Der rationale Kern der Psychotherapie

Belege für folgende These kann ich nicht vorlegen, denn die gegenwärtige Psychotherapie-Forschung unterstellt die Existenz „psychischer Krankheiten“ oder Störungen; daher kann man nicht erwarten, dass sie Daten liefert, die meine These stützen, die auf der Voraussetzung beruht, dass „psychische Krankheiten“ oder Störungen eine Fiktion sind.

Ich unterstelle, dass Menschen, die in eine Psychotherapie gehen, sich nicht grundsätzlich von den Menschen unterscheiden, die dies nicht tun. Menschen sind nach meiner Überzeugung im Allgemeinen rationale Wesen in dem Sinne1, dass sie sich unter allen von ihnen wahrgenommenen Handlungsalternativen für jene entscheiden, die sie für die beste halten. Es mag allerdings sein, dass sie nicht alle Alternativen erkennen, die sich ihnen bieten, und es mag auch sein, dass sie sich bei der Bewertung der erkannten Alternativen irren.

Diese Überlegung trifft aus meiner Sicht nicht nur auf „normale“ Menschen zu, sondern auch auf Psychotherapie-Patienten. Sie haben sich zunächst dazu entschieden, dass die Rolle des „psychisch Kranken“ die beste aller Möglichkeiten sei, die sich ihnen bieten. Sie haben dann jedoch bemerkt, dass diese Rolle mit allerlei Widrigkeiten verbunden ist, die sie nicht in Kauf nehmen möchten. Daher gehen sie zum Psychotherapeuten, weil sie meinen, sich aus ihren Verstrickungen nicht mehr aus eigener Kraft lösen zu können.

Ich lasse hier jene Psychotherapie-Kunden außer Betracht, die sich, innerlich widerstrebend, unter äußerem Druck in eine Psychotherapie begeben. Weiterhin berücksichtige ich jene „Patienten“ nicht, die von der Psychotherapie vor allem eine Bestätigung erwarten, dass sie „unheilbar Krank“ seien und dass ihnen niemand mehr helfen könne. Schließlich werden auch jene „Kranken“ nicht berücksichtigt, die einsam sind und in der Therapie vor allem Zuwendung suchen. Schlussendlich interessiert in dieser Zusammenhang auch nicht die große Gruppe jener „Psychotherapiepatienten“, die sich einfach nur darum einer Behandlung unterziehen, weil dies als zur Krankenrolle gehörend wahrgenommen wird.

Mir geht es in meinem Modell um den Idealfall eines „Patienten“, der daran glaubt, krank oder gestört zu sein und der darauf hofft, dass ihn Therapeut und Therapie heilen können. Dieser Patient hat sich, im Sinne der vorangestellten Überlegungen, zwar dazu entschieden, „psychisch krank“ zu sein – aber diese Entscheidung war meist ziemlich undurchdacht. In der Regel bestand die Entscheidung aus vielen kleinen Teilentscheidungen, die letztlich zu Phänomenen führten, die dann von der Psychiatrie als Symptome einer psychischen Krankheit missdeutet werden.

In der Regel erlebte der „Patient“ die „psychische Krankheit“ nur darum als die beste aller möglichen Alternativen, weil er sich die Konsequenzen dieser Entscheidung nicht zureichend ausgemalt hatte. Nun, da die negativen Folgewirkungen dieser Entscheidung krass ans Licht treten, muss er feststellen, dass es, aufgrund der bereits entwickelten Verstrickungen, zumindest aus eigener Kraft kein Zurück mehr zu geben scheint. Volkstümlich könnte man sagen: Der „Patient“ hat sich verrannt.

Dies scheint natürlich nur so, denn in Wirklichkeit kann man selbstverständlich die Entscheidung, „psychisch krank“ zu sein, wieder rückgängig machen. Nicht zu revidieren sind aber oftmals die Konsequenzen von Handlungen, zu denen man sich im Zustand der „psychischen Krankheit“ hinreißen ließ. Dadurch können, scheinbar oder tatsächlich, Lebensperspektiven verbaut worden sein, die zu einer Verschärfung der misslichen Lebenslage geführt haben. Dies bedeutet, dass der Betroffene bessere Alternativen zur Übernahme der Rolle des psychisch Kranken u. U. noch weniger zu erkennen vermag als jemals zuvor.

Nun also schleppt sich unser idealer Patient, aus seiner Talsohle kommend, hinein in das Behandlungszimmer eines Psychotherapeuten. Zunächst angstvoll und skeptisch, schenkt ihm allein die Tatsache, dass sich hier jemand ernsthaft mit seinen Leiden auseinandersetzt, neuen Mut und neue Kraft. Vielleicht, so dämmert es ihm, gibt es ja doch ein Leben ohne „psychische Krankheit“ für mich.

Unabhängig von der gewählten Methode läuft der Job des Psychotherapeuten darauf hinaus, dem „Patienten“ alternative Handlungsalternativen zur „psychischen Krankheit“ schmackhaft zu machen. Wenn beispielsweise der klassische Psychoanalytiker, der sich grundsätzlich weigert, Ratschläge zu erteilen, das Verhalten seines Patienten als Ausdruck des infantilen Unbewussten deutet, so signalisiert er damit implizit, dass dieses Verhalten „krank“ und Alternativen dazu die bessere Lösung seien.

Der “Patient” wird durch Psychotherapie gleich welcher Art regelrecht gezwungen, seine Einschätzung seiner Verhaltensalternativen im realen Leben noch einmal zu rekapitulieren und ggf. neu einzuschätzen.

Es ist daher kein Wunder, dass alle bisher miteinander verglichenen Psychotherapieformen sich als gleichwertig herausgestellt haben. Daher ist es auch nicht überraschend, dass Profis in diesem Bereich nicht effektiver sind als Laien. Eine Psychotherapie ist erfolgreich, wenn der „Patient“ Handlungsalternativen erkennt und auswählt, die in seiner gegebenen Situation besser sind als die mit der Rolle des „psychisch Kranken“ verbundenen Muster des Verhaltens und Erlebens.

Was aber ist besser? Das ist schlussendlich eine subjektive Bewertung, und es ist denkbar, dass der Betroffene nach einiger Zeit, unter der Last schmerzlicher Erfahrungen, wieder in sein „psychisch krankes“ Muster zurückfällt.

Kurz: Psychotherapiepatienten sind normale Leute, die sich im Allgemeinen für Verhaltensmuster oder Lebensstile entscheiden, die sie für die besten halten. Wenn sie ihr Verhalten ändern – sei es unter dem Einfluss einer Psychotherapie oder nicht -, dann, weil sie sich anders besonnen haben.

Wer sich in eine Psychotherapie begibt, hat dann die besten Erfolgsaussichten, wenn er tatsächlich vorhat, sich anders zu besinnen.

Ein häufiger Einwand gegen diese These besteht darin, dass „psychische Krankheiten“ wie beispielsweise die Anorexie oder eine Depression mit Suizidneigung unmöglich die beste der vorhandenen Handlungsalternativen sein könnten.

Von außen betrachtet, ist dies sicher richtig, klar. Wer den „Patienten“ seine Außensicht aufzwingen will, der mag sich mit dieser „Erkenntnis“ zufriedengeben. In meinem Modell kommt es jedoch nicht auf diese Außensicht, sondern auf die Innensicht an. Niemand kennt die Innensicht anderer Menschen, man kann darüber nur spekulieren.

Ich weigere mich, Menschen spekulativ Pathologisches zu unterstellen, weil sie sich in einer Weise verhalten, die ich nicht gutheiße bzw. als unangemessen oder irrational empfinde.

In meinem Modell ist der Psychotherapiepatient ein normaler Mensch, der im Falle des „Erfolges der Behandlung“ eine Entscheidung revidiert, weil er eine bessere gefunden zu haben glaubt. Ob dies nach einer „Psychotherapie“ oder nach Gesprächen mit der besten Freundin, dem Friseur oder Barmann geschieht, ist im Endeffekt egal.

In einem anderen Sinn neigen sie allerdings zur Irrationalität, weil sie bei ihren Entscheidungen die verfügbaren Informationen nicht voll ausschöpfen.

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