Diagnose und Behandlung

Die Kategorien der psychiatrischen Diagnostik (die so genannten psychischen Krankheiten) beruhen auf Symptomen. Symptome sind Beschwerden, die vom Patienten berichtet oder aus seinem Verhalten erschlossen werden. Die Diagnostik fußt also nicht auf Ursachen, die durch objektive Verfahren ermittelt wurden.

Viele Menschen meinen, Psychiater seien Fachleute, denen die Ursachen der psychischen Krankheiten bekannt seien. Allein die Tatsache, dass ihre Diagnostik auf Symptomen beruht, lässt erkennen: Diese Meinung ist falsch. In den international gebräuchlichen Diagnose-Manualen (ICD, DSM) spielen Ursachen keine Rolle. Die „Krankheitsbilder“ werden durch Symptome definiert.

Wenn Diagnosen nur auf Symptomen beruhen, dann ist damit zwangsläufig eine Gefahr verbunden: Menschen werden u. U. in einer Kategorie zusammengefasst, deren Störung durch unterschiedliche Ursachen hervorgerufen wurde. Unterschiedliche Ursachen können aber u. U. auch unterschiedliche Behandlungen erfordern.

Die einzelnen Diagnosen, z. B. Schizophrenie oder Depression, stellen Muster von Symptomen dar. Diese Zusammenstellungen beruhen angeblich auf klinischer Erfahrung. Man hat den Eindruck, dass bestimmte Symptome häufig gemeinsam auftreten. Er zeigt sich aber auch gar nicht so selten, dass Menschen nicht voll in eine Kategorie passen, dafür aber teilweise in mehrere.1)Robert Kendell und Assen Jablensky gelangen nach einer Analyse der einschlägigen empirischen Literatur zu dem Schluss, dass die psychiatrische Diagnostik nicht trennscharf zwischen einzelnen psychischen Krankheiten und zwischen psychisch kranken und normalen Menschen unterscheiden kann (Kendell, R. & Jablensky, A. (2003). Distinguishing Between the Validity and Utility of Psychiatric Diagnoses, Am J Psychiatry; 160:4–12). Ein ähnliches Ergebnis hat J. S. Strauss vorgelegt (Strauss, J. (1979). Do psychiatric patients fit their diagnosis? Journal of Nervous and Mental Disease. 167:105-113 ). 

Diese Beispiele zeigen, dass psychiatrische Diagnosen für die Therapie nicht hilfreich sind. Sie sagen nichts darüber aus, welche Art der Behandlung erforderlich ist. Deswegen erlauben sie die Vorhersage des Behandlungsverlaufs und -erfolgs auch nicht. Allein auf Basis der Diagnose kann man nicht prognostizieren, ob ein Patient auf die eine oder andere Form der Therapie besser oder schlechter ansprechen wird.

Und so sind psychiatrische Diagnosen sowohl für den Patienten, als auch für seine Behandler sinnlos. Jedoch auch wenn sie sinnlos sind, so sind sie dennoch nicht folgenlos. Sie diskriminieren nämlich. Und sie gefährden das Selbstwertgefühl.

Manche meinen, dass die psychiatrische Forschung auf Diagnosen angewiesen sei. Sonst könne man die Befunde unterschiedlicher Studien ebenso wenig miteinander vergleichen wie Äpfel und Birnen. Doch da die Diagnostik nur auf Symptomen beruht, ist das Gegenteil der Fall. Der Pharma-Manager und Neurowissenschaftler H. Christian Fibiger betonte in einer Fachzeitschrift2)Fibiger, H. C. (2012). Psychiatry, The Pharmaceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics. Schizophrenia Bulletin, vol. 38 no. 4 pp. 649–650, dass sich die Pharmaindustrie weitgehend aus der Psychopharmakaforschung zurückgezogen habe. Der Grund:  Die psychiatrische Forschung orientiere sich an einer Diagnostik, die allein auf Symptomen beruhe. Deswegen biete sie keine Anhaltspunkte zur Entwicklung zulassungsfähiger Medikamente mit eigenständigem Wirkmechanismus.

Man kann der Psychiatrie nicht vorwerfen, dass sie die Ursachen der so genannten psychischen Krankheiten nicht kennt. Wenn ihr diese Ursachen klar wären, würde sie auch ihre diagnostischen Systeme darauf abstimmen. Zu beanstanden ist aber die psychiatrische Diagnostik auf Basis von Symptomen. Diese bringt weder Patienten, Behandlern, noch der Wissenschaft einen Nutzen.

Wir wissen nur wenig über die Ursachen gestörten Verhaltens. Dafür könnten auch Mängel der psychiatrischen Forschung mitverantwortlich sein. Bei aller Kritik sollte man aber bedenken, dass unser Gehirn das komplexeste System im gesamten uns bekannten Universum ist. Es gibt guten Grund zu der Annahme, dass wir uns deswegen nie voll begreifen werden.

Fußnoten   [ + ]

1. Robert Kendell und Assen Jablensky gelangen nach einer Analyse der einschlägigen empirischen Literatur zu dem Schluss, dass die psychiatrische Diagnostik nicht trennscharf zwischen einzelnen psychischen Krankheiten und zwischen psychisch kranken und normalen Menschen unterscheiden kann (Kendell, R. & Jablensky, A. (2003). Distinguishing Between the Validity and Utility of Psychiatric Diagnoses, Am J Psychiatry; 160:4–12). Ein ähnliches Ergebnis hat J. S. Strauss vorgelegt (Strauss, J. (1979). Do psychiatric patients fit their diagnosis? Journal of Nervous and Mental Disease. 167:105-113 ). 
2. Fibiger, H. C. (2012). Psychiatry, The Pharmaceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics. Schizophrenia Bulletin, vol. 38 no. 4 pp. 649–650