Die Demokratie, eine egozentrische Staatsform

In der Wahlkabine sind wir allein. Wir werden nicht von der Großfamilie umringt. Niemand schaut uns zu. Kein weltlicher oder geistliche Führer gibt uns Anweisungen. Wir entscheiden selbst, in welches Kästchen wir unser Kreuz setzen.

Die Demokratie ist eine Staatsform für Egozentriker. Kollektivisten brauchen keine Demokratie. Entweder der Stammesfürst entscheidet oder die Wahl ist offen und dient nur der politischen Dekoration. Wer aber den Schritt zur Demokratie geht, entscheidet sich fürs Individuum und für eine Staatsform, die mündige Bürger voraussetzt.

Die ist auch nicht weiter erstaunlich, denn die moderne Demokratie (jeder darf wählen, wenn er alt genug ist und den richtigen Pass hat) ist ein Kind der Aufklärung. Dem Geist der Aufklärung entspricht die Aufforderung, den Mut zu haben, sich seines eigenen Verstandes zu bedienten, ohne fremde Anleitung.

Der Egozentriker sagt: Ich glaube dieses oder jenes, weil ich es für richtig halte. Der Soziozentriker sagt: Ich glaube dieses oder jenes, weil wir es für richtig halten. Der Egozentriker wählt Abgeordnete, die ebenso Egozentriker sein dürfen, weil sie nur ihrem Gewissen verantwortlich und an keine Weisungen gebunden sind. Der Soziozentriker lässt sich willig von denen regieren, die im Einklang mit dem Glauben der Gruppe jene Macht ausüben, die ihnen nach Herkunft und Sitte gebührt.

Der Egozentriker ist rational. Er muss es sein. Niemand sagt ihn, was zu tun ist. Er muss es selbst herausfinden. Kein religiöser oder weltlicher Führer verrät ihm, wie Sachen oder Menschen und deren Beziehungen und Verhältnisse zu beurteilen sind. Der Soziozentriker jedoch schwimmt in den Selbstverständlichkeiten des gemeinsamen Glaubens wie ein Fisch im Wasser.

Was Fortschritt ist, was Rückschritt, kann nur anhand eines Maßstabes beurteilt werden. Ich bin Egozentriker. Ich wähle meinen eigenen Maßstab. Ich empfinde die Demokratie als Fortschritt gegenüber nicht demokratischen Staatsformen. Die stellt eine höhere Stufe der Zivilisation dar.

In einer Demokratie ist das Volk der Souverän. In der Wahlkabine repräsentieren Einzelne das Volk. Mündige Bürger haben sich ihres Verstandes ohne Anleitung durch andere bedient und machen nun ihr Kreuzchen in das Kästchen ihres Vertrauens.

Alle Staatsgewalt geht vom Volk aus. Sie ist nicht Gottes, sondern Volkes Wille. Sie ist nicht religiös fundiert, sondern durch die Verstandestätigkeit mündiger Bürger. Die Demokratie wurde im Widerstand gegen Despoten und Pfaffen errungen. Sie ist die wahre Emanzipation des Menschengeschlechts. Über sie führt nichts hinaus. Nur das Paradies ist schöner, doch der mündige Bürger weiß: Das Paradies ist ein Trugbild, eine Täuschung.

Die Demokratie ist bedroht. Sie wird immer bedroht sein. Sie ist nicht nur von Despoten und Pfaffen bedroht (die heutzutage mitunter auch anders heißen), sondern sie ist auch durch die Trägheitskraft im Individuum selbst bedroht. Menschen sind geistige Faulpelze. Sie neigen dazu, sich ihren Gefühlen und Stimmungen zu ergeben. Sie lassen sich auch gern dazu verführen. Das ist der Tod der Demokratie. Denn diese Staatsform setzt rationale Menschen voraus.

Wenn sich die Despoten und Pfaffen mit den soziozentrischen Tendenzen in den Individuen verbünden, dann verschwindet die Demokratie, bleibt allenfalls noch als postdemokratische leere Hülle pro forma für eine Weile bestehen. Dann tönen die Despoten und Pfaffen sowie ihre willigen Helfershelfer, dass Religion eine gute Sache sei, dass es in der Politik vor allem aufs wohlige Gefühl ankäme, dass es uns noch nie so gut gegangen sei wie zur Zeit und dass wir all dies der Tatkraft, der Umsicht und dem Fleiß unserer Eliten zu verdanken hätten.

In einer solchen postdemokratischen Gesellschaft werden die Egozentriker an den Rand gedrängt und die Soziozentriker dominieren das Feld. Man braucht sie ja wieder zur Restauration des Feudalismus. Bewährte Kräfte aus Ländern, in denen es nie Demokratie gab, sind dann auch wieder begehrt, sehr begehrt.

Konservativismus heißt nicht, bestehende Verhältnisse kritiklos bewahren zu wollen. Konservativismus bedeutet vielmehr, eine als Fortschritt erachtete Staatsform zu erhalten und gegen Bedrohungen zu verteidigen. In diesem Sinn bin ich ein konservativer Egozentriker.

 

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