Deine Diagnose und du

Symptome und Ursachen

Man kann es mit vernünftigen Gründen natürlich nicht bestreiten: Bei manchen Menschen treten jene störenden, mitunter bizarren Phänomene auf, die von der Psychiatrie als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet werden:

  • Sie hören Stimmen, die sonst niemand hört.
  • Sie sehen Dinge, die sonst niemand sieht.
  • Sie glauben an Ideen, die andere für nicht plausibel oder gar für verrückt halten.
  • Sie fürchten sich vor Vorgängen oder Gegenständen, die für andere harmlos sind.
  • Manche rasen und toben oder versinken in tiefe Traurigkeit.

Kurz: sie verhalten sich rätselhaft und fügen nicht selten sich oder auch anderen Schaden zu. Einige dieser Leute sind sogar ausgesprochen gefährlich, vor allem dann, wenn sie gewohnheitsmäßig Drogen oder Alkohol missbrauchen. Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass sie „psychisch krank“ sind.

Sicher: Das rätselhafte Verhalten kann man beobachten. Es ist gar nicht einmal selten. Leute, deren Verhalten auf unerklärliche, schwer nachvollziehbare Weise von der Norm abweicht, kennt wohl jeder. Doch die Unterstellung einer „psychischen Krankheit“ als Ursache solcher merkwürdigen Muster des Verhaltens und Erlebens ist eine Hypothese, die erst einmal bewiesen werden müsste. Wir sehen ja nur das Verhalten, nicht die Ursachen.

Eine Krankheit im medizinischen Sinn ist ein im Individuum ablaufender Prozess, der charakteristische Symptome verursacht. Es versteht sich von selbst, dass man nicht nach Belieben von Krankheit sprechen kann. Vielmehr muss dieser Prozess bekannt sein. Es muss möglich sein, ihn anhand von eindeutigen, objektiv messbaren Indikatoren nachzuweisen.

Ist dies nicht möglich, darf man allenfalls von mutmaßlichen Krankheiten sprechen. Es wäre ja auch denkbar, dass die merkwürdigen Verhaltensweisen gar nicht von innen kommen. Vielleicht werden sie durch die Umwelt hervorgerufen. Oder sie sind rätselhaft, nicht weiter erklärbar.

Die Psychiatrie kennt bisher keine objektiven Verfahren, mit denen sie ihre Diagnosen erhärten könnte. Sie basieren auf „Symptomen“, auf den vom Patienten oder von Dritten berichteten Beschwerden.

Durch eine psychiatrische Diagnose wird einem Menschen eine so genannte psychische Krankheit unterstellt. Dies kann schwerwiegende Konsequenzen haben: Denn die Diagnose ist immer eine Diskriminierung. Der psychisch Kranke gilt als nicht (uneingeschränkt) leistungsfähig, unberechenbar, gar als nicht zurechnungsfähig. Auf jeden Fall betrachtet man ihn als einen Menschen, der in negativer Weise anders ist als andere Menschen.

Dies kann zum Verlust des Arbeitsplatzes, zur Zerstörung von Partnerschaften und Ehen bis hin zur Zwangsunterbringung und Zwangsbehandlung führen.

Es gibt, wie bereits erwähnt, keine objektiven Verfahren, mit denen der Arzt eine psychiatrische Diagnose erhärten könnte. Sie ist eine reine Mutmaßung. Sie beruht auf Informationen, die vom angeblich Kranken oder auch von Dritten (Familienmitgliedern, Bekannten, Arbeitskollegen, Arbeitgebern etc.) stammen.

Akzeptanz psychiatrischer Diagnosen

Was bringt ein Individuum dazu, eine solche Diagnose für sich zu akzeptieren? Sicher, viele Menschen haben ernste Lebensprobleme. Sie geben sich selbst Rätsel auf. Sie leiden. Sie fühlen sich krank. Allein, sich krank zu fühlen, reicht nicht aus: Damit kann man keine medizinische Diagnose rechtfertigen, die schließlich Objektivität beansprucht.

Die folgende Liste von Gründen, sich als „psychisch krank“ diagnostizieren zu lassen, erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit:

  1. Die Diagnose stammt von einem ausgebildeten Facharzt.
  2. Der Mediziner hat Erfahrung in seinem Beruf.
  3. Das angebliche Krankheitsbild ist aus Funk, Fernsehen und Presse bekannt. Auch im Internet finden sich Websites, die sich damit beschäftigen.
  4. Wir alle unterliegen den Einflüssen des psychiatrisch-pharmawirtschaftlichen Marketings. Dies verleitet uns dazu, Lebensprobleme als behandlungsbedürftige „psychische Krankheiten“ zu deuten.
  5. Ärzten muss man vertrauen. Schließlich geht es um die eigene Gesundheit. Man selbst kann ja gar nicht beurteilen, was einem fehlt.
  6. Menschen mit erheblichen Lebensproblemen stehen unter Stress. Stress kann die Kritikfähigkeit einschränken, ja, sogar ausschalten. Man ist daher geneigt, Diagnosen zu akzeptieren, ohne sich rational mit ihrer Berechtigung auseinanderzusetzen.
  7. Wir alle neigen dazu, nach Erklärungen für rätselhafte Phänomene zu suchen. Wir sind bereit, sie zu akzeptieren, sobald sie plausibel erscheinen, auch wenn sie nicht bewiesen sind.
  8. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unterliegen die Gesellschaften in modernen Industriestaaten einer zunehmenden „Medikalisierung“. Dies bedeutet, dass immer weitere Bereiche des menschlichen Verhaltens und Erlebens zu behandlungsbedürftigen „Krankheiten“ erklärt werden.
  9. Daher sind wir von klein auf mit dem Gedanken vertraut, dass es „psychische Krankheiten“ gäbe. Jeder könne von ihnen betroffen sein, so heißt es.
  10. Menschen, die unter erheblichem Stress stehen, tendieren dazu, sich väterlich gebenden Autoritäten unterzuordnen.
  11. Menschen wählen in der Regel unter den zu Gebote stehenden Alternativen jene aus, die ihnen als die beste erscheint. Unter den gegebenen Bedingungen kann es subjektiv und evtl. auch objektiv in der Tat die beste Lösung sein, in Krisensituationen die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen.
  12. Menschen in akuten Lebenskrisen und erst recht Menschen mit chronischen Lebensproblemen neigen dazu, Minderwertigkeitsgefühle zu entwickeln. Sie trauen sich nur noch wenig zu. Sie sind dann eventuell dankbar, wenn ein Arzt die Verantwortung für sie übernimmt.
  13. Menschen mit Lebensproblemen sind oft erheblichem Druck von Mitmenschen (Familienangehörigen, Bekannten, Arbeitgebern etc.) ausgesetzt: Sie sollen zum Psychiater zu gehen, weil etwas mit ihnen nicht stimme.

Der Not geschuldet

Manche Menschen akzeptieren zähneknirschend eine psychiatrische Diagnose, weil sie keine Alternative sehen. Sie haben die Kontrolle über ihr Leben verloren. Sie wissen nicht ein, noch aus. Sie brauchen dringend Hilfe. Wer aber soll diese gewähren, wenn nicht die Psychiatrie?

Und in der Tat: Die Psychiatrie hat die Hilfe für Menschen dieser Art vollständig an sich gerissen. Helfer außerhalb der Medizin duldet sie nur, wenn sie sich ihr unterordnen. Tun sie dies nicht, dann werden sie zumindest klein gehalten. Viele Betroffene haben also keine realistische Alternative. Sie müssen psychiatrische Hilfe in Anspruch nehmen. Also fügen sie sich in ihr Schicksal.

Dennoch: Wer psychiatrisch diagnostiziert wurde, hat sich dadurch eine Menge Probleme eingehandelt. Die Diagnose besitzt für ihn aber keinen Nutzen. Zur Lösung seiner Probleme ist sie unerheblich.

In der Praxis hilft es einem Menschen mit Lebensproblemen keineswegs, wenn man ihn in eine Psycho-Schublade steckt. Es gilt vielmehr, konkret seine Ausgangslage zu ergründen. Dann muss man ein Ziel skizzieren. Schließlich gilt es, geeignete Mittel und Wege auszuwählen, um dieses Ziel zu erreichen.

Wer in diesem Bereich Hilfe benötigt, darf sich glücklich schätzen, wenn er Freunde hat, die ihn unterstützen. Dazu braucht man keine besonderen Kenntnisse. Auch die Psychiatrie hat diese nicht; sie täuscht nur durch Wortakrobatik darüber hinweg.

Aber natürlich benötigt man freie Zeit und eine gewisse emotionale Distanz zum Problem dessen, der um Hilfe ersucht. Auch deswegen kommen manche Leute an der Psychiatrie nicht vorbei. Sie finden niemanden sonst, der ihnen helfen kann oder will.

Verwandte Artikel