Die guten Psychiater nicht vergessen!

Selbstverständlich gibt es auch Psychiater mit einem offenen Ohr für Kritik. Sie sagen:

  • Unbestritten ist eine psychische Störung mehr als nur eine Hirnerkrankung, auch psychologische und gesellschaftliche Faktoren müssen berücksichtigt werden.
  • Fraglos reicht es nicht aus, Patienten nur mit Medikamenten ruhigzustellen, klarerweise müssen wir uns auch um die Biographie eines Erkrankten kümmern, um sein soziales Umfeld, um den Arbeitsplatz etc.
  • Natürlich stigmatisieren psychiatrische Diagnosen und daher müssen wir großes Fingerspitzengefühl in dieser Hinsicht unter Beweis stellen.
  • Klar: In der Bevölkerung sind falsche Vorstellungen über psychische Kranke, insbesondere über deren Gefährlichkeit, weit verbreitet, denen wir entgegenwirken müssen.
  • Fraglos sind in der Psychiatrie Tendenzen festzustellen, alle erdenklichen Lebensprobleme zu medikalisieren; dem muss Einhalt geboten werden.
  • Eindeutig sind psychische Krankheiten etwas anderes als körperliche Krankheiten, denn anders beispielsweise als beim gebrochenen Fuß hängt die psychiatrische Diagnose von kulturbedingten Vorannahmen zum Normalen ab.
  • Selbstredend ist in der Psychiatrie ein hohes Maß an Empathie erforderlich; ohne Bereitschaft, sich auf die Sichtweise des Patienten einzulassen, läuft hier gar nichts.

Solche Psychiater mit derartig wohlmeinenden Einstellungen sind erstaunlicherweise recht zahlreich. Wer unbefangen, vorurteilsfrei mit ihnen spricht, der kann sich des Eindrucks nicht entschlagen, dass er bei einem solchen Experten in guten Händen ist.

Selbstverständlich, so werden wir einräumen, ist die Psychiatrie eine relativ junge Wissenschaft, die es mit hoch komplexer Materie zu tun hat und einfach noch nicht alles weiß, was zu wissen wünschenswert wäre.

Selbstverständlich, so müssen wir anerkennen, wirkt sich die individuelle Vielfalt der Menschen gerade in der Psychiatrie erschwerend auf die ärztliche Tätigkeit aus.

Gut nur, werden wir nach einem Gespräch mit einem solchen wohlmeinenden, aufgeschlossenen Psychiater sagen, gut nur, dass es Fachleute mit dieser erfrischend praktischen und humanen Einstellung gibt!

Das ist die eine Seite. Es war wichtig und richtig, sie ins Auge zu fassen. Ja, es gibt Psychiater mit vortrefflichen Einstellungen zu ihrem Metier, zu ihren Patienten, zu ihrer Wissenschaft. Allein, wie sieht die andere Seite aus? Wie steht es um die Korrelation zwischen der Einstellung und dem Verhalten? Kann der Arzt unter den massiven Zwängen seines Alltags überhaupt all das verwirklichen, was seine Einstellung verspricht? Oder ist er nur – bewusst oder unbewusst, absichtlich oder unabsichtlich, reflektiert oder gedankenlos – ein Weichspüler, der die Psychiatrie schönredet?

Wenn die Psychiatrie angesichts des Wohlwollens dieser durchaus zahlreichen Psychiater auch nur einen Bruchteil dessen realisieren könnte, was sich aus den erwähnten Einstellungen herauslesen lässt, dann müsste sie doch ein Dorado für die Mühseligen und Beladenen sein.

Die Ärztezeitung schreibt:

“So stieg in Deutschland zwischen 1990 und 2002 die Rate unfreiwilliger Einweisungen um 67 Prozent von 114,4 auf 190,5 (jeweils bezogen auf 100.000), in England um 24 Prozent von 40,5 auf 50,3, in den Niederlanden um 16 Prozent von 16,4 auf 19,1.“i

Wie kommt es, dass trotz all dieser wohlmeinenden Ärzte die Zahl der zwangsweise Untergebrachten anschwillt?

Die Süddeutsche Zeitung schreibt:

“Wie der Arzt Werner Kissling vom Center for Disease Management der Technischen Universität München gezeigt hat, ist die Zahl der Therapieunwilligen in der Neurologie und Psychiatrie besonders groß (Psychiatrische Praxis, Bd. 36, S.258, 2009).“ii

Warum verweigern rund 50 Prozent der Schizophrenen, der Depressiven die Einnahme ihrer Medikamente oder setzen sie schon nach wenigen Wochen ab, ohne den Arzt darüber zu informieren?

Anita Holzinger und Mitarbeiter befragten Wiener über Psychotherapeuten und Psychiater.iii Das Urteil fiel besonders für die Psychiater ziemlich harsch aus. Psychiater gingen zu wenig auf die Problematik des Einzelnen ein (hinterfragten weniger die wirklich relevanten Dinge, gingen eher nach Schema F vor). Sie würden die Wünsche der Patienten nicht ausreichend respektieren. Sie würden nur Medikamente verschreiben, gegen Schlaflosigkeit, zur Beruhigung, gegen Depressionen.

Es steht zu vermuten, dass solche Einstellungen auch in anderen deutschsprachigen Regionen mehrheitsfähig sind. Vorurteile, natürlich! Was sonst? Wer an die vielen, vielen wohlmeinenden Psychiater mit den perfekten Einstellungen denkt, kann einfach nicht glauben, dass die Meinungen der befragten Wiener tatsächlich die Realität widerspiegeln.

Oder? Seit vielen, vielen Jahren werde ich regelmäßig von Menschen kontaktiert, die mir offensichtlich nur ihr Leid über die Psychiatrie klagen wollen. Sie rufen meist unter Vorwänden an, aber letztlich läuft ihre Botschaft darauf hinaus, dass sie von Pontius zu Pilatus gelaufen seien, aber kein Psychiater habe ihnen helfen können, keiner habe Ahnung gehabt, viele hätten sich, mehr oder weniger engagiert, zwar bemüht, auf sie einzugehen, hätten es schlussendlich aber nicht geschafft.

Selbstverständlich bin ich als Psychiatriekritiker im Netz bekannt und daher ist meine Stichprobe nicht repräsentativ. Aber dennoch kann ich mich, wenn ich mir ein subjektives Urteil erlauben darf, vor dem Eindruck nicht verschließen, dass viele, allzu viele der wohlmeinenden Psychiater tatsächlich Weichspüler sind.

Mein Verdacht findet eine Stütze in wissenschaftlichen Tatsachen: Psychiatrische Diagnosen sind nicht valide. Psychiatrische Behandlungen sind entweder nicht nennenswert effektiver als ein Placebo oder sie treiben den Teufel mit Beelzebub aus, indem sie eine mutmaßliche psychische Krankheit medikamentös durch eine tatsächliche neurologische Erkrankung ersetzen.

Wie sollten Psychiater da tatsächlich helfen können, selbst wenn sie wohlmeinend sind und eine prima Einstellung haben?

ii Westerhoff, N. (2012). Geld fürs Pillenschlucken, Süddeutsche Zeitung, 3. Februar

iii Holzinger, A. et al. (2010). Was denken Sie was ein Psychiater macht? Und was denken Sie macht ein Psychotherapeut? Ergebnisse einer Repräsentativerhebung bei der Wiener Bevölkerung. Psychiatrische Praxis 37, 329

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