Psychiatrische Diagnostik – ein Gaukelspiel?

Die Kategorien der psychiatrischen Diagnostik (die so genannten psychischen Krankheiten) beruhen auf Symptomen. Symptome sind Beschwerden, die vom Patienten berichtet oder aus seinem Verhalten erschlossen werden.

Die Diagnostik fußt also nicht auf Ursachen, die durch objektive Verfahren ermittelt wurden. Natürlich können auch bei körperlichen Erkrankungen die Ursachen unbekannt sein. Die Diagnostik kann sich in diesen Fällen auf beobachtbare oder gar messbare Anzeichen (medizinische Zeichen) stützen, die regelhaft auf eine bestimmte Erkrankung hindeuten. Aber auch solche medizinischen Zeichen kennt man bei psychischen Krankheiten nicht.

Viele Menschen meinen, Psychiater seien Fachleute, denen die Ursachen der psychischen Krankheiten (zumindest teilweise) bekannt seien. Allein die Tatsache, dass ihre Diagnostik auf Symptomen beruht, lässt erkennen: Diese Meinung ist falsch.

In den international gebräuchlichen Diagnose-Manualen (ICD, DSM) spielen Ursachen oder Anzeichen für Krankheiten keine Rolle. Die „Krankheitsbilder“ werden durch Symptome definiert.
Der Grund dafür ist einfach. Man kennt weder Ursachen, noch medizinische Zeichen. Man hat nicht das geringste Wissen über die pathologischen Mechanismen, die diesen angeblichen psychischen Krankheiten zugrunde liegen sollen. Deswegen existieren auch keine objektiven Verfahren der Diagnostik.

Wenn Diagnosen nur auf Symptomen beruhen, dann ist damit zwangsläufig eine Gefahr verbunden: Menschen werden u. U. in einer Kategorie zusammengefasst, deren Störung durch unterschiedliche Ursachen hervorgerufen wurde. Unterschiedliche Ursachen können aber u. U. auch unterschiedliche Behandlungen erfordern.

Die einzelnen Diagnosen, z. B. Schizophrenie oder Depression, stellen Muster von Symptomen dar. Diese Zusammenstellungen beruhen angeblich auf klinischer Erfahrung. Man hat den Eindruck, dass bestimmte Symptome häufig gemeinsam auftreten.

Er zeigt sich aber auch gar nicht so selten, dass Menschen nicht voll in eine Kategorie passen, dafür aber teilweise in mehrere.1)Robert Kendell und Assen Jablensky gelangen nach einer Analyse der einschlägigen empirischen Literatur zu dem Schluss, dass die psychiatrische Diagnostik nicht trennscharf zwischen einzelnen psychischen Krankheiten und zwischen psychisch kranken und normalen Menschen unterscheiden kann (Kendell, R. & Jablensky, A. (2003). Distinguishing Between the Validity and Utility of Psychiatric Diagnoses, Am J Psychiatry; 160:4–12). Ein ähnliches Ergebnis hat J. S. Strauss vorgelegt (Strauss, J. (1979). Do psychiatric patients fit their diagnosis? Journal of Nervous and Mental Disease. 167:105-113 ). Kotov, R. et al. stoßen in dasselbe Horn: Kotov, R. et al. (2017). The Hierarchical Taxonomy of Psychopathology (HiTOP): A dimensional alternative to traditional nosologies. Journal of Abnormal Psychology, Vol 126(4), May 2017, 454-477

Diese Beispiele zeigen, dass psychiatrische Diagnosen für die Therapie nicht hilfreich sind.
Sie sagen nichts darüber aus, welche Art der Behandlung erforderlich ist. Deswegen erlauben sie die Vorhersage des Behandlungsverlaufs und -erfolgs auch nicht. Allein auf Basis der Diagnose kann man nicht prognostizieren, ob ein Patient auf die eine oder andere Form der Therapie besser oder schlechter ansprechen wird.

Und so sind psychiatrische Diagnosen sowohl für den Patienten, als auch für seine Behandler sinnlos. Jedoch auch wenn sie sinnlos sind, so sind sie dennoch nicht folgenlos. Sie diskriminieren nämlich. Und sie gefährden das Selbstwertgefühl.

Manche meinen, dass die psychiatrische Forschung auf Diagnosen wie Schizophrenie oder Borderline-Persönlichkeitsstörung angewiesen sei. Sonst könne man die Befunde unterschiedlicher Studien ebenso wenig miteinander vergleichen wie Äpfel und Birnen.

Doch da die Diagnostik nur auf Symptomen beruht, ist das Gegenteil der Fall. Der Pharma-Manager und Neurowissenschaftler H. Christian Fibiger betonte in einer Fachzeitschrift2)Fibiger, H. C. (2012). Psychiatry, The Pharmaceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics. Schizophrenia Bulletin, vol. 38 no. 4 pp. 649–650, dass sich die Pharmaindustrie weitgehend aus der Psychopharmakaforschung zurückgezogen habe.

Der Grund:  Die psychiatrische Forschung orientiere sich an einer Diagnostik, die allein auf Symptomen beruhe. Deswegen biete sie keine Anhaltspunkte zur Entwicklung zulassungsfähiger Medikamente mit eigenständigem Wirkmechanismus.

Man kann der Psychiatrie nicht vorwerfen, dass sie die Ursachen der so genannten psychischen Krankheiten nicht kennt. Wenn ihr diese Ursachen klar wären, würde sie auch ihre diagnostischen Systeme darauf abstimmen.

Zu beanstanden ist aber die psychiatrische Diagnostik auf Basis von Symptomen. Diese bringt weder Patienten, Behandlern, noch der Wissenschaft einen Nutzen.

Deswegen halte ich es für unbedingt erforderlich, die symptom-basierte psychiatrische Diagnostik zu untersagen. Sie stellt eine Diskriminierung dar, die durch keinerlei Vorteile für Patienten oder die Gesellschaft insgesamt gerechtfertigt werden kann.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass offenbar das Beharren auf dieser Form der Diagnostik einen wenig schmeichelhaften Grund hat.

Man möchte damit suggerieren,

  • dass es sich bei der Psychiatrie um eine unter vielen medizinischen Spezialgebieten handele,
  • dass die psychiatrische Therapie mit jeder anderen Form medizinischer Behandlung vergleichbar sei.

Damit möchte man verschleiern, dass die Psychiatrie eventuell gar nicht für Probleme dieser Art zuständig sein könnte, weil es sich bei den so genannten psychischen Krankheiten gar nicht um Krankheiten handelt.

Fußnoten   [ + ]

1.Robert Kendell und Assen Jablensky gelangen nach einer Analyse der einschlägigen empirischen Literatur zu dem Schluss, dass die psychiatrische Diagnostik nicht trennscharf zwischen einzelnen psychischen Krankheiten und zwischen psychisch kranken und normalen Menschen unterscheiden kann (Kendell, R. & Jablensky, A. (2003). Distinguishing Between the Validity and Utility of Psychiatric Diagnoses, Am J Psychiatry; 160:4–12). Ein ähnliches Ergebnis hat J. S. Strauss vorgelegt (Strauss, J. (1979). Do psychiatric patients fit their diagnosis? Journal of Nervous and Mental Disease. 167:105-113 ). Kotov, R. et al. stoßen in dasselbe Horn: Kotov, R. et al. (2017). The Hierarchical Taxonomy of Psychopathology (HiTOP): A dimensional alternative to traditional nosologies. Journal of Abnormal Psychology, Vol 126(4), May 2017, 454-477
2.Fibiger, H. C. (2012). Psychiatry, The Pharmaceutical Industry, and The Road to Better Therapeutics. Schizophrenia Bulletin, vol. 38 no. 4 pp. 649–650