Das Dilemma der Psycho-Experten

Nach dem bisher in diesem Blog Gesagten könnte der Eindruck entstehen, dass ich „Psychotherapeuten“, die nach dem medizinischen Modell arbeiten, entweder für Naivlinge oder für Schlitzohren halte, wenn nicht gar für narzisstisch Gestörte, bei denen sich Geltungssucht mit Geschäftssinn paart. Doch so einfach ist das Leben nicht gestrickt.

Selbstverständlich ist mir die Zwangslage bewusst, in der „Psychotherapeuten“ unweigerlich gefangen sind – unabhängig davon, ob ihnen dies bewusst ist oder nicht. Es handelt sich hier um eine Zwangslage, mit der alle Psycho-Experten konfrontiert sind – ganz gleich, ob sie darunter leiden oder ob sich ganz glücklich damit sind. Menschen, die psychologisches Wissen professionell anwenden, stecken in einem Dilemma: Sie müssen mit gefälschten Karten spielen, wenn sie ihre Kunden nicht betrügen wollen. Dieses Dilemma ist die Konsequenz eines Widerspruchs zwischen Selbst- und Fremdbild und der damit verbundenen Erwartungen1.

  • Ein Unternehmer erwartet, dass psychologisch fundierte Maßnahmen zur Steigerung der Produktivität oder zur Förderung der Kundenbindung mit Gewissheit oder an diese grenzender Wahrscheinlichkeit zum Erfolg führen.
  • Ein „Psychotherapie“-Klient will Gewissheit, dass ihn die gewählte Methode auch von seinen quälenden Ängsten, Depressionen oder Zwängen erlöst.
  • Ein Militärstratege will sich darauf verlassen können, dass die Psycho-Trainings zur Förderung des Kampfeswillens auch die Zahl der getöteten Aufständischen bzw. Terroristen erhöhen.

Die Psycho-Experten (Psychiater, Psychotherapeuten, Trainer, Berater aller Arten) fühlen sich jedoch ihrer Wissenschaft verpflichtet. Sie sind stolz darauf, auf wissenschaftlicher, auf empirischer Grundlage zu arbeiten. Je ernster sie ihre Wissenschaft nehmen, je besser sie diese verstehen, desto deutlicher sehen sie aber auch, dass ihnen ihre Wissenschaft keine Gewissheiten zu bieten vermag. Diese ergießt sich noch nicht einmal aus dem Füllhorn der viel reiferen strengen Naturwissenschaften wie der Physik oder der Chemie. Die Psychologie kann daher nicht garantieren, dass auf ihrer Grundlage entwickelte Maßnahmen zur Veränderung menschlichen Verhaltens und Erlebens tatsächlich greifen.

Die Crux besteht darin, dass diese Maßnahmen, welcher Art auch immer, nur dann halbwegs realistische Erfolgsaussichten besitzen, wenn gleichermaßen Psycho-Experten und Kunden daran glauben. Die Maßnahmen zur Steuerung menschlichen Verhaltens und Erlebens sind schließlich keine mechanischen Eingriffe ins Räderwerk lebloser Maschinen. Sie sind vielmehr ein System von Impulsen, von Anregungen, die von Psycho-Experten und Kunden aufgegriffen werden müssen.

  • Der Wirtschaftspsychologe muss sich engagiert in Arbeitsprozesse einbringen, sich in Mitarbeiter und Vorgesetzte einfühlen, Visionen entwickeln und animieren; die Mitarbeiter und Vorgesetzten müssen, sich mitreißen lassen, sich neue Ideen anverwandeln, sich Strategien ausdenken und an sich arbeiten.
  • Der Psychotherapeut muss Empathie für seinen Patienten entwickeln, dessen inneren Widerstände gegen Veränderung überwinden, dessen Hoffnung verstärken; der Patient muss seine Selbstheilungskräfte entdecken, sich Ziele setzen und diese beharrlich anstreben.
  • Der Militärpsychologe muss sich in die Front-Situation hineinversetzen, muss die Bedürfnisse der Soldaten erspüren, ihre Hemmungen ergründen; die Soldaten müssen Phantasien im Sinne des Trainings entwickeln und das Gelernte auf die Realität im Einsatzgebiet übertragen.

Es ist offensichtlich, dass ohne einen starken Glauben an die gewählten Maßnahmen kein nennenswerter Effekt zu erwarten ist.

Die Wissenschaft sagt unmissverständlich, dass die Validität psychologischer Erkenntnisse fast immer höchst fraglich ist. Je näher ein psychologisches Experiment dem Ideal naturwissenschaftlicher Erkenntnis kommt, desto weniger lässt es sich auf das reale Leben übertragen. Je lebensnäher eine Studie jedoch ist, desto schwieriger ist es, aus ihr logisch zwingend allgemein gültige Erkenntnisse abzuleiten.2

Die Folge dieses Dilemmas ist eine professionelle Dissoziation, eine Bewusstseinsspaltung. Ein Psycho-Experte, der sein Fach ernst nimmt, muss in der Praxis agieren, als besäße er die absolute Gewissheit, muss Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen – in der Theorie aber muss er sich dem unausweichlichen methodischen Zweifel unterwerfen, darf Hypothesen nicht mit Beweisen verwechseln.

Manche Menschen meistern diesen Spagat dank eines elastischen Naturells mühelos; andere müssen sich jeden Tag aufs Neue überwinden. Manche flüchten aus dem Dilemma, indem sie sich aus der Praxis oder aus der Wissenschaft zurückziehen. Wir finden dann auf der einen Seite Professoren, die sich in mathematischen Modellen verlieren und hinterher gequält und lustlos nach empirischen Anwendungen für ihre Formeln und Zahlenwerke suchen. Auf der anderen Seite treiben Gurus und Zaubermänner ihr Wesen auf Grundlage uralter, esoterischer Weisheit.

Dies sind die idealtypischen Erwartungen; dass Menschen mitunter – meist uneingestandenermaßen, warum auch immer – hoffen, dass sich diese Erwartungen nicht verwirklichen lassen, steht auf einem anderen Blatt. Dies wird immer dann der Fall sein, wenn das, was sie offiziell anstreben sollten und das, was sie insgeheim gern möchten, nicht so recht zusammenpassen.

Aus meiner Sicht wäre die Psychologie gut beraten, sich auf die Grundlagenforschung zu konzentrieren. Es ist ja auch beim Hausbau nicht ratsam, mit dem Bau des Erdgeschosses zu beginnen, bevor man das Fundament gelegt hat. Der Psychologie fehlt aber die Basis, noch immer. Daher sollte man verstärkt auch wieder auf die heute eher verpönten Experimente mit Ratten und Tauben zurückgreifen. Es gilt zunächst einmal, die basalen Mechanismen herauszuarbeiten, auf denen das Verhalten aller (höheren) Tiere beruht.

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