Das Leib-Seele-Problem

Wie bereits betont, ist mein Physikalismus pragmatisch.1 Ich betrachte ihn als Modell unter vielen anderen, die gleichermaßen berechtigt sind. Er hilft mir, die Fülle der Erscheinungen zu ordnen und die Spreu vom Weizen zu trennen. Mir ist bewusst, dass damit eine Einengung der Sichtweise verbunden ist. Doch irgendeine Einengung muss jeder in Kauf nehmen, der nicht im Meer der Phänomene ertrinken will.

Mein Physikalismus ist keine philosophische Grundsatzentscheidung. Es ist für mich nicht auszuschließen, dass andere Sichtweisen besser mit der Wirklichkeit übereinstimmen könnten. Das Verhältnis zwischen Körper und Geist bzw. Leib und Seele beschäftigt die Philosophie seit ihren Anfängen und man darf sagen, dass diese Frage bisher noch nicht geklärt ist. Zwar sind viele aufgeklärte Zeitgenossen davon überzeugt, dass unser Geist, unsere Psyche, unsere Seele aus der Evolution hervorgegangen und daher Produkte einer natürlichen Entwicklung seien; aber erst unlängst schockierte der bedeutende amerikanische Philosoph Thomas Nagel die Öffentlichkeit mit der These, dass die materialistische, darwinistische Konzeption der Natur vermutlich falsch sei.2

Es ist hier nicht der Ort, Nagels differenzierte Argumentation im Detail nachzuvollziehen. Seine wohl stärksten Argumente gegen einen naturalistischen Reduktionismus beziehen sich auf die Frage, wie der menschliche Verstand sowie die Fähigkeit, diesen selbst zum Gegenstand der Reflexion zu machen, aus einem evolutionären Prozess im Sinne Darwins und seiner Nachfolger hervorgegangen sein könnte.

Ich greife nur einen Satz heraus, um einen Eindruck von der Art zu vermitteln, in der Nagel dieses Problem angreift:

Ich kann mich nicht von einer logischen Schlussfolgerung zurückziehen und sie mit der Überlegung bestätigen, dass die Zuverlässigkeit meiner logischen Denkprozesse mit der Hypothese konsistent ist, die Evolution habe sie wegen ihrer Exaktheit selektiert. Dies würde den logischen Anspruch drastisch schwächen.“

Hier gilt es ja zu bedenken, dass Vorformen der Fähigkeiten, die schließlich zur Wissenschaft der Logik geführt haben, sich im Evolutionsprozess kraft Mutation zunächst bei einzelnen Individuen zeigen und deren Fortpflanzungsfähigkeit erhöhen müssen, um sich durchsetzen zu können.

Die Logik ist bekanntlich eine Form des Schließens, die unabhängig vom Inhalt der verknüpften Prämissen und Konklusionen operiert. So folgt aus

  1. Jeder Mensch hat drei Beine.
  2. Sokrates ist ein Mensch
    zwingend die wahre Schlussfolgerung
  3. Sokrates hat drei Beine.

Es fragt sich in der Tat, welche Vorformen der Fähigkeit, so zu denken, den ersten Trägern dieses Vermögens einen Fortpflanzungsvorteil gebracht haben könnten.

Dies ist allerdings nur eine von zahllosen Fragestellungen, die sich im Anschluss an das vielschichtige Werk Thomas Nagels ergeben. Nagels Skepsis kann keineswegs durch die Erkenntnisse der modernen Evolutionsbiologie zerstreut werden. In seinem voluminösen Werk „Evolutionary Biology“ schreibt der renommierte Evolutionstheoretiker Douglas J. Futuyma:

„Keine Themen der evolutionären Biologie sind kontroverser als jene, die sich mit der Evolution und Genetik der Charakteristiken menschlichen Verhaltens auseinandersetzen, einschließlich der kognitiven Fähigkeiten, die als ‚Intelligenz‘ beschrieben werden… Wie und warum diese Fähigkeiten entstanden, ist Gegenstand großer Spekulation und wenig direkter Beweise.“3

Trotz solcher Unwägbarkeiten sind Biologen und andere Naturwissenschaftler in der Regel wenig geneigt, sich bei Aussagen innerhalb ihres jeweiligen Fachgebietes auf philosophische Erwägungen einzulassen. Sie frönen zumeist einem naiven Realismus, der darin besteht, vorauszusetzen, dass es eine von unserem Bewusstsein unabhängige Realität gäbe und dass die Phänomene dieser Realität im Prinzip durch natürliche Ursachen vollständig erklärt werden könnten.

Mag der eine oder andere Naturwissenschaftler auch ein religiöser Mensch sein, in aller Regel wird er fachlich nicht mit mutmaßlichen Eingriffen Gottes in das natürliche Geschehen argumentieren.

Die Psychiatrie versteht sich als Teil der modernen, naturwissenschaftlichen Medizin. Heutige Psychiater haben sich in aller Regel die oben skizzierte Grundhaltung von Naturwissenschaftlern anverwandelt.

Sie spricht auch aus folgenden Sätzen, die sich in einem willkürlich herausgegriffenen psychiatrischen Lehrbuch finden:

„Es ist klar, zumindest auf einer Ebene, dass das, was gewöhnlich als ‚Verstand‘ bezeichnet wird, einfach die Aufsummierung verschiedener elektrischer und chemischer Vorgänge ist, die im Gehirn ablaufen. Denken, Glauben, sich Erinnern, Fühlen, Schmecken und alle anderen kognitiven, sensorischen und Verhaltens-Funktionen, die Menschen erleben, sind wesentlich auf der molekularen Ebene, durch das Zusammenwirken von Nervenverbindungen, bestimmt.“4

Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass die Weise dieses Zusammenwirkens der Nervenverbindungen weitgehend noch ungeklärt ist. Wir erleben im Augenblick sogar eine Zeit des Umbruchs, in der alle Gewissheiten über die Lokalisierung mentaler Prozesse im Gehirn, dank moderner Forschungsmethoden, über den Haufen geworfen werden.

Auch wenn weitgehende Einigkeit unter einschlägig forschenden Wissenschaftlern besteht, dass unser Gehirn unseren Geist hervorbringt, so wissen wir nach wie vor nicht, wie dies geschieht.5

Das obige Zitat aus dem psychiatrischen Lehrbuch enthält eine Gleichsetzung, die in der Philosophie unter der Bezeichnung „Identitätstheorie“ firmiert: Der Verstand ist die Aufsummierung verschiedener elektrischer und chemischer Vorgänge.

Das wohl gewichtigste Argument gegen die Identitätstheorie wurde von dem amerikanischen Logiker Saul A. Kripke vorgeschlagen.6 Es ist ziemlich komplex, und so erlaube ich mir, es für den Hausgebrauch auf eine Kernaussage herunterzubrechen. Wenn Schmerz beispielsweise identisch wäre mit dem Feuern der C-Faser, dann könnte es keinen Schmerz gegen ohne das Feuern dieser Faser, was offensichtlich unsinnig ist. Verallgemeinert: Die Identitätstheorie setzt voraus, dass einem bestimmten mentalen Prozess stets 1 zu 1 ein neuronaler Prozess zugeordnet ist.

Es wurden vielfältige Versuche unternommen, die Identitätstheorie gegen das Argument Kripkes zu retten; schlussendlich vermochte mich keiner davon zu überzeugen. Die Identitätstheorie ist allein darum schon nicht zu halten, weil im Licht der empirischen Forschung alles dafür spricht, dass unser Gehirn ein und denselben mentalen Prozess durch unterschiedliche neuronale Vorgänge hervorbringen kann und das ein und demselben neuronalen Prozess unterschiedliche mentale Abläufe entsprechen können.

Kurz: Das Leib-Seele-Problem ist sowohl auf der philosophischen, als auch auf der einzelwissenschaftlichen Ebene nach wie vor ungeklärt. Dennoch gehöre ich den Zeitgenossen, die zutiefst von der Überzeugung durchdrungen sind, dass meine Wahrnehmungen, meine Gefühle, meine Stimmungen, mein Denken und meine Handlungen im Prinzip vollständig durch physische Prozesse in und außerhalb meines Körpers erklärt werden können. Keine übernatürlichen Kräfte, Mächte und Instanzen müssen unterstellt werden, um zu begreifen, warum ich mich morgens aus dem Bett erhebe, mir ein Brötchen schmiere und dazu eine Tasse Kaffee trinke (um Beispiele zu nennen).

Diese Überzeugung entspringt nicht der Welt empirischer Daten und auch nicht dem rationalen Denken. Es handelt sich vielmehr um eine aus dem Reich der Gefühle hervorgehende Weltanschauung. Dieser Weltanschauung hänge ich an, obwohl ich weiß, dass die Identitätstheorie, zumindest in ihrer kruden Form einer 1:1-Entsprechung, philosophisch betrachtet kaum ernsthaft zu verteidigen ist. Ich tröste mich mit der Überzeugung, dass wir nur noch nicht die angemessene Sprache gefunden haben, um den Grundansatz des Physikalismus (Materialismus, Naturalismus) angemessen, auch philosophisch befriedigend zu formulieren.

Diese Sichtweise teile ich durchaus mit dem psychiatrischen Mainstream. Obwohl die Identitätsthese kein Kind der Vernunft ist und obwohl es vernünftige Gründe gibt, sie in Zweifel zu ziehen, sprechen gewichtige pragmatische Gründe dafür, sie beizubehalten.

Das wohl bedeutendste Argument besteht darin, dass Experimente zum Verhalten und Erleben des Menschen, bei denen es um die möglichst strikte Kontrolle der Versuchsbedingungen geht, schlicht und ergreifend sinnlos wären, wenn wir mit übernatürlichen Eingriffen in das experimentelle Geschehen zu rechnen hätten.

Oder anders formuliert: Um Experimente interpretieren zu können, müssen wir voraussetzen, dass in der Blackbox, in der die Prozesse ablaufen, die zwischen den Reizen und den Reaktionen vermitteln, die gleichen grundlegenden Naturgesetze herrschen wie außerhalb der Blackbox. Wenn sich dort, in der Blackbox, eine Seele befindet, die von Gottes Hand nach Gutdünken geformt wird, dann erübrigt sich jedes Experiment, denn Gottes Wege sind bekanntlich unergründlich.

Also bin ich aus pragmatischen Gründen Materialist und stelle mir die Welt als so geordnet vor, dass Experimente Sinn stiften. Experimente sind aus meiner Sicht fraglos ein unvollkommener, aber immer noch der beste Weg, Fragen des menschlichen Verhaltens und Erlebens zu klären. Mit einem frei schwebenden Geist, der den Gesetzen der Natur teilweise oder vollständig enthoben ist, kann man schlecht oder gar nicht experimentieren.

Die Entscheidung für das Experiment impliziert letztlich eine materialistische oder, wie man heute eher zu formulieren geneigt ist, eine physikalistische bzw. naturalistische Einstellung. Dies dürfte wohl auch der Grund dafür sein, dass die meisten Naturwissenschaftler sie, sofern sie fachlich argumentieren, auch einnehmen, selbst wenn sie außerhalb ihrer Wissenschaft religiös sind.

Der Mainstream-Psychiatrie werfe ich nicht vor, dass sie biologisch orientiert, sondern ich werfe ihr vor, dass sie nicht konsequent biologisch ausgerichtet ist. Ein biologisch denkender Mensch kann nicht von „psychischen Krankheiten“ sprechen, solange es nicht gelungen ist, Pathologisches im Gehirn oder sonstwo im Körper zu entdecken, das die „Symptome“ dieser mutmaßlichen Krankheiten hervorbringt. Dies war bisher bei keiner der so genannten psychischen Krankheiten der Fall.

Kein Biologe würde das Einhorn in ein Lehrbuch der Zoologie aufnehmen, nur weil dieses Tier halbwegs ordentlich als Wesen mit einem Pferdekörper und einem gewundenen Horn auf der Stirn definiert wurde. Mich beschleicht der Verdacht, dass die biologische Ausrichtung der Mainstream-Psychiatrie nur die Camouflage schierer Willkür darstellt.

  • Zwar bezeichne ich mich gelegentlich als Psychiatriekritiker, aber diese Einordnung ist im Grunde nicht zutreffend. Vielmehr betrachte ich die Psychiatrie ziemlich kühl und neutral aus dem Blickwinkel der empirischen Wissenschaften und das Resultat ist meist eine kritische Einschätzung.
  • Zwar wurzelt meine materialistische Grundhaltung schlussendlich im Emotionalen, aber mein methodisches Vorgehen unterwirft sich dennoch strikt rationaler Disziplin.

Vorurteile gegenüber der Psychiatrie versuche ich also zu vermeiden. Dass die Psychiatrie ihrem Anspruch, ein Teilgebiet der modernen, naturwissenschaftlich orientierten Medizin zu sein, nicht gerecht wird, ist kein Vorurteil, leider.

Dies mag daran liegen, dass unser menschliches Gehirn nun einmal erheblich komplexer ist als Lunge, Herz und Nieren, also Organe, die sich leicht mit denen von Schweinen, Kühen oder Ziegen vergleichen lassen. Das menschliche Gehirn aber ist zu Leistungen fähig, die selbst Affen oder Delphinen offensichtlich nicht gegeben sind.

Es steht allerdings auch eine andere Hypothese im Raum, nämlich die, dass die Psychiatrie ihr Thema verfehlt und darum hinter dem Rest der Medizin hinterherhinkt. Womöglich ist das, was sie behandelt, ja gar keine Krankheit. Vielleicht sind die Phänomene, die sie als „Symptome psychischer Krankheiten“ deutet, nur Spielarten der Normalität, außergewöhnliche und mitunter riskante Reaktionen eines völlig intakten Gehirns.

Es steht für mich außer Frage, dass die Neurowissenschaft früher oder später Muster der Gehirntätigkeit entdecken werden, durch die sich Menschen mit bestimmten Formen des Verhaltens und Erlebens systematisch voneinander unterscheiden. Dies wird vermutlich auch bei manchen der so genannten Symptome der mutmaßlichen psychischen Krankheiten der Fall sein. Ebenso wird sie Unterschiede von Mustern der Gehirntätigkeit bei Bäckern und Schustern, Psychiatern und Psychologen, Tennisspielern und Langläufern finden. Schließlich passt sich das Gehirn der Aktivität seines Besitzers an.

Doch aus solchen Befunden könnte man keineswegs ableiten, die Letztursachen „psychischer Krankheiten“ oder des Tennisspielens (um Beispiele zu nennen) erkannt zu haben. Es ist genauso gut denkbar, dass die entdeckten Muster nur Glieder einer Kausalitätskette sind, die weit über die Grenzen des Individuums hinausgreift.

Solche Muster wären sogar mit der vollständigen Determination des Verhaltens durch Umweltreize verträglich, denn selbstredend ist der Tennisspieler anderen Reizen ausgesetzt als der Langläufer und selbstverständlich müssen die Gehirne von Langläufern und Tennisspielern unterschiedlich auf unterschiedliche Reizkonfigurationen reagieren.

Es ist eigentlich überflüssig hinzuzufügen, dass auch Spielarten der Normalität durch unser Nervensystem hervorgebracht werden – zumindest aus materialistischer Sicht, zu der ich mich, aus emotionalen Gründen, leidenschaftlich bekenne.

Nagel, T. (2012). Mind and Cosmos. Why the Materialist Neo-Darwinian Conception of Nature is Almost Certainly False. Oxford: Oxford University Press

Futuyma, D. J. (1998). Evolutionary Biology. Sunderland, Mass.: Sinauer Associates, Inc., Seite 740 f.

Andreasen, N. C. & Black, D. W. (1993). Lehrbuch Psychiatrie. Hemsbach: Psychologie Verlags Union

Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

Kripke, S. A. (1972). Naming and Necessity. Cambridge, Mass.: Harvard University Press

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