Der irre Spaß, aus der Rolle zu fallen

Irre machen immer Schwierigkeiten. Sie können verdammt lästig werden. Sie fallen vor allem ihrer Umwelt zur Last. Je intoleranter die Menschen des Umfelds eines Irren sind, desto größer sind die Schwierigkeiten. Besonders die Angehörigen machen Ärger. Deswegen aber wollen wir sie nicht tadeln, denn in den allermeisten Fällen steckt kein böser Wille hinter ihrem Verhalten. Sie haben einfach nicht gelernt, ihre Furcht vor dem Andersartigen, dem Außergewöhnlichen, dem Abweichenden, dem Unheimlichen anders zu bewältigen – als durch Aggression und Ausgrenzung.

John F. Nash war Mathematiker, Ökonom und seine Fähigkeit, die Trampelpfade des Geistes zu verlassen und sich in weglosem, unwegsamen Gelände zu orientieren, brachte ihm den Nobelpreis ein. Sein Leben wurde verfilmt: „A beautiful mind.“ Seither ist weithin bekannt, dass dieser Nobelpreisträger als schizophren diagnostiziert und zwangsweise hinter den Gittern psychiatrischer Anstalten behandelt wurde.

Und dies nicht ohne Erfolg: Er habe, auch dank dieser Erfahrungen, zu einer Art erzwungener Rationalität zurückgefunden und denke überwiegend wieder so, wie es sich für einen anständigen Wissenschaftler gehöre, sagte er später.

Dies sei ihm, so schrieb er in einer autobiographischen Notiz auf der Website des Nobelpreises, allerdings nicht leicht gefallen:

“Doch dies ist nicht vollends ein Grund zur Freude, so, als ob jemand von körperlicher Beeinträchtigung zu guter physischer Gesundheit zurückkehrt. Ein Aspekt davon ist, dass die Rationalität des Denkens dem Konzept eine Grenze auferlegt, das eine Person über ihre Beziehung zum Kosmos hat. Beispielsweise könnte ein Nicht-Anhänger des Zoroastrismus‘ denken, dass Zarathustra nur ein Irrer war, der Millionen naiver Jünger dazu brachte, den Kult ritueller Feuerverehrung anzunehmen. Doch ohne seine ‚Verrücktheit‘ wäre Zarathustra notwendigerweise nichts anderes gewesen als einer von Millionen oder Milliarden menschlicher Individuen, die lebten und dann wieder vergessen wurden.“i

In einem Vortragii während des jährlichen Treffens der amerikanischen psychiatrischen Vereinigung (American Psychiatric Association, APA) sagte er, dass sich der Geist eines Menschen, der nicht in einer sozial akzeptablen Weise funktioniere, im Streik befinde. Wenn man diese Idee, der ich aus vollem Herzen beipflichte, mit dem obigen Zitat zusammenfügt, dann könnte man schlussfolgern, dass der Geist eines so genannten psychisch Kranken sich gegen die Beschränkungen auflehnt, die ihm der Zwang zur Rationalität auferlegt, wobei Rationalität natürlich gemessen wird am Nutzen, den ein Muster des Verhaltens und Erlebens unter den gegebenen Lebensbedingungen eines Individuums stiftet (die u. U. völlig pervers sind).

Nash sagte einmal, er sei schon immer größenwahnsinnig gewesen. Er habe schon immer geglaubt, etwas ganz Besonderes zu sein. Mit der Verleihung des Nobelpreises habe sich seine Lebensgeschichte diesem grandiosen Wahn anverwandelt. Der Mann hatte durchaus Humor.

Nash bezweifelte, dass er bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse gehabt hätte, wenn sein Denken normaler gewesen wäre. Wie kann denn auch ein Mensch, dessen Verhältnis zum Kosmos unter massiven Einschränkungen leidet, etwas hervorbringen, das im Licht der Ewigkeit Bestand hat?

Im Laufe meines Lebens habe ich des öfteren Menschen, die als schizophren diagnostiziert worden waren, ins Auge geblickt, die vermutlich keine Chance hatten, jemals den Nobelpreis zu erhalten. So habe ich beispielsweise einen Menschen erlebt, der fürchterliche Angst vor mir zu haben behauptete, weil er davon, so sagte er, überzeugt sei, dass ich magische Fähigkeiten besitze, unter anderem jene, allein mit der Kraft meines Geistes einen Abfalleimer in einen Müllcontainer zu entleeren. Er begegnete mir, dem Schwarzmagier, mit einer vehementen Mischung aus Furcht und Zorn, die mir keineswegs übertrieben schien.

Damals glaubte ich, einem armen Schwein gegenüberzustehen, dem ich unter Preisgabe eigener Interessen nach Kräften zu helfen hatte. Welch ein Narr ich war! Hätte ich schon damals gewusst, was ich heute weiß, dann wäre es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dann hätte ich die große, die übergroße Lust erkannt, die sich hinter all dieser Furcht, hinter all diesem heiligen Zorn verbarg. Dieser Mensch genoss es, in einer grenzenlos irrationalen Weise (gemessen an den Maßstäben der „Normalen“) aus der Rolle zu fallen – und dies nicht etwa, um sich strukturlosem, chaotischen Verhalten zu anheimzugeben, sondern um großes Theater zu inszenieren – mit sich selbst in der Hauptrolle.

Und heute, Jahrzehnte später, erinnere ich mich an solche Szenen, an solche bühnenreifen Auftritte – und kaum noch an Alltägliches. Nein, natürlich gab es da nichts zu helfen, nein, natürlich mussten meine hilflosen Versuche, diesen Menschen zur Vernunft zu bringen, scheitern, denn genau dieses Versagen war ja in dem Stück, das zur Aufführung gelangte, auch vorgesehen. Die gewaltige Lust bei dieser Performance fiel mir nicht auf. Ich sah nur Angst, Schrecken, Verzweiflung, Wahn.

Allein, ein Schauspieler, der in seiner Rolle brilliert, dem ein fasziniertes Publikum mit angehaltenem Atem folgt, der ist ja auch von überbordender Lust, Spiellust, Spiellaune erfüllt, obwohl er sie natürlich nicht zeigen darf, weil er sonst ja aus der Theater-Rolle fiele.iii Mind on Strike, sagte Nash. Klar. Der „psychisch Kranke“ weigert sich, die ihm auferlegten sozialen Rollen zu spielen. Er fällt aus der Rolle. Aber nicht, um sich der Anarchie zu ergeben (obwohl dies „dem verwunderten Laien“ oftmals so scheint – während der staunende Fachmann Wissen vorschützt, das er nicht besitzt): Sondern um eine andere Rolle zu spielen, eine Rolle aus dem Repertoire des Streiks, eine Rolle aus dem Repertoire der Macht, eine Rolle aus dem Repertoire der Verweigerung, der menschlichen Größe, in Verantwortung vor dem Kosmos, vor den Augen des Allerhöchsten.

Und so ist es ja auch nicht weiter erstaunlich, dass der seinerzeitige Pate der Psychiatrie, der erste Lehrstuhlinhaber dieser Zunft, Jean-Martin Charcot, im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in seiner Mega-Klinik, der Salpêtrière, ein veritables Theater unterhielt, wo er seine Irren einem staunenden Publikum vorführte; die Creme de la Creme der Pariser Gesellschaft strömte zusammen, um sich an diesen Vorführungen zu ergötzen.

Damals war noch etwas vom wahren Wesen der Beziehung zwischen den Verrückten und ihrem Publikum lebendig, was sich dann im Lauf der Jahrzehnte jedoch, dank zunehmender „Verwissenschaftlichung“, immer mehr den Blicken entzog. Im geschützten Rahmen ist das Rollenspiel des Irren durchaus ergötzlich.

Nun wird mancher einwenden, dass „diese Analogie“ zwischen dem Theaterspiel und „dem Verhalten psychisch Kranker“ zwar auf den ersten Blick verblüffend sei, sich aber bei tiefgründiger Betrachtung als „feuilletonistisch“ erweise, denn schließlich sei der psychisch Kranke nicht freiwillig am Werke, er werde getrieben, und außerdem seien die Konsequenzen seines Handelns nicht etwa pures Theater, sondern oft, nur zu oft, blutiger Ernst.

Suizid, heißt es, Suizid. Ja, sicher, Suizid, Suizid. Wer sagt denn, dass der Selbstmordversuch kein Theater sein könne? Das Theater wurzelt im Ritual und das Ritual ist reine Mitteilung; es ist wahrscheinlich, dass es im Übergangsfeld zwischen Tier und Mensch die entscheidende Rolle bei der humanen Sprachentwicklung spielte. Auch das suizidale Theater will uns etwas sagen, mitunter, leider, in Form eines letzten Wortes. Vielen fällt heute zu diesem letzten Wort nichts weiter mehr als „Serotoninmangel“ ein. So pervers ist unsere Welt geworden.

Und dann erst die gefährlichen Irren. Die mit Messern stechen. Das sind schließlich keine Theatermesser. Sie wissen es ja inzwischen selbst, lieber Leser, dass sogar die „paranoiden Schizophrenen“, die Paradepferde psychogener Gewalttätigkeiten, selbst dann, wenn sie Drogen und Alkohol missbrauchen, im statistischen Durchschnitt nicht gefährlicher sind als Menschen, die Drogen und Alkohol missbrauchen, ohne „psychotisch“ zu sein.

Was unsere Gefährlichkeitsprognostik betrifft, sollten wir uns nicht täuschen lassen: Wer sich als besonders gefährlich inszeniert, wer rast, tobt, vor Wut schnaubt und mit Gewalttat droht, ist deswegen nicht zwangsläufig tatsächlich gefährlich. Man möge vielmehr auf die unauffälligen Gewalttäter achten, beispielsweise auf seriöse Damen und Herren in Business-Kleidung, die verantwortungslos mit giftigen Wertpapieren zocken, lügen, betrügen und Tausende ins Elend stürzen, während sie selbst satte Boni einstreichen und straffrei ausgehen – und vor lauter Freude darüber besoffen oder mit Koks im Hirn Auto fahren.

Man mag die Exzesse des Finanzkapitalismus für wahnsinnig halten, aber, wie Charles H. Ferguson in seinem Buch „Inside Job“ sowie dem gleichnamigen Dokumentarfilm gezeigt hat, folgen sie durchaus einer nachvollziehbaren Rationalität. Der Bezugsrahmen dieser Rationalität, der dem Verhalten der Akteure beispielsweise angesichts einer „Blase“ zugrunde liegt, ist nur der überwiegenden Mehrheit der Menschen nicht vertraut, und deswegen halten sie für wahnsinnig, was einer glasklaren und knallharten Logik unterliegt.

Dies ist bei den gewöhnlichen Irren, deren Theater bei weitem nicht so viel einbringt, nicht anders: Sobald man den Bezugsrahmen, den tatsächlichen Kontext, die wirklichen Voraussetzungen erkennt, begreift man auch den Sinn. Doch selbstverständlich wird uns, wenn wir erst einmal des Sinn begreifen, deswegen nicht jedes Stück gefallen. Doch selbst wenn das Stück schlecht ist, kann es den Akteuren mordsmäßigen Spaß bringen.

Ein „psychisch Kranker“, dem es also an Ernsthaftigkeit gebricht und der nicht genug geübt hat, darf sich nicht wundern, wenn er ausgebuht wird. Allerdings, dies sei der Fairness halber erwähnt, fällt auch eine brillante Darbietung mitunter durch, weil das Publikum aus Banausen besteht, die wahre Kunst nicht zu würdigen wissen.

Nash bekam schlussendlich den Nobelpreis. Die meisten Verrückten aber werden mehr oder weniger leer ausgehen, es sei denn, sie wären z. B. in den Chefetagen der Finanzwirtschaft tätig. Darum ist es für die Zukurzgekommenen natürlich ganz, ganz wichtig, beim Schauspielen möglichst viel Spaß an der Freude haben. Der Weg ist das Ziel.

Nash, J. (1994). John F. Nash Jr. – Biographical. Nobelprice.org

ii Neubauer, D. (2007). John Nash and a Beautiful Mind on Strike. Yahoo Health

iii Wenn wir einem Schauspieler Spiellust unterstellen, so erschließen wir sie, aus der Brillanz seiner Darstellung, wir sehen sie nicht und wir hören sie nicht.

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