Beweise in der Psychiatrie

Kritiker werfen der Psychiatrie vor, dass ihre Theorien nicht bewiesen seien. Die Befürworter kontern, dass man Theorien grundsätzlich nicht beweisen könne. Dies habe schließlich Karl Popper in seinem berühmten Werk „Logik der Forschung“ gezeigt. Theorien könne man nur widerlegen. Solange die Kritiker die Theorien der Psychiatrie also nicht widerlegen könnten, sollten sie sich mit ihrer Kritik zurückhalten.

Poppers Urteil gilt allerdings nur für Theorien, die auf Allaussagen beruhen. Naturwissenschaftliche Theorien haben im Allgemeinen diese Form. Das in diesem Zusammenhang gern zitierte Beispiel lautet: „Alle Schwäne sind weiß.“ Um diesen Satz zu beweisen, müsste man alle Gegenstände des Universums durchmustern und überprüfen, ob alle Objekte dieser Menge, sofern sie Schwäne, auch weiß sind. Das aber ist unmöglich.

Daher kann man eine solche Theorie nicht beweisen, wohl aber widerlegen, nämlich durch Vorweisen auch nur eines Tiers, das eindeutig ein Schwan und nicht weiß ist. Anders verhält es sich jedoch mit Theorien, die auf Existenzaussagen beruhen. Beispiel: „Es gibt einen schwarzen Schwan“. Diese Theorie kann man nicht widerlegen. Denn dazu müsste ich ausnahmslos alle Schwäne des Universums vorweisen und zeigen können, dass keiner davon schwarz ist. Auch dies ist unmöglich.

Eine solche Theorie kann man aber beweisen, nämlich ganz einfach dadurch, dass man auch nur einen schwarzen Schwan herzeigt.

Diese Asymmetrie hinsichtlich der Verifikation und Falsifikation von Theorien, die auf Universal- bzw. auf Existenzsätzen beruhen, wird oft übersehen bzw. nicht verstanden. Sie ist aber eine wesentliche Grundlage psychiatriekritischer Erkenntnistheorie.

Wenn ich mich beispielsweise frage, wie ich am besten die Ernährungsgewohnheiten oder das Fortpflanzungsverhalten des Einhorns erforschen kann, so muss ich mich zuvor vergewissern, dass Einhörner tatsächlich existieren, und zwar real, nicht nur als Fabelwesen. Grundlage jeder weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Einhorn ist also eine empirisch erhärtete Theorie, in der die Existenz dieser Tierart behauptet wird. Diese Theorie müsste angeben, wo und wann ich diese Tiere beobachten kann und wie ich dabei vorzugehen habe.

Die grundlegende Theorie der Psychiatrie ist ebenfalls eine solche Theorie, die auf einer Existenzaussage beruht. Sie ist die Voraussetzung der psychiatrischen Tätigkeit schlechthin. Sie lautet: Es gibt psychisch Kranke. Man kann von der Psychiatriekritik nicht verlangen, dass sie diese Theorie widerlegt. Zu diesem Zwecke müsste man alle Gegenstände des Universums durchmustern und zeigen, dass sich unter den Objekten, die Menschen sind, keine befinden, die psychisch krank sind. Daher obliegt es also der Psychiatrie, den Beweis anzutreten.

Nun könnte die Psychiatrie behaupten, ihre vollen Häuser und Praxis bewiesen doch hinlänglich, dass es psychisch Kranke gäbe. Doch dieses Argument vermag nicht zu überzeugen. Zwar gibt es sicher Menschen in den Hospitälern und Ambulanzen, allein, ob diese auch krank sind, kann man ihnen ja nicht ansehen.

Sicher, viele dieser Menschen verhalten sich auffällig: Sie bekunden, von tiefer Traurigkeit erfüllt zu sein, sie hören Stimmen, die sonst niemand hört, sie glauben an Ideen, die andere für verrückt halten, sie haben fürchterliche Angst oder sie leiden unter nicht beherrschbarer Erregtheit, kurz: es zeigen sich bei ihnen Phänomene, die von der Psychiatrie als „Symptome einer psychischen Krankheit“ gedeutet werden.

Allein, die grundlegende psychiatrische Theorie lautet nicht: Es gibt Menschen, die sich in der oben beschriebenen Weise (oder ähnlich rätselhaft) verhalten. Sondern sie lautet: Es gibt psychisch Kranke. Die genannten Verhaltensweisen werden als Symptome eines pathologischen Prozesses gedeutet. Daher ist die Existenz von Leuten mit diesen Verhaltensweisen noch kein Beweis der Theorie.

Um ihre grundlegende Theorie zu beweisen, müsste sie auch zeigen können, dass diese angeblichen Symptome tatsächlich durch einen pathologischen Prozess im jeweils betroffenen Individuum verursacht werden. Zum Nachweis der Existenz psychisch Kranker sind also objektive Indikatoren eines solchen Prozesses erforderlich.

Es ist keineswegs notwendig, das gesamte Ursachenbündel der so genannten psychischen Krankheiten zu kennen oder gar zu wissen, auf welchen verschlungenen Wegen dieses Bündel dann die Symptome hervorbringt. Es würde vollauf genügen, einzelne Anzeichen zu benennen, an denen man erkennen kann, dass tatsächlich ein ursächlicher pathologischer Prozess im Individuum abläuft, der nicht mit dem „symptomatischen“ Verhalten identisch ist.

Bisher allerdings hat man weder in den Nervensytemen, noch in den Erbanlagen der mutmaßlich psychisch Kranken irgendwelche derartigen Veränderungen replizierbar identifizieren können.

Nun werden manche einwenden, dass, auch ohne zwingende Beweise, das Pathologische der Verhaltensweisen psychisch Kranker doch ins Auge springe, so dass sogar der Laie keinen Zweifel daran haben könne, dass es sich dabei um etwas Krankhaftes handeln müsse. Irgendetwas im Gehirn – sei es die Hardware, sei es die Software oder beides – stimme da offensichtlich nicht. Das Beharren auf Beweisen sei eine akademische Narretei ohne praktische Relevanz.

Dazu ein Gegenbeispiel: Ein Mensch – nennen wir ihn Fritz – hat offenbar ein völlig intaktes Gehirn und eine gesunde Psyche. Noch nie wurde er einschlägig auffällig. Seine Besonderheit: Er ist gut hypnotisierbar. Dr. Dunkel ist ein böser Hypnotiseur. Ihm fällt Fritz in die Hände. Dunkel suggeriert ihm Folgendes: Nach dem „Aufwachen“ aus der Hypnose werde er sich an die Hypnotisierung nicht mehr erinnern können. Er werde am Folgetag Stimmen hören, obwohl niemand in der Nähe sei, von dem sie stammen könnten. Er werde glauben, sein Nachbar erzeuge diese durch Besendung mithilfe eines umgebauten Mikrowellengerätes. Fritz werde dann zu einem Psychiater gehen und diesem sein Leid klagen. Der Psychiater wird bei Fritz eine paranoide Schizophrenie diagnostizieren und er wird nicht in der Lage sein zu erkennen, dass die angeblichen Symptome durch einen posthypnotischen Befehl hervorgerufen wurden. Fritz hat ein völlig intaktes Gehirn. Auch dessen „Software“ wurde nicht gestört, sie arbeitet vielmehr tadellos im Sinne der Verwirklichung des Auftrags, den Dunkel Fritz mit auf den Weg gegeben hat.

Dieses Gedankenexperiment zeigt, dass derartige „Symptome“ nicht zwingend als Ausdruck einer im Individuum ablaufenden Pathologie gedeutet werden müssen. Sie sind vielmehr Elemente einer sozialen Interaktion, die den Hypnotiseur, Fritz und seinen Psychiater umfasst. Um Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich unterstelle ich nicht, dass „psychische Krankheiten“ stets durch böse Hypnotiseure hervorgerufen würden. Dieses Gedankenexperiment soll nur zeigen, dass die Theorie, ein krankes Gehirn bringe die angeblichen Symptome hervor, zwar plausibel sein mag, aber dennoch keineswegs selbstverständlich ist.

Gelegentlich rufen mich im Übrigen Menschen an, die unter seltsamen Phänomenen leiden und Stein auf Bein schwören, diese seien durch böse Hypnotiseure hervorgerufen worden. Diesen Menschen sei gesagt, dass es auch andere Ursachen für solche Phänomene geben kann. Daher muss man, bevor man böse Hypnotiseure verantwortlich macht, nicht nur deren Existenz nachweisen, sondern auch belegen können, dass sie die ihnen zur Last gelegte Tat tatsächlich begangen haben.

Die Hypnotisierung ist eine Form der sozialen Interaktion, die Phänomene erzeugen kann, die denen einer „psychischen Krankheit“ gleichen. Die zahllosen empirisch erhärteten Assoziationen zwischen „psychischen Krankheiten“ und Variablen des sozialen Umfelds nähren den Verdacht, dass die Hypnotisierung nicht die einzige Form sozialer Interaktion ist, die solche Phänomene zu produzieren vermag.

Für ein Gedankenexperiment ist die Hypnose besonders gut geeignet, weil sie die größtmögliche Vereinfachung der Sachverhalte gestattet. In der Realität sind vermutlich andere und verwickeltere Formen sozialer Interaktion, die vorgetäuschte „psychische Krankheiten“ hervorbringen, deutlich häufiger.

Dies zeigt, wie wichtig Beweise in der Psychiatrie tatsächlich sind. Denn es sollte eigentlich einleuchten, dass ein Problem nur dann mit den Mitteln der Medizin Erfolg versprechend bewältigt werden kann, wenn es tatsächlich auch pathologischer Natur ist. Man geht ja auch nicht zum Schuster, wenn man die Hose flicken lassen möchte.

Natürlich gehören gestörte Verhaltensweisen und Erlebnisformen, die durch Krankheiten des Gehirns oder anderer Körperbereiche verursacht werden, in die Domäne der Medizin. Wenn aber diese Phänomene als Elemente sozialer Interaktionen betrachtet werden müssen, dann sind medizinische Maßnahmen keine Hilfe. Maßnahmen wie Medikamente, Elektroschocks oder Psychotherapien, die sich auf das Individuum konzentrieren, verschleiern in solchen Fällen oftmals sogar die tatsächlichen Hintergründe des Problems und verhindern adäquate Lösungen.

Ohne ihre Zuständigkeit beweisen zu können, sind die Probleme der mutmaßlich psychisch Kranken heute der unangefochtene Verantwortungsbereich der Psychiatrie. Die Zahl der als psychisch krank Diagnostizierten steigt beständig, ebenso wie die Behandlungs- und Folgekosten. Es fragt sich, ob dies Schicksal ist oder die Folge davon, dass man den Schuster die Hosen flicken lässt.

Meine Hypothese: Häufig sind die sozialen Interaktionen, die jene als „psychisch krank“ missdeuteten Phänomene hervorbringen, eingeschliffene Verfahrensweisen oder Umgangsformen in sozialen Institutionen: in Familien, Schulen, Nachbarschaften, an Arbeitsplätzen usw. Diese Institutionen zu verändern, kann teuer, unbequem oder unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen gar nicht möglich sein. Eventuell profitieren auch Mächtige davon, dass „psychopathologisch“ relevante Strukturen aufrecht erhalten werden.

Dies mag zur Erklärung beitragen, warum an der Psychiatrie festgehalten wird, obwohl sie nicht beweisen kann, dass ihr medizinischer, auf das Individuum bezogener Ansatz gerechtfertigt ist – obwohl sie also nicht beweisen kann, dass es psychisch Kranke gibt.

Natürlich konnte bisher auch noch nicht zwingend bewiesen werden, dass es Menschen gibt, die als Konsequenz bestimmter sozialer Interaktionen Phänomene ausprägen, die von der Psychiatrie, ebenfalls ohne Beweis, als Symptome psychischer Krankheiten gedeutet werden.

Daraus folgt aber nicht, dass man dann die Hilfe für Betroffene am besten solange einstellt, bis die Sache geklärt ist. Unter diesen Bedingungen scheint es mit vielmehr ratsam zu sein, verschiedene Ansätze gleichberechtigt anzubieten.