegen, fordert von diesen aber zugleich, sie möchten Krankheitseinsicht zeigen.

Die Psychoanalyse sieht ihren Patienten als Roboter, der durch den unbewussten psychischen Apparat gesteuert wird, verlangt von ihm aber gleichzeitig, sich mit dem Analytiker im Dienste des Ichs zu verbünden, um das Unbewusste zu entthronen.

Irgendetwas stimmt nicht an diesen Sichtweisen; sie sind in sich widersprüchlich; aber es ist nicht erwünscht, wenn der Patient darüber nachdenkt und kritische Fragen stellt. Genau dies aber ist ein zentrales Charakteristikum des so genannten Double Binds. Doppelte, in sich widersprüchliche Botschaften entfalten eine heimtückische Wirkung, weil der eingeborene Widerspruch nicht durchschaut werden kann.

In unserer Kultur ist es sehr schwer, ihn zu erkennen, weil wir von Kindesbeinen an dazu erzogen werden, ernstere psychische Probleme als Krankheit aufzufassen. Er wird selbst dann nicht durchschaut, wenn er so offensichtlich ist wie in der abstinenzorientierten stationären Suchttherapie. Hier wird dem Patienten einerseits suggeriert, dass er krankheitsbedingt an einem unwiderstehlichen Drang zum Konsum von Alkohol, Medikamenten oder illegalen Drogen leide, der nur durch eine Therapie überwunden werden könne, andererseits wird von ihm erwartet, vom ersten Tag der Behandlung an auf seine Rauschmittel zu verzichten.

Obwohl die Patienten, die dieser Erwartung entsprechen, de facto durch ihr eigenes Verhalten die These vom unwiderstehlichen Drang widerlegen, durchschauen die meisten diesen Schwindel nicht.

Der Begriff „psychische Krankheit“ ist Element der Alltagssprache geworfen. Seine unverdaute, oberflächliche Bedeutung lautet, dass der „psychische Kranke“ ein Kranker wie jeder andere sei, der eben nur nicht an Herz oder Niere, sondern an der Psyche erkrankt sei. Auf oberflächlicher Ebene wird die Psyche also wie ein Organ behandelt. Es bietet sich an, es mit dem Gehirn zu identifizieren. Jeder Begriff gleicht aber einem Eisberg. Die Spitze des Eisbergs entspricht der oberflächlichen, der bewussten Bedeutung. Unter dem „Wasserspiegel“ schleppt ein Begriff aber ein Fülle von zusätzlichen Bedeutungen mit, die sich mehr oder weniger der Reflexion entziehen.

Wird nun das Handeln von der oberflächlichen Bedeutung des Begriffs der „psychischen Krankheit“ gelenkt, dann wendet sich der Betroffene an einen Psychiater oder an einen ärztlichen bzw. psychologischen Psychotherapeuten, dem es obliegt, die Art der „Krankheit“ zu diagnostizieren, die Maßnahmen zur Überwindung des pathologischen Prozesses einzuleiten und die Fortschritte zu überprüfen. Dem Patienten fällt die Aufgabe zu, den Anweisungen des Arztes zu folgen und sich in Geduld zu üben.

Mag auch das Bewusstsein des Patienten in der Praxis des Arztes oder Psychologen von der oberflächlichen Bedeutung seines Leitbegriffes erfüllt sein, so macht sich doch die Unstimmigkeit seines Verhaltens halbbewusst oder unbewusst bemerkbar – und dies nicht zuletzt deswegen, weil der Heiler ihn von Anfang an so behandelt, als solle sich der Patient selbst helfen. Dies gilt sogar dann, wenn der Arzt nur eine Pille verschreibt, sich oberflächlich also so verhält, wie man es von einem Körperarzt erwarten würde.

Denn schließlich wirkt kein Psychopharmakon ursächlich, sondern allenfalls „symptomatisch“ und ein erheblicher Teil seiner Wirkung ist der Placeboeffekt. Auch wenn der Arzt dies nicht zugibt: Er weiß es, und dieses Wissen bestimmt letztlich auch sein Verhalten gegenüber dem Patienten. Der Widerspruch steckt also nicht nur im Begriff der „psychischen Krankheit“ – er steckt auch in der Arzt-Patient-Interaktion.

Gleichzeitig verhindert der Begriff jedoch, dass die Widersprüchlichkeit dieser Interaktion reflektiert wird. Es entgeht so dem kritischen Bedenken, dass der Arzt oder der Psychotherapeut medizinisches Handeln inszeniert, obwohl sein Verhalten de facto durch alle Merkmale einer moralischen Beeinflussung ausgezeichnet ist. Bleibt diese Widersprüchlichkeit aber unreflektiert, so verharrt der Patient in einem Zustand der Konfusion. Dies ist kein angenehmer Zustand. Er erheischt zwingend der Entwirrung.

Der Patient kommt ja nicht ohne Grund in die Behandlung. Er hat ein Problem. Er hat ein Problem, das mit seinem Verhalten und Erleben zu tun hat. Er muss es nun, in diesem Kontext, also in dem Kontext, den die doppelte Botschaft des Begriffs der „psychischen Krankheit“ aufspannt, als ein medizinisches Problem darstellen und zugleich als eine Abweichung von einer sozialen Norm.

Sigmund Freud kommentierte die wilden Zuckungen und Gesten einer hysterischen Patientin dahingehend, dass diese „ihre Rolle in der dramatischen Wiedergabe einer Szene aus ihrem Leben spielte, deren Erinnerung während der Attacke unbewusst wirksam war.“ii Diese Patientin schlug also – „unbewusst“ – zwei Fliegen mit einer Klappe, sie inszenierte einerseits ein sozial-psychisches Problem aus ihrem Leben und andererseits inszenierte sie eine medizinische Symptomatik, angelehnt an die Erscheinungsformen körperlicher Erkrankungen (hier: der Epilepsie).

Heute sind solche hochdramatischen Inszenierungen selten geworden. Etwas unfreundlich heißt es in einem Lehrbuch der Klinischen Psychologie, dass die Abnahme der Häufigkeit des Konversions-Syndroms mit der zunehmenden medizinischen Bildung in der Gesamtbevölkerung zusammenhänge. Diese Störung komme überwiegend nur noch bei der unbedarften Landbevölkerung vor.iii Trotzdem werden natürlich auch heute noch „Erkrankungen“ nach dem Muster inszeniert, das im Begriff der „psychischen Krankheit“ vorgezeichnet ist. Die Inszenierungen wurden nur modernisiert und dem heutigen Publikumsgeschmack angepasst. Sie sind nicht mehr so grob, so krass: weniger Bauerntheater, mehr Woody Allen.

Das Psychobabble erschöpft sich natürlich nicht im Begriff der „psychischen Krankheit“, sondern er überträgt sein Gift auf alle seine Abkömmlinge. Wenn beispielsweise jemand eine Depression hat, dann geht er zum Arzt. Der verschreibt ihm ein Antidepressivum oder unterzieht ihn einer Psychotherapie. Das Medikament wirkt aufs Nervensystem. Die Psychotherapie soll falsche Gedanken und Einstellungen korrigieren. Aufgrund der doppelten Botschaft, die der Begriff der „psychischen Krankheit“ in die Diagnose „Depression“ eingesenkt hat, entfällt in aller Regel die aktive Auseinandersetzung mit dem, was in der realen Welt den Depressiven niederdrückt.

Deprimere heißt niederdrücken. Getreu der doppelten Botschaft ist nämlich die Depression einerseits ein Hirnstörung und andererseits ein moralisches Versagen. Man darf sich eben von Umständen nicht niederdrücken lassen, egal, wie inakzeptabel, egal, wie menschenunwürdig sie auch sein mögen. Deswegen muss man zum Arzt gehen, ihm die Aufgabe übertragen, Maßnahmen zur Wiederaufrichtung der deprimierten Psyche zu ergreifen und selbst bei diesem Werk nach Anweisung tatkräftig mitwirken.

Ich möchte hier nicht der Reihe nach alle Begriffe des Psychobabbles analysieren und diese Aufgabe lieber dem nachdenklichen Leser überlassen. Vielmehr möchte ich mich der Frage widmen, was an die Stelle des Psychobabbles treten könnte.

Er wurde als Barriere durchschaut, nun gut, was dann. Sprachlosigkeit?

An die Stelle des Jargons sollte Klartext treten, was sonst? Wir müssen also unterscheiden zwischen einer Situation, in der wir Unerwünschtes erleben und tun, weil unser Nervensystem erkrankt ist, und einer Situation, in der wir Unerwünschtes erleben oder tun, weil unser Selbst dies veranlasst hat. Ist unser Nervensystem Ursache, dann bedürfen wir des Arztes. Ist aber unser Selbst verantwortlich, so bedürfen wir des Arztes nicht.

Die hysterisch Gelähmten können aufstehen, die Depressiven können sich erheben und mit den Unterdrückern ringen – oder es zumindest versuchen.

Der Jargon herrscht heute nicht nur in den Hallen der Psychiatrie vor; er ist im Grund zum Ersatz für die sonntägliche Predigt in der Kirche geworden, nein, weit mehr: Er wurde zu unserem ständigen Begleiter: ganz gleich, ob wir beim Arztbesuch in einer Illustrierten blättern, ob wir ein Wissenschaftsmagazin im TV anschauen, ob wir das Seminar eines Motivationstrainers besuchen, ob wir in der Elternsprechstunde mit Lehrern über den Nachwuchs reden, ja, sogar beim Smalltalk mit dem Nachbarn am Gartenzaun quillt Psychobabble plötzlich hervor wie Abwasser aus der Kanalisation bei einem Platzregen.

Wir haben im Grunde kein anderes Vokabular mehr, um über unsere Innenwelt nachzudenken, als dieses. Man könnte Psychobabble als geistiges Fastfood bezeichnen, wobei allerdings bedacht werden muss, dass die meisten Menschen heute wissen, wie schädlich der Junk aus den Schnellrestaurants ist.

Was tun?

Solange nicht bewiesen ist, dass störendes Verhalten und Erleben auf einem Nerven- oder einem sonstigen körperlichen Schaden beruht, ist der Betroffene gut beraten, zu unterstellen, dass dann das eigene Selbst dafür verantwortlich ist. Es gilt also, das eigene Selbst zu prüfen, denn nicht selten verbergen sich die wahren Motive in einem „blinden Fleck“ unseres Bewusstseins. Wie gut sie aber auch immer sich verstecken: Die Verantwortung dafür liegt bei uns selbst. Bei wem auch sonst?

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Kuck, E. Et al. (2009). Aus Lust an der Lüge, Focus, 5. August

ii Freud, S. (1924). Gesammelte Schriften 5, Metapsychologie, erstes Kapitel: „Einige Anmerkungen über den Begriff des Unbewussten in der Psychoanalyse“

iii Butcher, J. N., Mineka, S. & Hooley, J. M. (2009). Klinische Psychologie. München: Pearson Studium

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