Antisemitismus

Die einfachste Definition des Antisemitismus: Antisemit ist, wer pauschal Juden für schlechte Menschen hält, nur weil sie Juden sind.

Wer mit dieser Definition zufrieden ist, unterschätzt Antisemiten. Denn nach dieser Begriffsbestimmung wären nicht einmal die Nazis Antisemiten gewesen. Sie waren schlau genug, sich mit einer Reihe von „Ausnahme-Juden“ zu schmücken.

Dies macht die Sache schwierig. Selbstverständlich ist es kein Ausdruck von Antisemitismus, wenn man einzelne Juden für schlecht hält. Schließlich gibt es schlechte Menschen überall, warum also nicht auch unter Juden?

Und so ist es natürlich nicht verwerflich, die Politik der Regierung des Staates Israel zu kritisieren. Welche Regierung auf diesem Planeten wäre schon fehlerfrei? Überdies ist es demokratischer Brauch, Regierungen auf den Prüfstand zu stellen.

In Gustav Freytags Roman „Soll und Haben“ sind die ärgsten Bösewichte Juden. Besonders schlimm treibt es Veitel Itzig. Die Juden dieses Romans sind mit allen Wassern gewaschene Finanzkapitalisten, die arglose und charakterschwache Deutsche über den Tisch ziehen. Das Gegenbild zu Veitel Itzig stellt Anton Wohlfahrt dar, ein Ausbund deutscher Redlichkeit und kaufmännischer Tugend. Es gibt aber auch einen edlen Juden in diesem Roman, den Intellektuellen Bernhard Ehrenthal – ein Freund Antons. Nicht verschwiegen werden soll auch, das eine Reihe von Schuften in Freytags Werk keine Juden sind.

Das Werk erschien 1855. Es ist fraglos eine Meisterleistung der Erzählkunst des 19. Jahrhunderts. Man liest es – trotzdem: wegen seiner literarischen Qualitäten – mit Vergnügen, und immer wieder sträuben sich die Haare, kalt läuft es einem den Rücken herunter.

Richtig: Nach Ausschwitz könnte ein solches Buch nicht mehr in einem seriösen Verlag erscheinen. Kein Schriftsteller von Rang würde ein solches Thema gestalten und wer es gestaltete, wäre kein Schriftsteller von Rang, sondern einer, der damit bei einem rechtsradikalen Verlag unterzukommen versucht (weil er weiß, das seine literarische Kraft für Besseres nicht reicht).

Doch ist Freytags Roman tatsächlich antisemitisch? Schließlich erschien er lange vor jener Zeit, als die Untaten der Nazis endgültig der Welt ihre Unbefangenheit im Umgang mit dem Thema „Juden“ raubten? Literaturkritiker heben hervor, dass der Autor mit den klassischen antisemitischen Stereotypen arbeite. Die Schrift sei deswegen judenfeindlich, auch wenn sie die vorangestellte einfache Definition des Antisemitismus nicht erfülle.

Kann man das Problem einer sinnvollen Antisemitismus-Definition dadurch lösen, dass man die zuerst erwähnte Fassung entsprechend modifiziert: Antisemit ist, wer durch Verwendung negativer Stereotype den Eindruck erweckt, schlecht zu sein sei ein – mehr oder weniger stark ausgeprägtes – Charakteristikum der Juden, das sie aus den Bewohnern dieses Planeten heraushebe?

Die Schwierigkeiten dieser Auffassung springen ins Auge, obwohl sie großen Anklang gefunden hat. Man gilt heute manchen bereits als Antisemit, wenn man den Finanzkapitalismus kritisiert. So etwas albern zu nennen, verbietet sich angesichts des Ernstes, der sich mit diesem Thema verbindet: Es ist bösartig.

Andererseits kann man mit vernünftigen Gründen nicht bestreiten, dass einige Kritiker des Finanzkapitalismus oder einige Antizionisten tatsächlich ausgesprochene Antisemiten sind, die ihre Gesinnung nur mehr oder weniger geschickt tarnen. Sie sind oft leicht zu erkennen: instinktiv. Es gehen die roten Lampen an, wenn so einer loslegt.

Allein, es ist schwierig, halbwegs trennscharf zu formulieren, wodurch sich antisemitische Antizionisten von gewöhnlichen Antizionisten, wodurch sich antisemitische Kritiker des Finanzkapitalismus von nicht judenfeindlichen unterscheiden.

Es gibt offenbar eine Grauzone, in der Statements ihre Konturen verlieren, so dass Zweifel bleiben, ob es sich um legitime Kritik oder um verwerflichen Antisemitismus handelt. Eine Möglichkeit bestünde darin, konsequent jeden, der sich in dieser Grauzone bewegt, auf Verdacht als Antisemiten einzustufen.

Der Nachteil: Man müsste mit einer Inflation des Antisemitismus-Vorwurfs rechnen. Die Konsequenz: Man würde den Antisemitismus verharmlosen. Es steckt schließlich nicht hinter jeder unbedachten Äußerung über Juden ein ausgemachter Judenfeind.

Meine Lösung: Entschlossener noch, als ich mir das sonst zu eigen gemacht habe, überprüfe ich jede Äußerung über Juden empirisch und logisch. Stimmt das überhaupt, was da gesagt wurde? Ist es folgerichtig? Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus unbestreitbaren Tatsachen ableiten, welche nicht?

Nein: Ich halte nicht jeden Kritiker Israels oder des Finanzkapitalismus für einen Antisemiten. Wer aber bei diesen Themen nicht die gebotene Vorsicht walten lässt, den betrachte ich zumindest als oberflächlichen, gedankenlosen Menschen und als unscharfen Denker.