Die europäische Idee und ihre Feinde

Das moderne Europa beruht auf einer Idee. Sie strahlte aus nach Amerika. Eigentlich müsste ich von der euro-amerikanischen Idee sprechen, aber zur Vereinfachung bleibe ich beim „pars pro toto“.

Die europäische Idee prägt nicht nur das Staatswesen, sondern das gesamte gesellschaftliche und private Leben, bis hin in die feinsten Verästelungen. Und wenn wir von ihr abweichen (und wahrlich, dies geschieht oft in diesen Tagen), so wird uns dies (zumindest den Feinfühligeren) schmerzlich bewusst und dieser Schmerz zeigt, wie lebendig, wie lebendig diese Idee ist – trotz all des einströmenden Gifts.

Die europäische Idee, die Idee des modernen Europas beruht auf zwei Kerngedanken: Individuum und Vernunft. Das Individuum (im politischen Raum auch als mündiger Bürger näher bezeichnet) soll sich seines Verstandes ohne Anleitung durch andere bedienen. Dies ist sein Recht und dies ist, für den europäischen Patrioten, auch Pflicht, moralische Pflicht. Indem sich der mündige Bürger seines Verstandes ohne Anleitung durch andere bedient, ist er Vorbild, dessen Verhalten als Beispiel dienen kann.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass das Individuum dazu aufgerufen würde, den Rat von Experten in den Wind zu schlagen und sich nach Gutdünken eine eigene Weltanschauung zu stricken. Dies wäre absurd. Eine solche Haltung könnte unser Untergang sein, wie man leicht am Beispiel der Medizin erkennen kann. Aber, um bei diesem Beispiel zu bleiben, sich der Anweisung des Arztes zu fügen, heißt, ihm zu vertrauen. Und das Individuum, das der europäischen Idee verpflichtet ist, macht das Vertrauen in den Arzt abhängig von Signalen, die – im Licht der Vernunft – darauf hinweisen, dass der Mediziner des Vertrauens auch würdig ist. Das Individuum behält sich die letzte Entscheidung vor.

Der mündige Bürger wählt Abgeordnete, die das Volk im Parlament repräsentieren sollen. Diese Volksvertreter sind an keine Weisung gebunden und nur ihrem Gewissen verpflichtet. Deswegen muss ihnen der Wähler vertrauen. Auch hier wird der mündige Bürger auf Signale achten.

Die europäische Idee begründet egozentrische Kulturen. Sie bildet einen Antagonismus zu allen Varianten des Soziozentrismus und der von ihm bestimmten Weltanschauungen. Dies betrifft vor allem das Religiöse. Dies ist der europäischen Idee in jeder Hinsicht fremd, ganz gleich, in welcher Maskerade es auftritt. Auch der gottlose Kommunismus war dem europäischen Denken fremd, weil er einen Heilsplan anbot – von der kommunistischen Urgesellschaft durch die Hölle der Klassengesellschaft  geläutert hin zur entwickelten kommunistischen Gesellschaft der Zukunft. Diesem Heilsplan hatte sich das Individuum zu unterwerfen.

Die europäische Idee verträgt sich nicht mit Weltanschauungen. Was auch immer das Individuum anschaut, es ist nicht die Welt. Es sieht dieses oder jenes, nie aber dieses fiktive Ganze, das Welt genannt wird. Hinter jeder Weltanschauung steckt Ideologie und hinter jeder Ideologie lauern die Ideologen, die andere anweisen wollen, wie sie sich ihres Verstandes zu bedienen haben.

Paradoxerweise geht die größte Gefährdung der europäischen Idee heute von der europäischen Union aus. Um sich nämlich in der politischen Sphäre zu entfalten, bedarf der mündige Bürger eines demokratischen Nationalstaats. Diesem muss eine gemeinsame Kultur und Sprache zugrunde liegen (zumindest muss eine Lingua franca, die von allen gesprochen und gelesen werden kann). Nur so sind die lebendigen Diskurse möglich, die Demokratie in ihrer Wirklichkeit sind.

Die Europäische Union zeigt aber starke Tendenzen zur Entdemokratisierung, zu einer reinen, von den europäischen Völkern losgelösten Technokraten-Herrschaft. In die europäischen Nationen sind postdemokratische Verhältnisse eingekehrt. Vor den Kulissen findet Demokratie als perfekt inszeniertes Schauspiel statt, dahinter entscheidet eine transnationale politische im Sinne einer globalen wirtschaftlichen Elite.

In den Völkern aber rumort es, Widerspruch, ja, Widerstand wird laut – und dies beweist, wie lebendig die europäische Idee immer noch ist. So wehren sich zur Zeit gerade die Katalanen gegen den Zentralstaat in Madrid, wo castellano gesprochen wird. Schlimme Dinge sind geschehen am gestrigen Tag. Stellen wir uns vor, wenn wir, wovon manche Narren träumen! was geschähe, wenn wir eine europäische Zentralregierung hätten!

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