Depression

Vorbemerkung

Sie fühlen sich traurig und leer. Ihr Interesse an Dingen, die ihnen zuvor Freude bereiteten, ist deutlich vermindert. Sie schlafen zu viel oder zu wenig. Sie leiden unter Müdigkeit und Energieverlust. Sie bekunden, sich schuldig und wertlos zu fühlen. Entscheidungen fallen ihnen schwer. Sie können sich nicht konzentrieren. Oft denken sie an den Tod und mitunter auch daran, sich selbst das Leben zu nehmen. Es ist, als ob sie ein schwarzes Loch verschluckt hätte. Sie leiden, keine Frage, allein: Ist das unvermeidlich?

Sind Depressive wegen ihres Zustands zu tadeln? In jenen seligen Tagen, als das Marketing noch griff, wäre diese Frage leicht zu beantworten gewesen. Nämlich mit: Natürlich nicht. Sie leiden an einem Serotoninmangel. Dafür können sie schließlich nichts. Eine der Grundregeln des Marketings lautet: Überzeuge mit einfachen Botschaften:

Im Gehirn eines Depressiven herrscht ein Mangel an dem Botenstoff Serotonin. Wir haben hier eine Pille, die diesen Mangel behebt, und schon lacht die Sonne wieder.“

Inzwischen allerdings ist die Serotonin-Theorie der Depression im Licht der empirischen Forschung in sich zusammengebrochen; Eero Castrén beispielsweise zieht es vor, angesichts des Forschungsstandes über Störungen der Informationsverarbeitung in neuronalen Netzwerken zu spekulieren, da die These des „chemischen Ungleichgewichts“ nicht länger haltbar sei (Castrén 2005).

Nunmehr wissen wir auch, dass diese pseudo-wissenschaftliche Theorie des Serotoninmangels mit erheblichem Aufwand vom Pharma-Marketing propagiert wurde (Lacasse & Leo 2005).

Peter Gøtzsche, einer der Mitbegründer der renommierten Cochrane Collaboration zur medizinischen Qualitätssicherung, bezeichnet die Serotonin-These auf Basis seiner Literatur-Recherchen als Schwindel („hoax“) (Gøtzsche 2013).

Phänomenologie

Was aber, wenn nicht ein Serotoninmangel, bringt die Depression hervor? Ist etwa ein anderer Neurotransmitter dafür verantwortlich oder gestörte Schaltkreise im Gehirn? Bevor wir uns diesem Thema zuwenden können, müssen wir uns zunächst ein ein etwas genaueres Bild von dieser „psychischen Krankheit“ machen.

Goethe schreibt:

“Gut verloren – etwas verloren!
Musst rasch dich besinnen
Und neues gewinnen.
Ehre verloren – viel verloren!
Musst Ruhm gewinnen,
Da werden die Leute sich anders besinnen.
Mut verloren – alles verloren!
Da wär es besser: nicht geboren.”1

Der Depressive erweckt den Eindruck, als habe er den schlimmsten Verlust erlitten, den ein Mensch überhaupt zu erleiden vermag, als habe er tatsächlich den Mut verloren, als sei es für ihn besser, nicht geboren worden zu sein.

Manche Depressive haben in der Tat Gut verloren, indem sie beispielsweise arbeitslos wurden; oder sie haben Ehre verloren, weil sie Haus und Hof verspielt und ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten oder weil ihnen der Ehepartner davonlief; aber viele Depressive leben in gesicherten Verhältnissen und ihr Ruf ist tadellos.

Dennoch wirken sie, oft ohne erkennbaren, zulänglichen Grund, so, als hätten sie all ihren Mut eingebüßt. Warum also spiegeln sie ihren Mitmenschen diesen Eindruck vor? Dass Serotonin als Erklärung dafür nicht taugt, wissen wir bereits; ob zukünftig vergleichbaren „biologischen“ Hypothesen ein anderes Schicksal beschieden sein wird als dem Serotonin, erscheint beim gegenwärtigen Forschungsstand zweifelhaft.

Die Depressiven wollen uns glauben machen, dass ihnen nichts mehr Freude bereite, dass sie keine Kraft mehr in sich spürten, dass ihnen das Leben fad und widerwärtig schmecke, dass ihnen sogar das Denken zur Qual werde und dass ihre Gefühlswelt ausgebrannt sei, als ob sich eine Feuerwand durch ihre Seele gewalzt und dort nur kalte Asche hinterlassen habe.

Keine Werbung bitte

Im deutschen Heilmittelwerbegesetz (§ 10 Abs. 2 HWG) heißt es:

“Für Arzneimittel, die dazu bestimmt sind, bei Menschen die Schlaflosigkeit oder psychische Störungen zu beseitigen oder die Stimmungslage zu beeinflussen, darf außerhalb der Fachkreise nicht geworben werden.”

In Amerika ist das anders. Dort ist es der Pharmaindustrie erlaubt, den Endverbraucher direkt anzusprechen. Gefragt sind also einfache Werbebotschaften. Einer dieser Slogans lautet sinngemäß:

Depressionen sind die Folge eines Serotoninmangels im Gehirn. So wie der Zuckerkranke Insulin benötigt, braucht der Depressive ein Mittel, das den Serotoninspiegel steigert.

Nach einer Analyse der Psychiater Jeffrey R. Lacasse und Jonathan Leo (Lacasse & Leo 2005) hat sich die Serotonin-Hypothese in den Köpfen vieler amerikanischer Verbraucher festgesetzt. Es sei daher zu vermuten, dass viele Patienten sich deswegen einbildeten, sie litten an einen Serotoninmangel. Dies würde sie motivieren, ihren Arzt um ein Antidepressivum zu bitten.

In ihrem Artikel weisen die Autoren allerdings nach, dass die Werbebotschaft durch den Stand der wissenschaftlichen Forschung nicht bestätigt wird. Es gibt nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass die Serotonin-Hypothese zutrifft; im Gegenteil: Viele Befunde stehen eindeutig in Widerspruch zu ihr.

Wenn es noch nicht einmal, so schreiben die Autoren, eine wissenschaftlich anerkannte Theorie des chemischen Gleichgewichts beim Serotonin gebe, wie könne man da von einem chemischen Ungleichgewicht sprechen – Fragezeichen!

Dass die Serotonin-Hypothese falsch ist, weiß man im Übrigen schon lange. So schrieben Wissenschaftler des National Institute of Mental Health (NIMH), einer dem amerikanischen Gesundheitsministerium unterstellten Behörde, bereits 1984:

“Erhöhungen oder Senkungen des Funktionsniveaus sorotonerger Systeme an sich sind wahrscheinlich nicht mit der Depression assoziiert (Maas 1984).”

In seinem Buch „Blaming the Brain“ (1998) unterzog der Neurowissenschaftler Elliot Valenstein auch die Serotonin-Hypothese einer kritischen Überprüfung, gelangte zu einem vernichtenden Urteil und nahm bereits den Grundgedanken der Studie von Lacasse & Leo vorweg:

“Die Entwicklung von Medikamenten wird stärker von Marketing-Überlegungen angetrieben als von einem klaren Verständnis dessen, was die Depression verursacht und wie Medikamente manchmal diesen Zustand lindern.”

Zu einem ähnlichen Befund gelangt in neuerer Zeit der dänische Arzt und Leiter des Nordic Cochrane Centre, Peter Gøtzsche, der, gestützt auf zahlreiche seriöse Studien, die Serotonin-These (ebenso wie die Dopamin-These der Schizophrenie) als Schwindel im Interesse der Pharmaindustrie bezeichnet (Gøtzsche 2013).

Der britische Psychologe James Davies schlägt in dieselbe Kerbe:

“… nach beinahe fünfzig Jahren der Forschung zur Theorie der chemischen Gleichgewichtsstörungen gibt es nicht ein Stück überzeugender Evidenz, dass diese Theorie korrekt ist (Davies 2013).“

Soziale und genetische Gründe?

Die Zahl der Depressiven nimmt angeblich in allen Industrienationen beständig zu; man könnte also spekulieren, dass diese „psychische Störung“ mit den Belastungen, die das moderne Arbeitsleben charakterisieren, oder mit den entfremdeten Lebensbedingungen in kapitalistischen Gesellschaften zusammenhängt. Aus dieser Sicht könnte man die Depression als eine Stress-Erkrankung interpretieren.

Dagegen spricht allerdings, dass es keinen direkten Zusammenhang zwischen stressauslösenden Bedingungen und depressiven Reaktionen gibt. Menschen unterscheiden sich ganz erheblich hinsichtlich ihrer Belastbarkeit und generell gilt: Je stabiler die sozialen Beziehungen eines Menschen sind, je häufiger er positive Emotionen erfährt und je klarer ihm der eigene Lebenssinn vor Augen steht, desto belastbarer ist er auch (Rutten et al. 2013).

Es gibt also vernünftige Gründe dafür zu unterstellen, dass weder das Serotonin (oder andere biologische Faktoren), noch die Belastungen des Alltagslebens hinlänglich zu erklären vermögen, warum ein Mensch den Eindruck erweckt, dass er den Mut verloren habe und besser nicht geboren worden wäre.

Es steht zu vermuten, dass es Gründe für diese Selbstdarstellung gibt, die sich nicht mit derart vordergründigen Faktoren erklären lassen und die sich daher, in Form kurzer Botschaften, weder für das Pharma-Marketing, noch für die antikapitalistische politische Propaganda eignen.

Eine weitere einfache Botschaft, nämlich dass Depressionen angeboren seien, habe ich bisher noch nicht erwähnt. Hier muss man nicht viele Worte verlieren: Es ist bisher nicht gelungen, genetische Grundlagen dieser (oder irgendeiner anderen) „psychischen Erkrankung“ zu identifizieren. Damit entfällt natürlich auch diese Ausrede; die Betroffenen können sich nicht damit rechtfertigen, dass sie ihre vorgeschützte Mutlosigkeit von ihren Altvorderen geerbt hätten (Joseph & Ratner 2013).

Eine legitime Schlussfolgerung

Menschen haben keine Depression, sondern sie stellen sich als depressiv dar, sie haben die Rolle des „psychisch Kranken“ übernommen. Diese Unterscheidung ist nicht zynisch, sondern eine legitime Schlussfolgerung aus dem empirischen Forschungsstand. Da die Serotonin-Hypothese gescheitert ist, da die Stresstheorie nicht wirklich überzeugen kann und da auch die Erbanlagen keine Besonderheiten aufweisen, fehlt nun einmal der Beweis dafür, dass die Depressiven tatsächlich krank sind und dies nicht etwa, warum auch immer, nur schauspielern.

Die Behauptung, dass die Depression ein Rollenspiel sei, ist freilich ebenfalls eine unbewiesene These, die allerdings nicht im Widerspruch steht zum gegenwärtigen Forschungsstand. Vielleicht wird irgendwann einmal ein gestörter Hirnschaltkreis entdeckt, der auf Defekten im Genom beruht und der für Depressionen verantwortlich ist. Dies kann man nicht grundsätzlich ausschließen.

Dennoch: Es gibt beim gegenwärtigen Forschungsstand keine Anhaltspunkte dafür, die einer empirischen Überprüfung standhalten.2 Im Übrigen schließt die These des Rollenspiels nicht aus, dass die Rollenspieler unter ihren Zuständen leiden. Leiden gehört zum Leben, es ist, leider, normal. Depressive haben sich entschieden, ihr alltägliches, unvermeidliches, mit dem Leben naturhaft verbundenes Leiden in Form einer „Krankheit“ auszuleben; sie übernehmen die Rolle des „psychisch Kranken“ – mit all den damit verbundenen Konsequenzen.3

Die Schuldfrage

Sind Depressive also zu tadeln? Schließlich war es noch nie die feine englische Art, sich unbegründet von Verantwortung freizusprechen. Wer sich nämlich als mutlos, als verzagt gibt, der vernachlässigt natürlich logischerweise auch Aufgaben, die ihm das Leben stellt oder die er sich im Leben stellen sollte. Er bleibt seinen Mitmenschen etwas schuldig. Außerdem verfehlt er Ziele, die er sehr wohl erreichen könnte, wenn er nicht alle Hände voll damit zu tun hätte, den Eindruck der Mutlosigkeit zu erwecken.

Wenn es eine objektive Methode, einen zuverlässigen und zutreffenden medizinischen Test gäbe, um das Vorliegen einer Depression im Sinne einer psychischen Krankheit festzustellen, dann sähe die Sache natürlich anders aus. Leider beruht die Diagnose der Depression ausschließlich auf Meinungen, auf der Meinung des Diagnostikers, des „Patienten“, von Angehörigen und sonstigen Herumstehenden.

Diese Meinungen sind durch und durch subjektiv. Sie beziehen sich auf äußere Anzeichen (Handlungen bzw. Unterlassungen, Gesichtszüge, Tonfall etc.); und keines dieser Anzeichen kann eindeutig interpretiert werden, in dem Sinne, dass man mit seiner Hilfe zuverlässig zwischen Schauspielerei und Nicht-Schauspielerei unterscheiden könnte.

Wer sich mutlos fühlt, wem das Leben keine Freude mehr zu bereiten vermag, wer glaubt, er sei in ein schwarzes Loch gestürzt, der sollte wissen, dass dies unter günstigen Bedingungen ein vorübergehender Zustand ist. Dies war er zumindest in früheren Zeiten, als die Depressionen noch nicht, wie heute, zu einem Mordsgeschäft geworden waren (Whitaker 2010).

Seit Anbeginn der Menschheit ist das Leben ein Auf und Ab; manchmal regnet es, manchmal scheint die Sonne; manchmal ist uns das Glück hold; mitunter werden wir vom Pech verfolgt. Miese Stimmungen sind ganz normal; denn diese Welt ist höchst fehlbar und ungerecht. Und erst der Mensch, das Individuum: Weit davon entfernt ist es, stets nur Lebensgenuss und Zuversicht in sich zu nähren.

Doch wehe, ein Mensch, der vorübergehend den Mut verloren hat, ist von Experten umgeben oder von Menschen, die sich als Experten fühlen. Das Mindeste, was passieren kann, ist das Verschreiben von Medikamenten, von Antidepressiva, die nicht wesentlich effektiver sind als Placebo-Pillen, aber gravierende Schadwirkungen haben. Sobald der „Patient“ dank der zweifelhaften Wirkungen solcher Medikamente erst einmal den Eindruck gewonnen hat, ihm sei auch mit den „härtesten Hämmern“ nicht mehr zu helfen, hat er bereits den ersten Schritt auf dem Weg in den Abgrund unternommen.

Er hat die Rolle des Psychiatriepatienten übernommen, und, wenn er ein guter Patient ist, dann ist er auch ein guter Schauspieler, und so spielt er die Rolle des Depressiven, bis aus ihm ein „chronisch Kranker“ geworden ist, der jedes Jahr mindestens 60 Stunden Psychotherapie sowie regelmäßig seine Pillen braucht, deren Wirksamkeit auf dem Glauben daran beruht, den er selbst schon lange verloren hat.

Wenn man die Depression rollenspieltheoretisch betrachtet, so drängt sich der Verdacht auf, dass ein „Patient“ oftmals die Rolle des Depressiven spielt, um vor einer Lebensaufgabe auszuweichen, bei der er zu scheitern fürchtete. Dann kommt ihm nämlich die ärztliche Diagnose gerade recht, denn sie spricht ihn von der Verantwortung für dieses Ausweichen frei. Schließlich kann ja niemand etwas dafür, dass er krank ist, vor allem dann nicht, wenn’s an den Genen liegt, also die Vorfahren schuld sind.

Der „Patient“ muss also keineswegs neuen Mut fassen, sich aufraffen und dem Schicksal trotzen, sondern nur Pillen schlucken und Psychotherapien absolvieren. Allein durch diese medizinischen Maßnahmen, so glaubt man nur zu gern, erhält man eine Chance, die Depressionen zu überwinden – und wenn dies nicht gelingt, dann haben die Pillen oder die Ärzte versagt.

Mitunter geht es den „Patienten“ nach solchen Maßnahmen durchaus besser, weil der Placebo-Effekt bekanntlich tatsächlich wirksam ist. Allein, in der nächsten Krise, wenn wieder einmal das Leben gar nicht nett und freundlich ist, geht das Spiel von vorn los; wieder wird die Krankenrolle übernommen, wieder wird Verantwortung projiziert, wieder einmal wird vor Aufgaben ausgewichen, die dringend zu erledigen sind – und schließlich wird das Leben in Depressionen zur schlechten Gewohnheit.

Die Freiheit zur Depression

Ein Mann, nennen wir ihn Paul, verliert seinen Job. Er findet keinen neuen. Schließlich verlässt ihn seine Frau. Er hat nur wenige Freunde, die meisten leben in intakten Familien und haben wenig Zeit für ihn. Er fühlt sich traurig und leer. Er hat keine Freude mehr an alltäglicher Aktivität, auch nicht mehr an Tätigkeiten, die ihn zuvor begeisterten. Er fühlt sich immer müde, kommt selten vor 12 Uhr aus dem Bett. Trotzdem spürt er eine unerklärliche Unruhe in sich, sein Schlaf ist schlecht. Er fühlt sich wertlos und grübelt darüber nach, ob er nicht an all dem nicht selbst schuld sei. Mitunter denkt er an Freitod.

Er quält sich durch den Tag.

  • Folgt man dem medizinischen Modell psychischer Krankheiten, so ist Paul „depressiv“. Ausgelöst durch soziale Stressoren, ist er krank geworden, weil er an einer angeborenen Störung seines Gehirns leidet. Diese führt dazu, dass er Belastungen durch Umweltbedingungen nicht so gut standzuhalten vermag wie psychisch gesunde Leute. Hätte er diese Gehirnstörung nicht, so würde er, allenfalls nach einer kurzen Phase der Verwirrung, wieder Kraft schöpfen und zu neuen Ufern aufbrechen.

  • Folgt man dem sozialwissenschaftlichen Modell psychischer Störungen, so ist Paul das Opfer seiner Verhältnisse. Der Verlust von Arbeitsplatz und Ehefrau, die soziale Isolation sowie eine Vielzahl weiterer sozio-ökonomischer Bedingungen haben die depressive Verstimmung hervorgebracht. Beinahe jeder, der solchen Verhältnissen ausgesetzt ist, entwickelt die eine oder andere Form psychischer Störungen, es sei denn, dass protektive Faktoren in seiner Umwelt ihn davor bewahren.

Doch was ist tatsächlich geschehen: Paul verlor seinen Arbeitsplatz und sagte sich: Dies ist schrecklich, nie wieder werde ich eine Arbeit finden, ich bin wertlos. Er verlor seine Frau und sagte sich: Dies ist schrecklich, nie wieder werde ich eine Frau finden, ich bin nicht liebenswert. Er geriet in soziale Isolation und sagte sich: Das ist schrecklich, nie wieder werde ich Freunde finden, ich bin nicht mehr interessant für andere.

Die Folge dieser Gedanken waren Gefühle der Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, er stürzte in ein „schwarzes Loch“. Es ist nicht zu erkennen, dass ihn irgendetwas dazu gezwungen hätte, auf die objektiven Sachverhalte seines Lebens (Arbeitsplatzverlust, Scheidung, soziale Isolation) mit diesen Gedanken zu reagieren.

Die biologischen Theorien der Depression sind gescheitert.4 Und auch die sozialwissenschaftlichen Theorien können nicht plausibel begründen, wieso eigentlich ein Mensch in einer solchen Situation gleichsam automatisch mit derartigen Gedanken reagieren müsste.

Warum auch immer sich Paul so verhält, wie er sich verhält: Er hat sich dazu entschieden. Er hat sich dazu entschieden, sich der Traurigkeit hinzugeben. Er hat sich dazu entschieden, an nichts mehr Freude zu empfinden. Er hat sich dazu entschieden, nicht vor zwölf Uhr aufzustehen. Er hat sich zur Schlaflosigkeit entschieden.

Der Mensch ist, wie Jean Paul Sartre sagt, zur Freiheit verdammt. Er ist nicht festgelegt. Paul hat seine Freiheit genutzt, er wurde „depressiv“. Er hätte sich auch anders entscheiden können. Er hat sich aber entschieden, zu einem Psychiater zu gehen. Er hat sich entschieden, Antidepressiva zu nehmen. Er hat sich entschieden, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu spielen.

Er hatte die Wahl. Immer, immer hat der Mensch die Wahl. Er hat sich schließlich umgebracht, weil er die Wahl hatte. Wäre er nicht zu einem Psychiater gegangen und hätte er sich einem guten Freund anvertraut, und hätte ihm dieser gute Freund vermitteln können, dass wir immer die Wahl haben, die Dinge „den Umständen entsprechend“ positiv zu sehen, dann würde er vermutlich noch leben.

Paul aber wurde suggeriert, er litte an einer angeborenen, unheilbaren Gehirnerkrankung, deren Symptome man jedoch durch die modernen Antidepressiva recht gut in den Griff bekommen könne.

Das ist eine glatte Lüge. Es ist vielmehr erwiesen, dass Antidepressiva, wenn überhaupt, kaum effektiver sind als Placebos. Jede Trauer, jede Verzweiflung in seinem Leben, die sich infolge von Widrigkeiten einstellte, hat Paul fortan als Bestätigung der Theorie interpretiert, er litte an einer unheilbaren Gehirnerkrankung und er sei deshalb zu ewiger Qual verdammt, die allenfalls, mehr schlecht als recht, durch „Medikamente“ gelindert werden könne.

„Depressionen“ überfallen uns nicht wie eine Naturkatastrophe; sie werden gewählt. Die Betroffenen entscheiden sich dazu, „depressiv“ zu sein. Sie machen sich depressiv, warum auch immer. Fraglos gibt es schreckliche Lebensumstände, aber niemand ist dazu gezwungen, „depressiv“ auf sie zu reagieren. Keine Krankheit hat den „Depressiven“ im Griff. Niemand hat eine Depression, er deprimiert sich selbst.

Der britische Psychologe und Psychotherapeut Peter Kinderman schreibt:

„Wenn etwas Schlimmes geschieht – zum Beispiel wenn uns jemand eine schlechte Nachricht überbringt – neigen wir dazu, uns ein wenig schlecht zu fühlen. Angesichts der Art, wie das menschliche Gedächtnis funktioniert, bedeutet dies, dass, wenn unsere Stimmung sinkt, die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir an mehr negative Dinge denken. Das ist einfache Psychologie, so funktioniert eine Menge der Werbung. Wenn wir den Samen einer Idee in den Geist eines anderen einpflanzen können, so wird ihn das Netzwerk der Assoziationen dazu führen, an einen weiten Bereich verwandter Angelegenheiten zu denken. Deswegen ist es leicht möglich, nach schlechten Nachrichten eine Schneeball-Lawine negativer Erinnerungen zu erfahren. Dies kann dazu führen, dass wir uns noch schlechter fühlen, und vielleicht nachfolgende Ereignisse in einem schlechteren Licht interpretieren als sonst. Diese Interpretationen ziehen unsere Stimmung noch weiter herunter. Wenn wir depressiv werden, fühlen wir uns müde, lethargisch und lustlos (wir genießen die Dinge nicht mehr so, wie das zuvor der Fall war). Es ist dann natürlich, uns zurückzuziehen – zurückzuziehen von sozialen Ereignissen, mit den Dingen, die wir gewöhnlich taten, aufzuhören (weil wir sie nicht länger genießen), und unsere Sorge um uns selbst fahren zu lassen. Wenn wir uns so verhalten, schneiden wir uns selbst von Dingen ab, die uns die Möglichkeit für Belohnungen und Freude bieten. Und deshalb sinkt unsere Stimmung noch tiefer. Und so entsteht ein Teufelskreis, der uns in die Depression zieht (Kinderman 2014, Kindle Edition – Pos. 1519).“

Kinderman betont, dass dieser Teufelskreis keineswegs Folge einer Krankheit oder gar diese selbst sei, sondern eine normale Reaktion, die man mit schlichter Psychologie erklären könne. Doch der beschriebene Teufelskreis ist kein Automatismus im Sinne einer Hirnpathologie, die uns keine Wahl ließe, als in den tiefsten Tiefen der Trübsal zu versinken. Er ist vielmehr die Folge einer Reihe falscher Entscheidungen angesichts widriger oder als widrig empfundener Umstände.5

Kultur

Leider werden Menschen in unserer Kultur dazu verführt, den Lebensstil der Depression zu wählen. Gefühle der Traurigkeit, der Hoffnungslosigkeit gehören zum Leben. Sie sind unvermeidlich. Aber man muss sich ihnen nicht hingeben. Doch die unausgesprochene Botschaft unserer Kultur lautet: Der Mensch ist von Natur aus froh und leistungsstark, und wenn er von dieser Norm abweicht, dann ist er krank und muss zum Arzt, der ihm Medikamente verschreibt. Die neueste Version der amerikanischen Psychiater-Bibel DSM erklärt sogar die Trauer nach dem Verlust des Ehepartners zur Krankheit.

Leider können viele Depressive ihre Wahlfreiheit nicht mehr erkennen, weil sich die Menschen beim leisesten Anzeichen einer Verstimmung als „psychisch krank“ empfinden und dann schnell in den Teufelskreis der Selbstentmutigung geraten. Natürlich kann man auch diesem Teufelskreis entrinnen, aber die Betroffenen werden in unserer Kultur gleichsam dazu verführt, in ihm zu verharren.

Wenn man sich erst einmal an den depressiven Lebensstil gewöhnt hat, der als Krankheit gilt, für die man nichts kann, dann ist es in der Tat verteufelt schwer, der „Depression“ zu entkommen. Selbst in verzweifelter Lage bieten sich Menschen Chancen, etwas Sinnvolles zu tun und sich auch an kleinen Fortschritten zu erfreuen. Depressionen sind nicht das unausweichliche Schicksal von Menschen, die vom Leben gebeutelt wurden.

Sie sind auch keine Krankheit, zumindest wurde bisher noch nichts dergleichen nachgewiesen. Nachgewiesen aber wurden enge Korrelationen zwischen sozio-ökonomischen Faktoren und der Depressionsdiagnose einerseits und zwischen kulturellen Bedingungen und dieser Diagnose andererseits. Sozio-ökonomische Faktoren allein reichen also nicht aus; es müssen auch noch kulturelle Bedingungen hinzukommen, um eine Epidemie der Depressionen auszulösen.6,7

Dennoch werden bekanntlich nicht alle Menschen unter miserablen Lebensbedingungen, die ungünstigen kulturellen Bedingungen ausgesetzt sind, deswegen auch depressiv. Manche entscheiden sich für, andere gegen den depressiven Lebensstil. Wir haben offenbar die Freiheit zur „Depression“, weil diese Verstimmungen ein Signal sind, dass in unserem Leben etwas nicht stimmt.

Unsere Freiheit besteht darin, dass unser Umgang mit der Unstimmigkeit nicht vorgezeichnet ist. Die Missstimmung soll uns daran erinnern, dass wir etwas verändern müssen, dass wir die Wahl zwischen Optionen haben und dass diese Wahl notwendig ist. Wenn die Unstimmigkeiten gravierender Natur sind, wird es vermutlich etwas länger dauern, bis die „Depression“ vorüber ist, weil die notwendigen aktiven und passiven, inneren und äußeren Anpassungen eben Zeit brauchen. Dies ist der Lauf der Dinge. Das Verschwinden der Depression ist als Signal zu verstehen, dass alles wieder im Lot ist und fungiert als Lohn für unsere Mühe.

Wer sich entscheidet, auf die Unstimmigkeit mit einer „psychische Krankheit“ zu reagieren, pathologisiert und medikalisiert damit einen normalen und sinnvollen Prozess. Die richtige Antwort bestünde darin, zu ändern, was sich ändern lässt, und uns in das Unvermeidliche duldsam zu fügen. Dies braucht meist Zeit, in der es uns nicht so gut geht. Es geht uns nicht so gut, und dies ist der Sinn dieser natürlichen Depression, weil Aufgaben auf uns harren, denen wir uns nicht entziehen dürfen. Wenn wir sie erst einmal bewältigt haben, wird es uns auch wieder besser gehen.

Empirische Befunde deuten darauf hin, dass die Depression Bestandteil einer normalen, hirnphysiologisch gebahnten Form der Regulation des menschlichen Bezugs zu seiner Umwelt ist, die evolutionär entstand und in die medikamentös einzugreifen sich verheerend auswirken kann (Andrews et al. 2012).

Medikamente

Am 30. April 2014 berichtete „The Times“ unter dem Titel „Antidepressants do more harm than good, research says“ über den zweifelhaften Nutzen der gängigen Medikamente zur Behandlung der so genannten Depressionen.

Am 2. Mai 2014 veröffentlichte die Zeitung hierzu einen kritischen Leserbrief des Neuropsychopharmakologen und Psychiaters David Nutt sowie einer Reihe weiterer namhafter Psychiater. Dort heißt es u. a., dass die Depression eine schwächende und mitunter tödliche Krankheit sei. Gerade bei den schwersten Fällen dieser Erkrankung seien Antidepressiva ein vitaler Teil der Behandlung.

Man bestreite nicht, dass diese Medikamente bei milderen Formen der Depression nur einen geringeren Wert besäßen, aber mit dem Ansteigen des Schweregrades der Erkrankung bliebe ihre Wirkung erhalten. Die pauschale Verurteilung der Antidepressiva steigere die Zahl der Selbstmorde bei den Erkrankten.

Über David Nutt berichtete der Guardian unter dem Titel: „Drugs inquiry thrown into doubt over members’ links with manufacturers“.8 Er hatte wohl auch Probleme mit seiner Regierung, wie ebenfalls der Guardian berichtete: „Chief drug adviser David Nutt sacked over cannabis stance“.9

Nutt hat offenbar eindeutige geschäftliche Interessen und eine eigenwillige Auffassung zur Risikobewertung von stimmungsverändernden Substanzen aller Arten. Selbstverständlich stellen seine Verbindungen zur Pharma-Industrie ebenso wenig wie sein Urteil über die Gefährlichkeit diverser Drogen die Unbestechlichkeit seines Urteils als Wissenschaftler in Frage. Dessen Validität kann nur im Licht der empirischen Forschung differenziert betrachtet werden.

Auf Nutts Leserbrief antworteten am 6. Mai 2014 Professor Peter Gøtzsche (Nordic Cochrane Centre), Dr. Joanna Moncrieff (University College London) und Dr. James Davies (University of Roehampton):

Wie auch immer man die Effizienz von Antidepressiva einschätzen möge, so sei doch ihre Wirkung selbst in den schwersten Fällen nur schwach und es könne kein Zweifel daran bestehen, dass sie von Ärzten zu häufig verschrieben würden. Viel zu geringe Aufmerksamkeit würde den potenziellen Schäden gewidmet, die durch diese Medikamente verursacht werden könnten. Es gäbe auch keine zuverlässigen Studien, die belegen, dass Antidepressiva Suizide verhinderten. Vielmehr würden sie bei jungen Menschen die Selbstmordrate sogar erhöhen. Überdies gebe es Hinweise darauf, dass Antidepressiva das volle Spektrum aversiver Zwischenfälle bei den Älteren steigern könnten, einschließlich Stürzen und Brüchen. Sie seien überdies mit einer erhöhten Mortalität verbunden.10

Ein Streit unter Gelehrten? Es gibt fraglos Menschen, die unter „Depressionen“ leiden, Antidepressiva nehmen und denen es daraufhin besser geht als ohne diese Medikamente. Darauf, so werden manche Freunde der psychopharmakologischen Lösung behaupten, komme es schließlich an, auf Praxisbewährung, wer heile, habe recht.

Über eine extrem häufige Nebenwirkung allerdings spricht man nicht so gern: In einer Studie zeigte sich, dass von 1022 Patienten mit einem zuvor normalen Sexualleben 59 Prozent nach Beginn der Behandlung mit Antidepressiva dauerhafte sexuelle Störungen entwickelten. Zu den Symptomen zählten verminderte Libido, (qualvoll) verzögerte Ejakulation bzw. retardierter Orgasmus, kein Orgasmus bzw. keine Ejakulation sowie Impotenz (Montejo et al. 2001).

Selbstverständlich wird versucht, diese häufige Nebenwirkung der Antidepressiva zu behandeln. Bei Männern verwendet man zu diesem Zweck zumeist die Wirkstoffe Sildenafil or Tadalafil, besser bekannt unter den Kosenamen Viagra und Cialis. Bei Frauen wird Bupropion eingesetzt, ein „Antidepressivum“ mit dem zusätzlichen Wirkungsprofil von Psychostimulanzien. Die Zahl der Patienten in den Studien zu dieser „Lösung“ des sexuellen Problems ist klein und eine solide Bewertung der Effizienz ist daher nicht möglich (Taylor et al. 2013).

Man bedenke dabei, dass hier eine gravierende Schadwirkung bekämpft wird, der nur ein klinisch weitgehend bedeutungsloser erwünschter Effekt, nämlich eine kaum nennenswerte antidepressive Wirkung, selbst bei schwersten Fällen, gegenübersteht (Moncrieff et al. 2012; Moncrieff 2002).

“Medikamente”, schreibt der Pharmakritiker und Psychiater Ben Goldacre in seinem Buch “Bad Pharma“, “werden von den Leuten getestet, die sie herstellen, und zwar in Experimenten mit schlecht konstruierten Versuchsplänen, mit hoffnungslos kleinen Zahlen von Versuchspersonen und von der Norm abweichenden, nicht repräsentativen Stichproben. Sie werden mit fehlerhaften Methoden ausgewertet, und zwar so, dass sie die Vorteile der Behandlungen übertreiben. … Wenn Studien Ergebnisse hervorbringen, die den Herstellern nicht gefallen, so sind sie vollkommen dazu berechtigt, sie vor Ärzten und Patienten zu verbergen, deswegen sehen wir immer nur ein verzerrtes Bild des wahren Effekts der Medikamente (Goldacre 2012).”

Es gibt kaum einen Bereich, auf den dieses Verdikt Goldacres besser zutrifft als auf die Antidepressivaforschung (Gøtzsche 2013). Kreise der Pharmaindustrie haben hier die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zu ihren Gunsten in atemberaubendem Ausmaß verfälscht. Dank engagierter Wissenschaftler und Journalisten kam dann aber doch in den letzten Jahren die für die Antidepressiva wenig schmeichelhafte Wahrheit ans Licht.

Die Verschreibung von Antidepressiva stieg in den letzten Jahrzehnten weltweit in Schwindel erregende Höhen. Damit verbunden war eine Konzentration der Forschung auf mutmaßliche neurobiologische Ursachen der Depression (die nicht nachgewiesen sind (Gøtzsche 2013)) und eine Vernachlässigung sozialer Faktoren, die zu solchen Verstimmungszuständen beitragen können (Horwitz 2012).

Vor der Entdeckung der Antidepressiva war die Depression eine seltene „Erkrankung“, die als vorübergehend eingeschätzt wurde. In der ersten Ausgabe des DSM, der diagnostischen „Bibel“ der amerikanischen Psychiatrie, die 1952 erschien, wurde dieser „Krankheit“ noch nicht einmal eine eigenständige Kategorie eingeräumt, sie galt als Begleiterscheinung anderer Störungen (Healy 1997; Horwitz 2010).

Heute konsumiert einer von zehn Amerikanern ein Antidepressivum (Rabin 2013), und anderswo in der modernen, industrialisierten Welt sieht es auch nicht viel anders aus. Man könnte angesichts solcher Zahlen also durchaus den Verdacht in sich nähren, dass der Anstieg „depressiver Erkrankungen“ auf das unermüdliche Bemühen des Pharma-Marketings zurückzuführen sei.11

Dieses Phänomen eines explosionsartigen Ansteigens „depressiver Erkrankungen“ lässt sich auf Biegen und Brechen nicht mit einer biologischen Theorie der Krankheitsursachen vereinbaren. Man könnte natürlich behaupten, die Zahl der genetisch bedingt Anfälligen sei weitgehend konstant geblieben, aber die Zahl und Intensität der Stressoren, die Depressionen auslösen können, habe sich dramatisch erhöht.

Dies zu unterstellen, ist einfach, es nachzuweisen dagegen schwer. Es ist plausibler, die, vor allem von der Pharmaindustrie vorangetriebene, Medikalisierung allgemeiner menschlicher Probleme für die wachsende Zahl einschlägiger Diagnosen und Verschreibungen entsprechender Medikamente verantwortlich zu machen (Conrad 2007).

Eine systematische Auswertung von Studien zur Wirksamkeit diverser Formen der Behandlung von „Depressionen“ (Khan et al. 2012) ergab:

“Als Schlussfolgerung weisen unsere Resultate darauf hin, dass bei einer akuten Depression in Studien mit verblindeten Beurteilern eine Kombination von Psychotherapie und Antidepressiva einen leichten Vorteil aufweisen könnte, wohingegen Antidepressiva allein und Psychotherapie sich nicht signifikant von alternativen Therapien wie Sport und Akupunktur oder aktiven Interventionskontrollen wie Bibliotherapie oder vorgetäuschte Akupunktur unterscheiden. Diese Daten legen nahe, dass die Art der Behandlung weniger bedeutsam ist als die Einbeziehung der Patienten in ein aktives therapeutisches Programm.”

Die leichte Überlegenheit der Kombination von Psychotherapie und Antidepressiva lässt sich mit der Arithmetik des Placeboeffekts erklären. Es ist bekannt, dass Placebos, die als sehr stark angepriesen werden, besser helfen als solche, die angeblich mittelstark sind und dass diese wieder effektiver sind als die so genannten schwachen. Und so könnte natürlich auch in den Köpfen der Patienten, die gleichzeitig Medikamente und Psychotherapie erhalten, die Erwartung entstehen, dass beides zusammen auch besser helfe. Genau diese Erwartung aber ist der Placeboeffekt. Vergleicht man die Kombination nun mit einer Placebobehandlung, die nur eine Maßnahme enthält, so ist bei der Kombination selbstredend auch ein stärkerer Placeboeffekt zu erwarten.

Schmidt

In Deutschland ist, wie bereits erwähnt, die Publikumswerbung für Antidepressiva nicht zulässig. Natürlich müssen die Menschen dennoch aufgeklärt werden. Dazu eignen sich gemeinnützige Stiftungen ganz hervorragend. Eine dieser mildtätigen Einrichtungen ist die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.12 Kein Geringerer als Harald Schmidt ist der Schirmherr dieser Stiftung. „Vier Millionen Depressive in Deutschland – das kann nicht nur am Fernsehprogramm liegen!“, scherzt er.13 Unter der Rubrik „Wissen“ findet sich in der Website der Depressionshilfe folgender Absatz:

“Von der großen Zahl depressiv Erkrankter erhält nur eine Minderheit eine optimale Behandlung. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Fehlende Hoffnung und mangelnde Energie der Betroffenen, um sich Hilfe zu holen, diagnostische und therapeutische Defizite auf Seiten der Ärzte, sowohl Unterschätzung der Schwere als auch Stigmatisierung der Erkrankung. Da mit Psychotherapie und Pharmakotherapie wirksame Behandlungsverfahren zur Verfügung stehen, ergibt sich aus dieser Situation dringender Handlungsbedarf. Depression ist behandelbar.”14

Da stellt sich doch gleich die Frage nach den Ursachen. Folgender Absatz ist aufschlussreich:

“Nach Ansicht vieler Wissenschaftler ist während einer Depression der Stoffwechsel des Gehirns gestört: Die Botenstoffe Serotonin und/oder Noradrenalin, die für die Übertragung von Impulsen zwischen den Nervenzellen verantwortlich sind, sind aus der Balance geraten. Sie sind entweder in zu geringer Konzentration vorhanden oder aber die Übertragung funktioniert nicht richtig. Weiter sind die Stresshormone und die genetische Veranlagung als mögliche Faktoren zu nennen. Letztere hat Einfluss darauf, ob ein bestimmter Mensch dazu neigt, z. B. unter Stress depressiv zu erkranken.”15,16

Es liegen erdrückende empirische Beweise vor, dass die Serotonin-These nicht zutreffen kann (Gøtzsche 2013).

Welchen Beitrag eine derart obsolete These zur Volksaufklärung beizutragen vermag, bleibt das Geheimnis der hier referierten Website. Allerdings, immerhin, so heißt es in der Website weiter, sei neben der gestörten Hirnfunktion auch die psychosoziale Seite zu betrachten.

“So individuell wie die Symptome einer Depression, so unterschiedlich können auch die Auslöser sein. Bei vielen Patienten ist auch kein Auslöser identifizierbar.”

Was schlägt die Website vor?

“Die wichtigsten Säulen der Behandlung einer Depression sind die Pharmakotherapie (Behandlung mit Antidepressiva) und die Psychotherapie. Oft ist es sinnvoll, beide Behandlungsformen zu kombinieren. Die Pharmakotherapie mit Antidepressiva gilt inzwischen als unverzichtbares und wirksames Heilverfahren. Antidepressiva beeinflussen die Botenstoffe im Gehirn. Sie machen entgegen vieler Vorurteile und im Gegensatz zu Beruhigungs- und Schlafmitteln nicht süchtig. Nimmt ein Gesunder ein Antidepressivum ein, so wird er davon nicht ‘high’.”

Klar: Antidepressiva allein und Psychotherapie allein sorgen nur für die einfache Placebo-Wirkung. Erst die Kombination beider Behandlungsmethoden garantiert den Super-Mega-Effekt.

Der Entdecker der Tatsache, dass Antidepressiva, wenn überhaupt, kaum effektiver sind als Placebos, ist der Psychologe Irvin Kirsch (Kirsch 2009).

James Davies befragte ihn zu dem Vorwurf, es sei falsch gewesen, diese Tatsache zu enthüllen, weil man damit den Betroffenen den Glauben an ihre Medikamente raube und derart ihre hilfreichen Illusionen zerstöre.

Kirsch antwortete:

“Ohne zutreffendes Wissen, können Patienten und Ärzte keine informierten Behandlungsentscheidungen fällen, Forscher werden falsche Fragen stellen und Politiker werden auf falschen Informationen beruhende Maßnahmen implementieren (Davies 2013).”

Als in den sechziger Jahren der Hype mit den Antidepressiva begann, war die Depression in aller Regel eine vorübergehende Erscheinung, wie man in der Fachliteratur aus dieser Zeit nachlesen kann. Heute ist sie zu einem Massenphänomen mit chronischem Verlauf geworden – trotz oder gerade wegen der Antidepressiva?

Eine versuchsweise Antwort auf diese Frage bieten der Neurowissenschaftler Rif S. El-Mallakh und seine Mitarbeiter (El-Mallakh et al. 2011). Sie meinen, dass der langfristige Gebrauch von Antidepressiva zu Veränderungen im Gehirn führt, die zu einer Chronifizierung von Gemütsverstimmungen beitragen. Diese Auswirkung des Medikamenteneinsatzes nennen sie „Tardive Dysphorie“.

Mit anderen Worten: Die Antidepressiva erzeugen auf lange Sicht eine neurologisch bedingte Stimmungsverdüsterung, also jene Krankheit, die sie zu bekämpfen vorgeben. Diese These ist allerdings, wenngleich plausibel, nicht bewiesen.

Tatsache aber ist, dass sich trotz der – laut Stiftung Deutsche Depressionshilfe angeblich vorhandenen – „wirksamen Heilverfahren“ das „Depressionsproblem“ beständig verschärft.

In einem Übersichtsartikel zum Stand der Forschung plädieren der Psychologe David Antonuccio und der Psychiater David Healy dafür, die Medikamente zur Behandlung der Depression umzubenennen (Antonuccio & Healy 2012).

Und dies aus den folgenden Gründen:

  1. Für die überwiegende Mehrheit der Patienten, die Antidepressiva erhalten, sind diese Medikamente nicht wirksamer als Placebos.

  2. Bei diesen Medikamenten überwiegen die unerwünschten Nebenwirkungen die erwünschten, eigentlich angestrebten Hauptwirkungen.

  3. Die internationale Fachwelt ist sich weitgehend einig, dass Antidepressiva die Suizidalität erhöhen können.

  4. Antidepressiva können Angstzustände und Manie hervorrufen.

  5. Diese Medikamente führen häufig zu Sexualstörungen.

  6. Sie stehen in Verdacht, dass sie bei langfristiger Einnahme durch Veränderungen des Gehirns eine so genannte „tardive Dysphorie“ hervorrufen, also zur Chronifizierung der „Depression“ beitragen.

Die Autoren belegen ihre Behauptungen mit einer großen Zahl empirischer Studien.

Sie schlagen vor, die Antidepressiva in Antiaphrodisiaka, Unruhe-Verstärker, Schlaflosigkeitsförderer, Selbstmordgefährder oder Manie-Stimulatoren umzutaufen.

Eine Studie

Das Bundesgesundheitsblatt 2012 (Bundesgesundheitsbl 2012) referiert die ersten Ergebnisse einer Studie des Robert-Koch-Instituts zur Gesundheit in Deutschland, die am 14. Juni 2012 während eines Symposiums in Berlin vorgestellt wurde. 8152 Erwachsene nahmen an dieser Befragung teil. Sie wurde in den Jahren 2008 bis 2011 verwirklicht.

Im Bundesgesundheitsblatt heißt es:

“Eine aktuelle Depression (depressives Syndrom, PHQ-9 ≥10) besteht bei 8,1 % der Teilnehmer (Frauen: 10,2 %; Männer: 6,1 %). Die Prävalenz ist bei den 18- bis 29-Jährigen mit 9,9 % am höchsten und im Alter ab 65 Jahren mit 6,3 % am niedrigsten. Die Häufigkeit von Depressionen sinkt mit der Höhe des sozioökonomischen Status (SES): Bei niedrigem SES beträgt sie 13,6 %, bei mittlerem 7,6 %, bei hohem 4,6 % (Seite 8).”

Die aktuelle „Depression“ wurde mit dem Depressionsmodul des „Patient Health Questionaire“ (PHQ), einem Gesundheitsfragebogen zum Selbstausfüllen für Patienten erfasst. Die Befragten mussten einschätzen, wie häufig folgende Statements auf sie zutrafen:

  • Wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten

  • Niedergeschlagenheit, Schwermut oder Hoffnungslosigkeit

  • Schwierigkeiten ein- oder durchzuschlafen oder vermehrter Schlaf

  • Müdigkeit oder Gefühl, keine Energie zu haben

  • Verminderter Appetit oder übermäßiges Bedürfnis zu essen

  • Schlechte Meinung von sich selbst; Gefühl, ein Versager zu sein oder die Familie enttäuscht zu haben

  • Schwierigkeiten, sich auf etwas zu konzentrieren, z.B. beim Zeitunglesen oder Fernsehen

  • Waren Ihre Bewegungen oder Ihre Sprache so verlangsamt, dass es auch anderen auffallen würde? Oder waren Sie im Gegenteil „zappelig“ oder ruhelos und hatten dadurch einen stärkeren Bewegungsdrang als sonst?

  • Gedanken, dass Sie lieber tot wären oder sich Leid zufügen möchten.17

Es handelt sich hier also um Abweichungen von sozialen Normen. Wer diesen Statements zustimmt, bekundet, dass er mehr oder weniger häufig den Erwartungen nicht entspricht, die andere an ihn richten oder die er selbst meint, erfüllen zu müssen. Die meisten Menschen betrachten diese Phänomene als Ausdruck einer so genannten „psychischen Krankheit“. Wie bereits dargelegt, es keine der Theorien zur „Biochemie“ der „Depressionen“ wissenschaftlich erwiesen.18

Es gibt sogar gute Gründe dafür zu unterstellen, dass es sich bei der Serotonin-These der „Depression“ um eine Marketing-Strategie handelt. Bevor wir also den Menschen, die im Übermaß zu obigen Mustern des Verhaltens und Erlebens neigen, eine „psychische Krankheit“ zuschreiben, sollten wir uns diese Muster einmal genauer anschauen und uns fragen, ob es dafür auch andere Erklärungsmöglichkeiten gibt.

  • Wenn jemand wenig Interesse oder Freude an seinen Tätigkeiten hat, so mag dies daran liegen, dass diese Tätigkeiten tatsächlich uninteressant sind oder einem gar jeden Spaß am Leben rauben. Es ist vielleicht nicht gerade mordsmäßig spannend, pausenlos am Fließband dieselben Bewegungen zu vollziehen oder jeden Tag eine aussichtslose Bewerbung loszuschicken.

  • Ist jemand niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos, so mag dies daran liegen, dass er tatsächlich keine realistische Chance im Leben mehr hat. Ein Jugendlicher aus einem problematischen Milieu, der partout keine Lehrstelle und, wenn überhaupt, auch nur kurzfristig einmal eine schlecht bezahlte Hilfsarbeit findet, der muss sich keine rosigen Zukunftsaussichten ausmalen – und ein allein stehender Kleinstrentner in einem schlechten Altersheim auch nicht.

  • Wer Schlafprobleme hat, wohnt unter Umständen in einem Haus mit einem hohen Lärmpegel oder in einer billigen Wohnung ohne ausreichend isolierte Fenster an einer Hauptverkehrsstraße.

  • Wenn jemand immer müde ist und das Gefühl hat, keine Energie zu haben, dann fehlt ihm vielleicht die motivierende Zuwendung, weil er, um eine Stelle anzunehmen, allein in eine fremde Stadt gezogen ist, während Frau und Kinder zu Hause auf ihn warten.

  • Verminderter Appetit oder übermäßiges Bedürfnis zu essen können eine Reaktion auf Demütigungen am Arbeitsplatz darstellen (Mobbing, Bossing).

  • Mangelndes Selbstwertgefühl könnte sich als Folge von Werbung und neoliberaler Propaganda einstellen, die darauf hinausläuft, dass nur die Jungen, Schönen und Erfolgreichen etwas wert sind.

  • Konzentrationsschwierigkeiten werden nicht selten durch Stressoren wie Lärm, berufliche Überforderung, Nachbarschafts- und Partnerschaftskonflikte ausgelöst.

  • Verlangsamungen und Beschleunigungen von Bewegungen und Sprache können sich einstellen, wenn Menschen umständehalber entweder beständiger Hetze und Hektik oder aber sozialer Isolierung in beengten Verhältnissen unterliegen.

  • Suizidgedanken schließlich können durch ein Übermaß an den oben geschilderten Umwelteinflüssen plausibel erklärt werden.

Auch wenn die Depression (meist) ein freiwillig übernommenes Rollenspiel zu sein scheint (also kein „biologisches Schicksal“ und auch kein sozialer Reaktionsautomatismus), so soll nicht bestritten gibt, dass es zahllose Anlässe geben kann, traurig, mut- und lustlos zu sein. Wir alle sind dies hin und wieder, in mehr oder weniger ausgeprägter Form. Allein, eine Krankheit ist das offenbar nicht.

Es handelt sich hier vielmehr um eine normale Reaktion auf widrige oder als widrig empfundene Umstände. Sie beruht nicht auf pathologischen Prozessen im Gehirn, sondern meist auf vielen kleinen, oft unbedachten Entscheidungen, die auch wieder revidiert werden können. Am klügsten ist es natürlich, sie im Falle eines Falles nicht zu fällen, um gar nicht erst in den selbstverschuldeten Teufelskreis der Depression zu geraten.

Literatur

Andrews, P. W. et al. (2012). Primum non nocere: an evolutionary analysis of whether antidepressants do more harm than good. Frontiers in Psychology, April | Volume 3 | Article 117

Antonuccio, D. and David Healy, D. (2012). Relabeling the Medications We Call Antidepressants. Review Article. Scientifica, Volume 2012 , Article ID 965908

Bundesgesundheitsbl 2012, DOI 10.1007/s00103-011-1504-5, © Springer-Verlag 2012

Castrén, E. (2005). Is mood chemistry? Nature Reviews Neuroscience. Mar 1;6(3):241-6

Conrad, P. (2007): The Medicalization of Society: On the Transformation of Human Conditions into Treatable Disorders. Baltimore: Johns Hopkins University Press

Davies, J. (2013). Cracked. Why Psychiatry Is Doing More Harm Than Good. London: Icon Books

El-Mallakh, R. S. et al. (2011). Tardive dysphoria: The role of long term antidepressant use in inducing chronic depression. Medical Hypotheses 76 (2011) 769–773

Gøtzsche, P. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe, Chapter: „The chemical imbalance hoax“

Goldacre, B. (2012). Bad Pharma: How drug companies mislead doctors and harm patients. Fourth Estate: London (UK)

Greenberg, G. (2013). The Book of Woe. The DSM and the Unmaking of Psychiatry. New York: Penguin Books

Healy, D. (1997). The Antidepressant Era. Cambridge, Mass.: Harvard University Press

Holm-Hadulla, R. M. (2009). Goethes Studienkrise, Depression und seine Selbstbehandlungsstrategien. Psychotherapeut, DOI 10.1007/s00278-009-0694-2, 1-5

Horwitz, A. (2002). Creating Mental Illness. Chicago: University of Chicago Press

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Joseph, J., & Ratner, C. (2013). The Fruitless Search for Genes in Psychiatry and Psychology: Time to Re-Examine a Paradigm. In S. Krimsky & J. Gruber (Eds.), Genetic Explanations: Sense and Nonsense (pp. 94-106). Cambridge, MA: Harvard University Press

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Kirsch, I (2009). The Emperor’s New Drugs: Exploring the Antidepressant Myth. London: The Bodley Head

Lacasse, J. R. & Leo, J. (2005). Serotonin and Depression: A Disconnect between the Advertisements and the Scientific Literature PLoS Medicine | December | Volume 2 | Issue 12 | e392, 1211 – 1216

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Whitaker, R. (2010). Anatomy of an Epidemic. Magic Bullets, Psychiatric Drugs, and the Astonishing Rise of Mental Illness in America (New York: Broadway Paperbacks

Goethe litt zeitlebens unter Depressionen und Angstzuständen. Er überwand diese Phänomene allerdings immer wieder durch eine Selbsttherapie (Holm-Hadulla 2009). Professionelle Psychotherapeuten und Antidepressive gab es zu seiner Zeit noch nicht. Vielleicht zum Glück. Unter Umständen würde heute niemand mehr seinen Namen kennen, wenn er einer psychiatrischen Behandlung in modernem Stil unterworfen worden wäre.

2  Ein Kandidat für eine biologisch fundierte, empirisch tragfähige Theorie einer Variante der Depression betrifft die Melancholie, eine schwere Form der Depression, die heute in den einschlägigen Diagnose-Manualen in das Syndrom Major depressive disorder(MDD)(DSM) integriert und dadurch als eigenständiges Syndrom eliminiert wurde. Bei dieser Störung könnten Störungen der Cortisol-Produktion tatsächlich eine Rolle spielen (Greenberg 1993: 335 f.). Es lassen sich Assoziationen zwischen Cortisol und Melancholie empirisch erhärten; diese werden aber statistisch insignifikant, wenn man die Melancholiker mit den MDD-Betroffenen zusammenfasst.

Dies schreibe ich selbstverständlich unter dem Vorbehalt, dass es sich bei der Depression tatsächlich um die Reaktion eines intakten Gehirns auf als misslich empfundene Umstände handelt. Depressive, bei denen sich eine körperliche Ursache zeigen lässt, müssen natürlich differenziert betrachtet werden. Aber auch in diesen Fällen stellt sich die Frage, ob der körperliche Mechanismus zwingend ist oder nur zur Depression geneigt stimmt.

Auch wenn bei einem Teil der Depressiven, den Melancholikern, eine körperliche Ursache im Bündel der Determinanten eine Rolle spielen könnten, so betrifft dies doch nur eine kleine Gruppe der als depressiv Diagnostizierten.

Ich will nicht völlig ausschließen, dass bei einem Teil der Depressiven körperliche Mechanismen, die kaum oder gar nicht zu kontrollieren sind, die Verdüsterung der Stimmung herbeiführen; doch wenn dies überhaupt der Fall sein sollte, so betrifft dieses Phänomen nur eine winzige Minderheit der als depressiv Diagnostizierten.

Dieses Phänomen ist auch der Marketing-Maschine des psychiatrisch-pharmaökonomischen Komplexes nicht verborgen geblieben. Wie u. a. Ben Goldacres Buch „Bad Pharma“ zeigt, waren die Methoden der Promotion für Antidepressiva meist gerade besonders zimperlich, um die kulturellen Bedingungen und die herrschenden Ideen in ihrem Sinn zu formen. Die Pharma-Industrie musste sich beispielsweise heftig ins Zeug legen, um den Japanern die Diagnose der Depression schmackhaft zu machen, wie Ethan Watters in seinem Artikel „Exporting Depression“ schildert (Watters 2013).

Bemerkenswert ist auch, dass vor der Erfindung der „Antidepressiva“ die „Depression“ eine wesentlich seltener diagnostizierte Störung war. Sie wurde als ein in der Regel rasch vorübergehendes Phänomen betrachtet.

10 Dieser Briefwechsel wird auf der Website des „Council for Evidence-based Psychiatry“ dokumentiert: CEP members respond to letter from prominent psychiatrists in The Times with challenge for public debate

11 Dass sich dieses Phänomen nicht nur auf die Antidepressiva beschränkt, sondern alle Psychopharmaka zu betreffen scheint, dokumentiert Robert Whitaker in seinem Buch „Anatomy of an Epidemic“ (Whitaker 2010).

12 Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Willkommen bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe

13 Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Unser Schirmherr: Harald Schmidt

16 Für Noradrenalin gilt im Übrigen dasselbe wie für Serotonin; eine Rolle im Ursachenbündel der so genannten Depression lässt sich nicht nachweisen. Auch die Rolle der Erbanlagen ist ungeklärt.

17 Informationen zu diesem Fragebogen finden sich im entsprechenden Wikipedia-Artikel: PHQ-9

18 Dies schließt nicht aus, dass den Depressionen eines vermutlich sehr kleinen Teils der Betroffenen tatsächlich ein pathologischer körperlicher Prozess zugrunde liegt.

2 Antworten auf „Depression“

  1. Die Einnahme von hochdosiertem Vitamin D3 (dazu ein Vitamin B Komplex u.a.) hat bei mir die Effekte einer langjährigen Depression (Ergebnis von Über-/Unterforderung im Job und sicher noch vielen anderen Faktoren) schlagartig, stark und nachhaltig abgemildert. Ich habe das Zeug nur ausprobiert, weil es im Winter immer noch schlimmer wurde und man mir sagte, daß es Vitamin D Mangel sein könnte.

    Schien der Fall zu sein, da auch einige körperliche Probleme plötzlich völlig verschwunden waren. Seit der regelmäßigen Einnahme von hochdosiertem Vitamin D geht es mir erheblich besser. Wenn das Vitamin D Reservoir im Körper sich allerdings leert, merke ich das deutlich, da dann die Symptome/Beschwerden schnell wiederkommen.

    Könnte Ernährung auch eine Rolle bei Depressionen spielen? Gerade in den letzten Jahrzehnten sind Allergien und andere , häufig auch psychische, Krankheitsbilder stark angestiegen und einiges scheint mir mit ungesunder, unnatürlicher Ernährung zu korrelieren.

    1. Meines Wissens gibt es keinen empirisch robusten, erwiesenen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krankheiten gleich welcher Art – wenn man vom Über- und Untergewicht absieht. Zu viel oder zu wenig essen kann – dazu braucht man keine Studien – die Gesundheit ruinieren und schlimmstenfalls zum Tode führen. Bestimmte Stoffe können natürlich Auslöser allergener Reaktionen sein, aber das sind dann ja keine Krankheitsursachen, weil sie von Nicht-Allergikern problemlos vertragen werden. Alkohol und Rauchen sind selbstverständlich gesundheitsschädlich, zählen allerdings nicht zur Ernährung, wenngleich manche, vor allem hier bei uns in Bayern, das anders sehen.

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