Glaubwürdigkeit von Gefährlichkeitsprognostikern

Gefährlichkeitsprognosen sind häufig falsch: Gefährliche gelten als harmlos. Harmlose werden als gefährlich bezeichnet. Richtige Zuordnungen wirken da oft wie Zufall oder, bildlich gesprochen, wie Fettaugen auf einer Wassersuppe.

Gefährlichkeitsprognostiker stehen unter einem hohen Druck. Begeht einer, den sie als harmlos einstuften, eine schurkische Tat, sind sie die leichtgläubigen Idioten. Sitzt ein offensichtlich sanftes Schaf wegen einer Gefährlichkeitsprognose hinter psychiatrischen Gittern, dann sind sie die eiskalten Unmenschen.

Da ist es wohl besser, ein Unmensch zu sein, als einer, der Gräueltaten auf seine Kappe nehmen muss.

Und so fragt der Soziologe Günther Albrecht1)Albrecht, G. (2003). Probleme der Prognose von Gewalt durch psychisch Kranke. Journal für Konflikt- und Gewaltforschung (Journal of Conflict and Violence Research), Vol. 5, 1, 97-126 im Fazit seiner gründlichen Auseinandersetzung mit dem Stand der einschlägigen Forschung, wer uns eigentlich vor den Gefährlichkeitsprognostikern schütze.

Theoretisch könnte jeder von Falschdiagnosen betroffen sein, die seine Freiheit gefährden. In der Praxis trifft dies in aller Regel aber die Schwächsten der Schwachen. Wer ins Beuteschema passt, weil er arm ist und keine Unterstützer hat, lebt gefährlich.

Wer schützt uns vor Gefährlichkeitsprognostikern? Diese berechtigte Frage sollte allerdings ergänzend wie folgt umformuliert werden: Wer schützt uns vor den (einflussreichen) Leuten, die Gefährlichkeitsprognostikern Glauben schenken?

Warum glauben sogar viele Leute, die Psychiatern und der Psychiatrie im Grunde kritisch gegenüberstehen, den psychiatrischen Prognostikern, wenn diese im Brustton der Überzeugung von oben herab behaupten: „Der Angeklagte ist gefährlich und gehört weggesperrt in die Psychiatrie?“ Niemand fragt sich dann noch: „Woher will der das wissen?“, sondern man sagt sich: „Der Mann ist Facharzt. Der hat das schließlich gelernt!“

Es gibt zweifellos überaus gefährliche Leute, auch solche, die sich durch keinerlei Strafandrohung von den abscheulichsten Verbrechen abhalten lassen. Zeitungen und Fernsehsender berichten fast täglich von solchen Taten. Nur wer sich ohne Medienkontakt in die Einöde verkriecht, kann sich dieser Erfahrung entziehen. Sie erzeugt zwangsläufig ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis. Sicherheitsbedürfnis und Gefahrenbewusstsein schaukeln sich gegenseitig auf.

Dadurch entsteht chronischer Stress; der auch dann wirksam ist, wenn er verdrängt oder verleugnet wird. Stress aber begünstigt die Tendenz zur Regression. Ein kleines Kind, das sich bedroht fühlt, sehnt sich nach dem Schutz der Eltern (meist vor allem des Vaters), die als übermächtig erlebt werden. Dieses Bedürfnis befriedigt der Weißkittel.

Dies dürfte ein wesentlicher Aspekt sein, der dazu beiträgt, warum ärztliche Gefährlichkeitsgutachten nicht jenes Ausmaß an Kritik ernten, das ihnen bei nüchterner Betrachtung sicher wäre.

Vor allem durch die zunehmend aggressiver geführte öffentliche Debatte über außermedizinische, vor allem wirtschaftliche Interessen von Medizinern ist die ärztliche Autorität in den letzten Jahrzehnten zwar ins Wanken geraten. Sie ist längst nicht mehr so unumstößlich wie bis in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts hinein.

Aber sie verstärkt sich in Situationen individueller oder kollektiver Bedrohung trotzdem auch heute noch und löst nach wie vor den beschriebenen regressiven Reflex aus.

Wenn es um „gefährliche Irre“ geht, wird der Prognostiker in der Regel auch nicht mehr als Psychiater, sondern als Facharzt angesprochen, gleichsam also geadelt, damit das schlechte Image der Seelenklemptnerzunft nicht die Vertrauensbasis untergräbt.

So wie das Kleinkind dem Vater ohne Begründung oder Belege glaubt, dass der eine Mensch gut, der andere böse sein – so nimmt es der unter Stress geratene Bürger ungeprüft hin, dass nach Meinung des zuständigen Facharztes der eine Mensch gefährlich sei, der andere aber nicht.

Richter, die das Gewaltpotenzial eines Menschen berücksichtigen müssen, können sich dabei mit guten Gründen nur auf die Vorgeschichte des Angeklagten stützen. Die Gutachten psychiatrischer Experten werden die Qualität des richterlichen Urteils jedenfalls nicht erhöhen. Zumindest gibt es beim Stand der empirischen Forschung keinen vernünftigen Grund, darauf zu vertrauen.

Wissenschaftlich fundierte, hinlänglich treffsichere Gefährlichkeitsprognosen gibt es nicht und kann es wohl auch nicht geben. Der empirisch psychologischen Forschung ist es bisher jedenfalls noch nicht gelungen, mehr als nur einen kleinen Teil der Varianz menschlichen Verhaltens in komplexen Umwelten vorherzusagen. Leute, die meinen, sie könnten es besser, sollten Zahlen, Daten und Fakten präsentieren, die dies belegen. Bisher jedenfalls: Fehlanzeige.2)Siehe meinen Artikel: Die psychiatrisch forensische Prognostik / https://ppsk.de/die-psychiatrisch-forensische-prognostik

Warum lassen sich Richter dennoch sehr häufig durch derartige Gutachten beeinflussen?

Psychiatrisch-forensische Gutachten mögen brillant formuliert sein und plausibel klingen. Es mag viel guter Wille und aufrichtige Überzeugung in ihnen stecken. Sie sind dennoch nichts anderes als die persönliche Meinung von Menschen, die für diese Aufgabe nicht besser geeignet sind als irgendwer sonst. Der Richter könnte an ihrer Stelle auch den Gerichtsdiener fragen.

Letztlich darf man wohl voraussetzen, dass die meisten Richter dies im Grunde ihres Herzens bereits ohne Studium der einschlägigen Forschungsliteratur wissen.

Wie alle vernünftigen Menschen mit ein wenig Lebenserfahrung haben sie erkannt, dass menschliches Verhalten von einer Vielzahl komplexer Sachverhalte abhängt. Diese unterliegen gar nicht oder nur teilweise der Kontrolle durch das Individuum, dessen Verhalten vorhergesagt werden soll. Weder die psychiatrische Ausbildung, noch die einschlägige Berufserfahrung befähigen den Gutachter dazu, diese Unwägbarkeiten besser in den Griff zu bekommen als ein so genannter Laie.

Leider vergraben viele Richter diese Einsicht in den Tiefen ihrer Seele.

Es scheint ein Rätsel zu sein, warum Richter Gutachtern oft so sehr vertrauen, dass sie deren Gutachten 1 : 1 in Urteile umsetzen. Schließlich müssen Richter in ihrem Alltag menschlichem Verhalten auf den Grund gehen. Sie sollten doch wissen, wie begrenzt unsere Fähigkeit zu dessen Prognose ist. Sie sollten doch erfahren haben, dass wir diesbezüglich vor Überraschungen niemals sicher sind.

Möglicherweise gilt aber auch hier das Motto der Verschwörungstheoretiker: Nichts ist, was es zu sein scheint!

In einer Dissertation zum Gutachterwesen heißt es:

„Bei der Befragung gab nahezu jeder vierte gutachterlich tätige Sachverständige im medizinisch/psychologischen Bereich an, bei einem von einem Gericht in Auftrag gegebenen Gutachten schon einmal „in Einzelfällen“ oder „häufig“ (wenige Nennungen) bei einem Gutachtensauftrag eine Tendenz signalisiert bekommen zu haben. Unter humanmedizinischen Gutachtern gab dies knapp jeder Fünfte, unter psychologischen Gutachtern fast jeder Zweite an. Darüber hinaus teilten 33,6 Prozent mit, aus dem Kollegenkreis schon einmal davon gehört zu haben, dass „in Einzelfällen“ oder „häufig“ bei einem gerichtlichen Gutachtensauftrag eine Tendenz genannt wurde. Zudem zeigte sich, dass unter den Gutachtern, die bei gerichtlich in Auftrag gegebenen Gutachten „in Einzelfällen“ oder „häufig“ eine Tendenz signalisiert bekommen haben, durchschnittlich 40,7 Prozent angaben, mehr als 50 Prozent ihrer Einnahmen aus gutachterlichen Tätigkeiten zu beziehen.“3)Jordan, B. (2016). Begutachtungsmedizin in Deutschland am Beispiel Bayern. Eine Befragung unter 548 medizinischen und psychologischen Sachverständigen in Bayern 2013. Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München: 60

Da drängt sich natürlich der Verdacht auf, dass der eine oder andere Richter sich von einem Gutachten nur zu gern beeinflussen ließ, da es ihm nicht zufällig gut in den Kram passte.

Bei dieser Studie handelt es sich allerdings um eine Befragung. Ob deren Ergebnisse den Alltag vor Gericht tatsächlich widerspiegeln, kann mit dieser Methodik natürlich nicht entschieden werden. Dass dies der Fall sein könnte, will ich aus allgemeiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis allerdings nicht völlig von der Hand weisen.

Fußnoten   [ + ]

1.Albrecht, G. (2003). Probleme der Prognose von Gewalt durch psychisch Kranke. Journal für Konflikt- und Gewaltforschung (Journal of Conflict and Violence Research), Vol. 5, 1, 97-126
2.Siehe meinen Artikel: Die psychiatrisch forensische Prognostik / https://ppsk.de/die-psychiatrisch-forensische-prognostik
3.Jordan, B. (2016). Begutachtungsmedizin in Deutschland am Beispiel Bayern. Eine Befragung unter 548 medizinischen und psychologischen Sachverständigen in Bayern 2013. Dissertation an der Medizinischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München: 60