Die Hypnose und du

Erster Teil

Das hypnotische Theater

Charcot

Das „Hôpital de la Salpêtrìere“ wurde im 17. Jahrhundert in Paris errichtet und war zunächst keine psychiatrische Anstalt in modernem Sinne, sondern vielmehr ein „Siechenhaus“, in dem vor allem Menschen untergebracht wurden, die störten: Bettler, Mittellose, auffällige Prostituierte, chronische Alkoholiker, Geisteskranke und Schwachsinnige – jeder, der die soziale Ordnung gefährdete oder anderen zur Last fiel, musste damit rechnen, in der Salpêtrìere zu landen und dort mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu enden. Dieses „Siechenhaus“ war eine Stadt in der Stadt, die aus rund 45 Gebäuden, Straßen, Plätzen, Gärten, sogar einer kleinen Kirche bestand (Ellenberger, 1996, 149).

Erst im 19. Jahrhundert wurde dieser gigantische Komplex mit bis zu 8.000 Patienten in eine psychiatrische Klinik im heutigen Sinne umgeformt – durch Jean-Martin Charcot (1825 – 1893), den „Napoleon der Neurosen“. Dieser Spitzname, den ihm die Pariser schon früh in seiner Laufbahn verliehen hatten, kennzeichnet seinen Charakter. Er war dynamisch, beharrlich und selbstbewusst bis zur Arroganz. Nach jahrelangem, verbissenen Kampf gelang es ihm durchzusetzen, dass für ihn 1882 der erste französische Lehrstuhl für die Krankheiten des Nervensystems eingerichtet wurde.

Durch den Ehrgeiz, die Tatkraft, die Intelligenz und die Beharrlichkeit Jean-Martin Charcots wurde die Salpêtrìere zur Geburtsstätte der modernen Psychiatrie und Neurologie, die sich fortan weltweit als eigenständige medizinische Disziplinen mit wissenschaftlichem Anspruch etablierten.

Psychiatrie und Neurologie folgten damit einem allgemeinen Trend im 19. Jahrhundert, denn zuvor war die Medizin nicht streng in Fachgebiete gegliedert.

Charcot war ein Schüler des französischen Mediziners Duchenne de Boulogne (1806 – 1875). Dieser Pionier der Neurophysiologie verhalf auch der Therapie mit elektrischen Strömen zum Durchbruch. Er gilt als Vater der Elektrotherapie, die im 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts bei einer Vielzahl physischer Krankheiten und psychischer Störungen eingesetzt wurde und den Nimbus eines Allheilmittels hatte.

In seiner Antrittsvorlesung begründete Charcot, warum er sich unermüdlich dafür eingesetzt hatte, dieses „Siechenhaus“ zu einer

„planmäßig organisierten Hauptstätte der Lehre und Forschung für die Krankheiten des Nervensystems“

auszubauen:

„Wo anders, sagte ich damals, will man ein so reiches, für diese Art von Untersuchungen geeignetes Material finden (Charcot, 1886, 1)?“

Was er an „Material“ in der Salpêtrìere vorfand –: das waren die Armen, die Ausgestoßenen, die Entrechteten, kurz: Menschen, die sich nicht dagegen wehren konnten, zum Material der Forschung und Lehre gemacht zu werden.

1882, zum Zeitpunkt der Inauguralvorlesung Charcots, lebten mehr als 5000 meist chronisch kranke, als unheilbar geltende und auf Lebenszeit aufgenommene Patienten in der Salpêtrìere.

Der Psychiater betrachtete diese Menschen als Inventar eines

„lebenden pathologischen Museums (Charcot, 1886, 3).“

Charcot behandelte aber auch eine große Zahl von vermögenden Privatpatienten, dies, und die Verheiratung mit einer wohlhabenden Witwe, machten ihn zu einem reichen Mann. Hypnose und die mit Suggestionen verbundene, mitunter auch sehr schmerzhafte Stimulation von Körperstellen mit elektrischem Strom gehörten im 19. Jahrhundert zu den Standardmethoden psychiatrischer Behandlung – und Charcot machte von beiden Verfahren, allein und in Kombination, regelmäßigen Gebrauch.

Es ist umstritten, ob Charcot selbst hypnotisierte oder diese Aufgabe von seinen Assistenten erledigen ließ, die nach seinen Anweisungen arbeiteten. Kritiker behaupten, diese Assistenten hätten Charcots Patienten hypnotisch so dressiert, dass sie später bei dessen Demonstrationen im Hörsaal genau jene Symptome zeigten, die der Psychiater erwartete (Braude, 1995, 18 f.).

Zum Pläsier der feinen Pariser Gesellschaft

Das Publikum dieser Vorführungen war keineswegs nur auf Medizinstudenten, Ärzte oder Wissenschaftler beschränkt; auch Laien durften daran teilnehmen; nicht selten fanden sich Persönlichkeiten des Theaters oder des literarischen Lebens ein, um sich die Hysteriker zum Vorbild für ihre Werke oder entsprechende Bühnenrollen zu nehmen (Lehman, 2009, 38). Auch Politiker und andere Interessierte aus der Pariser Gesellschaft fanden sich ein.

„Die Dienstagsvorlesungen von Professor Charcot“, schreibt Alain Corbin, „waren ein gesellschaftliches Ereignis in Paris; kaum jemand von Rang und Namen versäumte es, der einen oder anderen dieser Veranstaltungen beizuwohnen und dem berühmten Gelehrten zu lauschen, dessen (vermeintliche und wirkliche) Erfolge aus der Neurologie eine Modewissenschaft gemacht hatten (Corbin, 1999, 583).“

Mitunter genügten einfache Suggestionen und Charcots ärztliche Autorität, um Symptome hervorzurufen. Einem seiner Patienten, dessen hysterische Lähmung er zuvor kuriert hatte, sagte er „im Ton aufrichtiger Überzeugung“:

„Sie glauben geheilt zu sein, das ist ein Irrtum. Sie können den Arm nicht mehr aufheben und nicht beugen, auch die Finger nicht bewegen. Sehen Sie, Sie sind nicht im Stande, mir die Hand zu drücken.“

Nach „einigem Hin- und Herreden“ stellte sich die Lähmung wieder ein, wie sie am Tag zuvor gewesen war.

Seinen Studenten, denen er in einer Vorlesung davon berichtete, sagte er, dass er sich „über den Ausgang dieser absichtlich reproduzierten Lähmung keine Sorge machte“. Er wisse aus Erfahrung, „dass man in Sachen Suggestion alles wieder aufheben kann, was man selbst erzeugt hat (Charcot, 1886, 240).“

Es handelte sich bei diesem Hysteriker im Übrigen um einen Patienten, der sich zuvor als „nicht hypnotisierbar“ herausgestellt hatte.

In einer totalen Institution vom Typ der Salpêtrìere war offenbar ein Ritual, das dem üblichen Procedere der Hypnose-Induktion folgte, nicht zwingend erforderlich, um Patienten zur Übernahme einer bestimmten, den Vorstellungen Charcots entsprechenden Krankenrolle zu bewegen.

Nachdem die Lähmung im Anschluss an einen hysterischen Anfall erneut verschwunden war, gelangt es Charcot allerdings nicht mehr, sie durch weitere Suggestionen wieder auszulösen.

Ungleich mächtiger, schreibt Charcot, seien natürlich jene Suggestionen, die nicht im wachen, sondern im hypnotischen Zustand eingegeben werden. Man könne bei einem Menschen in diesem Zustand eine Vorstellung oder eine zusammenhängende Vorstellungsreihe ins Leben rufen, die

  • sich wie ein Parasit im Geiste der betreffenden Person festsetzt
  • der Beeinflussung durch alle anderen Vorstellungen unzugänglich bleibt,
  • und sich durch entsprechende motorische Akte nach außen kundgeben kann (Charcot, 1886, 274).“

Die durch hypnotische Suggestionen hervorgerufenen Bewegungen zeichneten sich, so Charcot, durch einen automatischen, rein mechanischen Charakter aus; in diesem Zustand sei der Hypnotisand tatsächlich eine menschlichen Maschine im Sinne De La Mettries („l’homme machine“).

Zum Beweis seiner These rief Charcot, während seiner Demonstrationen vor Medizinstudenten und anderen Interessierten, bei hypnotisierten, hysterischen Patienten nach Belieben Lähmungen verschiedener Gliedmaßen hervor und hob sie durch entsprechende Suggestionen wieder auf (Charcot, 1886, 278 ff.).

So suggerierte er beispielsweise zwei hysterischen Frauen erfolgreich eine Cox-Arthrose mit den entsprechenden Bewegungseinschränkungen und Schmerzempfindungen (Charcot (1886), 324).

Auch außerhalb des Auditoriums in der Salpêtrìere verfehlten die hypnotischen Dressuren Charcots und seiner Assistenten ihre Wirkung nicht: Als während eines Balles der Patienten in der Salpêtrìere einmal unerwartet ein Gong ertönte, verfielen viele hysterische Frauen in Katalepsie und behielten die plastischen Posen bei, in denen sie sich gerade befanden, als der Gong ertönte (Ellenberger, 1996, 151).

Der prägende Einfluss, den Charcot und dessen Theorien auf das Verhalten der Patienten ausübte, war so ausschlaggebend, dass kaum noch zu unterscheiden war, was auf die Besonderheiten ihrer Persönlichkeit und was auf die hypnotische Dressur in der Salpêtrìere zurückzuführen war.

Der Arzt Hippolyte Bernheim berichtete beispielsweise, er habe Tausende von Patienten hypnotisiert und nur bei einer Frau die von Charcot beschriebenen drei Phasen der Hypnose gefunden. Dabei habe es sich um eine Patientin gehandelt, die zuvor drei Jahre in der Salpêtrìere zugebracht habe (Ellenberger, 1996, 154).

Charcot, dessen Jähzorn ebenso gefürchtet war wie seine Arroganz, geriet jedes Mal in Rage, wenn Bernsteins Name auch nur erwähnt wurde (Munthe, 1929, 303).

Der schwedische Psychiater Axel Munthe (1857 – 1949) zählt zu den bissigsten Kritikern Charcots, bei dem er 1880 promoviert hatte. Er schildert seine Erfahrungen mit dem französischen Neurologen und Psychiater in seinem autobiographischen Buch: „Die Geschichte von San Michelle“ (Munthe (1929). Dieses Buch ist eine seltsame Mischung aus phantastischen und realen Elementen, und dies muss man natürlich berücksichtigen, wenn man seine Ausführungen zur Salpêtrìere unter Charcot bewertet.

Dennoch findet sich hinsichtlich der Person Charcots und seines Verhaltens nichts in seinem Buch, was im Widerspruch zur historischen Forschung stünde.

Charcot hatte seinen Hörsaal in ein Theater verwandelt und die Darsteller, schreibt Munthe, waren überaus zweifelhafte Charaktere.

  • Manche seinen tatsächlich „Somnambulisten“ gewesen, die posthypnotische Befehle verwirklichten, weil sie einem inneren, unbewussten Zwang gehorchten.
  • Bei vielen aber habe es sich eindeutig um Schwindler gehandelt, die genau wussten, was von ihnen erwartet wurde, denen es Spaß machte, ihre diversen Tricks in der Öffentlichkeit vorzuführen und das Publikum bzw. die Ärzte mit der „aufregenden Gerissenheit der Hysteriker“ hinters Licht zu führen.1

Sie waren bereit, auf Kommando einen klassischen hysterischen Anfall zu vorzutäuschen und die von Charcot postulierten drei Phasen der Hypnose (Lethargie, Katelepsie, Somnambulismus) zu simulieren.

Zwei Mitarbeiter und Schüler Charcots, Alfred Binet und Charles Féré entwerten entsprechende Geständnisse ehemaliger Patienten allerdings mit dem Hinweis, dass es sich dabei wohl um die übliche Prahlerei von Hysterikerinnen gehandelt habe (Binet & Féré, 1888, 33).

Wie auch immer: Den Schwindlern erging es vermutlich besser als den Patienten, die für hypnotische Suggestionen tatsächlich empfänglich waren.

Bei den echten Hypnose-Patienten der Salpêtrìere handelte es sich, nach Einschätzung Munthes, meist um junge Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, die unzählige Male hypnotisiert worden waren, in deren verwirrten Gehirnen die absurdesten Suggestionen herumgeisterten und die oftmals einem Ende in der Abteilung für die schwerstgestörten Irren entgegendämmerten (Munthe (1929), 302 f.).

Vom Alltag im Reich der Hypnose

Im Vorwort ihres Werks über den „Tierischen Magnetismus“ (Binet & Féré, 1888) betonen die Autoren Alfred Binet und Charles Féré, dass ihre Erkenntnisse nicht nur in in der Salpêtrìere gesammelt, sondern dass sie auch mit den von Charcot eingeführten Methoden gewonnen worden seien (Binet & Féré (1888), v). Die beiden Autoren waren Assistenten Charcots.

Es spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, dieses Buch als eine zwar parteiliche, aber dennoch authentische Widerspiegelung der Hypnose-Experimente in Charcots Krankenhaus zu betrachten.

Die Effektivität der Hypnotisierung hängt, nach den Erfahrungen der Autoren, in erster Linie von der Gewöhnung ab. Der erste Versuch, einen Menschen zu hypnotisieren, misslinge in den meisten Fällen – aber nach mehreren Wiederholungen sei beinahe immer mit einem Erfolg zu rechnen. Zur Hypnose müsse man erzogen werden (Binet & Féré, 1888, 99).

Die hypnotische Erziehung, die man treffender als Dressur bezeichnen sollte, ist in der Tat ein wesentlicher Gesichtspunkt zur Einschätzung des vollen Spektrums der Möglichkeiten, die sich mit der Hypnose verbinden. Die beständige Wiederholung erleichtert nämlich nicht nur die Einleitung der Hypnose, sie verstärkt auch deren Effekte.

Wer die Hypnose nur auf Basis von Hypnose-Shows oder Hypnosetherapien beurteilt, wird deren Möglichkeiten unterschätzen, weil diese Formen der Hypnotisierung eher kurz- und allenfalls mittelfristig sind. In der Salpêtrìere zu Zeiten Charcots aber wurden die Patienten oft über Jahre immer und immer wieder hypnotisiert – und zwar in einer hoch suggestiblen Atmosphäre, in einem Milieu, in dem die Hypnose alltäglich und hypnotisches Verhalten normal war.

Die Salpêtrìere war eine „totale Institution“ mit strengen Regeln, eine Stadt in der Stadt, eine abgeschlossene Welt mit einem „absoluten Monarchen“ an der Spitze, der keinen Widerspruch duldete: Jean-Martin Charcot, der berühmteste Arzt seiner Zeit.

Angesichts solcher Verhältnisse ist folgende Beobachtung der Autoren leicht nachzuvollziehen:

„Zunächst wird der hypnotische Zustand nur verzögert erzeugt, dann stellt er sich in wenigen Minuten ein, und schließlich beinahe unmittelbar. Danach ist das Individuum fast vollständig in der Gewalt des Hypnotiseurs (Binet & Féré, 1888, 99).“

Wenn für Hypnose empfängliche hysterische Patienten von demselben Hypnotiseur mehrere Tage lang hypnotisiert worden seien, dann versänken sie, schreiben Binet und Féré, häufig in einen Zustand eines permanenten Zwangs; sie seien sozusagen besessen – und dies gleichermaßen tagsüber, im Wachzustand, als auch nachts, in ihren Träumen.

Dieser Geisteszustand sei stets von Halluzinationen der einen oder anderen Art begleitet. Immer sei der Hypnotiseur das Objekt dieser Halluzinationen. Der eine Patient halte ihn für den Teufel, der andere fühle sich gefoltert, ein Dritter umklammert (Binet & Féré, 1888, 221).

Pointiert, aber nicht wirklich übertrieben, kann man behaupten, dass die Patienten der Salpêtrìere, sofern sie hypnotisiert wurden, entweder talentierte Schwindler oder echte mentale Sklaven waren, die den Befehlen ihrer Sklavenhalter willenlos gehorchten. Es ist nicht wahrscheinlich, dass Charcot irgendetwas dazwischen geduldet oder auch nur nicht bemerkt hätte.

Die Hypnose wurde in der Salpêtrìere im Übrigen nicht nur dazu genutzt, dass Verhalten einzelner Patienten zu kontrollieren, sondern auch, um deren Beziehung zueinander zu gestalten. Wenn man beispielsweise ein nach Einschätzung der Ärzte zu enges Verhältnis zwischen zwei hysterischen Patienten auflösen wollte, so wurden einem der beiden suggeriert, der andere habe ein grauenvoll deformiertes, abstoßendes Gesicht (Binet & Féré (1888), 212). Das Umgekehrte ist natürlich auch möglich: Wenn beispielsweise eine Person (A) mit einer anderen Person (B), die A nicht leiden kann, ohne Streit in einem Raum zusammensein soll, so suggeriert man A einfach, B sei die wertgeschätzte Person C.

Ob sich jemand einem Hypnoseversuch widersetzen könne, schreiben Binet & Féré, sei eine Frage der Willenskraft; die Willenskraft sei bekanntlich variabel und es gebe Menschen mit extrem schwach ausgeprägter Widerstandsfähigkeit (Binet & Féré, 1888, 103).

Auch die Hypnosetiefe variiere von Person zu Person. Der „profunde“, also voll ausgeprägte hypnotische Zustand sei bisher nur bei Hysterikern beobachtet worden (Binet & Féré, 1888, 100). Die Autoren bezeichnen diesen „profunden hypnotischen“ Zustand auch als „hysterische Hypnose“ (Binet & Féré, 1888, 105).

Die heutige Hypnoseforschung bestreitet die Annahme Charcots und seiner Schüler, dass nur Hysteriker den voll entfalteten Zustand der Hypnose erreichen könnten, wohingegen bei allen anderen Menschen, wenn überhaupt, nur eine leichte Hypnose (tiefe, dem Schlummer ähnliche Entspannung) möglich sei. Aber auch sie räumt ein, dass sich Menschen hinsichtlich ihrer hypnotischen Begabung stark unterscheiden.

Menschen, bei denen diese Begabung sehr stark ausgeprägt ist, werden als „hypnotische Virtuosen“ bezeichnet. Diese werden aber nicht grundsätzlich als Hysteriker oder als sonst wie psychisch gestört betrachtet.

Die Hypnotiseure der Salpêtrìere entdeckten „hysterogene Zonen“, durch deren Berührung sie bei ihren Patientinnen und Patienten hysterische Anfälle auslösen konnten; und damit nicht genug: Wenn sie bei Menschen in somnambulen Zuständen bestimmte „erogene Zonen“ berührten, konnten sie so intensive sexuelle Erregungen hervorrufen, dass diese nicht selten mit Orgasmen verbunden waren (Binet & Féré, 1888, 152).

Da derartige Phänomene außerhalb des Dunstkreises der Salpêtrìere, wenn überhaupt, eher selten beobachtet wurden, liegt der Verdacht nahe, dass diese Reaktionen im „hysterischen Klima“ dieses Krankenhauses mit hypnotischen Mitteln gezüchtet wurden.

Hier sei angemerkt, dass hypnotische Virtuosen nicht selten eine starke Sympathie für ihre Hypnotiseure entwickeln, die bis hin zur Verliebtheit, wenn nicht Hörigkeit gehen kann. Die Hypnose wird von ihnen häufig als überaus lustvoll erlebt.

Wie bereits erwähnt, wurden außerhalb der Salpêtrìere Zweifel daran laut, dass die in dieser Anstalt beobachteten Phänomene tatsächlich natürliche Merkmale des hypnotischen Prozesses seien.

Binet und Féré begegnen dem Einwand, es sei nirgendwo als in der Salpêtrìere gelungen, diese Erscheinungen hervorgerufen, u. a. mit folgendem höchst verräterischen Einwand: Erstens müsse eine Versuchsperson gewählt werden, die an “epileptischer Hysterie” leide und zweitens müsse dieselbe Hypnosemethode angewendet werden wie in der Salpêtrìere.

„Es muss eingeräumt werden“, schreiben die Autoren, „dass sogar bei Versuchspersonen, die an epileptischer Hysterie leiden, sich die Ergebnisse von denen, die Charcot erhielt, unterscheiden, weil die Patienten einem anderen Modus operandi unterworfen wurden; weil sie, mit anderen Worten, nicht dieselbe hypnotische Erziehung erhielten (Binet & Féré (1888), 160).“

Deutlicher könnte man es kaum artikulieren, dass Charcots Patienten einer hypnotischen Dressur unterworfen wurden, damit sie Verhaltensmuster zeigten, die einer vorgegebenen Theorie entsprachen. Charcot wollte beweisen, dass bestimmte hypnotische Phänomene existieren. Und so suchte er Versuchspersonen aus, bei denen diese Phänomene in einer derart übertriebenen Weise in Erscheinung traten, dass kein Raum für Zweifel blieb (Binet & Féré, 1888, 162).

Binet und Féré waren, als treue Schüler ihres Meisters, natürlich davon überzeugt, dass es sich bei diesen Phänomenen um natürliche Merkmale des hypnotischen Zustandes handele. Würdigt man jedoch die Umstände insgesamt, dann ist die Hypothese wahrscheinlicher, dass Charcot und seine Getreuen ihre Patienten hypnotisch dressierten, sich infolge bestimmter Auslösereize bizarr zu verhalten.

Zum besseren Verständnis sei hinzugefügt, dass sich hypnotische Virtuosen hervorragend darauf verstehen, die Wünsche und Absichten ihrer Hypnotiseure zu erraten. Und so ist es nicht auszuschließen, dass Charcot und seine Mitarbeiter tatsächlich davon überzeugt waren, genuine Merkmale der Hypnose hervorzulocken, also Merkmale, die sich automatisch einstellen, sobald eine bestimmte Stufe der Hypnose erreicht ist. Sie kamen vermutlich gar nicht auf die Idee, dass sie methodische Kunstprodukte produzierten.2

Es sei sehr seltsam, schreiben Binet und Féré, dass die Hypnotiseure im Hospital von Nancy keine Kontrakturen bei Hypnotisierten beobachtet hätten, wenn Nerven, Sehnen oder Muskeln gereizt wurden. Wenn es wahr sei, dass keine Versuchsperson irgend eine der physischen Reaktionen auf Reizungen, die Charcot beschrieben habe, gezeigt hätte, dass bei ihnen vielmehr alles auf Suggestionen zurückzuführen gewesen sei, dann seien sie zu der Schlussfolgerung gezwungen, es gebe keinen wissenschaftlichen Beweis dafür, dass auch nur eine der Versuchspersonen im Hospital von Nancy tatsächlich hypnotisiert war (Binet & Féré, 1888, 169).

Die Schule der Salpêtrìere versuchte zu beweisen, dass das voll entfaltete Bild der Hypnose ein Zustand des Nervensystems sei, der sich nur bei Menschen mit einer bestimmten seelischen Erkrankung, der Hysterie nämlich, einstelle und der bestimmte, gleichsam naturgegebene physische Merkmale aufweise.

Dieser Versuch ist gründlich gescheitert. Die Resultate beweisen eher das Gegenteil: Die Hypnose ist eine Inszenierung, die dem Theaterspielen ähnlicher ist als einem pathologischen Verhaltensmuster. Dies heißt nicht, dass Hypnotisierten und Hypnotiseuren der wahre Charakter der Hypnose bewusst ist. Echte Hypnose ist unbewusste Schauspielerei, oft auf beiden Seiten. Hypnotiseure und Hypnotisierte spielen, mit verteilten Rollen, ein Spiel namens “Hypnose”.

Mitunter weigerten sich die Hypnotisanden, Binets und Férés Befehle auszuführen; die Autoren führten dies auf zwei mögliche Gründe zurück:

  • Entweder war der Befehl nicht autoritär, nicht entschlossen genug,
  • oder aber der Widerstand war ein Zeichen des Überlebens der Persönlichkeit.

In letztgenanntem Fall wurde, so die Autoren, die Persönlichkeit durch den hypnotischen Schlaf nicht vollständig zerstört (Binet & Féré (1888), 288). Falls der Hypnotisierte jedoch keinen Widerstand zeigt oder dieser überwunden werden konnte, so gleiche der suggerierte Handlungsimpuls den unbezwingbaren Antrieben von Wahnsinnigen in zwei Hinsichten:

  • erstens bezüglich der Seelenqual, die der Hypnotisierte erleide, wenn er an der Verwirklichung der suggerierten Handlung gehindert werde
  • und zweitens bezüglich der Erleichterung, die er empfinde, wenn er dem Befehl dann endlich gehorchen könne (Binet & Féré (1888), 292).

Ihm wird dann aber keineswegs bewusst sein, dass er unter Zwang agiert hat, vielmehr wird er glauben, aus eigenem Antrieb gehandelt zu haben und an dieser Einschätzung auch unbeirrt festhalten, wenn man ihn mit der Absurdität eventueller Rationalisierungen seiner Motive konfrontiert.

Fazit

Es mag weit hergeholt erscheinen, aber aus meiner Sicht kann man am Beispiel der Vorgänge in der Salpêtrìere wie in einer Retorte studieren, auf welche Weise “psychische Krankheiten” entstehen und aufrecht erhalten werden. Im realen Leben, außerhalb einer solchen totalen Institution und des Machtbereichs eines veritablen Imperators, lassen sich die relevanten Einflüsse natürlich nicht so trennscharf herauspräparieren, aber sie sind dennoch vorhanden und sie entfalten dennoch ihre fatale Macht.

Damals wie heute sind “psychisch Kranke” in der Regel Menschen, die unter ihrer Lebenssituation leiden. Menschen neigen dazu, das Beste aus ihrer Lage zu machen. Je bescheidener die Wahlmöglichkeiten eines Menschen sind, desto leichter fällt es, ihm zu suggerieren, dass es das Beste für ihn sei, die Rolle des “psychisch Kranken” zu spielen. Manchen muss man dies auch gar nicht erst einflüstern, sie kommen von selbst darauf.

In jedem Fall aber könnten sie die Befindlichkeit, die mit ihrer Lebenslage korrespondiert, auch anders inszenieren – als den Erwartungen entsprechend, die mit der Rolle des “psychisch Kranken” verbunden sind. Und in einer Gesellschaft, in der Reaktionen auf miserable Lebenslagen anders gebahnt wären, täten sie dies vermutlich auch.

Doch heute ist es weltweit üblich geworden, den erfolglos Unangepassten den Weg in die “psychische Krankheit” zu weisen. Wer diesen Weg beschreitet, ist entweder domestiziert unangepasst oder er findet zur Normalität der erfolglosen Angepasstheit zurück. Wer unangepasst, aber erfolgreich ist, wird in unserer Kultur als “bunter Vogel” toleriert; der erfolgreich Angepasste gilt als Vorbild (weil dieser Typ so selten ist).

Die für “psychisch Kranke” charakteristischen Phänomene sind keine Symptome von Krankheiten, sondern Kennzeichen der Zugehörigkeit zur Gruppe der Deklassierten, die einer mehr oder weniger harschen Sonderbehandlung bedürfen. Deren Härte richtet sich nach dem Ausmaß der so genannten Krankheitseinsicht, also der Bereitschaft, die Rolle des “psychisch Kranken” zu übernehmen und sie zum zentralen Bestandteil des eigenen Selbstbildes zu machen.

Am Rande sei erwähnt, dass bereits im Reich Charcots ein Kunstgriff angewendet wurde, der sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreut. Psychiater behaupten, dass die Symptome ihrer Patienten nicht etwa aus suggestiven Prozessen hervorgingen, sondern in Wirklichkeit physiologische Ursachen hätten. Damals wie heute war und ist dies natürlich nicht bewiesen.

Literatur

Binet, A. (1896). Alterations of Personality. New York: D. Appelton and Company

Binet, A. & Féré, C. (1888). Animal Magnetism. New York: D. Appelton and Company

Braude, S. E. (1995). First Person Plural. Multiple Personality and the Philosophy of Mind. Revised Edition. Lanham, Maryland: Rowman & Littlefield Publishers

Charcot, J. M. (1886). Neue Vorlesungen über die Krankheiten des Nervensystems insbesondere über Hysterie. Autorisierte Ausgabe von Dr. Sigmund Freud. Leipzig und Wien: Toeplitz und Deuticke

Corbin, A. (1999). Kulissen. In: Ariès, P. & Duby, G. (Hg.): Geschichte des privaten Lebens. 4. Band: Von der Revolution zum Großen Krieg. Himberg bei Wien: Wiener Verlag (Bechtermünz Verlag)

Ellenberger, H. F. (1996). Die Entdeckung des Unbewussten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung. Vom Autor durchgesehene zweite, verbesserte Taschenbuchauflage. Zürich: Diogenes

Gauld, A. (1975). A history of hypnotism. Cambridge: Cambridge University Press (Taschenbuchausgabe)

Huber, M. (1995). Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag

Lehman, A. (2009). Victorian Women and the Theatre of Trance: Mediums, Spiritualists, and Mesmerists in Performance. Jefferson, N. C.: McFarland & Company, Publishers

Munthe, A. (1929). The Story of San Michelle. New York: E. P. Dutton & Co., Inc.

 

 Zweiter Teil

Das Unbewusste

Eingerostete Theorien

Der ungarische Psychiater, Schüler, enge Mitarbeiter und persönliche Freund Sigmund Freuds, Sándor Ferenczi bemerkte in einem kleinen, aber sehr aufschlussreichen Aufsatz zur Erkenntnis des Unbewussten aus dem Jahre 1911 zur damaligen Psycho-Neurowissenschaft:

„Von dem irrigen Gesichtspunkte ausgehend, dass die Gegenstände der Psychologie ausschließlich vom Bewusstsein begleitete seelische Erscheinungen sein könnten, schlossen sie es a priori aus, dass die Schicht unter dem Bewusstsein anders als physiologisch verständlich zu machen sei. Umsonst sprachen gegen diese Auffassungen die bei der Hysterie und Hypnose gemachten Erfahrungen, umsonst ging aus diesen Erscheinungen hervor, dass unter der Schwelle des Bewusstseins Komplexe von hoher Zusammengesetztheit und – abgesehen von der Bewusstseinsqualität – dem Vollbewusstsein beinahe ganz gleichwertige Fähigkeiten vorhanden sind. Man erledigte diesen Widerspruch entweder so, dass man die verwickelten psychischen Gebilde unter der Schwelle des Bewusstseins einfach zu einer ‚Gehirnleistung‘ und dadurch zur Physiologie degradierte, oder aber es wurde, entgegen unzähligen, dem widersprechenden Tatsachen, einfach dekretiert, dass die unter dem Bewusstsein geleistete seelische Funktion immer ein wenig Bewusstsein besitzt, und man klammerte sich an die Annahme der ‚Halbbewusstheit‘, der Unterbewusstheit auch dort, wo der zum Urteilen hierüber einzig Berufene, das Subjekt selbst, von deren Existenz gar nichts wusste oder fühlte. Mit einem Worte, wieder die Tatsachen waren es, die den kürzeren zogen, wo sie es wagten, mit eingerosteten Theorien in Konflikt zu geraten.“ (Ferenczi 1978)

Ich bin nicht sehr glücklich mit Ferenczis Gegenüberstellung von Gehirnleistung und psychologischen Prozessen, denn aus meiner Sicht sind die von Ferenczi ins Feld geführten, angeblich unbewussten seelischen Funktionen ebenfalls physiologisch fundiert. Und ich bin davon überzeugt, dass seelische Funktionen, die scheinbar der Aufmerksamkeit entzogen sind, in der Tat immer auch ein wenig Bewusstsein besitzen müssen, weil sonst der komplexe Prozess von Entscheidungen sich nicht vollziehen könnte.

Das “volitional attentional tracking”, das willentliche aufmerksame Verfolgen von Außenwelt- und Innenwelt-Ereignissen kann sich – so lautet auch die These, die Peter Ulric Tse in seinem Buch “The Neural Basis of Free Will” vertritt, in Abwesenheit von Bewusstsein nicht entfalten. Es ist aber die Voraussetzung der Übersetzung von Intentionen und Plänen in konkrete Handlungen und mentale Operationen.

Andererseits stimme ich aber uneingeschränkt mit der Beobachtung Ferenczis und anderer Psychoanalytiker überein, dass Menschen sich nicht selten so verhalten, als ob ihnen Teile ihrer Motivation nicht gegenwärtig seien. Durch dieses Als-ob entsteht der Eindruck einer Steuerung des Verhaltens durch unbewusste Prozesse. Wie noch zu zeigen sein wird, handelt es sich bei diesen Phänomenen aus meiner Sicht jedoch in Wirklichkeit um den Ausdruck eines geteilten Bewusstseins (Hilgard 1977).

Ich stelle im Übrigen nicht das Unbewusste generell in Frage, sondern nur das Freudsche, das angeblich durch Verdrängung entsteht.3 Natürlich vollziehen sich in unserem Gehirn zahllose Prozesse, die nicht bewusst werden, entweder wegen ihres Routine-Charakters oder weil sie nicht bewusstseinsfähig sind. Die Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses ist viel zu gering, um allen gleichzeitig ablaufenden mentalen Prozessen volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Doch das Freudsche Unbewusste müsste in der Lage sein, selbständig Entscheidungen zu fällen, um beispielsweise eine Zensur auszuüben, um zu bestimmen, welche Inhalte ins Bewusstsein gelangen dürfen und welche nicht. Dies halte ich für unmöglich.

Leider ist es immer wieder der Krieg, der Tatsachen des menschlichen Seelenlebens, in der zum Kratzen am Rost von Theorien gebotenen Schärfe, herauspräpariert.

Wenden wir uns also “unbewusster” Logik, “unbewusster” Intention, “unbewusster” Lüge, “unbewusstem” Selbstbetrug im Krieg zu.

Drei Jahre, nachdem Sándor Ferenczi den Text, aus dem obiges Zitat stammt, zu Papier gebracht hatte, sollte der 1. Weltkrieg gleich zu Beginn schauerliche Beispiele dafür präsentieren,

  • wie sich, scheinbar unter der Schwelle des Bewusstseins,
  • Komplexe von hoher Zusammengesetztheit und
  • mit dem Vollbewusstsein beinahe gleichwertigen Fähigkeiten
  • herauszubilden vermögen.

Ich zitiere aus einer Arbeit von Rivers, einem der namhaftesten Militärpsychiater dieser Zeit:

”Die Unterdrückung von Schmerz und Furcht in der manipulativen Aktivität des Menschen ist nicht notwendigerweise von irgendeinem Versagen der Erinnerung an die Ereignisse, die diese Reaktion erzeugten, oder an die Natur der Reaktionen selbst und die mit ihr einhergehenden mentalen Zustände begleitet. In einigen Fällen, die sich nicht ungewöhnlicherweise in Kriegen ereignen, bildet sich jedoch eine teilweise oder vollständige Amnesie für die Phase der Aktivität heraus. Soldaten vollzogen, so geschickt, dass sie die besondere Empfehlung ihrer Vorgesetzten verdienten, hoch komplizierte Prozesse des Befehlens, der Führung von Operationen, des Zeigens persönlicher Befähigung bei Angriff und Verteidigung, während ihr Gedächtnis hinterher eine Leerstelle für die gesamte Serie von Ereignisse und ihr eigenes, darauf bezogenes Verhalten war. Darüberhinaus gibt es Hinweise in Hülle und Fülle darauf, dass die Erfahrung, die auf diese Weise den direkten Zugang zum Bewusstsein verlor, nach wie vor gegenwärtig ist und sich in einer indirekten Weise zeigen kann (Rivers 1920:60).”

Halten wir fest: Eine Erfahrung unter Extremstress (“Traumatisierung”) kann vollständig ins Unbewusste verdrängt werden, schreibt Rivers. Sie wurde aber nicht ausgelöscht, sondern sie zeigt sich in indirekter Weise. Wenn sie sich zeigt, beeinflusst sie in irgendeiner Form das Verhalten und Erleben des Betroffenen.

Charakteristisch für den 1. Weltkrieg war gleich zu Beginn ein massenhaftes Auftreten von “Kriegshysterien”, an allen Fronten, bei Freund und Feind. Männer, die in ihrem Zivilleben zuvor keinerlei psychische Auffälligkeiten gezeigt hatten, dekompensierten spätestens nach einigen Wochen an der Front, oft schon, sobald sie die Nachricht erhielten, dass sie dort zu kämpfen hatten.

Typisch waren diverse “Symptome”, die man damals “hysterisch” nannte: Lähmungen unterschiedlicher Art, (selektive) Blindheit, Taubheit und, als besonders dramatisches Symptom, ein heftiges, unausgesetztes Zittern. Daher stammt der Name “Kriegszitterer”, der sich in dieser Zeit dem militärischen Sprachgebrauch anverwandelte.4

Es ist natürlich auffällig, dass es sich bei diesen “Symptomen”, denen jede erkennbare physiologische Grundlage fehlte, um Einschränkungen handelte, die den Einsatz an der Front unmöglich machten.

Diese Männer zeigten diese “Symptome”, obwohl sie genau wussten, dass sie vor dem Kriegsgericht und schlimmstenfalls vor einem Erschießungskommando landen würden, wenn man sie als Simulanten einschätzte. In allen Staaten, die an diesem Krieg beteiligt waren und an deren Fronten sich diese Massenerscheinung zeigte, gelangten Psychiater jedoch zu der Erkenntnis, dass viele dieser Soldaten keineswegs eine Krankheit bewusst vortäuschten.

Der österreichische Militärpsychiater Wilhelm Neutra fasste den damaligen Erkenntnisstand der Militärpsychiatrie in seinem 1920 publizierten Werk “Seelenmechanik und Hysterie” (Neutra 1920) prägnant zusammen: Das Verhalten dieser Soldaten sei, so schreibt er, der Ausdruck eines unbewussten Konflikts zwischen zwei Tendenzen:

  1. des Selbsterhaltungstriebs
  2. des Patriotismus und der militärischen Pflichterfüllung.

Nun ist es allerdings nicht plausibel anzunehmen, dass der Selbsterhaltungstrieb in schierer Form den Soldaten in die Glieder fährt und diese lähmt oder zum Zittern bringt. Es müssen vielmehr vermittelnde Prozesse angenommen werden.

Die verborgene Botschaft der“Symptome” dürfte klar sein:

  • Seht her, ich zittere, kann also nicht schießen.
  • Seht her, ich bin blind, kann also nicht zielen.
  • Sehr her, ich bin lahm, kann also nicht marschieren.

Gleichzeitig lautet die offene Botschaft:

  • Ich bin Patriot und möchte ja so gern fürs Vaterland in die Schlacht ziehen, aber ich bin krank, bitte heile mich, Herr Oberstabsarzt.
  • Ich bin bereit, fürs Vaterland zu sterben, aber eine Krankheit, die sich meiner Kontrolle entzieht, hindert mich daran.

Aus meiner Sicht ist es unverkennbar, dass hier zwei einander widerstrebende Absichten relevant sind, nämlich

  1. die Absicht, unbeschadet der Front zu entkommen und
  2. die Absicht, sich als tadelloser, aber invalider Soldat darzustellen.

Man muss sich das klarmachen: Diese Soldaten haben, oft über Wochen und Monate, wenn nicht Jahre, eine komplexe körperliche Erkrankung nachgeahmt, ohne dass ihnen dies scheinbar bewusst wurde. Zeigt dies nicht eindrucksvoll, wie sich unter der Schwelle des Bewusstseins Komplexe von hoher Zusammengesetztheit und mit dem Vollbewusstsein beinahe gleichwertigen Fähigkeiten herauszubilden vermögen?

Sind das die Tatsachen, von denen Ferenczy sprach?

Es würde mir schwerfallen, das Verhalten der “Kriegshysteriker”, die den Eindruck rechtschaffener Patrioten erweckten, anders zu erklären als durch bewusste Absichten. Zwar kann ich mir vorstellen, dass unbewusste Verhaltenssteuerungen eine Rolle dabei spielen, dass ein Soldat überhaupt “hysterisch” wird. In der akuten Stress-Situation an der Front wird vielleicht beispielsweise eine spontane Lähmung ausgelöst, die vom Betroffenen in dieser Situation unter keinen Umständen als symbolische Verweigerung des Kriegseinsatzes gedeutet werden kann. Dass aber die Nachahmung einer Krankheit, die auch bei strenger ärztlicher Überprüfung beibehalten wird, allein auf Basis unbewusster Motive erfolgen könnte, halte ich für ausgeschlossen.5

Die Nachahmung einer Krankheit im Sinne der “Kriegshysterie” ist eine schauspielerische Aktivität, die eine beständige Situationsanalyse und Verhaltensanpassung auf höchstem intellektuellen Niveau erfordert und die den, allerdings nicht gerechtfertigten, Eindruck erweckt, als ob Teile ihrer Motivation vollständig unbewusst seien. Schaut man aber genauer hin, so offenbart die angeblich unbewusste Aktivität Merkmale, die eindeutig dem Konzept des Bewusstseins entsprechen.

Gibt es wirklich unbewusste Absichten?

Der beste Weg, sich dem Problem der angeblich unbewussten Absichten zu nähern, ist eine Auseinandersetzung mit den so genannten Freud’schen Versprechern. Diese sind im Alltag allgegenwärtig und daher sind die mutmaßlich unbewusste Absichten für jedermann zum Greifen nahe.

Freud betont, dass beim Versprecher zwei Rede-Intentionen wirksam seien, eine bewusste und eine unbewusste. Bei der psychoanalytischen Arbeit leiste ihm das Versprechen daher wertvolle Dienste, weil es hier ja darum gehe, aus den Reden und Einfällen einen Gedankeninhalt aufzuspüren, der sich einerseits zwar verbergen wolle, sich aber gerade deswegen verrate.

Freuds berühmte Schrift zur “Psychopathologie des Alltagslebens”6 ist reich an Beispielen für dieses Phänomen; ich möchte es aber an einem neueren Fall exemplifizieren: Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl sagte am 15. März 1989 gegenüber Journalisten folgenden Halbsatz:

„… wenn wir pfleglich miteinander untergehen …“

Eigentlich meinte er natürlich „umgehen“ statt „untergehen“. Er bezog sich bei dieser Äußerung auf die weitere Zusammenarbeit zwischen den Koalitionspartnern CDU/CSU und FDP. Man muss kein Kenner der damaligen Verhältnisse sein, um zu ahnen, wie es in dieser Zeit um die Beziehung zwischen CDU/CSU und FDP bestellt war. Dies könnte ein vortrefflicher Witz gewesen sein, wenn Kohl sich mit voller Absicht versprochen hätte. In Würdigung seines Charakters und der Umstände halte ich diese Interpretation jedoch für ausgeschlossen.

Es gibt zwei alternative Interpretationsmöglichkeiten:

  1. In Kohls Unbewussten war eine Befürchtung virulent, die er aus seinem Bewusstsein verbannt hatte, weil er sie aus politischen Gründen nicht aussprechen durfte und die sich dann doch in Form des Versprechers bemerkbar machte.
  2. Kohls Bewusstsein war in zwei Kontexte gespalten. Der eine Kontext war die vorbereitete Rede. Dieser Kontext sah nicht vor, seine tatsächliche Überzeugung auszusprechen. Der andere Kontext war seine Befürchtung, die er nicht aussprechen wollte. Es gehörte zur Rolle ersten Kontexts, sich so zu verhalten, als ob ihm der zweite Kontext nicht bewusst sei. Zur Rolle des zweiten Kontexts hätte es gehört, seine Sorgen zu artikulieren. Beide Kontexte waren ko-bewusst. Der sub-dominante Kontext war jedoch stark genug, um eine Vermischung der Botschaften zu bewirken, den Freudschen Versprecher.

Gibt es unbewusste Diktate?

Psychoanalytiker glauben, dass Menschen maßgeblich unter dem Diktat ihres Unbewussten stünden. Ich glaube nicht, dass man von Diktaten sprechen kann. Meine Gründe dafür möchte ich am Beispiel der “Kriegshysteriker” darlegen. Den Symptomen dieser Soldaten lagen keine körperlichen Ursachen zugrunde. Sie wurden jedenfalls eingehend untersucht und die Ärzte konnten nichts dergleichen finden. Dennoch produzierten die Soldaten bei diesen Untersuchungen eine mitunter komplexe Symptomatik. Um diese zeigen zu können, muss man adäquat und situationsgerecht auf die ärztlichen diagnostischen Fragen und Maßnahmen reagieren. Dies setzt eine beachtliche schauspielerische Leistung voraus.

Deren Motivation kann nicht vollständig unbewusst sein, da sich die entsprechenden Absichten nur durch “volitional attentional tracking” bilden können und dieses Tracking sich nicht in Abwesenheit von Bewusstsein entfalten kann. Der “Kriegshysteriker” muss auf die Fragen und Untersuchungen des Arztes in einer Weise reagieren, die mit dem übergeordneten Ziel, als krank zu erscheinen, übereinstimmt.

Der Unterschied zwischen einem Kriegshysteriker und einem Simulanten im militärischen bzw. rechtlichen Sinn besteht also nicht darin, dass der letztere simuliert und der erstere nicht. Vielmehr liegt der Unterschied darin, dass der “Kriegshysteriker” scheinbar unbewusst schauspielert und der Simulant im strafrechtlichen Sinne eine Show abzieht.

Was heißt hier scheinbar? Wir haben es aus meiner Sicht mit zwei ko-bewussten Kontexten zu tun. Im ersten Kontext weiß der Betroffene genau, was er zu tun hat, um den Arzt von einer Krankheit zu überzeugen, die er, der Not gehorchend, vorzutäuschen trachtet. Im zweiten Kontext ist er ehrlich davon überzeugt, ein guter Patriot zu sein, der nur durch eine unglückselige Krankheit daran gehindert wird, an der Front seine Pflicht zu tun.

Diese beiden Kontexte passen logisch nicht zusammen, zumindest nicht im Rahmen der aristotelischen Logik. Aber sie repräsentieren die beiden Seiten des Konflikts, unter dem diese Soldaten leiden. Demgemäß, so könnte man nun denken, müssten sich die Soldaten für einen Kontext entscheiden, weil beide nicht gleichzeitig im Bewusstsein existieren könnten.

Doch aus meiner Sicht können sie dies durchaus, weil das Bewusstsein nicht der aristotelischen Logik unterliegt. Es kann sich derart spalten, dass in einem seiner Teile der erste und in dem anderen der zweite Kontext gilt. Daher kann das Bewusstsein zwei Handlungsstränge mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Motiven gleichzeitig verfolgen.

Dass zwei Handlungsstränge verwirklicht werden, ergibt sich aus folgenden Sachverhalten:

  • Wenn ein Soldat beispielsweise vor der schrecklichen Fronterfahrung keinerlei Anzeichen eines Augenleidens zu erkennen gab,
  • wenn er nach dieser Erfahrung, an die er sich evtl. nicht mehr erinnern kann, plötzlich erblindet und
  • wenn bei ihm trotz gründlicher Untersuchung keine körperlichen Ursachen seiner plötzlichen “Blindheit” zu identifizieren sind,
  • wenn er dann nach Kaufmanns Kur (Suggestivbehandlung mit sehr schmerzhaften elektrischen Strömen) wie durch ein Wunder binnen weniger Stunden wieder sehend wird,
  • dann darf man doch wohl vermuten, dass seine Blindheit eine Schauspielerei war, die den Eindruck erweckte, als ob Teile ihrer Motivation vollständig dem Bewusstsein des Betroffenen entzogen waren.

Sind die Symptome der “Kriegshysteriker” nicht doch psychosomatisch?

Es mag “psychosomatische Effekte” geben, aber sie spielen in diesem Fall definitionsgemäß keine Rolle. Denn bei einer psychosomatischen Störung ist immer ein genuiner somatischer Anteil vorhanden. Dieser ist bei den “Kriegshysterikern” laut ärztlicher Untersuchung aber stets ausgeschlossen.

In den einschlägigen Lehrbüchern, die zur Zeit des 1. Weltkriegs im Schwange waren, wird viel Wert auf eine entsprechende Differenzialdiagnose gelegt.7 Gegen die These einer psychosomatischen Erkrankung sprechen auch die “Wunderheilungen” hysterisch Gelähmter, Tauber und Blinder binnen weniger Stunden, die bestens dokumentiert und belegt sind. Sie erfolgten nach Anwendung sehr schmerzhafter elektrischer Ströme und entsprechender Suggestionen. Wilhelm Neutra nannte das “ärztliche Folterarbeit”.

Man kann aber keine organische Schädigung, beispielsweise des Auges, durch ärztliche Folterarbeit heilen. Es handelt sich bei den chronischen “Symptomen” der “Kriegshysteriker” im Übrigen nicht um Verhaltensweisen in akuten und extremen Stress-Situationen. Selbstverständlich kann man in solchen Situationen vor Schreck zittern oder wie gelähmt sein, ohne dies bewusst zu intendieren. Doch die Symptome der Kriegshysteriker perseverieren fernab von der Front im Lazarett und sogar in der Heimat.

Aber diese Menschen sind doch Ihrer Krankheit ausgeliefert!

Aus meiner Sicht ist der Mensch kein Automat, kein Roboter. Dies gilt auch für “Kriegshysteriker”. Wer dies in Zweifel ziehen möchte, sieht sich dann allerdings vor die Herausforderung gestellt, die Erfolge der “ärztlichen Folterarbeit” zu erklären. Durch eine Kombination von Suggestionen mit schmerzhaften elektrischen Strömen wurden zahllose “Gelähmte”, “Taube” und “Blinde” innerhalb kürzester Zeit geheilt.

In Frankreich wurde diese Methode beispielsweise von Clovis Vincent sowie von Roussy & Lhermitte eingesetzt, in Österreich von Wilhelm Neutra und Wagner-Jauregg, in Deutschland von Fritz Kaufmann, in Großbritannien von Yealland sowie von Hunderten weiterer Ärzte. Und dies mit großen “Erfolg”, der kein Wunder ist, wenn man die Sache mit nüchternen Augen betrachtet.

Man möge mich nicht falsch verstehen. Ich plädiere nicht für die Anwendung derartiger Methoden bei den so genannten “psychisch Kranken”. Mein Kampf gilt vielmehr den Bedingungen, die Menschen oft keine andere Wahl lassen, als sich unbewusst als “psychisch krank” darzustellen, gleichsam zu inszenieren.

Dass die Methoden eines Kaufmann während des 1. und eines Panse während des 2. Weltkriegs, um Beispiele zu nennen, an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten waren, steht außer Frage. Dennoch zeigen die Wirkungen der “ärztlichen Folterarbeit”, was es mit “Kriegshysterien” auf sich hat – und ich denke, man kann dies auf beinahe alle so genannten psychischen Krankheiten übertragen.

Vor diesen Erkenntnissen darf man nicht die Augen verschließen, auch wenn sie mit absolut verwerflichen Methoden gewonnen wurden. Es gibt eine Fülle von sorgfältigen Fallschilderungen, die den “Erfolg” dieser Methoden belegen. Sie genügen zwar nicht dem methodischen Standard, der heute an empirische Untersuchungen angelegt werden sollte; sie deswegen aber zu missachten, wäre nicht gerechtfertigt.

Zum Glück ist es heute nicht mehr möglich, solche “Therapien” mit besseren Studien-Designs zu überprüfen. Es gibt also nichts anderes als das, was wir haben.

In seinem Buch “Choice Theory” bringt der amerikanische Psychiater William Glasser die Intentionalität menschlichen Verhaltens in bewundernswert schlichten Formulierungen auf den Punkt:

“Die Entscheidungstheorie erklärt, warum wir, bei allen praktischen Anliegen, alles, was wir tun, auswählen, einschließlich des Elends, das wir fühlen. Andere Leute können uns weder elend, noch glücklich machen. Alles, was wir von ihnen erhalten oder ihnen geben können, sind Informationen. Doch an sich können uns Informationen nicht dazu veranlassen, irgendetwas zu tun oder zu fühlen. Sie gehen in unser Gehirn, wo wir sie verarbeiten und dann entscheiden, was zu tun ist. Wie ich in meinem Buch detailliert beschreiben werde, wählen wir alle unsere Handlungen und Gedanken und, indirekt, beinahe alle unserer Gefühle und einen großen Teil unserer physiologischen Reaktionen aus (Glasser 1999).”

Fazit

Fassen wir noch einmal die wichtigsten Gesichtspunkte zusammen:

  1. Es fiel bei den so genannten hysterischen Symptomen auf, dass die von den Patienten geschilderten Beschwerden einer Alltagsmedizin von Laien folgten. Hysterische Lähmungen bzw. Gefühllosigkeit von Körperpartien wurden beispielsweise nicht entlang der einschlägigen Nervenbahnen, sondern willkürlich, dem laienhaften Verständnis entsprechend, berichtet. Kurz: Die Symptome waren nicht selten physiologisch unmöglich.
    Man entwickelte schon damals trickreiche Testgeräte, mit denen man eindeutig nachweisen konnte, dass beispielsweise die auf einem Augen Blinden de facto doch uneingeschränkt zu sehen vermochten.
    In einem Aufsatz aus dem Jahr 1910 (Freud 1910) schrieb Sigmund Freud:
    Sie wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den Typus einer psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer solchen glaubt man nach den Untersuchungen der französischen Schule eines Charcot, Janet, Binet zu kennen. Man ist ja imstande, eine solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn man eine des Somnambulismus fähige Person zur Verfügung hat. Versetzt man diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die Vorstellung, sie sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt sie sich tatsächlich wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie eine Hysterika mit spontan entwickelter Sehstörung. Man darf also den Mechanismus der spontanen hysterischen Sehstörung nach dem Vorbild der suggerierten hypnotischen konstruieren.”
    M. a. Worten: Es handelt sich bei den “kriegshysterischen” Symptomen, Freuds Erkenntnis folgend, um Autohypnosen, die durch widrige Umstände hervorgerufen und aufrecht erhalten wurden. Es sind also dissoziative Phänomene, die ich mit Hilgard als Formen des gespaltenen Bewusstseins deute.
  2. Dass es einander widersprechende Absichten bei Bewusstseinsspaltung tatsächlich gibt, zeigen hypnotische Experimente seit zwei Jahrhunderten bis auf den heutigen Tag. Die Ausführung eines posthypnotischen Befehls setzt gleich drei voraus, nämlich die Absicht, dem Befehl des Hypnotiseurs zu gehorchen, die Absicht, die befohlene Handlung zu vollziehen und die Absicht, sich an all dies nicht zu erinnern. Wären diese drei Absichten nicht dissoziiert, dann würde dies nicht funktionieren. Dieses Argument kann man nur knacken, wenn man die Realität von Hypnose insgesamt in Frage stellt. Mir sind nur wenige, sehr wenige ausgewiesene Kenner dieser Materie bekannt, die so weit gehen.
  3. Man kann sämtliche Phänomene einer “Kriegshysterie” bei hypnotisch begabten Menschen durch hypnotische Befehle hervorrufen – ohne dass dazu eine “schwere Traumatisierung” erforderlich wäre.
  4. Freud zitiert in der “Psychopathologie des Alltagslebens” einen Gewährsmann zur Kriegshysterie zustimmend mit folgenden Worten:
    “Das Erscheinen des Spitalskommandanten, der von Zeit zu Zeit die Genesenden sich ansieht, auf der Abteilung, die Phrase eines Bekannten auf der Straße: ‚Sie schauen ja prächtig aus, sind gewiss schon gesund‘, genügen zur prompten Auslösung eines Brechanfalls.”

PS: Ich kann jeden Soldaten, der eine “posttraumatische Belastungsstörung” bekommt, nur zu gut verstehen. Er hat mein volles Mitgefühl. Mag es sich dabei auch nicht um eine Krankheit handeln, so hat dieses Phänomen dennoch sehr reale Ursachen, die vielen Betroffenen kaum eine andere Wahl lassen (jedenfalls keine gute), als die Rolle des “psychisch Kranken” zu übernehmen. An der grundsätzlichen Willensfreiheit des Menschen ändert diese höchst eingeschränkte Wahlmöglichkeit jedoch nichts.

Literatur

Ferenczi, S. (1978). Zur Erkenntnis des Unbewussten und andere Schriften zur Psychoanalyse. München: Kindler Taschenbücher

Freud, S. (1910). Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Ärztliche Standeszeitung Wien

Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial

Hilgard, E. R. (1977). Divided Consciousness: Multiple Controls in Human Thought and Action. New York: John Wiley & Sons.

Martens, U., Ansorge, U. & Kiefer, M. (2011). Controlling the Unconscious: Attentional Task Sets Modulate Subliminal Semantic and Visuomotor Processes Differentially. Psychological Science 22(2) 282-291

Neutra, W. (1920). Seelenmechanik und Hysterie. Leipzig: F. C. W. Vogel

Rivers, W. H. R. (1920). Instinct and the Unconscious. A Contribution to a Biological Theory of the Psycho-Neuroses. Cambridge: Cambridge University Press, p. 60

Dritter Teil

Hypnose

ErsterAbschnitt

Magie und Wissenschaft

Die Phänomene, die wir mit dem Begriff der “Hypnose” verbinden, waren bereits im Altertum bekannt; doch erst im Lauf des 19. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler, den Schleier des Mystischen, der sie umgibt, durch systematische Beobachtung und Experimente zu zerreißen. Nicht nur der Begriff “Hypnose” wurde in dieser Zeit geprägt; auch die Sichtweise der Erscheinungen, auf die sich dieser Begriff bezieht, veränderte sich grundlegend. Es setzte sich nämlich die Erkenntnis durch, dass die hypnotischen Phänomene nicht durch magische oder geheimnisvolle physikalische Kräfte (Animalischer Magnetismus) verursacht werden, sondern allein durch Suggestion.

Annäherung an den Begriff der Hypnose

“Hypnose” ist ein vielschichtiger, schillernder Begriff. Er ist schwierig zu erklären oder gar zu definieren. Es ist dabei noch verhältnismäßig einfach, die äußeren Begleiterscheinungen, das Verhalten des Hypnotiseurs und des Hypnotisierten zu beschreiben. Weitaus schwieriger aber ist es, die inneren Prozesse, die geistigen und seelischen Vorgänge zu erfassen, die sich der direkten Beobachtung entziehen.

Es werden mitunter auch tiefe Entspannungszustände oder leichte Trancen als Hypnose aufgefasst, doch diese Vorformen der echten Hypnose sind von dieser grundsätzlich unterschieden – und zwar sowohl psychologisch, als auch physiologisch. Das volle Spektrum hypnotischer Phänomene wird nur von einer kleineren Zahl von Menschen realisiert, den „Somnambulen“ oder „hypnotische Virtuosen“.

Die Hypnose in diesem engeren Sinne ist durch eine starke Einschränkung der Kritikfähigkeit, hochgradige Bewusstseinsspaltung und Verlust des eigenen Willens gekennzeichnet (Meyer, 1951, 21).8

Wir werden uns im Verlauf des Textes noch genauer damit auseinandersetzen, was dieser “Verlust des eigenen Willens” bedeutet. Während die oberflächlicheren Formen der Hypnose nicht mehr über die Struktur und die Arbeitsweise des Bewusstseins verraten als die normalen, alltäglichen Bewusstseinszustände, ermöglicht der somnambule Zustand systematische, gezielte Experimente mit Bewusstseinsprozessen, die sehr weitgehend der Steuerung durch den Experimentator, also den Hypnotiseur unterliegen.9

In seinem Buch über den Hypnotismus beschreibt der deutsche Arzt, Psychiater und Sexualwissenschaftler Albert Moll (1862-1939) die Hypnotisierung eines 41-jährigen Mannes, den er “Herr X” nennt.

Nachdem die Versuchsperson auf einem Stuhl Platz genommen hat, bittet ihn Moll, er solle versuchen, ein wenig zu schlafen.10 Wenige Sekunden später sagt er zu ihm:

„Jetzt fangen Ihre Augenlider schon an zuzufallen, die Augen werden immer müder, die Lider zucken nicht mehr, das Zwinkern derselben nimmt zu. Sie spüren, wie im gesamten Körper eine Ermüdung eintritt, wie Ihre Arme einschlafen, wie Ihre Beine matter werden, wie in Ihrem ganzen Körper ein Gefühl der Schwere und ein Schlafbedürfnis entsteht. Es fallen Ihnen die Augen zu, der Kopf wird immer dumpfer; Ihre Gedanken verwirren sich immer mehr, jetzt können Sie nicht mehr widerstehen, die Augenlider schließen sich jetzt, schlafen Sie.“

Moll überprüft nun, ob seine Suggestionen auch wirksam waren. Er fragt Herrn X, ob dieser seine Augenlider wieder öffnen könne. Dies fällt Herrn X schwer. Moll hebt den linken Arm seiner Versuchsperson empor. Der Arm bleibt in der Luft hängen und so sehr sich Herr X nach entsprechender Aufforderung auch bemüht, er kann ihn nicht wieder senken. Herr X bejaht die Frage des Arztes, ob er fest schlafe.

Nach diesem Test weiß Moll, dass sich Herr X in einem tiefen hypnotischen Zustand befindet. Er gehört zu den hypnotischen Virtuosen.

Moll suggeriert ihm, dass er einen Kanarienvogel singen und schließlich sogar ein regelrechtes Konzert erklingen höre. Der Arzt gibt ihm ein schwarzes Tuch und suggeriert ihm, dies sei ein Hund. Er fragt ihn, ob er das Tier spüre. “Ganz deutlich”, antwortet Herr X. Moll sagt ihm, dass er nunmehr seine Augen öffnen könne.

Herr X beginnt, das imaginäre Tier auf seinem Schoß zu streicheln. Moll nimmt das Tuch und legt es auf die Erde. Herr X steht auf und holt es sich. Der Arzt suggeriert ihm, sich in einem Tiergarten zu befinden. Herr X sieht auf Kommando Bäume – was immer dem Hypnotiseur einfällt (Moll, 1890, 17).

Aus diesem Beispiel lassen sich wesentliche Merkmale des voll entfalteten hypnotischen Prozesses herauspräparieren: Der Hypnotisierte kann sich den Suggestionen des Hypnotiseurs nicht widersetzen; er führt dessen Befehle aus, sobald sie ihm erteilt werden. Auch seine Bewegungen unterliegen der Kontrolle durch den Hypnotiseur. Der Hypnotisierte hat auf Kommando akustische und visuelle Halluzinationen.

Charakteristisch ist auch die Katalepsie, das Beibehalten einer einmal eingenommenen Körperhaltung. Zwei andere Personen, die sich ebenfalls im Behandlungszimmer Molls befanden, wurden von Herrn X nicht bemerkt. Die Aufmerksamkeit des Hypnotisierten konzentriert sich auf den Hypnotiseur beziehungsweise auf die Aufgaben, die dieser ihm gibt (Moll, 1890, 18).

Auch dies ist ein zentrales Merkmal des Somnambulismus. Der Hypnotisierte hat sich entschieden, den Befehlen des Hypnotiseurs zu folgen, als wären sie Ausdruck des eigenen Willens. Solange der Hypnotisierte die Rolle des Hypnotisierten spielt, ist er nicht mehr in der Lage, den eigenen Willen gegenüber dem Willen des Hypnotiseurs durchzusetzen. Er wird diese Rolle solange spielen, wie er völlig in ihr aufgeht, von ihr absorbiert ist.

Kanalsysteme

Die Hypnotisierung erzeugt eine Spaltung des Bewusstseins in mehrere Ströme oder Kanäle. Ein Bewusstseinskanal ist nur auf die Stimme des Hypnotiseurs ausgerichtet. Die anderen Kanäle rezipieren zwar, was sonst noch geschieht, aber sie sind nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Dieser ist reserviert für den Kanal, durch den die Stimme des Hypnotiseurs strömt.

Hypnose setzt die Bereitschaft beim Hypnotisierten voraus, einen Bewusstseinskanal exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs zu öffnen. Dazu muss sich der Hypnotisierte nicht bewusst sein, dass er hypnotisiert wird und dass die Quelle der Stimme ein Hypnotiseur ist.

Wichtig sind eine Reihe von Voraussetzungen, die eine exklusive Öffnung eines Bewusstseinskanals für eine Stimme begünstigen. Dazu zählen beispielsweise eine entspannte Situation, eine Phase relativer Ruhe nach extremem Stress, jede Form der Monotonie u. ä. Ein plötzliches, unerwartetes Ereignis, also eine Überraschung kann ein Akzent sein, der die Induktion erleichtert; sie ist aber nicht unbedingt erforderlich.

Eine Spezialform der Hypnose-Induktion, und zwar die wirkungsvollste, ist die Folter. Nachdem der Gefolterte seinen Bruchpunkt erreicht hat, wird er plötzlich völlig ruhig, fügsam, formbar wie Wachs und ist offen für die Suggestionen seines Foltermeisters.

Bei Neugeborenen beobachtet man, dass sie bevorzugt auf die Stimme der Mutter reagieren, obwohl sie offensichtlich noch keinerlei Form von Sprache verstehen, noch nicht einmal Vorformen. Sie kennen aber den phonetischen “Fingerabdruck” der mütterlichen Klangerzeugung vermutlich schon aus dem Uterus. Dieser Klang schafft die Kontinuität zwischen dem Leben innerhalb und außerhalb des Mutterleibes. Dies ist die basale Orientierung des menschlichen Geistes.

Die Macht der Hypnose knüpft vermutlich an diesen Sachverhalt an. Nach dieser Lesart des hypnotischen Rapports ist die selektive Aufmerksamkeit des Säuglings für die Stimme der Mutter die Grundlage für die Fixierung des Hypnotisierten auf die Stimme des Hypnotiseurs. Aber das ist eine Spekulation, die ich nicht beweisen kann.

Sie dürfte vermutlich nur auf jene Formen der Hypnose zutreffen, die nicht gewaltsam hervorgerufen wurden.

Moll bezieht sich ebenfalls auf die Beziehung von Mutter und Kleinkind, vergleicht aber den Hypnotisierten nicht mit dem Kleinkind, sondern mit der Mutter:

„Eine Mutter, welche bei der Wiege ihres Kindes einschläft, wacht selbst während ihres Schlafes über dasselbe, aber auch nur für das Kind. Sie hört nicht die stärksten Geräusche, erwacht aber bei dem geringsten Laut, den ihr Kind ausstößt. In dieser Weise wäre der eigentümliche Einfluss, den der Hypnotisierende auf den Hypnotisierten hat, durch eine Analogie zu erklären. Der Letztere ist, wie die Mutter mit dem Gedanken an das Kind, ebenso mit dem Gedanken an den Hypnotisierenden eingeschlafen, so dass er nur das wahrnimmt, was dieser sagt (Moll, 1890, 189).“

Wenn ein Hypnotiseur erst einmal einen exklusiven Kanal besetzt hat, kann er dem Hypnotisierten eine Identität zwischen seiner, also der Stimme des Hypnotiseurs und der lautlosen inneren Stimme des Hypnotisierten suggerieren. Dann kann er nicht nur den Fokus der Aufmerksamkeit des Hypnotisierten lenken, sondern auch dessen Emotionen und die Reflexion. Somit kann er auch die Kritikfähigkeit selektiv ausschalten.

Man kann Menschen dazu bringen, auf ihren freien Willen zu verzichten – durch Verführung, Täuschung oder auch durch nackte Gewalt.

Die Dissoziation, die Spaltung des Bewusstseins in mehrere Ströme oder Kanäle und die Exklusivität des Bewusstseinskanals, durch den die Stimme des Hypnotiseurs fließt, sind spontane Phänomene, die bei jeder voll entfalteten Hypnose auftreten.

Sie müssen also nicht suggeriert werden, aber der Hypnotiseur kann sie natürlich durch Suggestionen verstärken und in seinem Sinne formen. Er kann die spontan entstandenen Kanäle zu einem regelrechten Kanalsystem auszubauen.

Dies gelingt natürlich umso besser, je empfänglicher der Hypnotisand für die Hypnose ist.

Stellen wir uns als vor, ein hypnotischer Virtuose erhielte von seinem Hypnotiseur folgendes Kommando:

  • “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal A‘, dann hören Sie nur meine Stimme, für alles andere sind sie taub und blind. Erst wenn ich sage: ‚Kanal A – Klammer zu‘, dann sehen und hören Sie wieder alles ganz normal.”
  • Sagt der Hypnotiseur nun “Klammer auf – Kanal A”, dann wird der Hypnotisierte die Welt um ihn herum nicht mehr wahrnehmen und nur noch die Stimme des Hypnotiseurs in sein Bewusstsein lassen.
  • Nun kann der Hypnotiseur den Kanal A noch weiter ausgestalten, z. B. durch das Kommando: “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal Aw‘, dann hören Sie nur noch meine Stimme, aber als Frauenstimme.”
  • Er kann weitere Kanäle hinzufügen: “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal B‘, dann hören Sie nur noch die Stimme von Herrn Y und Glockentöne.”
  • “Wenn ich sage: Klammer auf – Kanal C, dann hören Sie nur noch ein Rauschen oder meine Stimme.”

Auch dieses und ähnlich gelagerte Kommando werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Der Hypnotiseur muss sich also nicht auf einen Kanal beschränken. Er kann beispielsweise andere Kanäle anderen Personen zuordnen und sie mit anderen Spezifikationen verbinden. Er muss sich dabei nicht um lebende oder reale Personen handeln. Es könnte auch ein Verstorbener sein, etwa ein Verwandter oder sogar eine historische Persönlichkeit.

Falls der Hypnotisierte ein phantasiebegabter Mensch ist, wird er berichten können, wie es dieser spiritistischen Kontaktperson im Jenseits ergeht und er wird felsenfest davon überzeugt sein, mit einem Verstorbenen Kontakt gehabt zu haben. Auch Gespräche mit Außerirdischen sind dann nichts Ungewöhnliches.

Denn in der tiefen Hypnose ist die Realitätsprüfung außer Kraft gesetzt. Der Hypnotiseur kann nun nach Belieben Kanäle öffnen oder schließen, Spezifikationen hinzufügen oder entfernen. Er kann das Bewusstsein des Hypnotisanden steuern, als hätte er eine Schalttafel. Dies gelingt in Vollendung natürlich nur mit einem begabten hypnotischen Virtuoso – und auch mit diesem bedarf es einer gewissen Übung, bis das Kanalsystem voll ausgebaut und funktionsfähig ist.

Die vollständige Konzentration des Hypnotisierten auf die Stimme des Hypnotiseurs bzw. dessen körpersprachliche Mitteilungen setzt voraus, dass alle inneren und äußeren Sinnesreize gedämpft oder sogar ausgeschaltet werden. Das Bewusstsein des Hypnotisierten gleicht einem Bild mit kontrastreicher Figur im Vordergrund vor einem verschwommenen, bedeutungslosen Hintergrund.

Die Exklusivität des Kanals, die Herrn X mit seinem Hypnotiseur verbindet, wird auch durch folgende Beobachtung Molls deutlich: Einer der beiden zusätzlich Anwesenden hebt Herrn Xs Arm in die Höhe. Dieser fällt sofort wieder schlaff herunter. Auf den Befehl dieses Anwesenden, der Arm solle in der Luft stehen bleiben, reagiert Herr X nicht (Moll, 1890, 18).

Nachdem Moll Herrn X “aufgeweckt”, den somnambulen Zustand also aufgehoben hat, kann sich dieser nicht mehr an das Vorgefallene erinnern. Die Hypnose unterliegt also einer Amnesie, einer Erinnerungsblockade (Moll, 1890, 18).

Auch dies ist ein Charakteristikum der voll entfalteten Hypnose. Man kann sie als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Somnambulismus und den oberflächlicheren Formen der Hypnose auffassen. Der Somnambule erleidet nach dem „Aufwachen“ aus der Hypnose in aller Regel11 einen spontanen Gedächtnisverlust, der sich auf die Tatsache der und auf alle Vorgänge und Erlebnisse während der Hypnose bezieht.

Der französische Psychologe Alfred Binet deutete die somnambule Hypnose als eine Persönlichkeitsspaltung, weil die Reaktionsweisen des Hypnotisierten während der Hypnose deutlich von seinem normalen Verhaltensweisen abweichen und gleichzeitig der hypnotische vom normalen Zustand durch eine amnestische Barriere getrennt ist (Binet, 1896).

Für diese These der Persönlichkeitsspaltung spricht auch die Tatsache, dass sich Somnambule im Normalzustand zwar nicht an die Vorgänge während der Hypnose erinnern, dass ihnen aber während des hypnotischen Zustandes frühere Hypnosen wieder gegenwärtig sind (Moll, 1890, 98).

Die voll ausgeprägte Hypnose ist also eine experimentelle Persönlichkeitsspaltung. Die durch dieses Experiment konstruierte neue Persönlichkeit, der Hypnotisierte ist durch einen massiv geschwächten eigenen Willen gekennzeichnet. An dessen Stelle tritt ein fremder Wille, der des Hypnotiseurs nämlich, dessen Einfluss auf die psychischen Prozesses des Hypnotisierten extrem verstärkt ist.

Der Hypnotiseur kann nun beim Hypnotisierten Phänomene hervorrufen, die er bei sich selbst, also autosuggestiv, nicht auszulösen vermöchte. Ein solches Höchstmaß der Kontrolle über die eigenen Bewusstseinsprozesse erreichen allenfalls Meditierende nach langjähriger Übung.

Ein weiteres und entscheidendes Charakteristikum der voll entfalteten Hypnose, das bisher noch nicht erwähnt wurde, ist die so genannte posthypnotische Suggestion. Damit ist gemeint, dass der Hypnotisierte einen Befehl, den er während der Hypnose erhalten hat, nach dem “Aufwachen” aus der Hypnose befolgt – auch dann, wenn er sich weder an den Befehl, noch an die Hypnose erinnern kann. In aller Regel wird er auf Befragen bestreiten, die befohlene Handlung vollzogen zu haben – oder er wird sie rationalisieren, ihr also einen mehr oder weniger plausiblen Grund unterschieben, der mit der Hypnose nichts zu tun hat.

Jenseits des magischen Kabinetts

Die beschriebenen somnambulen Phänomene und insbesondere die artifizielle Identitätsspaltung können in voller Ausprägung natürlich nur durch systematische und zielgerichtete Hypnotisierung hervorgerufen werden. Und dies gelingt in der Regel auch nur bei besonders begabten Menschen, den hypnotischen Virtuosen.

Im militärischen und geheimdienstlichen Bereich wird Hypnose in Kombination mit Folter, Drogen, Elektrokrampfbehandlung und systematischem Reizentzug zur Produktion so genannter “Manchurian Candidates” eingesetzt. Es versteht sich von selbst, dass von diesem Missbrauch der Hypnose nur eine kleine Zahl von Menschen betroffen ist. Dies sollte allerdings nicht zu dem Schluss verleiten, dass dieses Thema politisch bedeutungslos sei.

Die mehr als hundertjährige empirische Hypnoseforschung hat in Tausenden von Experimenten belegt, dass Menschen,

  • deren Kritikfähigkeit herabgesetzt wird und
  • die in diesem Zustand mit Suggestionen bombardiert werden,
  • zu Einstellungsveränderungen und Handlungsmustern genötigt werden können,
  • die sie ohne entsprechende Beeinflussung nicht zeigen würden.

Was mit den so genannten hypnotischen Virtuosen oder erst recht mit “Mandschurischen Kandidaten” verwirklichen lässt, ist nur das voll ausgeprägte Spektrum der Möglichkeiten, die das menschliche Nervensystem im Allgemeinen zu realisieren vermag.

Ein Beispiel für eine simple Form der Hypnotisierung ist eine öffentliche Versammlung, die von einem charismatischen und rhetorisch versierten Führer mit Suggestionen überschüttet wird. Die Kritikfähigkeit dieser Versammlung ist im Allgemeinen allein schon dadurch reduziert, dass sie eine Masse bildet.

Die Übereinstimmung zwischen Verliebheit und Hypnose, schreibt Sigmund Freud in seinem Werk“Massenpsychologie und Ich-Analyse (Freud, 1925, 314 f.), sei augenfällig.

„Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt.“ Die Hypnose sei eine Massenbildung zu zweien. Die Hypnose sei aber kein gutes Vergleichsobjekt, weil sie im Grunde mit der Massenbildung identisch sei. „Sie isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum Führer.“

Durch diese enge Beziehung zwischen Verliebtheit, Hypnose und Massenbildung wird verständlich, warum das Individuum allein schon durch die Tatsache, sich in einer Masse zu befinden, eine Einbusse an Kritikfähigkeit erleidet.

Geschickte Führer verlassen sich jedoch nicht allein auf dieses Phänomen, sondern sie vermindern die Kritikfähigkeit zusätzlich dadurch, dass sie ihre Zuhörer in Angst und Schrecken versetzen. Der britische Psychiater William Sargant schilderte in seinem Buch “Battle for the Mind” eindrucksvoll, wie christliche Prediger der “frohen Botschaft” Gehör verschaffen, indem sie der Gemeinde zunächst die ewigen Schrecken der Hölle vor Augen halten, bevor sie ihnen die frohe Botschaft verkünden (Sargant, 1957, 1998).

Es kommt bei derartigen Massenveranstaltungen gelegentlich zu spontanen Bekehrungen (nicht nur religiösen), zur “Wiedergeburt” neuer Menschen mit Einstellungen und Verhaltensmustern, die einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit des Individuums darstellen. Man braucht nicht viel Fantasie, um darin den Anflug einer hypnotisch induzierten Persönlichkeitsspaltung zu erkennen.

Ein vergleichbares Phänomen der Massensuggestion kann auch auftreten, wenn sowohl der Führer, als auch die Masse nicht leibhaftig vorhanden sind, sondern nur virtuell. Das geschieht mitunter, wenn ein Mensch vor dem TV-Gerät sitzt.

Fritz schaut sich leichte Kost an, trinkt dazu eine Flasche Bier oder auch zwei, und ist sehr entspannt. Nach der üblichen Lach-Szene (Ende gut – alles gut!), mit der die 49ste Folge der Telenovela endet, beginnt die Nachrichten-Sendung. Der Sprecher berichtet von Kriegen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen. Fritz wirkt lethargisch, aber ein leises Grauen lauert im Hintergrund seines Bewusstseins. Schließlich wird ein Politiker interviewt. Dieser behauptet, der Zuschauer solle sich keine Sorgen machen. Er werde die Maßnahme X ergreifen, deren Unfehlbarkeit über alle Zweifel erhaben sei. Die Opposition sei gegen X, und wenn der Zuschauer auch in Zukunft sicher leben wolle, dürfe er die Opposition bei der nächsten Wahl nicht wählen. Der Politiker spricht natürlich nicht allein zu Fritz, sondern zum Millionenheer vor der Glotze. Fritz mag allein in seinem Wohnzimmer sitzen, gehört aber dennoch zu einer virtuellen Masse.

Die Hypnotisierbarkeit eines Menschen hängt von seiner angeborenen Empfänglichkeit für die Hypnose und von der Häufigkeit vorheriger Hypnotisierungen ab. Dies bedeutet, dass die Effektivität des Fernsehens als Suggestionsmittel mit dem Gebrauch zunimmt. Häufiger Fernsehzuschauer sind also leichter zu beeinflussen als gelegentliche. Menschen, die täglich Nachrichten auf demselben Sender anschauen und deswegen nur mit einer kleinen Zahl von Sprechern konfrontiert werden, sind leichter zu manipulieren als Menschen, die sich aus unterschiedlichen Quellen informieren – und dies selbst dann, wenn die Informationen aus allen Quellen übereinstimmen. Zwischen dem Zuschauer und einem Moderator, den er häufig sieht, entsteht ein hypnotischer Rapport. Vertrautheit führt zu Vertrauen und dies fördert die Tendenz zur kritiklosen Hinnahme des Mitgeteilten.

Ein Gegengift

Der Psychiater Hans Gudden (damals Leiter einer psychiatrischen Poliklinik) hielt 1908 einen Vortag über das Phänomen der Massensuggestion im Kaufmännischen Verein in München.

Er schloss mit folgenden Worten:

„Verfolgen wir jedoch die Geschichte der Menschheit, so erweist es sich glücklicherweise, dass mit Zunahme der allgemeinen Bildung eine jede Massensuggestion, falls sie die Tendenz zur Ausartung zeigt, alsbald durch die Inszenierung entgegengesetzter Massensuggestionen auszugleichen gesucht wird und als Endergebnis im Allgemeinen sich doch immer ein Fortschritt ergibt (Gudden, 1908, 20).“

Die Hoffnung auf derartigen Fortschritt ist natürlich nur dann berechtigt, wenn das politische System den Einsatz dieses mentalen Gegengifts auch gestattet. Im Hitler-Reich jedenfalls wären Versuche entgegengesetzter Massensuggestionen mit dem Tode bestraft worden.

Aber auch in Demokratien besteht die Gefahr, dass wirtschaftliche Konzentration und oligopolistische Strukturen im Mediensektor Gleichschaltung ermöglichen und notwendige Korrekturen nicht mehr zulassen.

Literatur

Bernheim, H. (1892). Neue Studien über Hypnotismus, Suggestion und Psychotherapie (deutsch von S. Freud). Leipzig und Wien: Franz Deuticke

Binet, A. (1896, franz. Erstausgabe 1891). Alterations of Personality. New York: D. Appleton And Company

Freud, S. (125). Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Gesammelte Schriften, Bd. VI, Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag

Gudden, H. (1908). Über Massensuggestion und psychische Massenepidemien. München: Verlag der Ärztlichen Rundschau

Meyer, l. (1951). Die Technik der Hypnose. München: J. F. Lehmanns Verlag

Moll, A. (1890). Der Hypnotismus. Berlin: Fischer’s Medizinische Buchhandlung. H. Kornfeld

Sargant, W. (1997). Battle for the Mind. A Physiology of Conversion and Brainwashing. How Evangelists, Psychiatrists, Politicians, and Medicine Men Can Change Your Beliefs and Behavior. Cambridge, MA, Malor Book (Erstveröffentlichung 1957)

Wundt, W. (1892). Hypnotismus und Suggestion. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann

Zweiter Abschnitt

Veraltete Literatur?

Mir wird gelegentlich vorgeworfen, dass ich in meinen Texten zum kriminellen, geheimdienstlichen und militärischen Missbrauch der Hypnose neuere empirische Studien nicht oder nicht angemessen berücksichtige.12 Seit den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts seien aber bahnbrechende neue Erkenntnisse gewonnen worden, die, wer ernst genommen werden wolle, nicht ignorieren dürfe.

Dieser Vorwurf erscheint auf den ersten Blick plausibel. Einleuchtend werden ihn vor allem jene finden, die von der Sache nichts verstehen. Dies klingt hart und wie der Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren. Man möge aber Folgendes bedenken:

  1. Nachdem die brutalen KZ-Versuche der Nationalsozialisten ans Licht gekommen waren, wurden wissenschaftliche Experimente mit Menschen zunehmend skeptischer betrachtet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stießen ethisch fragwürdige Experimente mit menschlichen Versuchspersonen und zunehmend auch mit Tieren auf sich verschärfende Kritik. Heute gibt es an Universitäten überall in der Welt so genannte Ethik-Kommissionen, die streng über die Einhaltung ethischer Standards wachen.
  2. Aus diesem Grunde wurden Experimente, die eine Grundlage für geheimdienstliche, militärische oder kriminelle Anwendungen der Hypnose bilden könnten, immer seltener in öffentlich zugänglichen Schriften publiziert.
    Ich habe zwar keinen Zweifel daran, dass ethisch fragwürdige oder gar verwerfliche Experimente dennoch verwirklicht und dokumentiert wurden, aber diese Forschungsberichte unterliegen, so es sie gibt, aus nachvollziehbaren Gründen der Geheimhaltung.
  3. Welches Gewicht diese Einschränkungen besitzen, zeigt sich schon an der schlichten Tatsache, dass heute eine Täuschung von Versuchspersonen als unethisch gilt, diese für Hypnose-Experimente mit kriminellem, geheimdienstlichen oder militärischen Hintergrund aber unerlässlich ist.
  4. Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts konzentriert sich die psychologische Forschung darauf, beobachtbares Verhalten zu quantifizieren und statistisch auszuwerten. Seit einigen Jahrzehnten wird darüber hinaus das Zusammenspiel von beobachtbarem Verhalten und der Aktivität des Gehirns quantitativ erfasst.
  5. Infolge dieser Schwerpunktsetzung wurden die qualitativen Aspekte psychischer Prozesse ebenso vernachlässigt wie das Innenleben. Die Introspektion wurde als seriöses Mittel psychologischer Forschung verworfen.
    Die Hypnose ist aber kein Vorgang, der von außen beobachtet und quantifiziert werden könnte, sondern sie ist ein Prozess, der in der Innenwelt abläuft. Informationen über ihn erhält man nur durch Befragung der Hypnotisierten und durch qualitative Deutungen des gesamten inneren und äußeren Kontexts, in dem dieser Prozess auftritt.
  6. Die ältere Literatur zur Hypnose bietet also zwei Vorzüge: Die in ihr geschilderten Experimente unterlagen erheblich weniger strengen ethischen Beschränkungen als die Versuche in heutiger Zeit. Aus menschenrechtlicher Sicht ist dies natürlich ein begrüßenswerter Fortschritt, der sich allerdings bei der Erforschung der Möglichkeiten des Missbrauchs der Hypnose zwangsläufig als Nachteil erweist.
    Die ältere Literatur war überdies nicht so sehr wie die heutige auf das experimentelle Vorgehen fixiert, sondern berücksichtigte in stärkerem Maße klinische Beobachtungen.13 Dies erweist sich bei einem so komplexen und kontextabhängigen Phänomen wie dem der Hypnose durchaus als Vorteil.

Moderne Zeiten

Seit Beginn des Industriezeitalters ist die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung keinen politischen Eingriffen mehr ausgesetzt, die den Erkenntnisfortschritt behindern könnten. Alle Gesellschaftssysteme waren und sind, unabhängig von ihrer politischen oder weltanschaulichen Ausrichtung, gleichermaßen daran interessiert, dass Naturwissenschaftler ungehindert von außerwissenschaftlichen, ideologisch motivierten Eingriffen grundsätzliche Naturforschung betreiben können. Allein finanzielle Gründe sind für Restriktionen verantwortlich.

In den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, zu denen auch die Psychologie zählt, war und ist dies allerdings anders. Dies liegt natürlich daran, dass Erkenntnisse über den Menschen und seine Gesellschaft ideologisch nicht neutral sind. Sie können die legitimierenden Ideologien politischer Systeme, auch in zentralen Aspekten, entweder bestätigen oder widerlegen.

Ein schlagendes Beispiel für diesen Zusammenhang ist die Intelligenz-Debatte. Die Antwort auf die Frage, ob Intelligenz weitgehend angeboren sei oder nicht, ist auch eine Antwort auf die Frage, ob und wie soziale bzw. ökonomische Unterschiede in der Gesellschaft legitimiert werden können bzw. delegitimiert werden müssen.

Selbstverständlich macht auch die Hypnoseforschung hier keine Ausnahme. Auch sie unterliegt zweifellos politischer Einflussnahme.

Man denke beispielsweise an den so genannten “Manchurian Candidate”. Dies ist die Bezeichnung für einen mental versklavten Menschen, der durch Hypnose, Folter, Drogen, systematischem Reizentzug und Elektrokrampfbehandlung in eine künstliche multiple Persönlichkeit verwandelt wurde. Die so hervorgerufenen Persönlichkeits-Bruchstücke wurden dann im Sinne militärischer und / oder geheimdienstlicher Ziele abgerichtet.

Freigegebene Dokumente der CIA beweisen zwar, dass dieser Geheimdienst versuchte, “Manchurian Candidates” zu kreieren. In den Akten werden entsprechende Hypnose-Experimente auch als erfolgreich dargestellt (Ross 2000). Es gibt aber keinen Beweis dafür, dass es der CIA tatsächlich gelungen ist, auch nur einen “Manchurian Candidate” im Feld, also außerhalb eines experimentellen Rahmens mit realen Aufgaben operativ erfolgreich einzusetzen.

Obwohl man die anderen der genannten Methoden nicht vernachlässigen darf, ist die Hypnose der entscheidende Faktor zur Beantwortung der Frage, ob es möglich sei, reale Mandschurische Kandidaten zu produzieren,die auch außerhalb eines experimentellen Rahmens einwandfrei funktionieren. Wenn es nicht möglich ist, durch Hypnotisierung Menschen gegen ihren Willen einer totalen Fremdkontrolle zu unterwerfen, sie zu Taten zu veranlassen, die ihren Prinzipien widersprechen, dann muss der Mandschurische Kandidat als Illusion oder bestenfalls als experimentelles Artefakt betrachtet werden. Denn alle anderen Maßnahmen – Drogen, Reizentzug, Elektroschocks – können für sich genommen keine Persönlichkeitsspaltung hervorrufen. Sie müssen sinnvoll in eine Strategie hypnotischer Beeinflussung integriert werden. Was den Mandschurischen Kandidaten betrifft, so ist Hypnose zwar nicht alles, aber ohne Hypnose ist alles nichts.

Manche Vertreter der These, dass Mandschurische Kandidaten real seien, unterstellen daher, die Behauptung des Hypnose-Establishments, niemand könne unter Hypnose gegen seinen Willen zu beliebigen Handlungen veranlasst werden, sei ein bewusster, politisch motivierter Verschleierungsversuch der Möglichkeiten des militärischen und geheimdienstlichen Missbrauchs der Hypnose. Bekanntlich seien, so heißt es, eine größere Zahl namhafter Psychiater in die Gehirnwäsche-Projekte des amerikanischen Geheimdienstes CIA verwickelt gewesen.

Die Hypnose-Forschung keine also nicht frei operieren wie die naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, sondern müsse sich an den Interessen der Herrschenden orientieren. Und dies führe dazu, dass sie einen Teil ihrer Erkenntnisse vor der Öffentlichkeit verschleiere oder verfälscht widergebe.

Mir will jedoch scheinen, dass wir in vielen Fällen solche politischen Ränkespiele gar nicht unterstellen müssen, um die Haltung des Hypnose-Establishments zu erklären.

Aus meiner Sicht fehlt den meisten dieser Wissenschaftler einfach die Erfahrung mit den abseitigen Aspekten der Hypnose. Im Rahmen einer hypnosetherapeutischen Behandlung sind hypnotische Dressuren, die in jeder Hinsicht gegen Recht und Moral verstoßen, gar nicht möglich. Und dies auch aus pragmatischen Gründen, denn keine Krankenkasse bezahlt eine Behandlung, die sich ohne medizinische Indikation über mehrere Jahre und Hunderte von Stunden hinziehen müsste.

Dies schließt natürlich nicht aus, dass einzelne Forscher, die in geheimdienstliche oder militärische Gehirnwäscheprojekte verwickelt waren oder sind, die Öffentlichkeit bewusst und gezielt falsch über die Möglichkeiten der Hypnose bzw. verwandter Techniken zur Manipulation des Unbewussten zu informieren.

Kriminelle Methoden

Die im vorigen Abschnitt vorgetragenen Gesichtspunkte sollten eigentlich ausreichen, um die gegen mich gerichtete Kritik mangelnder Berücksichtigung neuerer Literatur zum kriminellen, geheimdienstlichen und militärischen Missbrauch der Hypnose zu entkräften. Man könnte meinen Standpunkt auf eine sehr knappe Formel bringen: Neuere Hypnose-Experimente taugen schon allein deswegen nicht zur Entscheidung der Frage, ob kriminelle Hypnose möglich sei, weil aus den genannten Gründen die Methoden krimineller Hypnotiseure nicht eingesetzt werden können.

So wäre es beispielsweise in unserer Zeit im Rahmen legaler Experimente nicht statthaft, einer Versuchsperson zu suggerieren, dass sie im Falle des Ungehorsams depressiv werde, panische Angst verspüre oder sich das Leben nehme. In 19. und in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde auf ethische Bedenken, wenn überhaupt, weitaus weniger Rücksicht genommen als in den folgenden Jahrzehnten.

Generell gilt ja ohnehin, dass aus dem Fehlschlagen eines Experiments zur Induktion kriminellen bzw. asozialen Verhaltens durch Hypnotisierung nicht geschlossen werden darf, dass Derartiges nicht möglich sei. Für das Scheitern des Versuchs könnten ja auch ungeeignete Methoden, mangelnde Begabung des Experimentators oder unzulänglich hypnotisierbare Versuchspersonen verantwortlich sein.

Unabhängig von dieser Thematik kann ich aber jedem, der sich für psychologische Themen interessiert, nur eindringlich raten, auch ältere Literatur zu konsultieren. Janet, Binet, Freud (Vater und Tochter), Adler, Jung, Reich und viele andere große Namen vergangener Tage sind heute nach wie vor aktuell. Es gibt in der Psychologie keinen linearen Erkenntnisfortschritt wie in der Physik oder Chemie.

Literatur

Ross, C. A. (2000). Bluebird. Deliberate Creation of Multiple Personality by Psychiatrists. Richardson Tx., Manitou Communications

Dritter Abschnitt

Validität

Es trifft durchaus zu, dass die moderne experimentelle bzw. quasi-experimentelle Forschung einen methodischen Fortschritt gegenüber den Gepflogenheit des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts darstellt. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass methodische Verfeinerungen häufig nur eine Exaktheit vortäuschen, die aus pragmatischen bzw. ethischen Gründen nicht gegeben ist.

Natürlich sollten, anders als früher, neben den Experimentalgruppen auch Kontrollgruppen eingesetzt werden. Damit diese aber die Aussagekraft steigern, sollte idealerweise Folgendes gegeben sein: Alle Versuchsteilnehmer werden zufällig aus einer definierten Grundgesamtheit ausgewählt und sie werden ebenso zufällig auf Experimental- und Kontrollgruppe verteilt. Ist dies nicht möglich, so ist die interne Validität des Experiments natürlich bedroht und die Situation ist oftmals nicht besser als bei einem Experiment, das auf eine Kontrollgruppe verzichtete.

Gravierender noch als die Bedrohung der internen Validität ist die Beeinträchtigung der externen. Extern invalide ist ein Experiment immer dann, wenn die experimentellen Bedingungen mit den realen Lebensbedingungen nicht hinlänglich übereinstimmen. Denn selbst ein intern hoch valides Experiment sagt uns ja nur, wie sich Menschen unter den Bedingungen des psychologischen Labors verhalten. Ob sich dies auf die eigentlich interessierenden realen Verhältnisse übertragen lässt, ist eine offene Frage.

Und nun komme ich zum eigentlichen Punkt: Wenn ein Experiment die Bedingungen krimineller Hypnose aus ethischen und/oder pragmatischen Gründen nicht hinlänglich zu reproduzieren vermag, dann taugt es nicht zur Klärung der Frage, wieweit Derartiges überhaupt möglich sei.

Ludwig Mayer hat in seinem Buch “Das hypnotische Verbrechen und seine Aufklärungsmethoden” (1937) die Tricks eines kriminellen Hypnotiseurs und die Bedingungen des Milieus, in dem er operierte, sehr ausführlich charakterisiert. Zu diesen Verfahren gehört die Suggestion panischer Angstzustände im Falle einer Erinnerung an die hypnotischen Machenschaften des Hypnotiseurs; es versteht sich von selbst, dass Derartiges heute von keiner Ethik-Kommission genehmigt würde.

Ein Hypnose-Experiment, das die Möglichkeiten krimineller Hypnose ausloten will, kann nicht extern valide sein, wenn es nicht – zumindest in den groben Umrissen – die realen Bedingungen krimineller Hypnose widerspiegelt, wie sie beispielsweise von Mayer skizziert wurden. Mir ist kein Experiment zu dieser Frage bekannt, das man uneingeschränkt als extern valide bezeichnet werden könnte.

Die älteren Experimente, die vor dem Ende des 2. Weltkriegs veröffentlicht wurden, kommen aber, trotz größerer Bedrohungen der internen Validität, den realen Bedingungen kriminellen Hypnotisierens deutlich näher als die Versuche neueren Datums.

CIA-Experimente

Eine Ausnahme bilden die, allerdings intern nicht sehr validen, Hypnose-Experimente der CIA, die wir aus deklassifizierten Akten dieses Geheimdienstes kennen. Die CIA produzierte, jedoch auch ohne Kontrollgruppe, in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hypnotisch dressierte Bombenleger und Messerstecher unter experimentellen Bedingungen sowie artifizielle multiple Persönlichkeiten, mit Methoden des 19. Jahrhunderts.

Studenten

Eine neuere Studie zeigt, dass die überwiegende Zahl der Versuchspersonen psychologischer Experimente Studenten sind. Dies dürfte auch bei derartigen neueren Hypnose-Experimenten zur hier verhandelten Fragestellung gegeben sein.

Das Paar “Hochschuldozent als Hypnotiseur und Student als Hypnotisand” entspricht aber nicht im entferntesten dem Duo “Krimineller Hypnotiseur aus kriminellem Milieu und Mensch aus der Unterschicht als Hypnotisand.”

Auch dies schränkt natürlich die Beweiskraft der entsprechenden Studien ein.

Vierter Abschnitt

Multiple Persönlichkeiten

Richet

Charles Robert Richet (1850 – 1935) war einer der bedeutendsten Wissenschaftler seiner Zeit. Der französische Arzt war Professor für Physiologie in Paris; 1913 erhielt er den Nobelpreis für seine Studien zum menschlichen Immunsystem. Doch Richets Interessen beschränkten sich keineswegs auf sein medizinisches Fachgebiet. Er schrieb Bücher über geschichtliche Themen, Soziologie, Philosophie und Psychologie, sogar Theaterstücke und Lyrik. Seine Leidenschaft aber galt Themen, die heute tendenziell als fragwürdig oder gar abseitig betrachtet werden, zumindest in wissenschaftlichen Kreisen. Zu diesen Themen zählten die Parapsychologie und die experimentelle Hypnose (Nobel Lectures 1967).

Die Flüchtigkeit des menschlichen Selbsts

Bei seinen hypnotischen Experimenten14 entdeckte er mehr oder weniger durch Zufall die Flüchtigkeit des menschlichen Selbsts. Nachdem er seine Versuchspersonen in Hypnose versetzt hatte, gehorchten sie seinem Befehl, ihre Identität, ihr Alter, ihre Kleidung, ihr Geschlecht, ihre soziale Stellung, ihre Nationalität und das Zeitalter, in dem sie lebten, vollständig zu vergessen. All diese Eckpunkte eines normalen Selbst waren ausgelöscht. Ihr Identitätsbewusstsein hatte sich in eine blank geputzte Schiefertafel verwandelt.

Nun konnte Richet seinen Versuchspersonen eine Idee suggerieren, die an die Stelle des hypnotisch ausradierten Selbstbewusstseins trat: die Idee einer neuen Identität, die sich, genährt durch die Kraft der Phantasie, in ihrer Vorstellungswelt ausbreitete. Die Versuchspersonen agierten und reagierten nun so wie der Charakter, der ihnen suggeriert worden war. Ihre Handlungen, ihre unwillkürlichen Bewegungen, ihr Denken und ihre Äußerungen hatten sich perfekt der hypnotisch eingepflanzten Identität anverwandelt.

Als Richet dieses Phänomen zum ersten Mal hervorrief, war er sprachlos. Nur wer es selbst erlebt habe, könne sich ein zutreffendes Bild davon machen, sagte er; Beschreibungen könnten nur eine unklare und unvollkommene Vorstellung davon vermitteln.

Richet konnte nicht nur eine, sondern eine nahezu beliebige Zahl alternativer Persönlichkeiten in seinen Versuchspersonen hervorrufen. Eine Frau beispielsweise verwandelte er nacheinander in einen Bauern, eine Schauspielerin, einen General, einen Priester und eine Nonne. Bei dieser Frau handelte es sich um eine sehr gefestigte Persönlichkeit, Hausfrau und Mutter mit starken religiösen Gefühlen.

Die Experimente Richets inspirierten auch andere Wissenschaftler im späten 19. Jahrhundert, z. B. den bedeutenden Sexualwissenschaftler und Hypnoseforscher Albert Moll (1862 – 1939). Einer männlichen Versuchsperson (Moll 1890, 104 f.) z. B. suggerierte der Arzt, sie sei Moll und er diese Versuchsperson (genannt X). X verwandelte sich in “Dr. Moll” und bat Moll, nunmehr also “X”, Platz zu nehmen und begann, seinen “Patienten” in genau derselben Weise zu hypnotisieren, wie ihn zuvor der Arzt schon viele Male in Trance versetzt hatte.

Moll betont, dass die Versuchspersonen keineswegs immer konsequent seien, mitunter aus der Rolle fielen; beispielsweise sei eine in Friedrich den Großen verwandelte Versuchsperson in einem imaginären Eisenbahnwagen gefahren (obwohl es zur Zeit des Preußenkönigs natürlich noch keine Eisenbahnen gab). Derartige Fehler könnten aber durch hypnotische Dressur meist verhindert werden.

Moll vergleicht Hypnotisierte, die einer Identitätsveränderung unterworfen wurde, mit Schauspielern, die vollständig von ihrer Rolle gefangen genommen wurden, die sich daher nicht mehr bewusst seien, die entsprechenden Charaktere nur zu verkörpern und die sich stattdessen mit ihnen identifizieren.

Die Ähnlichkeit der von Richet und Moll hypnotisch hervorgerufenen Phänomene mit der so genannten Multiplen Persönlichkeitsstörung ist nicht zu übersehen. Menschen mit Multipler Persönlichkeitsstörung verhalten sich so, als ob mehrere voneinander unabhängige und meist abwechselnd aktive Persönlichkeiten unter ihrer Schädeldecke hausten.

Die heutige Lehrmeinung lautet, dass diese Störung Ausdruck eines spontanen Bewältigungsversuchs schwerer seelischer Verletzung in der frühen Kindheit sei (Huber 1995). Offensichtlich ist aber eine Traumatisierung gar nicht erforderlich, um – zumindest unter den Bedingungen eines hypnotischen Experiments – multiple Persönlichkeiten zu kreieren. Dies spricht dafür, dass die Rolle des Traumas im Prozess einer Multiplen Persönlichkeitsstörung von der Lehrmeinung abweichend bestimmt werden muss.

Meine These lautet: Die Multiple Persönlichkeitsstörung wird nicht durch Traumata hervorgerufen, sondern durch Suggestionen. Traumata in Form von Folter und brutalen Formen der Erziehung verankern und stabilisieren die suggestiv erzeugte multiple Persönlichkeitsstruktur. Die Herausbildung alternativer Identitäten ist also kein spontaner Bewältigungsversuch überwältigender Traumata, sondern das Resultat einer systematischen Dressur.

Literatur

Huber, M. (1995). Multiple Persönlichkeiten. Überlebende extremer Gewalt. Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch Verlag

Moll, A. (1890). Der Hypnotismus. Zweite vermehrte und umgearbeitete Auflage. Berlin: Fischer’s Medicinische Buchhandlung. H. Kornfeld

Nobel Lectures, Physiology or Medicine 1901-1921, Elsevier Publishing Company, Amsterdam, 1967

Richet, C. R. (1884). L’homme et l’intelligence: fragments de physiologie et de psychologie. Paris: F. Alcan

Fünfter Abschnitt

Hysterische Blindheit

Während die so genannte multiple Persönlichkeit die Komplexität des hypnotischen Phänomens illustriert, erlaubt die “hypnotische Blindheit” einen Einblick in die innere Mechanik der zugrunde liegenden Prozesse. Als “hysterische Blindheit” bezeichnete man früher die bekundete Unfähigkeit zu sehen, sofern diese Störung nicht durch eine körperliche Beeinträchtigung verursacht wurde. Heute tritt dieses Phänomen immer noch auf, aber die Psychiatrie nennt es mit Rücksicht auf den Feminismus nicht mehr hysterisch.

Funktionelle Störungen der Wahrnehmungssysteme und des Bewegungsapparates sind bei Soldaten in Kriegen recht häufig. Die Militärpsychiatrie ersann bereits im 19. Jahrhundert zum Teil brutale, teilweise aber auch sehr raffinierte Methoden, um Soldaten beispielsweise mit einer angeblichen funktionellen Blindheit als Schwindler zu entlarven. Nicht alle dieser Soldaten landeten als Simulanten vor dem Erschießungskommando. Nicht wenige bestanden die Tests und wurden als Kriegsneurotiker diagnostiziert.

Daraus schließe ich, dass funktionelle Störungen des Sehsinns ohne körperliche Ursachen tatsächlich existieren, nicht immer vorgetäuscht sind.

Parallelen

In einem Aufsatz für die Ärztliche Standeszeitung in Wien schrieb Sigmund Freud:

„Sie wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den Typus einer psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer solchen glaubt man nach den Untersuchungen der französischen Schule eines Charcot, Janet, Binet zu kennen. Man ist ja imstande, eine solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn man eine des Somnambulismus fähige Person zur Verfügung hat. Versetzt man diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die Vorstellung, sie sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt sie sich tatsächlich wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie eine Hysterika mit spontan entwickelter Sehstörung. Man darf also den Mechanismus der spontanen hysterischen Sehstörung nach dem Vorbild der suggerierten hypnotischen konstruieren (Freud 1910).“

Diesen Umweg ins Reich der Hysterie habe ich unternommen, weil gegen Argumentationen, die sich auf die hypnotische Blindheit beziehen, gern die Unterstellung vorgebracht wird, diese sei nicht echt, sondern nur eine Gefälligkeit des Hypnotisierten gegenüber dem Hypnotiseur. Dass dies mitunter der Fall sein mag, will ich vorsichtigerweise nicht bestreiten. Dennoch kann aus meiner Sicht an der Echtheit dieses Phänomens kein Zweifel bestehen, denn

  • erstens tritt es auch spontan auf, bei den so genannten Hysterikern, und
  • zweitens konnte es in mehr als hundert Jahren empirischer Hypnoseforschung vielfach bei unterschiedlichsten Versuchspersonen aus aller Herren Länder und zu allen Zeiten kraft Suggestion hervorgerufen werden.

Ein merkwürdiger Aspekt

Ein sehr merkwürdiger Aspekt, der sich in diesen Experimenten immer wieder zeigt, soll uns hier besonders interessieren. In einem neueren Experiment wurde er von den Psychologen David Mallard und Richard A. Bryant demonstriert (Mallard & Bryant 2001).

An diesem Experiment nahmen hochgradig hypnotisierbare Versuchspersonen teil. Sie mussten zunächst eine Reihe von Assoziationen von Formen und Farbnamen lernen. Dann wurde ihnen eine Farbenblindheit suggeriert. Schließlich wurden ihnen die Formen gezeigt. Ein Teil dieser Formen hatte die Farbe, die dem zuvor mit ihnen verbundenen Farbnamen entsprach. Bei dem anderen Teil der Formen war dies nicht der Fall.

Mit anderen Worten: Einige der farbigen Formen waren kongruent mit den zuvor gelernten Farbnamen-Form-Assoziationen, die anderen nicht.

Die Versuchspersonen wurden nun gebeten, die Formen zu benennen. In etwa 50 Prozent der Teilnehmer gaben an, nach einer entsprechenden Suggestion farbenblind geworden zu sein.

Doch auch bei diesen zeigte sich ein Phänomen, das in der Experimentalpsychologie als“Stroop-Effekt” bezeichnet wird. Falls die Farben der Formen nicht den zuvor gelernten Farbnamen-Form-Assoziationen entsprachen, brauchten auch die hypnotisch farbenblinden Personen länger dafür, die Formen zu benennen.

Dies lässt darauf schließen, dass die hypnotisch Farbenblinden ebenfalls die Farben wahrnahmen, obwohl ihnen dies nicht bewusst war. Wenn wir, meiner Vorrede eingedenk, die Ehrlichkeit der angeblich farbenblind gewordenen Versuchspersonen voraussetzen, dann offenbarte sich bei ihnen ein Phänomen, das ich als “sehendes Nichtsehen” bezeichnen möchte.

Dieses merkwürdige Phänomen wird noch deutlicher bei einem Experiment mit einem Stuhl, das zur Folklore der experimentellen Hypnoseforschung zählt und im Lauf der Jahrzehnte unzählige Male realisiert wurde. Der Hypnotisand wird in Hypnose versetzt und ihm wird eine hypnotische Blindheit für einen Stuhl suggeriert. Nun wird der Hypnotisierte aufgefordert, sämtliche Gegenstände in einem Bereich des hypnotischen Laboratoriums, in dem sich nun auch der Stuhl befindet, zu benennen. Die ausreichend hypnotisierbare Versuchsperson wird alle erkennbaren Gegenstände aufzählen, mit Ausnahme des Stuhls.

Nach diesem Test erhält der Hypnotisand den posthypnotischen Befehl, nach dem Aufwachen aus der Hypnose von einem Punkt (A) zu einem anderen Punkt des Raumes (B) zu gehen – und zwar auf dem kürzesten Wege. Die selektive Blindheit für Stühle wird nicht aufgehoben. Zudem wird eine Amnesie für den Vorgang der Hypnotisierung hervorgerufen.

Nun wird der Hypnotisand aus der Hypnose aufgeweckt. Er ist aber immer noch “stuhlblind”. Dies ist ihm natürlich nicht bewusst. Daraufhin wird das zuvor suggerierte Signal gegeben, das die Ausführung des posthypnotischen Befehls auslöst, auf dem kürzesten Weg von A nach B voranzuschreiten. Der Hypnotiseur berührt beispielsweise wie zufällig seine Nase mit dem linken Zeigefinger und der Hypnotisand setzt sich in Bewegung. Der experimentellen Anordnung entsprechend, versperrt der Stuhl allerdings den kürzesten Weg zwischen A und B.

In aller Regel wird der hypnotisch selektiv Blinde jedoch nicht mit dem Stuhl zusammenstoßen, sondern sich – nicht selten in skurrilen Mustern – um ihn herumbewegen. Auf Befragen wird er entweder bestreiten, nicht auf direktem Weg von A nach B gegangen zu sein, oder er wird scheinbar vernünftige Gründe für sein Verhalten angeben (Rationalisierung).

Erst wenn die Amnesie für die Hypnotisierung wieder aufgehoben wurde, kann die Versuchsperson den Stuhl bewusst wahrnehmen. Um von A nach B zu gehen und dabei dem Stuhl auszuweichen, ist es logisch zwingend erforderlich, den Stuhl zu sehen. Er muss also bewusst sein. Gleichzeitig aber ist der Versuchsperson nicht bewusst, dass sie den Stuhl bewusst wahrgenommen hat, sobald sie danach befragt wird. Überdies hatte die Versuchsperson die Absicht, den Befehlen des Hypnotiseurs zu gehorchen, sie handelte diesen Absichten entsprechend, ohne sich dessen infolge der hypnotischen Amnesie bewusst zu sein. Und schlussendlich hatte die Versuchsperson auch die Absicht, dem Stuhl auszuweichen, sie handelte in Übereinstimmung mit diesem Vorsatz, rationalisiert aber die Gründe ihres Verhaltens den Tatsachen widersprechend.

Phänomene dieser Art könnte man als “wissendes Nichtwissen” bezeichnen. Die Versuchsperson weiß, dass ein Stuhl im Weg steht und sie weiß es zugleich nicht. Dieses “wissende Nichtwissen” ist überaus charakteristisch für hypnotische Prozesse – nicht nur im Bereich der hypnotischen Blindheit. Das “wissende Nichtwissen” widerspricht offensichtlich der Logik, jedenfalls der klassischen. Möglicherweise sind derartige Phänomene nur auf Basis einer nicht-klassischen, einer polykontexturalen Logik im Sinne Gotthardt Günthers zu verstehen.

Hypnologik

Aus dieser Sicht würde das Bewusstsein durch Hypnotisierung in mehrere Kontexte (mindestens zwei) zerfallen, die in sich der klassischen Logik gehorchen, ihr untereinander aber widersprechen. In oben beschriebenen Fall gäbe es also u. a. folgende Kontexte des Bewusstseins:

  • Kontext 1: Von A nach B gehen, Stuhl sehen, dem Stuhl ausweichen
  • Kontext 2: Von A nach B gehen, den Stuhl nicht sehen, Kursabweichung ggf. vermerken, aber nicht reflektieren.

Beide Kontexte sind während des Handlungsvollzugs, trotz ihrer Widersprüchlichkeit, aktiv; das Bewusstsein ist dissoziiert.

Hebt nun der Hypnotiseur die Amnesie des Hypnotisierten für die Hypnose auf, dann tritt die Erinnerung an Kontext 1 hervor und dominiert wieder das Bewusstsein, wie es bei einem Nicht-Hypnotisierten in dieser Situation der Fall wäre.

Aus meiner Sicht gibt es “nichtwissendes Wissen” nicht nur bei Hypnotisierten, sondern es handelt sich dabei um ein ziemlich alltägliches Phänomen, das sich aber nur zu leicht der Reflexion entzieht, denn im Fokus der Aufmerksamkeit kann immer nur ein Bewusstseinskontext stehen. Dadurch wird die Illusion eines einheitlichen Ichs hervorgerufen.

Das Stuhl-Experiment spricht aber für die Vermutung, dass es zumindest zwei Ich-Zustände mit zwei voneinander unabhängigen Aufmerksamkeiten geben kann.

Die hypnotische Blindheit wird auch als negative Halluzination bezeichnet. Bei der positiven Halluzination sieht man etwas, was nicht vorhanden ist; bei der negativen ist es umgekehrt. Negative Halluzinationen setzen aber positive Halluzinationen voraus.

Im vorliegenden Fall muss der Hypnotisand beispielsweise alle Bereiche des Hintergrunds, die vom Stuhl verdeckt werden, halluzinieren. Steht der Stuhl beispielsweise – sagen wir – auf einem Teppich mit einem eingewobenen Kamel, so muss der Hypnotisierte jene Teile des Kamels, die sich unsichtbar unter der Sitzfläche des Stuhls befinden, halluzinieren.

Damit er aber weiß, was er zu halluzinieren hat, was also vom Stuhl verdeckt wurde, muss er den Stuhl gesehen haben.

Pointiert formuliert: Um eine hypnotische Blindheit für einen Stuhl zu entwickeln, muss man den Stuhl sehen. Man muss den Stuhl sehen, um ihn nicht zu sehen. Welcher Teil dieses Phänomens ist denn da bewusst, welcher nicht?

Nehmen wir an, jemand erhält den posthypnotischen Befehl, nach dem Aufwachen aus der Hypnose in die Hände zu klatschen, sobald der Hypnotiseur “Auf Wiedersehen” sagt. Er wird für diesen Befehl amnestisch gemacht. Der Hypnotiseur sagt: “Auf Wiedersehen” und der Hypnotisierte klatscht in die Hände.

Einerseits hatte der Hypnotisierte, weil amnestisch, nicht die bewusste Absicht, in die Hände zu klatschen, weil der Hypnotiseur “Auf Wiedersehen” sagte. Wäre ihm aber nicht bewusst gewesen, dass “Auf Wiedersehen” das vereinbarte Signal dafür war, in die Hände zu klatschen, dann hätte der Hypnotisierte nicht in die Hände geklatscht.

Die konditionierte, gleichsam automatisierte Reaktion auf “Auf Wiedersehen” ist nämlich ebenfalls “Auf Wiedersehen”. In die Hände zu klatschen, ist in diesem Falle ein Durchbrechen einer automatischen Reaktion und genau dies ist ein Charakteristikum bewussten Handelns.

Auch hier die Frage: Welcher Teil ist bewusst? Es ist erlernt, einem Hindernis auszuweichen, sofern man es sieht. Sieht man es nicht, stolpert man darüber oder rasselt dagegen. Wie ich oben bereits schrieb, setzt die hypnotische Blindheit eine negative Halluzination voraus. Man muss Dinge halluzinieren, die durch den Gegenstand verdeckt werden, für den man durch einen hypnotischen Befehl blind wurde.

Wie schon hervorgehoben: Man muss den Gegenstand gesehen haben, um ihn nicht zu sehen. Weil das so ist, kann man ihm auch ausweichen. Weicht man ihm aber aus, so ist das immer bewusst, auch wenn man darüber nicht nachdenken muss. Ausweichen kann man nämlich nur Gegenständen, deren Lage man verortet. Man muss seinen Abstand zum Gegenstand, dem ausgewichen werden soll, im Handlungsverlauf immer wieder neu bestimmen.

So etwas nennt man in den Neuro-Wissenschaften “executive control” und“executive control” ist ein Merkmal von Bewusstheit. Man denke noch einmal an das Phänomen der hypnotischen Blindheit und an die Tatsache, dass der Hypnotisierte den Gegenstand sehen muss, um ihn nicht zu sehen.

Sehen und Nicht-Sehen sind hier funktionell unentwirrbar miteinander verschränkt, weil die negative Halluzination eine positive Halluzination erfordert, der perfekt auf erstere abgestimmt ist. Und das lässt sich im Rahmen der klassischen Logik eben nicht modellieren.

Ein Experiment: Der Versuchsperson wird eine Liste mit Wörtern vorgelegt. Sie wird aufgefordert, diese Liste auswendig zu lernen. Eines dieser Wörter beginnt mit einem X, sagen wir: Xanten. Nun wird eine selektive Amnesie für alle Wörter erzeugt, die mit X beginnen. Bei derartigen Experimenten können gut hypnotisierbare Versuchspersonen, die sonst fehlerfrei die gesamte Liste erinnern, das Wort “Xanten” nicht reproduzieren. Nicht selten liegt es ihnen aber auf der Zunge. Es kommt ihnen so vor, als kennten sie es, als wüssten sie es, als hätten sie es gleich, Augenblick noch… Nichts ist. Wissendes Nichtwissen.

Alltägliche Quasi-Hypnosen

Alle hypnotischen Phänomene können auch spontan, also ohne Einwirkung eines Hypnotiseurs und ohne formelle Hypnose-Einleitung, im Alltag auftreten. Sie sind dann in aller Regel jedoch nicht so ausgeprägt. Unter dem Image verstehen wir den Gesamteindruck, den die Mehrheit einer Gruppe von Menschen von einer Sache oder einer Person hat. Durch entsprechende Kampagnen wird versucht, das Image von Gegenständen zu manipulieren. Häufig wird durch Massenveranstaltungen oder durch die Medien ein quasi-hypnotischer Einfluss auf die Zielgruppen der Kampagnen ausgeübt.

  • Die Nazis beispielsweise versuchten, ein negatives Image der Juden aufzubauen bzw., falls bereits vorhanden, zu verstärken. Dieses Image bezog sich natürlich auch auf die äußere Erscheinung. Die Nazis verstanden sehr viel vom Einsatz hypnotischer Mittel in der Propaganda. Mit diesen Mitteln kann man auch eine hypnotische Blindheit erzeugen. Wenn also die Nazis Juden als raffgierig und reich darstellen, dann dürften viele Deutsche eindeutige Zeichen von Armut oder bescheidene Verhältnisse bei jüdischen Menschen nicht wahrgenommen haben.
  • Ähnliches gilt natürlich für Moslems. Wenn beispielsweise antimuslimische Ideologen mit quasi-hypnotischen Mitteln das Bild der von ihren Männern unterdrückten und gering geschätzten Muslima zeichnen, dann werden selbst deutliche Anzeichen eines respektvollen Verhaltens von Muslimen gegenüber ihren Frauen buchstäblich nicht gesehen.15

In beiden Fällen handelt es sich aber um ein sehendes Nichtsehen, um wissendes Nichtwissen. Anders als im hypnotischen Experiment, in dem später die Suggestion zurückgenommen wird, bleiben bei solchen Kampagnen-Hypnotisierungen die beiden Bewusstseinskontexte dauerhaft bestehen. Dadurch entsteht ein kognitiv-affektiver innerer Konflikt, der sich bewusster Reflexion entzieht und daher auch nicht aufgelöst werden kann. Dies führt kompensatorisch zu einer Verhärtung des negativ gefärbten Vorstellungsbildes.

Auf diese Weise wird Unsicherheit, die als unangenehm erfahren wird, vermindert. Sobald es also erst einmal gelungen ist, mit derartigen Image-Kampagnen eine hypnotische Blindheit zu erzeugen, gewinnt der psychologische Effekt eine Eigendynamik, wird partiell unabhängig von der quasi-hypnotischen Manipulation.

Fazit

Meine Anmerkungen zur Hypnose können und wollen die Lektüre eines Lehrbuchs zur Hypnose nicht ersetzen. Vielmehr wollen sie auf ein Phänomen aufmerksam machen, das zum Verständnis der so genannten psychischen Krankheiten als richtungsweisend betrachtet werden darf: wissendes Nichtwissen. Der voll Hypnotisierte handelt so, als ob er keinen freien Willen mehr habe. Die Grundlage dieses Handelns, dieses “Als ob” ist jedoch die freie Willensentscheidung, die Rolle des Willenlosen zu übernehmen. Der Hypnotisierte steht freiwillig unter Zwang.

Dieses Phänomen ist aus meiner Sicht im Rahmen der klassischen, aristotelischen Logik nicht zu begreifen. Daher habe ich vorgeschlagen, es auf Grundlage der Günther-Logik zu modellieren.

Auch der so genannte psychisch Kranke handelt so, also ob er einem Automatismus unterliege, der sich seiner Kontrolle entzieht. Aber er hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, sich diesem Automatismus hinzugeben.

Wie beim Hypnotisierten gehört es zu seiner Rolle, nicht zu wissen, dass er sich dazu entschieden hat – und es gleichzeitig natürlich doch zu wissen.

Er denkt, fühlt und handelt auf Basis wissenden Nichtwissens, also im Rahmen einer polykontexturalen Logik.

Literatur

Freud, S. (1910). Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Ärztliche Standeszeitung, Wien, Festnummer für Professor L. Königstein

Mallard, D., & Bryant, R. A. (2001). Hypnotic color blindness and performance on the Stroop test. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 49, 330-338

Anmerkungen

Es ist verführerisch, diese Zweiteilung auch den heutigen „psychisch Kranken“ zu unterstellen; die einen übernehmen die Rolle des „psychisch Kranken“ unreflektiert, aufgrund unbewusster Motive – die anderen inszenieren sich selbst bewusst als „psychisch krank“, weil ihnen dies als die beste aller ihnen zu Gebote stehenden Alternativen erscheint.

Ähnliches mag man heutigen Psychiatern unterstellen, die ebenfalls nicht zu bemerken scheinen, dass ihre Patienten eine Rolle spielen, die den Erwartungen ihrer Ärzte entspricht.

Aus meiner Sicht entsteht der größte Teil der unbewussten Prozesse nicht durch Verdrängung. Die meisten unbewussten Prozesse sind durch eine natürliche Arbeitsteilung im Nervensystem bedingt. Es besteht keine Notwendigkeit, für diese mentalen Abläufe die beschränkten Ressourcen des Bewusstseins zu vergeuden.

Vermutlich entstanden bei den Kriegszitterern zwei Selbst-Repräsentationen mit unterschiedlichen Definitionen: Selbst 1 durfte alles wissen, was ein ungeteiltes Selbst wissen kann; mit einer Ausnahme: Es durfte nicht wissen, dass Selbst 2 existierte und was Selbst 2 tat. Selbst 2 hatte Aufgaben zu erledigen, die im Widerspruch zum Selbstbild des betroffenen Soldaten standen – und sonst nichts. Beide “Selbste” waren bewusst; allerdings war definitionsgemäß Selbst 2 für Selbst 1 unbewusst. Dieser Vorgang wird als Dissoziation bezeichnet.

Freud, S. (1904). Zur Psychopathologie des Alltagslebens. Verlag von S. Karger

Natürlich ist es denkbar, dass körperliche Ursachen übersehen werden und die Phänomene als “psychisch” missdeutet werden; aber es ist unwahrscheinlich, dass dies in jedem Fall so ist.

Der hypnotische Somnambulismus darf nicht mit dem Schlafwandeln verwechselt werden, das ebenfalls mit diesem Begriff bezeichnet wird.

Die damit verbundene ethische Problematik kann im Rahmen dieses Beitrags nicht thematisiert werden.

10 Moll verwendet hier den Begriff des Schlafens, weil bis Ende des 19. Jahrhunderts unter Fachleuten und Laien die Vorstellung weit verbreitet war, dass es sich bei der Hypnose um eine Form des Schlafes handele.

11 Es finden sich in der Literatur allerdings vereinzelt Berichte über Versuchspersonen, die sich auch nach sehr tiefen Hypnosen mit Halluzinationen, Schmerzfreiheit etc. an die Hypnose erinnern konnten.

12 Zum Thema „Mind Control“ habe ich mich in meinen Buch „Hypnose, Bewusstseinskontrolle, Manipulation“ geäußert.

13 Man denke hier beispielsweise an die Arbeiten Pierre Janets sowie die Untersuchungen Josef Breuers und Sigmund Freuds

14 Eine exzellente Zusammenfassung der Experimente Richets findet sich in Binet (1896, 249), ausführlich: Richet 1884

15 Maryam Mirzakhani, die erste Frau, die mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde und unlängst an Krebs verstarb, stammte aus dem islamischen, patriarchalischen Iran; dort entdeckte man ihr mathematisches Talent bereits in früher Kindheit und förderten sie umfassend. Sie war nicht das einzige talentierte Mädchen, dem eine solche Behandlung widerfuhr. Im Iran gibt es eigens Gymnasien zur Förderung hochtalentierter Mädchen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.