Garbage in – garbage out

„Garbage in – garbage out“, heißt es im Computerjargon. Wenn man einen Rechner mit unsinnigen Daten füttert, darf man keine brauchbaren Resultate erwarten. Und dann darf man auch nicht ungeprüft behaupten, er sei defekt oder das Programm sei schlecht.

Und so ist das auch bei den so genannten psychischen Krankheiten. Wenn ein Mensch von Kindesbeinen an mit Lebensverhältnissen konfrontiert wird,

  • die ihn verwirren
  • desorientieren
  • entmutigen
  • in seinen Entfaltungsmöglichkeiten beschränken
  • enormen emotionalen Belastungen aussetzen
  • traumatisieren
  • einengen und
  • seelisch aushungern

dann darf man sich ebenso wenig wundern, falls dieser Mensch

  • früher oder später Muster des Verhaltens und Erlebens zeigt
  • die zumindest bei oberflächlicher Betrachtung
  • mit den Symptomen psychiatrischer Diagnosen übereinstimmen.

Natürlich ist es unter solchen Bedingungen nicht ausgeschlossen, dass dennoch ein Hirnschaden für diese Phänomene verantwortlich ist. Es ist ja auch möglich, dass ein Computer, der mit falschen Daten gefüttert wurde, zudem defekt ist. Doch solange es keinerlei Hinweise auf eine innere Verursachung gibt, ist es sicher legitim, sich auf die äußeren Faktoren zu konzentrieren.

Wäre es nicht denkbar, dass die so genannten Symptome einer psychischen Krankheit eine Notwehr gegen unerträgliche Verhältnisse sind?

  • Könnte man eine Depression nicht als den Versuch interpretieren, sich einer feindlichen Umwelt zu entziehen?
  • Schreibt der Paranoide nicht Schuld, die ihm von einer ignoranten Umwelt fälschlicherweise angelastet wird, ebenso irrtümlich anderen zu?
  • Ist irrationale Angst in haarsträubenden Milieus nicht Ausdruck einer berechtigten Furcht, deren tatsächliche Quelle man nicht zu erkennen vermag?

Die Antwort auf diese Fragen vermag ich nicht zu geben. Aber ich bin sicher, dass sie berechtigt sind. Manche suchen bei Verhaltensstörungen nur nach Hirndefekten.1)Diese lassen sich aber allenfalls bei einigen (meist neurologischen) Erkrankungen nachweisen. Bei den psychischen Krankheiten im engeren Sinn wurden solche Defekte bisher noch nicht gefunden. Einflüsse der Umwelt ignorieren sie. Und dies, obwohl eventuell verstärkende Faktoren dieses gestörten Verhaltens direkt vor ihrer Nase liegen.

Ich kann diese Einstellung gegenüber psychischen Normabweichungen nur als zutiefst irrational bezeichnen. Derartige Einstellungen sind für Gläubige charakteristisch. Leute, die nach Wissen streben, schließen keine Gesichtspunkte vorschnell und ohne vernünftigen Grund aus.

Garbage in – garbage out. Man kann dieses Konzept aus dem Computerwesen natürlich nur bedingt auf das menschliche Gehirn übertragen, denn das menschliche Gehirn funktioniert nicht wie ein Computer. Es produziert nicht automatisch Mist, wenn es mit Mist gefüttert wird. Zwar steigt die Wahrscheinlichkeit der Müllproduktion.

Anders als der Computer ist das menschliche Gehirn in der Lage, die von ihm aufgenommene Information kritisch zu bewerten. Es muss nicht alles 1 : 1 umsetzen. Deswegen kann beispielsweise ein in der Kindheit streng religiös indoktrinierter Mensch im Erwachsenenleben zum Atheisten reifen. Wer von Nazis erzogen wurde, kann dennoch eine Kehrtwende zum Humanismus vollziehen. Und ein Mensch aus einer dysfunktionalen Familie muss nicht zwangsläufig die Rolle des psychisch Kranken übernehmen.

Zur kritischen Bewertung müssen sich die betroffenen Menschen allerdings aufraffen. Leider neigt der Mensch von Natur aus zu geistiger Faulenzerei. Zum rationalen Denken schwingt er sich nur empor, wenn das Leben ihn dazu zwingt.

„Psychisch Kranke“ denken in der Regel auch erst dann über ihre Rolle nach, wenn die wahrgenommenen Nachteile den Krankheitsgewinn deutlich zu überwiegen beginnen. Und selbst in diesem Fall ist, was zur Gewohnheit wurde, schwierig zu überwinden, nämlich die Krankenrolle. Manche schaffen es erfreulicherweise aber doch, ein Leben nach dem Motto „garbage in – garbage out“ hinter sich zu lassen.

Fußnoten   [ + ]

1.Diese lassen sich aber allenfalls bei einigen (meist neurologischen) Erkrankungen nachweisen. Bei den psychischen Krankheiten im engeren Sinn wurden solche Defekte bisher noch nicht gefunden.