Die Psychiatrie als Parawissenschaft

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, besser bekannt unter dem Kürzel GWUP, setzt sich mit esoterischen und sonstigen fragwürdigen Lehren auseinander, die sich zwar äußerlich in die Form einer Wissenschaft kleiden, deren Prinzipien aber missachten. Auf der Website der GWUP definiert Dr. Manfred Mahner den Begriff der Parawissenschaften wie folgt:

Eine Parawissenschaft (gr. para: neben) ist ein außerhalb der Wissenschaften (aber nicht unbedingt außerhalb des Universitätsbetriebes) angesiedelter Erkenntnisbereich, dessen Theorie und Praxis weitgehend auf illusionärem Denken beruhen. Damit kann der Anspruch eines solchen Erkenntnisunternehmens, verlässliches Wissen über Welt oder Mensch zu erlangen oder erlangt zu haben, nicht eingelöst werden.“1

Bei dieser Definition denkt man spontan an Wünschenrutengänger, Homöopathen oder Ufologen. Dass sich aber auch im universitären Bereich, dass sich an nahezu jeder anerkannten wissenschaftlichen Hochschule ein Wolf im Schafspelz verbirgt, wird erst deutlich, wenn man sich die Kriterien Mahners für eine Parawissenschaft genauer anschaut:

Mit welchen Objekten beschäftigt sich die zu untersuchende Disziplin? Mit konkreten (materiellen) oder immateriellen (spirituellen)? Werden diese Gegenstände gesucht, um Erklärungen für bestimmte Beobachtungen zu gewinnen oder nur um vorgefertigte Meinungen zu stützen? Sind diese Gegenstände spezifisch genug, um die Daten zu erklären, oder würde ein beliebiges anderes Objekt die gleiche Erklärungsleistung erbringen?“

Die Psychiatrie setzt sich mit den so genannten „psychischen Krankheiten“ auseinander. Dabei handelt es sich angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes nicht um einen materiellen Gegenstand. Trotz intensiver naturwissenschaftlicher Forschung seit mehr als 150 Jahren ist es bisher noch nicht gelungen, zu irgendeiner dieser so genannten psychischen Krankheiten ein materielles Substrat zu entdecken. Die Psychiatrie vermochte es nicht, einen, wie auch immer gearteten, ursächlichen Zusammenhang zwischen Hirn- oder anderen körperlichen Prozessen und jenen Phänomenen zu identifizieren, die sie als „Symptome einer psychischen Krankheit“ deutet.

Auffällig ist, dass die psychiatrische Forschung in der Regel nicht versucht, ihre angeblichen Befunde zu replizieren (und wenn doch, sie scheitern diese Versuche in aller Regel). Man hat also den Eindruck, dass diese Studien vor allem eine vorgefertigte Meinung stützen sollen, nämlich jene, dass es „psychische Krankheiten“ tatsächlich gäbe.

Die einzelnen „Krankheitsbilder“, die zu den „psychischen Krankheiten“ zählen, sind keineswegs sehr spezifisch, sondern sie sind erstens gegeneinander nur sehr vage abgegrenzt und zweitens gelingt auch keine überzeugende Trennung zwischen dem angeblich Kranken und dem so genannten Normalen oder Gesunden.

Kann frei geforscht werden oder werden die Resultate von einer Autorität vorgegeben? Ist der Bereich ideologisch motiviert?“

Dank einer größeren Zahl von Veröffentlichungen aus der Feder investigativer Journalisten und kritischer Wissenschaftler kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Teile der Pharmaindustrie die Forschung (nicht nur, wenngleich verstärkt, in der Psychiatrie, sondern auch in der Medizin insgesamt) systematisch zu ihren Gunsten, also im Interesse des Gewinnstrebens verfälscht hat.2

Der Bereich ist auch ideologisch motiviert, da der Begriff „psychischer Krankheiten“ nicht unabhängig von kulturspezifischen moralischen Bewertungen gesehen werden kann.

Welche philosophischen Hintergrundannahmen werden vorausgesetzt? Die Annahmen, die in den Realwissenschaften vorausgesetzt werden (z.B. Gesetzmäßigkeitsprinzip, Kausalitätsprinzip, Sparsamkeitsprinzip, Fallibilismus usw.), unterscheiden sich zum Teil drastisch von denen der Parawissenschaften.“

Die philosophische Hintergrundannahme der Psychiatrie ist eine biologistische. Aus der Tatsache, dass menschliches Verhalten und Erleben eine Funktion des Nervensystems ist, wird geschlossen, dass die so genannten psychischen Krankheiten durch Hirnstörungen oder eine sonstige körperliche Pathologie verursacht sein müssten.

Es wird nicht versucht, diese Annahme empirisch zu falsifizieren; vielmehr sucht man fast ausschließlich nach Bestätigungen für diese Annahme, ohne allerdings überzeugende Belege dafür finden zu können. Die Alternativhypothese, dass es sich bei den so genannten psychischen Krankheiten um frei gewählte Reaktionen eines intakten Gehirns auf als widrig empfundene Umstände handeln könnte, wird hartnäckig ignoriert.

Wie sieht der Wertekanon des Bereichs aus? Jede wissenschaftliche Disziplin verfügt über einen Kanon von Werten bzw. Normen, die ihrer Theorie und Praxis zugrunde liegen. Dazu gehören: a) logische Werte: Widerspruchs- und Zirkelfreiheit, b) methodologische Werte: Prüfbarkeit, Erklärungskraft, Vorhersagekraft, Fruchtbarkeit, c) Einstellungswerte: kritisches Denken (statt Leichtgläubigkeit), Objektivität.“

Von Zirkelfreiheit kann weiß Gott nicht die Rede sein. Eine psychische Krankheit X hat, wer das Verhalten Y zeigt. Und die Krankheit X ist definiert durch das Verhalten Y. Schizophren ist, wer halluziniert oder Wahnideen hat, und wer halluziniert und Wahnideen hat, ist schizophren.

Es wurden noch keine von den Symptomen unabhängigen, materiellen Faktoren gefunden, die nachweislich ursächlich mit der so genannten Krankheit korrelieren, und entsprechend wurden bisher auch auch keine Biomarker entdeckt, an denen man das Vorliegen einer Krankheit erkennen könnte.

Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Vorhersagekraft solcher Diagnosen gering ist. Die Psychiatrie kann nicht prognostizieren, welcher Patient wie auf welche ihrer Maßnahmen (Pillen, Psychotherapie, Elektroschocks etc.) reagieren wird. Sie kann weder Gefährlichkeit, noch Suizidalität vorhersagen. Sie weiß ja noch nicht einmal, wer eine angebliche psychische Krankheit hat und wer sie nicht hat. Daher sind sich die Experten hinsichtlich der Diagnose eines Menschen oft nicht einig.

Ist der Bereich wenigstens ansatzweise an Disziplinen, die wohlbestätigtes Wissen bereithalten, angebunden? Wird von Wissen aus Nachbardisziplinen Gebrauch gemacht? Bereichert er andere wissenschaftliche Disziplinen? Oder steht der Bereich isoliert da?“

Es liegt nahe, die sich biologisch und naturwissenschaftlich gebende Psychiatrie an die Neurowissenschaften anzubinden. Sie schützt auch gern einen engen Schulterschluss mit diesen Disziplinen vor. Tatsache ist jedoch, dass beispielsweise ihre diagnostischen Systeme DSM und der psychiatrische Teil der ICD etablierten neurowissenschaftlichen Befunden ebenso widersprechen wie denen der genetischen Forschung.

Entsprechende Kritik, wie sie beispielsweise vom Direktor des „National Institute of Mental Health“ (USA), Thomas Insel, vorgetragen wurde, wird ignoriert.3

Gibt es einen gut bestätigten und wohl formulierten Wissensbestand? Ist dieser aktuell oder veraltet und damit anachronistisch? Würde die Wahrheit der in dem betreffenden Bereich vertretenen Theorien die Falschheit eines Großteils der wissenschaftlichen Theorien zur Folge haben?“

Seit Entstehen der modernen, sich naturwissenschaftlich gebenden Psychiatrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat sich die psychiatrische Erkenntnis nicht grundsätzlich weiterentwickelt. Man stochert nach wie vor im Nebel. Wenn die unbewiesene und schwer belastete Theorie, dass psychische Krankheiten, unabhängig vom sozialen Kontext, überwiegend durch gestörte körperliche Prozesse verursacht werden, wahr sein sollte, so hätte dies die Falschheit empirisch gut belegter Theorien zur Folge, dass soziale, kulturelle und wirtschaftliche Faktoren unter den Gründen für Phänomene, die von der Psychiatrie als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet werden, eine zentrale Rolle spielen.

Wird versucht, echte Erkenntnisprobleme zu lösen oder nur selbst erfundene? Ergeben sich die Fragestellungen in dem betreffenden Bereich auf natürliche Weise aus der Forschung oder werden sie künstlich herbeigesucht, um sich selbst Beschäftigung zu verschaffen? Mit anderen Worten: Werden nur Probleme gelöst, die man ohne den Bereich gar nicht hätte?“

Die so genannten „psychischen Krankheiten“ sind offenbar willkürliche Konstrukte. Sie wurden, so will mir scheinen, erfunden, um die Zuständigkeit der Medizin für die Behandlung von Menschen mit Lebensproblemen, in Lebenskrisen, zu legitimieren. Derartige Krisen und Probleme gibt es durchaus; die Psychiatrie aber löst sie nicht, sondern sie schafft durch die Schadwirkungen ihrer Behandlungen sogar Probleme, die man ohne diesen Bereich gar nicht hätte.

Welche Methoden und Techniken werden benutzt? Sind diese in ihrer Funktion unabhängig prüfbar und erklärbar? Sind sie objektiv in dem Sinne, dass jeder kompetente Anwender in etwa die gleichen Ergebnisse damit erzielt?“

Die psychiatrischen Methoden haben in aller Regel nur Placebo-Effekte oder sie „kurieren“ angebliche Erkrankungen dadurch, dass sie diese durch reale, mitunter irreversible neurologische Störungen überlagern bzw. verdrängen. Es ist keineswegs garantiert, dass jeder kompetente Anwender in etwa die gleichen Ergebnisse damit erzielt.4

Ist in dem Bereich ein Erkenntnisfortschritt, ein Wissenszuwachs, festzustellen oder stagniert er?“

Nein, definitiv nicht. Die psychiatrische Erkenntnis stagniert seit den Tagen von Griesinger und Charcot.

Mithilfe dieser und weiterer Kriterien“,

schreibt Mahner,

lässt sich in aller Regel eine wohl begründete Entscheidung treffen, ob ein Erkenntnisbereich den Parawissenschaften zuzurechnen ist oder nicht.“

Das Urteil über die Psychiatrie fällt eindeutig aus. Wenn es überhaupt so etwas gibt wie Parawissenschaft, dann ist die Psychiatrie ohne Wenn und Aber eine solche. Hier stellt sich natürlich die Frage, ob, bei diesem Sachstand, die Wunderheiler und Heilpraktiker, die Sekten und die Psychokulte, die Homöopathen und die Komplementärmediziner nicht zumindest den Psychiatern gleichwertige Leistungen erbringen könnten.

Die Antwort: Wir wissen es nicht. Bisher hat noch niemand versucht, dies differenzielle Leistungsfähigkeit von Anbietern aus diesen unterschiedlichen Lagern wissenschaftlich zu überprüfen – wenn wir einmal von den Vergleichen zwischen Professionellen und Laien in der Psychotherapie absehen. Hier zeigt sich, dass die Laien nicht schlechter abschneiden als die „gelernten“ Psychotherapeuten.

Und so drängt sich dem unbefangenen Gemüt natürlich eine naheliegende Frage auf: Warum verschont die GWUP die Psychiatrie mit ihrer Kritik, obwohl sie nicht müde wird, Parawissenschaftler außerhalb der medizinischen Zunft zu entlarven, und zwar mit Argumenten, die sie 1 zu 1 auf die Psychiatrie übertragen könnte?

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass in diesen Reihen die Neigung zu selektiver Skepsis (also einer Form des Dogmatismus) obwaltet, und nicht nur Ignoranz hinsichtlich des tatsächlichen Zustandes der Psychiatrie.

In einem Aufsatz mit dem Titel: „Die Störzonen, in denen Erdstrahlen entstehen, befinden sich nicht in der Erde, sondern im Kopf“5 setzt sich der Geophysiker Prof. Dr. E. Wielandt mit den Behauptungen von Rutengängern auseinander.

Er schreibt:

Nichts davon ist wahr. Von Rutengängern angegebene Störzonen, Erdstrahlen oder Gitterlinien wurden noch nie mit Messgeräten nachgewiesen. Sie sind Hirngespinste. Dass die Messgeräte nicht empfindlich genug seien, kann nur jemand behaupten, der nie mit ihnen gearbeitet hat. Geophysikalische Messgeräte zeigen nämlich so manches, was kein Rutengänger sieht, aber auf die angeblichen Störzonen reagieren sie nicht. Es ist schon lange bekannt, dass jeder Rutengänger die Störzonen woanders findet. Wenn man genügend viele Rutengänger nacheinander auf dieselbe Wiese schickt, bleibt zum Schluss überhaupt keine ungestörte Stelle mehr übrig… Die Rutengänger erklären dies damit, dass sie auf verschiedene Strahlungen ansprechen. Tatsächlich reagiert aber jeder auf die momentanen Impulse seiner Phantasie.

Dies ist eine Steilvorlage für einen Text zum wissenschaftlichen Status der Psychiatrie. Es sind nur kleine Veränderungen erforderlich. Man ersetze Rutengänger durch Psychiater; Störzonen, Erdstrahlen oder Gitterlinien durch „psychische Krankheiten“; geophysikalische Messgeräte durch psychologische Tests; ungestörte Stelle durch „gestörter Mensch“; verschiedene Strahlungen durch Aspekte der Persönlichkeit.

Wer dies nicht glaubt, mag in meinem Buch „Ärztliche Holzwege“ blättern.6 Dort finden sich zahllose Quellenangaben zu Studien, die auf die mangelnde Reliabilität, Validität und Treffsicherheit psychiatrischer Diagnosen und Prognosen hinweisen.

Wielandt schreibt:

Rutengänger finden nur das, was ihnen in Schulungen beigebracht wird, und das hängt von der Schule ab und ändert sich auch von Zeit zu Zeit.“

Hier muss man einfach nur „Psychiater“ statt „Rutengänger“ einsetzen. Die diagnostischen Manuale, die Gegenstände psychodiagnostischer Schulungen sind (psychiatrischer Teil der ICD oder DSM), beruhen nicht etwa auf soliden empirischen Studien, sondern auf einem politischen Konsens, der sich dem Zeitgeist und den Begehrlichkeiten der Pharma-Wirtschaft anpasst.7

Wielandt schreibt:

Lassen Sie sich nicht durch das pseudowissenschaftliche Kauderwelsch beeindrucken, mit dem Sie in Vorträgen und Druckschriften von Rutengängern überschüttet werden. Die Rutengänger brauchen es, um ihr unbedarftes Publikum zu beeindrucken, und glauben vielleicht selber daran, aber sie wissen nicht, wovon sie reden.“

Auch hier ist die Übersetzung ins Psychiatrische einfach. In Vorträgen und Druckschriften werden Sie beispielsweise hören und lesen, dass Schizophrenien und Depressionen auf ein Neurotransmitter-Störungen beruhten – obwohl diese Hypothesen im Licht der empirischen Forschung schon vor Jahren grandios gescheitert sind.

Fakt ist, dass bei keiner „psychischen Krankheit“ Hirnstörungen als Ursache nachgewiesen werden konnten.

Wielandt schreibt über ein weiteres Argument zur Rechtfertigung des Rutengangs:

Vielleicht gehen ja die Rutengänger wirklich etwas eigenwillig mit naturwissenschaftlichen Begriffen um, aber was zählt, sind doch ihre unbestreitbaren praktischen Erfolge! Glauben Sie nur nichts von dem, was ein Rutengänger Ihnen erzählt.

Glauben Sie nur nichts von dem, was Ihnen ein Psychiater erzählt. Antidepressiva sind nicht nennenswert effektiver als ein Placebo. Dass sie zumindest bei den schweren Depressionen wirksamer seien als die wirkstofflose Pille, ist ein Märchen. Antipsychotika schaden langfristig mehr, als sie nutzen. Bei Psychotherapien haben die Methoden keinen nennenswerten Einfluss auf den Erfolg; wichtig ist, dass Psychotherapeuten und Patienten an den Erfolg glauben.

Mit anderen Worten: Auch die Erfolge der Psychotherapien sind ein Placebo-Effekt.

Wielandts Aufsatz ist nur ein Beispiel für zahllose skeptische Texte, die sich z. B. auf die so genannten alternativen Heilverfahren beziehen, deren Aussagen man aber mühelos und beinahe 1 zu 1 auf die Psychiatrie übertragen könnte.

Man mag einwenden, dass die so genannte Schulmedizin nicht gerade selten wissenschaftlich unzulänglich abgesicherte Methoden einsetze, dass dies kein Spezifikum der Psychiatrie sei und dass es zwischen wissenschaftlicher und alternativer Medizin keine scharfe Trennung gäbe, sondern dass beide eine Grauzone verbinde. Doch dieser Einwand unterschlägt die Tatsache, dass sich die Schulmedizin im Allgemeinen wissenschaftlich beständig weiterentwickelt, wohingegen die Psychiatrie stagniert, ohne den eklatanten Mangel an Fortschritten angemessen zu kommunizieren.

Goldacre, B. (2012). Bad Pharma: How drug companies mislead doctors and harm patients. Fourth Estate: London (UK); Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe))

Thomas Insel, NIMH: Transforming Diagnosis

Es gibt bisher noch keine psychiatrischen Therapien, die befriedigende Ergebnisse produzieren.

Allen Frances: DSM-5 Is a Guide, Not a Bible: Simply Ignore Its 10 Worst Changes, Huffington Post, 12/03/2012

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