Dialektik der Zivilisation

In der Praxis läuft zivilisiertes Verhalten darauf hinaus, keine Konflikte zu schüren, wenn es  nicht aus übergeordneten Gründen unvermeidlich ist. Aus Destruktivität oder Lust und Laune Streit anzuheizen, gar Gewalt zu riskieren, gilt in der gesitteten Gesellschaft als unziemlich.

Wer zivilisiert sein will, muss also seine spontanen emotionalen Impulse der Rationalität unterwerfen. Er muss Situationen analysieren, Interessen abwägen, nach einvernehmlichen Lösungen suchen. Ohne Rationalität ist zivilisiertes Verhalten nur das Ergebnis einer Dressur zum Gutsein, also im Grund nur eine Simulation.

Aus der Verquickung von Zivilisation und Rationalität ergibt sich ein gravierendes, kaum lösbares Dilemma in Klassengesellschaften. Der herrschenden Elite ist einerseits natürlich an zivilisierten Bürgern gelegen, andererseits möchte sie aber auch eine allzu kräftige Entwicklung der Rationalität nach Möglichkeit verhindern.

Heute sind Klassengesellschaften hochgradig arbeitsteilige Systeme. Um effektiv kooperieren zu können, müssen die Arbeitnehmer einander respektieren, unnötige Konflikte unterdrücken und Vertrauen zueinander entwickeln, kurz: Sie müssen zivilisiert sein.

Andererseits aber sollen sie auch miteinander konkurrieren und im Eifer des Gefechts ist es beinahe unvermeidlich, dass hin und wieder die Gebote der Fairness außer acht gelassen werden.

Zudem, und dies ist der entscheidende Punkt: Sind die Bürger gezwungen, im zivilisierten Umgang miteinander Rationalität zu entfalten, dann muss die herrschende Elite natürlich damit rechnen, dass sich dies womöglich früher oder später gegen sie wendet. Wenn nämlich der Bürger erst einmal eine umfassende rationale Haltung eingenommen hat, dann wird er auch die gesellschaftlichen Gerechtigkeit auf den Prüfstand stellen und dann allerdings würde er vermutlich über kurz oder lang die Legitimität der Klassengesellschaft hinterfragen.

Die Elite der modernen bürgerlichen Staaten scheint sich dazu entschieden zu haben, an die Stelle einer genuinen Zivilisation eine Simulation treten zu lassen. Die Bürger sollen dazu dressiert werden, sich so zu verhalten, als ob sie zivilisiert seien. Die so genannte politische Korrektheit (political correctness, PC) ist ein eindrucksvolles Beispiel für diesen Trend.

Angeblich soll PC die Diskriminierung von Minderheiten und Frauen abbauen. Sie spricht zu diesem Zweck aber nicht die Rationalität an. Vielmehr werden die Leute durch Lohn und Strafe konditioniert, bestimmte verpönte Wörter nicht mehr zu verwenden und stattdessen neue, unverfängliche Begriffe zu gebrauchen. Der Kontext, in dem die unerwünschten Wörter benutzt werden, wird dabei vollständig ignoriert. Dies ist erforderlich, um den Mechanismus der politischen Korrektheit von jeder Rationalität freizuhalten.

Ein weiterer Schachzug, um simulierte Zivilisation hervorzubringen, besteht in der Überbetonung und Überbewertung des Emotionalen und hier insbesondere der wohlwollenden Gefühle. Man konnte das sehr schön während des Hypes der so genannten Willkommenskultur beobachten. Die Leitfigur der Medien war eine, reine Güte verströmende, Frau zwischen vierzig und fünfzig, die an Bahnhöfen mit strahlendem Gesicht Flüchtlingskindern Teddybären in die Hand drückte.

Dass derartige Zivilisationssimulationen nicht sehr tragfähig sind, sieht man heute. Das ist eine Schönwetterzivilisation. Wenn der Stress etwas ärger wird, fallen die so dressierten Menschen wieder in die alte Barbarei zurück. Als sich zeigte, dass der anschwellende Flüchtlingsstrom alle heillos überforderte, spaltete sich die Gesellschaft in zwei Gruppen, die gleichermaßen barbarisch waren. Die einen wollten sich radikal gegenüber allen Fremden abschotten und die anderen verloren ihnen gegenüber jedes Augenmaß und jede Vorsicht.

Wer in diesen Tagen in Sachen Migration eine rationale, zivilisierte Haltung einnimmt, muss sich wie ein Außerirdischer fühlen. Eine sachliche Auseinandersetzung mit den meisten seiner Mitbürger wird ihm nicht mehr möglich sein.

Den Menschen fehlt ein intakter Kompass. Die Nadel spielt verrückt. Sie alle wähnen, Bürger eines zivilisierten Staats zu sein. Die einen wollen deswegen alle Fremden abwehren, die anderen aus eben diesen Gründen die Schutzsuchenden mit offenen Armen empfangen. Es fehlen ihnen die Maßstäbe, um zu unterscheiden. Sie wurden ja niemals mit rationalen Kriterien vertraut gemacht: nicht in der Familie, nicht in der Schule, nicht an der Universität, nicht durch die Medien, nicht in Parteien und sonstigen politischen Vereinigungen. Und nun stehen sie da.

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