Das Spektrum der Hypnose

Vorbemerkung

Das Wesen, die Möglichkeiten und Grenzen der Hypnose sind Gegenstand einer teilweise leidenschaftlich geführten wissenschaftlichen Diskussion. Deren Verästelungen und Feinheiten kann man allerdings nur nachvollziehen, wenn man sich bereits ein Grundverständnis dieses Phänomens erarbeitet hat. Der Interessierte findet eine umfassende Darstellung dieser Debatte z. B. in einem längeren Aufsatz von Kallio und Revonsuo.1)Kallio, S., Revonsuo, A. (2003). Hypnotic Phenomena and Altered States of Consciousness: A Multilevel Framework of Description and Explanation. Contemporary Hypnosis (2003), Vol. 20, No. 3, 2003, pp. 111–164

Diese Auseinandersetzungen sind nicht Thema des folgenden einführenden Texts. Der Leser möge sich aber bewusst bleiben, dass die Hypnose unter den Gegenständen der Psycho-Wissenschaften keine Ausnahme macht. Auch sie ist hochgradig umstritten.

Magie und Wissenschaft

Die Phänomene, die wir mit dem Begriff der “Hypnose” verbinden, waren bereits im Altertum bekannt. Doch erst im Lauf des 19. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler, den Schleier des Mystischen, der sie umgibt, durch systematische Beobachtung und Experimente zu zerreißen.

Nicht nur der Begriff “Hypnose” wurde in dieser Zeit geprägt. Auch die Sichtweise der Erscheinungen, auf die sich dieser Begriff bezieht, veränderte sich grundlegend. Es setzte sich nämlich die Erkenntnis durch, dass die hypnotischen Phänomene nicht durch magische oder geheimnisvolle physikalische Kräfte (Animalischer Magnetismus) verursacht werden, sondern allein durch Suggestion.

Annäherung an den Begriff der Hypnose

“Hypnose” ist ein vielschichtiger, schillernder Begriff. Er ist schwierig zu erklären oder gar zu definieren. Es ist dabei noch verhältnismäßig einfach, die äußeren Begleiterscheinungen, das Verhalten des Hypnotiseurs und des Hypnotisierten zu beschreiben. Weitaus schwieriger aber ist es, die inneren Prozesse, die geistigen und seelischen Vorgänge zu erfassen, die sich der direkten Beobachtung entziehen.

Es werden mitunter auch tiefe Entspannungszustände oder leichte Trancen als Hypnose aufgefasst. Doch diese Vorformen der echten Hypnose sind von dieser grundsätzlich unterschieden – und zwar sowohl psychologisch, als auch physiologisch. Das volle Spektrum hypnotischer Phänomene wird nur von einer kleineren Zahl von Menschen realisiert, den „Somnambulen“2)Der hypnotische Somnambulismus darf nicht mit dem Schlafwandeln verwechselt werden, das ebenfalls mit diesem Begriff bezeichnet wird. oder „hypnotische Virtuosen“.

Die Hypnose in diesem engeren Sinne ist durch eine starke Einschränkung der Kritikfähigkeit, hochgradige Bewusstseinsspaltung und Verlust des eigenen Willens gekennzeichnet.3)Meyer, l. (1951). Die Technik der Hypnose. München: J. F. Lehmanns Verlag
Wir werden uns im Verlauf des Textes noch genauer damit auseinandersetzen, was dieser “Verlust des eigenen Willens” bedeutet.

Während die oberflächlicheren Formen der Hypnose nicht mehr über die Struktur und die Arbeitsweise des Bewusstseins verraten als die normalen, alltäglichen Bewusstseinszustände, ermöglicht der somnambule Zustand systematische, gezielte Experimente mit Bewusstseinsprozessen, die sehr weitgehend der Steuerung durch den Experimentator, also den Hypnotiseur unterliegen.4)Die damit verbundene ethische Problematik kann im Rahmen dieses Beitrags nicht thematisiert werden.

In seinem Buch über den Hypnotismus5)Moll, A. (1890). Der Hypnotismus. Berlin: Fischer’s Medizinische Buchhandlung. H. Kornfeld beschreibt der deutsche Arzt, Psychiater und Sexualwissenschaftler Albert Moll (1862-1939) die Hypnotisierung eines 41-jährigen Mannes, den er “Herr X” nennt.

Nachdem die Versuchsperson auf einem Stuhl Platz genommen hat, bittet ihn Moll, er solle versuchen, ein wenig zu schlafen.6)Moll verwendet hier den Begriff des Schlafens, weil bis Ende des 19. Jahrhunderts unter Fachleuten und Laien die Vorstellung weit verbreitet war, dass es sich bei der Hypnose um eine Form des Schlafes handele.

Wenige Sekunden später sagt er zu ihm:

„Jetzt fangen Ihre Augenlider schon an zuzufallen, die Augen werden immer müder, die Lider zucken nicht mehr, das Zwinkern derselben nimmt zu. Sie spüren, wie im gesamten Körper eine Ermüdung eintritt, wie Ihre Arme einschlafen, wie Ihre Beine matter werden, wie in Ihrem ganzen Körper ein Gefühl der Schwere und ein Schlafbedürfnis entsteht. Es fallen Ihnen die Augen zu, der Kopf wird immer dumpfer; Ihre Gedanken verwirren sich immer mehr, jetzt können Sie nicht mehr widerstehen, die Augenlider schließen sich jetzt, schlafen Sie.“

Moll überprüft nun, ob seine Suggestionen auch wirksam waren. Er fragt Herrn X, ob dieser seine Augenlider wieder öffnen könne. Dies fällt Herrn X schwer. Moll hebt den linken Arm seiner Versuchsperson empor. Der Arm bleibt in der Luft hängen und so sehr sich Herr X nach entsprechender Aufforderung auch bemüht, er kann ihn nicht wieder senken. Herr X bejaht die Frage des Arztes, ob er fest schlafe.

Nach diesem Test weiß Moll, dass sich Herr X in einem tiefen hypnotischen Zustand befindet. Er gehört zu den hypnotischen Virtuosen.
Moll suggeriert ihm, dass er einen Kanarienvogel singen und schließlich sogar ein regelrechtes Konzert erklingen höre. Der Arzt gibt ihm ein schwarzes Tuch und suggeriert ihm, dies sei ein Hund. Er fragt ihn, ob er das Tier spüre. “Ganz deutlich”, antwortet Herr X. Moll sagt ihm, dass er nunmehr seine Augen öffnen könne.

Herr X beginnt, das imaginäre Tier auf seinem Schoß zu streicheln. Moll nimmt das Tuch und legt es auf die Erde. Herr X steht auf und holt es sich. Der Arzt suggeriert ihm, sich in einem Tiergarten zu befinden. Herr X sieht auf Kommando Bäume – was immer dem Hypnotiseur einfällt.

Aus diesem Beispiel lassen sich wesentliche Merkmale des voll entfalteten hypnotischen Prozesses herauspräparieren:

  • Der Hypnotisierte kann sich den Suggestionen des Hypnotiseurs nicht widersetzen
  • Er führt dessen Befehle aus, sobald sie ihm erteilt werden
  • Auch seine Bewegungen unterliegen der Kontrolle durch den Hypnotiseur
  • Der Hypnotisierte hat auf Kommando akustische und visuelle Halluzinationen.
  • Charakteristisch ist auch die Katalepsie, das Beibehalten einer einmal eingenommenen Körperhaltung.

Zwei andere Personen, die sich ebenfalls im Behandlungszimmer Molls befanden, wurden von Herrn X nicht bemerkt. Die Aufmerksamkeit des Hypnotisierten konzentriert sich voll auf den Hypnotiseur beziehungsweise auf die Aufgaben, die dieser ihm gibt (Moll, 1890 a.a.O. 18).

Auch dies ist ein zentrales Merkmal des Somnambulismus. Der Hypnotisierte hat sich entschieden, den Befehlen des Hypnotiseurs zu folgen, als wären sie Ausdruck des eigenen Willens. Solange der Hypnotisierte die Rolle des Hypnotisierten spielt, ist er nicht mehr in der Lage, den eigenen Willen gegenüber dem Willen des Hypnotiseurs durchzusetzen. Er wird diese Rolle solange spielen, wie er völlig in ihr aufgeht, von ihr absorbiert ist.

Kanalsysteme

Die Hypnotisierung erzeugt eine Spaltung des Bewusstseins in mehrere Ströme oder Kanäle. Ein Bewusstseinskanal ist nur auf die Stimme des Hypnotiseurs ausgerichtet. Die anderen Kanäle rezipieren zwar, was sonst noch geschieht, aber sie sind nicht mehr im Fokus der Aufmerksamkeit. Dieser ist für den Kanal reserviert, durch den die Stimme des Hypnotiseurs strömt.

Hypnose setzt die Bereitschaft beim Hypnotisierten voraus, einen Bewusstseinskanal exklusiv für die Stimme des Hypnotiseurs zu öffnen. Dazu muss sich der Hypnotisierte nicht bewusst sein, dass er hypnotisiert wird und dass die Quelle der Stimme ein Hypnotiseur ist.

Wichtig sind eine Reihe von Voraussetzungen, die eine exklusive Öffnung eines Bewusstseinskanals für eine Stimme begünstigen. Dazu zählen beispielsweise eine entspannte Situation, eine Phase relativer Ruhe nach extremem Stress, jede Form der Monotonie u. ä. Ein plötzliches, unerwartetes Ereignis, also eine Überraschung kann ein Akzent sein, der die Induktion erleichtert. Sie ist aber nicht unbedingt erforderlich.

Eine Spezialform der Hypnose-Induktion, und zwar die wirkungsvollste, ist die Folter. Nachdem der Gefolterte seinen Bruchpunkt erreicht hat, wird er plötzlich völlig ruhig, fügsam, formbar wie Wachs und ist offen für die Suggestionen seines Foltermeisters.7)Siehe hierzu meinen Artikel: Die harten Methoden der Psychiatrie

Bei Neugeborenen beobachtet man, dass sie bevorzugt auf die Stimme der Mutter reagieren, obwohl sie offensichtlich noch keinerlei Form von Sprache verstehen, noch nicht einmal Vorformen. Sie kennen aber den phonetischen “Fingerabdruck” der mütterlichen Klangerzeugung vermutlich schon aus dem Uterus. Dieser Klang schafft die Kontinuität zwischen dem Leben innerhalb und außerhalb des Mutterleibes. Dies ist die basale Orientierung des menschlichen Geistes.

Die Macht der Hypnose knüpft vermutlich an diesen Sachverhalt an. Nach dieser Lesart des hypnotischen Rapports8)Rapport = vertrauensvolle, intensive Beziehung zwischen dem Hypnotiseur und dem Hypnotisierten ist die selektive Aufmerksamkeit des Säuglings für die Stimme der Mutter die Grundlage für die Fixierung des Hypnotisierten auf die Stimme des Hypnotiseurs. Aber das ist eine Spekulation, die ich nicht beweisen kann.

Sie dürfte vermutlich nur auf jene Formen der Hypnose zutreffen, die nicht gewaltsam hervorgerufen wurden.

Moll bezieht sich ebenfalls auf die Beziehung von Mutter und Kleinkind, vergleicht aber den Hypnotisierten nicht mit dem Kleinkind, sondern mit der Mutter:

„Eine Mutter, welche bei der Wiege ihres Kindes einschläft, wacht selbst während ihres Schlafes über dasselbe, aber auch nur für das Kind. Sie hört nicht die stärksten Geräusche, erwacht aber bei dem geringsten Laut, den ihr Kind ausstößt. In dieser Weise wäre der eigentümliche Einfluss, den der Hypnotisierende auf den Hypnotisierten hat, durch eine Analogie zu erklären. Der Letztere ist, wie die Mutter mit dem Gedanken an das Kind, ebenso mit dem Gedanken an den Hypnotisierenden eingeschlafen, so dass er nur das wahrnimmt, was dieser sagt (Moll, 1890, 189).“

Wenn ein Hypnotiseur erst einmal einen exklusiven Kanal besetzt hat, kann er dem Hypnotisierten eine Identität zwischen seiner, also der Stimme des Hypnotiseurs und der lautlosen inneren Stimme des Hypnotisierten suggerieren. Dann kann er nicht nur den Fokus der Aufmerksamkeit des Hypnotisierten lenken, sondern auch dessen Emotionen und Verstand. Somit kann er auch die Kritikfähigkeit selektiv ausschalten.

Man kann Menschen dazu bringen, auf ihren freien Willen zu verzichten – durch Verführung, Täuschung oder auch durch nackte Gewalt.

Die Dissoziation, die Spaltung des Bewusstseins in mehrere Ströme oder Kanäle und die Exklusivität des Bewusstseinskanals, durch den die Stimme des Hypnotiseurs fließt, sind spontane Phänomene, die bei jeder voll entfalteten Hypnose auftreten.

Sie müssen also nicht suggeriert werden, aber der Hypnotiseur kann sie natürlich durch Suggestionen verstärken und in seinem Sinne formen. Er kann die spontan entstandenen Kanäle zu einem regelrechten Kanalsystem auszubauen.

Dies gelingt natürlich umso besser, je empfänglicher der Hypnotisand für die Hypnose ist.

Stellen wir uns als vor, ein hypnotischer Virtuose erhielte von seinem Hypnotiseur folgendes Kommando:

  • “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal A‘, dann hören Sie nur meine Stimme, für alles andere sind sie taub und blind. Erst wenn ich sage: ‚Kanal A – Klammer zu‘, dann sehen und hören Sie wieder alles ganz normal.”
  • Sagt der Hypnotiseur nun “Klammer auf – Kanal A”, dann wird der Hypnotisierte die Welt um ihn herum nicht mehr wahrnehmen und nur noch die Stimme des Hypnotiseurs in sein Bewusstsein lassen.
  • Nun kann der Hypnotiseur den Kanal A noch weiter ausgestalten, z. B. durch das Kommando: “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal Aw‘, dann hören Sie nur noch meine Stimme, aber als Frauenstimme.”
  • Er kann weitere Kanäle hinzufügen: “Wenn ich sage: ‚Klammer auf – Kanal B‘, dann hören Sie nur noch die Stimme von Herrn Y und Glockentöne.”
  • “Wenn ich sage: Klammer auf – Kanal C, dann hören Sie nur noch ein Rauschen oder meine Stimme.”

Auch dieses und ähnlich gelagerte Kommando werden ihre Wirkung nicht verfehlen. Der Hypnotiseur muss sich also nicht auf einen Kanal beschränken. Er kann beispielsweise andere Kanäle anderen Personen zuordnen und sie mit anderen Spezifikationen verbinden. Er muss sich dabei nicht um lebende oder reale Personen handeln. Es könnte auch ein Verstorbener sein, etwa ein Verwandter oder sogar eine historische Persönlichkeit.

Falls der Hypnotisierte ein phantasiebegabter Mensch ist, wird er berichten können, wie es dieser spiritistischen Kontaktperson im Jenseits ergeht und er wird felsenfest davon überzeugt sein, mit einem Verstorbenen Kontakt gehabt zu haben. Auch Gespräche mit Außerirdischen sind dann nichts Ungewöhnliches.

Denn in der tiefen Hypnose ist die Realitätsprüfung außer Kraft gesetzt. Der Hypnotiseur kann nun nach Belieben Kanäle öffnen oder schließen, Spezifikationen hinzufügen oder entfernen. Er kann das Bewusstsein des Hypnotisanden steuern, als hätte er eine Schalttafel.

Dies gelingt in Vollendung natürlich nur mit einem begabten hypnotischen Virtuoso – und auch mit diesem bedarf es einer gewissen Übung, bis das Kanalsystem voll ausgebaut und funktionsfähig ist.

Die vollständige Konzentration des Hypnotisierten auf die Stimme des Hypnotiseurs bzw. dessen körpersprachliche Mitteilungen setzt voraus, dass alle inneren und äußeren Sinnesreize gedämpft oder sogar ausgeschaltet werden. Das Bewusstsein des Hypnotisierten gleicht einem Bild mit kontrastreicher Figur im Vordergrund vor einem verschwommenen, bedeutungslosen Hintergrund.

Die Exklusivität des Kanals, die Herrn X mit seinem Hypnotiseur verbindet, wird auch durch folgende Beobachtung Molls deutlich: Einer der beiden zusätzlich Anwesenden hebt Herrn Xs Arm in die Höhe. Dieser fällt sofort wieder schlaff herunter. Auf den Befehl dieses Anwesenden, der Arm solle in der Luft stehen bleiben, reagiert Herr X nicht9)Moll, 1890 a.a.O. 18

Nachdem Moll Herrn X “aufgeweckt”, den somnambulen Zustand also aufgehoben hat, kann sich dieser nicht mehr an das Vorgefallene erinnern. Die Hypnose unterliegt also einer Amnesie, einer Erinnerungsblockade10)Moll, 1890 a.a.O. 18

Auch dies ist ein Charakteristikum der voll entfalteten Hypnose. Man kann sie als ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Somnambulismus und den oberflächlicheren Formen der Hypnose auffassen. Der Somnambule erleidet nach dem „Aufwachen“ aus der Hypnose in aller Regel11)Es finden sich in der Literatur allerdings vereinzelt Berichte über Versuchspersonen, die sich auch nach sehr tiefen Hypnosen mit Halluzinationen, Schmerzfreiheit etc. an die Hypnose erinnern konnten. einen spontanen Gedächtnisverlust, der sich auf die Tatsache der und auf alle Vorgänge und Erlebnisse während der Hypnose bezieht.

Der französische Psychologe Alfred Binet deutete die somnambule Hypnose als eine Persönlichkeitsspaltung, weil die Reaktionsweisen des Hypnotisierten während der Hypnose deutlich von seinem normalen Verhaltensweisen abweichen und gleichzeitig der hypnotische vom normalen Zustand durch eine amnestische Barriere getrennt ist.12)Binet, A. (1896, franz. Erstausgabe 1891). Alterations of Personality. New York: D. Appleton And Company

Für diese These der Persönlichkeitsspaltung spricht auch die Tatsache, dass sich Somnambule im Normalzustand zwar nicht an die Vorgänge während der Hypnose erinnern, dass ihnen aber während des hypnotischen Zustandes frühere Hypnosen wieder gegenwärtig sind.13)Moll, 1890 a.a.O. 98

Die voll ausgeprägte Hypnose ist also eine experimentelle Persönlichkeitsspaltung. Die durch dieses Experiment konstruierte neue Persönlichkeit, der Hypnotisierte ist durch einen massiv geschwächten eigenen Willen gekennzeichnet. An dessen Stelle tritt ein fremder Wille, der des Hypnotiseurs nämlich, dessen Einfluss auf die psychischen Prozesses des Hypnotisierten extrem verstärkt ist.

Der Hypnotiseur kann nun beim Hypnotisierten Phänomene hervorrufen, die er bei sich selbst, also autosuggestiv, nicht auszulösen vermöchte.

Ein solches Höchstmaß der Kontrolle über die eigenen Bewusstseinsprozesse erreichen allenfalls Meditierende nach langjähriger Übung.

Ein weiteres und entscheidendes Charakteristikum der voll entfalteten Hypnose, das bisher noch nicht erwähnt wurde, ist die so genannte posthypnotische Suggestion. Damit ist gemeint, dass der Hypnotisierte einen Befehl, den er während der Hypnose erhalten hat, nach dem “Aufwachen” aus der Hypnose befolgt – auch dann, wenn er sich weder an den Befehl, noch an die Hypnose erinnern kann.

In aller Regel wird er auf Befragen bestreiten, die befohlene Handlung vollzogen zu haben – oder er wird sie rationalisieren, ihr also einen mehr oder weniger plausiblen Grund unterschieben, der mit der Hypnose nichts zu tun hat.

Jenseits des magischen Kabinetts

Die beschriebenen somnambulen Phänomene und insbesondere die artifizielle Identitätsspaltung können in voller Ausprägung natürlich nur durch systematische und zielgerichtete Hypnotisierung hervorgerufen werden. Und dies gelingt in der Regel auch nur bei besonders begabten Menschen, den hypnotischen Virtuosen.

Im militärischen und geheimdienstlichen Bereich wird Hypnose in Kombination mit Folter, Drogen, Elektrokrampfbehandlung und systematischem Reizentzug zur Produktion so genannter “Manchurian Candidates” eingesetzt. Es versteht sich von selbst, dass von diesem Missbrauch der Hypnose nur eine kleine Zahl von Menschen betroffen ist. Dies sollte allerdings nicht zu dem Schluss verleiten, dass dieses Thema politisch bedeutungslos sei.14)Siehe meinen Artikel: Satanisch ritueller Missbrauch zur Formung des furchtlosen Soldaten für den taktischen Nuklearkrieg

Die mehr als hundertjährige empirische Hypnoseforschung hat in Tausenden von Experimenten belegt, dass Menschen,

  • deren Kritikfähigkeit herabgesetzt wird und
  • die in diesem Zustand mit Suggestionen bombardiert werden,
  • zu Einstellungsveränderungen und Handlungsmustern genötigt werden können,
  • die sie ohne entsprechende Beeinflussung nicht zeigen würden.

Was mit den so genannten hypnotischen Virtuosen oder erst recht mit “Mandschurischen Kandidaten” verwirklichen lässt, ist nur das voll ausgeprägte Spektrum der Möglichkeiten, die das menschliche Nervensystem im Allgemeinen zu realisieren vermag.

Ein Beispiel für eine simple Form der Hypnotisierung ist eine öffentliche Versammlung, die von einem charismatischen und rhetorisch versierten Führer mit Suggestionen überschüttet wird. Die Kritikfähigkeit dieser Versammlung ist im Allgemeinen allein schon dadurch reduziert, dass sie eine Masse bildet.

Die Übereinstimmung zwischen Verliebheit und Hypnose, schreibt Sigmund Freud in seinem Werk“Massenpsychologie und Ich-Analyse15)Freud, S. (125). Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Gesammelte Schriften, Bd. VI, Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 314 f., sei augenfällig.

„Dieselbe demütige Unterwerfung, Gefügigkeit, Kritiklosigkeit gegen den Hypnotiseur wie gegen das geliebte Objekt.“ Die Hypnose sei eine Massenbildung zu zweien. Die Hypnose sei aber kein gutes Vergleichsobjekt, weil sie im Grunde mit der Massenbildung identisch sei. „Sie isoliert uns aus dem komplizierten Gefüge der Masse ein Element, das Verhalten des Massenindividuums zum Führer.“

Durch diese enge Beziehung zwischen Verliebtheit, Hypnose und Massenbildung wird verständlich, warum das Individuum allein schon durch die Tatsache, sich in einer Masse zu befinden, eine Einbuße an Kritikfähigkeit erleidet.

Geschickte Führer verlassen sich jedoch nicht allein auf dieses Phänomen, sondern sie vermindern die Kritikfähigkeit zusätzlich dadurch, dass sie ihre Zuhörer in Angst und Schrecken versetzen. Der britische Psychiater William Sargant schilderte in seinem Buch “Battle for the Mind” eindrucksvoll, wie christliche Prediger der “frohen Botschaft” Gehör verschaffen, indem sie der Gemeinde zunächst die ewigen Schrecken der Hölle vor Augen halten, bevor sie ihnen die frohe Botschaft verkünden.16)Sargant, W. (1997). Battle for the Mind. A Physiology of Conversion and Brainwashing. How Evangelists, Psychiatrists, Politicians, and Medicine Men Can Change Your Beliefs and Behavior. Cambridge, MA, Malor Book – Erstveröffentlichung 1957 -

Es kommt bei derartigen Massenveranstaltungen gelegentlich zu spontanen Bekehrungen (nicht nur religiösen), zur “Wiedergeburt” neuer Menschen mit Einstellungen und Verhaltensmustern, die einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit des Individuums darstellen. Man braucht nicht viel Fantasie, um darin den Anflug einer hypnotisch induzierten Persönlichkeitsspaltung zu erkennen.

Ein vergleichbares Phänomen der Massensuggestion kann auch auftreten, wenn sowohl der Führer, als auch die Masse nicht leibhaftig vorhanden sind, sondern nur virtuell. Das geschieht mitunter, wenn ein Mensch vor dem TV-Gerät sitzt.

Fritz schaut sich leichte Kost an, trinkt dazu eine Flasche Bier oder auch zwei, und ist sehr entspannt. Nach der üblichen Lach-Szene (Ende gut – alles gut!), mit der die 49ste Folge der Telenovela endet, beginnt die Nachrichten-Sendung. Der Sprecher berichtet von Kriegen, Naturkatastrophen und Wirtschaftskrisen.

Fritz wirkt lethargisch, aber ein leises Grauen lauert im Hintergrund seines Bewusstseins. Schließlich wird ein Politiker interviewt. Dieser behauptet, der Zuschauer solle sich keine Sorgen machen. Er werde die Maßnahme X ergreifen, deren Unfehlbarkeit über alle Zweifel erhaben sei. Die Opposition sei gegen X, und wenn der Zuschauer auch in Zukunft sicher leben wolle, dürfe er die Opposition bei der nächsten Wahl nicht wählen.

Der Politiker spricht natürlich nicht allein zu Fritz, sondern zum Millionenheer vor der Glotze. Fritz mag allein in seinem Wohnzimmer sitzen, gehört aber dennoch zu einer virtuellen Masse.

Die Hypnotisierbarkeit eines Menschen hängt von seiner angeborenen Empfänglichkeit für die Hypnose und von der Häufigkeit vorheriger Hypnotisierungen ab. Dies bedeutet, dass die Effektivität des Fernsehens als Suggestionsmittel mit dem Gebrauch zunimmt.

Häufige Fernsehzuschauer sind also leichter zu beeinflussen als gelegentliche.

Menschen, die täglich Nachrichten auf demselben Sender anschauen und deswegen nur mit einer kleinen Zahl von Sprechern konfrontiert werden, sind leichter zu manipulieren als Menschen, die sich aus unterschiedlichen Quellen informieren – und dies selbst dann, wenn die Informationen aus allen Quellen übereinstimmen.

Zwischen dem Zuschauer und einem Moderator, den er häufig sieht, entsteht ein hypnotischer Rapport. Vertrautheit führt zu Vertrauen und dies fördert die Tendenz zur kritiklosen Hinnahme des Mitgeteilten.

Ein Gegengift

Der Psychiater Hans Gudden (damals Leiter einer psychiatrischen Poliklinik) hielt 1908 einen Vortag über das Phänomen der Massensuggestion im Kaufmännischen Verein in München.

Er schloss mit folgenden Worten:

„Verfolgen wir jedoch die Geschichte der Menschheit, so erweist es sich glücklicherweise, dass mit Zunahme der allgemeinen Bildung eine jede Massensuggestion, falls sie die Tendenz zur Ausartung zeigt, alsbald durch die Inszenierung entgegengesetzter Massensuggestionen auszugleichen gesucht wird und als Endergebnis im Allgemeinen sich doch immer ein Fortschritt ergibt.17)Gudden, H. (1908). Über Massensuggestion und psychische Massenepidemien. München: Verlag der Ärztlichen Rundschau, 20

Die Hoffnung auf derartigen Fortschritt ist natürlich nur dann berechtigt, wenn das politische System den Einsatz dieses mentalen Gegengifts auch gestattet. Im Hitler-Reich jedenfalls wären Versuche entgegengesetzter Massensuggestionen mit dem Tode bestraft worden.

Aber auch in Demokratien besteht die Gefahr, dass wirtschaftliche Konzentration und oligopolistische Strukturen im Mediensektor Gleichschaltung ermöglichen und notwendige Korrekturen nicht mehr zulassen.

Fußnoten   [ + ]

1.Kallio, S., Revonsuo, A. (2003). Hypnotic Phenomena and Altered States of Consciousness: A Multilevel Framework of Description and Explanation. Contemporary Hypnosis (2003), Vol. 20, No. 3, 2003, pp. 111–164
2.Der hypnotische Somnambulismus darf nicht mit dem Schlafwandeln verwechselt werden, das ebenfalls mit diesem Begriff bezeichnet wird.
3.Meyer, l. (1951). Die Technik der Hypnose. München: J. F. Lehmanns Verlag
4.Die damit verbundene ethische Problematik kann im Rahmen dieses Beitrags nicht thematisiert werden.
5.Moll, A. (1890). Der Hypnotismus. Berlin: Fischer’s Medizinische Buchhandlung. H. Kornfeld
6.Moll verwendet hier den Begriff des Schlafens, weil bis Ende des 19. Jahrhunderts unter Fachleuten und Laien die Vorstellung weit verbreitet war, dass es sich bei der Hypnose um eine Form des Schlafes handele.
7.Siehe hierzu meinen Artikel: Die harten Methoden der Psychiatrie
8.Rapport = vertrauensvolle, intensive Beziehung zwischen dem Hypnotiseur und dem Hypnotisierten
9, 10.Moll, 1890 a.a.O. 18
11.Es finden sich in der Literatur allerdings vereinzelt Berichte über Versuchspersonen, die sich auch nach sehr tiefen Hypnosen mit Halluzinationen, Schmerzfreiheit etc. an die Hypnose erinnern konnten.
12.Binet, A. (1896, franz. Erstausgabe 1891). Alterations of Personality. New York: D. Appleton And Company
13.Moll, 1890 a.a.O. 98
14.Siehe meinen Artikel: Satanisch ritueller Missbrauch zur Formung des furchtlosen Soldaten für den taktischen Nuklearkrieg
15.Freud, S. (125). Massenpsychologie und Ich-Analyse, in: Gesammelte Schriften, Bd. VI, Leipzig, Wien, Zürich: Internationaler Psychoanalytischer Verlag, 314 f.
16.Sargant, W. (1997). Battle for the Mind. A Physiology of Conversion and Brainwashing. How Evangelists, Psychiatrists, Politicians, and Medicine Men Can Change Your Beliefs and Behavior. Cambridge, MA, Malor Book – Erstveröffentlichung 1957 -
17.Gudden, H. (1908). Über Massensuggestion und psychische Massenepidemien. München: Verlag der Ärztlichen Rundschau, 20