Die psychiatrische Diagnose: ein Etikett?

Kritiker meinen, psychiatrische Diagnosen seien soziale Etiketten unter dem Tarnmäntelchen medizinischer Befunde. Der Preis auf dem Etikett einer Ware spiegelt ja auch nicht den inneren Wert oder die Nützlichkeit eines Produkts wider. Er ist das Ergebnis betriebswirtschaftlicher Erwägungen. Und so sei auch das soziale Etikett keine Beschreibung des inneren Zustands eines Etikettierten. Vielmehr gehe es darum, ihm eine Rolle in einem Machtspiel zuzuweisen.

Besonders scharfe Kritiker behaupten sogar, Diagnosen seien Instrumente zur Ausgrenzung der Missliebigen. Die schärfsten Kritiker vergleichen sie mit dem Juden-Stern. 1969 gab der amerikanische Psychiatrieprofessor Thomas Szasz der Zeitschrift „The New Physician“ ein Interview1)Szasz, T. (1969). Interview with Thomas Szasz. The New Physician, June, 453 – 476. Ein kurzer Abschnitt daraus wurde seither unzählige Male zitiert. Er wurde zu einem Motto der psychiatriekritischen Bewegung der Psychiatrie-Erfahrenen:

„’Schizophrenie‘ ist ein strategisches Etikett, wie es ‚Jude‘ in Nazi-Deutschland war. Wenn man Menschen aus der sozialen Ordnung ausgrenzen will, muss man dies vor anderen, aber insbesondere vor einem selbst rechtfertigen. Also entwirft man eine rechtfertigende Redewendung. Dies ist der Punkt, um den es bei all den hässlichen psychiatrischen Vokabeln geht: Sie sind rechtfertigende Redewendungen, eine etikettierende Verpackung für ‚Müll‘; sie bedeuten ’nimm ihn weg‘, ’schaff ihn mir aus den Augen‘ etc. Dies bedeutete das Wort ‚Jude‘ in Nazi-Deutschland, gemeint war keine Person mit einer bestimmten religiösen Überzeugung. Es bedeutete ‚Ungeziefer‘, ‚vergas es‘. Ich fürchte, dass ’schizophren‘ und ’sozial kranke Persönlichkeit‘ und viele andere psychiatrisch diagnostische Fachbegriffe genau den gleichen Sachverhalt bezeichnen; sie bedeuten ‚menschlicher Abfall‘, ’nimm ihn weg‘, ’schaff ihn mir aus den Augen‘.“

Dies ist Klartext. Er betrifft nicht nur die Diagnose „Schizophrenie“. All diese Etiketten legen unausgesprochen fest, in welchem Ausmaß ein Mensch ausgegrenzt werden soll. Krass formuliert: Der angeblich gefährliche Irre landet hinter psychiatrischen Gittern. Die durch Missbrauch Traumatisierten werden demgegenüber „nur“ in einem psychotherapeutischen Schonraum „entsorgt“. Es geht um Macht. Genauer: um Definitionsmacht, die Gewalt legitimiert. In aller Regel ist sie mit ethischer Blindheit verbunden.

Man mag den Nazi-Vergleich für unpassend, übertrieben, ja geschmacklos halten. Dass aber psychiatrische Diagnosen auch die von Szasz beschriebene Funktion der Ausgrenzung haben, ist mit vernünftigen Gründen kaum zu bestreiten. Ein strategisches Etikett schreibt einem Objekt nicht nur ein Merkmal zu. Es sagt auch, wie mit ihm verfahren werden soll. Solche Etiketten können sich verhängnisvoll auswirken: Sie können einen Menschen sozial stigmatisieren, seine Existenz gefährden und sein Selbstwertgefühl zerstören.

Ist dies eine unvermeidliche Gefahr, weil psychiatrische Diagnosen für die Behandlung unbedingt erforderlich sind? Sicherlich hilfreich sind Diagnosen bei Krankheiten, deren Ursachen man kennt. Dann kann man aus ihr die notwendige Behandlung ableiten. Dies ist bei einer Diagnose, die in Wirklichkeit nur ein soziales Etikett ist, natürlich nicht der Fall. Aus diesem Etikett ergibt sich nicht die medizinisch notwendige Behandlung, sondern die politisch erwünschte Maßnahme.

Beim gegenwärtigen Stand der Forschung kann keine der psychiatrischen Diagnosen als valide betrachtet werden. Valide ist eine Diagnose, wenn ihr etwas objektiv Messbares entspricht, z. B. in Form eines Laborbefundes oder einer Röntgenaufnahme. Dass dies bei psychiatrischen Diagnosen nicht der Fall ist, wird den Patienten allerdings zumeist verschwiegen.

Psychodiagnostik ist, wie der Name schon sagt, eine Diagnostik der Psyche (was auch immer das sein mag). Die Psyche ist offenbar störanfällig. Für jede Störung gibt es eine Schublade mit einem Etikett. Um zu erfahren, was sich hinter diesen Etiketten verbirgt, muss man in die gängigen psychiatrischen Diagnose-Handbücher schauen. Diese sind Produkte psychiatrischer Wissenschaft. Deshalb sollte man auch wissenschaftliche Kriterien erwarten.

Ein Leser mit dieser Erwartung sieht sich jedoch rasch enttäuscht. Die so genannten Syndrome beruhen weitgehend auf wertenden Beobachtungen des Verhaltens. Dazu zählen auch verbale Äußerungen. Aus diesen wertenden Beobachtungen wird auf eine zugrunde liegende psychische Störung bzw. psychische Krankheit geschlossen.

In die Störungstheorie fließen zahllose Zusatzannahmen ein. Diese sind weder durch die empirische Forschung, noch durch Beobachtungen des Verhaltens der Diagnostizierten abgesichert. Es handelt sich um Unterstellungen. Man unterstellt einem Patienten z. B. einen Wahn, weil man seine Ideen für bizarr hält. Man begnügt sich bei dieser Unterstellung mit Plausibilität. Objektiv überprüft werden die Vorstellungen des Patienten in der Regel nicht. Dies ist auch entbehrlich, wenn man ihre eigentliche Aufgabe bedenkt. Diese Unterstellungen dienen nämlich vor allem der Rechtfertigung zukünftiger Maßnahmen.

Zu diesen ungeprüften Annahmen zählen Spekulationen über die „biologische“ Basis der „Krankheiten“. Derartige Spekulationen allerdings spielen in der Praxis keine Rolle, und zwar weder in der medikamentösen Behandlung, noch in der Psychotherapie. Das einzige, was praktisch zählt, sind die Verhaltensbeobachtungen. Verändert sich das Verhalten in die gewünschte Richtung? Fühlt sich der Betroffene z. B. noch von Außerirdischen bedroht und traut er sich deswegen nicht aus dem Haus? Leidet er immer noch so stark unter abgrundtiefer, verzweifelter Traurigkeit, deren Ursprung er nicht versteht – oder kann er nun hin und wieder auch einmal lachen?

Dies sind die Fragen, an denen sich der Therapeut orientieren muss. Und, wichtiger noch, dies sind die Fragen, die den Klienten oder Patienten interessieren und betreffen. Ob ihn die Psychiater oder Psychotherapeuten als „depressiv“ oder „schizophren“ oder sonstwie diagnostizieren, könnte ihm im Prinzip gleichgültig sein. Aber nur im Prinzip, nicht in der Praxis. Denn diese Diagnosen können schwerwiegende Konsequenzen für ihn haben, nämlich

  • soziale Stigmatisierung
  • Existenzgefährdung und
  • Zerstörung des Selbstwertgefühls.

Psychiatrische Diagnosen sind somit nicht nur entbehrlich, sie sind sogar kontraproduktiv, weil kränkend und mitunter tödlich.

Fußnoten   [ + ]

1. Szasz, T. (1969). Interview with Thomas Szasz. The New Physician, June, 453 – 476