Die Lotterie der psychisch Kranken

Manche Kritiker meinen, dass psychiatrische Diagnosen völlig willkürlich seien und dass es jeden treffen könne. Aus dieser Sicht gleicht die Vergabe psychiatrischer Diagnosen einer Lotterie, bei der jeder ein Los zieht. Dieser Vergleich ist sicher ein guter Einstieg zum Nachdenken.

Es spricht allerdings viel dafür, dass die Zahl der Lose ungleich über die Bevölkerung verteilt ist. Zwar ist nicht jedes Los ein Treffer, aber je mehr Lose man hat, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, eine psychiatrische Diagnose zu „gewinnen“. Dabei können auch mehrere „Trostpreise“ zu einem „Hauptgewinn“ zusammengelegt werden.

Eine gewisse Zahl von Losen erhält man zwangsweise. So bekommt beispielsweise ein Mensch, der in die Unterschicht geboren wurde, gleich zu Beginn seines Lebens ein paar Lose zusätzlich. Doch diese zugeteilten Lose sollen uns hier nicht weiter interessieren. Es geht hier vielmehr um die Lose, die man selbst kauft.

Wem das Bild der Lotterie nicht behagt, kann die Lose auch als Risikofaktoren für eine psychiatrische Diagnose auffassen. Niemand wird gezwungen, zusätzlich Lose zu kaufen. Man erwirbt sie aus freien Stücken. Mit anderen Worten: Manche Risikofaktoren für psychiatrische Diagnosen zieht man sich selbst zu.

Wer beispielsweise freiwillig eine psychiatrische Praxis aufsucht, hat im Grunde schon das große Los gezogen. Im Allgemeinen wird ihm der Arzt eine psychiatrische Diagnose geben, weil ja sonst die Krankenkassen die Bemühungen des Mediziners nicht vergüten würden.

Allerdings gehen die meisten Leute nicht aus Jux und Tollerei zum Psychiater. Sie haben zuvor schon eine größere Zahl von Losen gezogen oder zugeteilt bekommen. Diese Lose repräsentierten Kleingewinne, die dann schließlich zum Impuls, einen Psychiater zu konsultieren, zusammengezogen wurden.

Diese „Loskäufe“ könnten beispielsweise Handlungen oder Gedanken der folgenden Art symbolisieren:

  • Heirat eines Partners ohne Interesse daran, eine faire und beiderseitig befriedigende Beziehung aufzubauen und aufrecht zu erhalten
  • Entwicklung der Neigung, Lebensprobleme nicht zu lösen, sondern mit Alkohol oder Drogen zu betäuben
  • Fantasien der Grandiosität zur Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen
  • Festklammern an dem Glauben, dass die Welt unterginge, wenn man irgendetwas nicht erreiche, was man unbedingt erlangen will
  • Wahl eines Arbeitsplatzes, der zwar Geld, aber keine Befriedigung bringt.

Dies sind nur einige Positionen aus einer schier endlosen Liste von Beispielen für „gekaufte Lose“. Sie alle erhöhen das Risiko, eine psychiatrische Diagnose zu erhalten. All diese Handlungen und geistigen Akte beruhen auf Entscheidungen. Zu diesen Entscheidungen sind die Betroffenen nicht gezwungen. Vielleicht stimmen sie soziale und ökonomische oder auch (sub-)kulturelle Bedingungen geneigt, sich in dieser Weise zu entscheiden. Eventuell verstärken sogar Erbanlagen diese Neigungen.1)Genetische Ursachen gestörten Verhaltens bzw. unzulänglicher Auseinandersetzung mit Lebensproblemen konnten zwar bisher noch nicht nachgewiesen werden. Es würde mich aber wundern, wenn es sie nicht gäbe. Aufgrund mangelnder Nachweise können sie bei den folgenden Überlegungen allerdings keine Rolle spielen.

Aber es gibt nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass Menschen dazu gezwungen wären, sich zu den ihnen zugeteilten Losen noch zusätzliche hinzuzukaufen.

Nun mag man einwenden: Auch wenn von direktem Zwang nicht die Rede sein könne, so wüssten viele Menschen doch nicht, was sie täten. Es wäre ihnen gar nicht klar, dass sie durch ihre eigenen Entscheidungen Risiken hervorriefen. Von Simulanten einmal abgesehen, würden sie doch nicht bewusst beabsichtigen, „psychisch krank“ zu werden.

Die Replik auf diesen Einwand lautet: Warum wussten diese Menschen nicht, was sie taten? Die naheliegende Vermutung: Sie hatten sich zuvor dazu entschieden, sich keine übermäßigen Gedanken über ihr Leben und die damit verbundenen Risiken zu machen. Und das kommt dann davon.

Die zugeteilten Lose reichen im Allgemeinen für einen Hauptgewinn nicht aus. Man muss zukaufen, wenn man ihn erringen will: die psychiatrische Diagnose. Diese Zukäufe beruhen auf den Entscheidungen der Betroffenen. Niemand zwingt sie dazu, wenngleich sie oft genug dazu verführt werden. Aber letztlich haben sie eine Wahl; sie sind keine Zombies.

Wer meint, so würde die Schuld auf die „Kranken“ abgewälzt, der möge sich zunächst folgende Frage stellen: Wie kommst du überhaupt darauf, dass hier Schuld eine Rolle spielt? Von Schuld wurde nicht gesprochen, sondern von Entscheidungen. Man lädt per se keine Schuld auf sich, wenn man Entscheidungen fällt.2)Sich über Schuldfragen Gedanken zu machen, halte ich ohnehin für müßig. Das ist eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, die sich nicht mehr ändern lässt. Auf die Zukunft aber hat man immerhin einen gewissen positiven Einfluss, wenn man falsche Entscheidungen vermeidet.

Wenn sich jemand in psychiatrische Behandlung begibt, so begeht er kein Verbrechen und er verstößt auch nicht gegen gesellschaftliche Normen. Er glaubt, eine Chance zu nutzen, um seine Lebenslage zu verbessern. Wer könnte ihm dies verargen?

Vermutlich entscheiden sich die wenigsten Menschen direkt dazu, „psychisch krank“ zu werden. Vielmehr entschließen sie sich zu bestimmten Verhaltensweisen, zu bestimmten Arten des Denkens. Damit vergrößern sie ihr Risiko, irgendwann eine psychiatrische Diagnose zu kassieren. Der Gang zum Psychiater ist dann ein entscheidender Risikofaktor in einer langen Kette vorausgehender Fehlentscheidungen.

Manche rufen nun: „Wie zynisch, sie leiden doch!“

Ja, sicher, viele leiden, mitunter sogar grauenvoll. Sie leiden unter den Konsequenzen ihrer fragwürdigen Entscheidungen. Einige dieser Konsequenzen kann man zum Glück ausmerzen, wenn man die Entscheidungen revidiert.

Natürlich: Wer durch die Entscheidung, wie ein Schlot zu rauchen, sich einen Lungenkrebs zugezogen hat, der wird ihn durch Aufgeben des Rauchens nicht wieder los. Und wer durch die Entscheidung zur „psychischen Krankheit“ Haus und Hof, Frau und Kinder verloren hat, der bekommt häufig all dies nicht wieder, wenn er in Zukunft seine Chipkarte nicht mehr beim Psychiater durchziehen lässt.

Doch oft genügt es, sich bewusst zu machen, dass man aufgrund eigener Entscheidung „psychisch krank“ ist, um wahre Wunder zu wirken. Der Betroffene verliert oft die, hinter all dem Leid verborgene, geheime Freude an der „psychischen Krankheit“. 3)Sigmund Freud verstand das Symptom als Sexualbetätigung des psychisch Kranken (Freud, S. (1906). Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen). Die Symptome sind eine „Wiederkehr des Verdrängten“, allerdings sind die damit verbundenen Lustgefühle nicht mehr zum Bewusstsein zugelassen. Dennoch verhält sich der „Patient“ so, als ob ihm seine Symptome Spaß machten. Nicht nur psychoanalytisch, auch lerntheoretisch kann man Symptome nur verstehen, wenn man ihre positiven Konsequenzen erkennt. Ihm kommen dann all seine „Symptome“ zunehmend wie schlechtes Theater vor.

Nicht immer jedoch geht dies schnell und einfach. Nur zu oft haben sich die falschen Entscheidungen zu Gewohnheiten kristallisiert, die auch besserem Wissen trotzen. Es fehlt dann die Kraft, sich gegen sie zu entscheiden.

Woher kann die Kraft kommen, fragwürdige Entscheidungen zu korrigieren? Schließlich hat man sich mit ihren Konsequenzen, meist mehr schlecht als recht, mitunter aber auch ziemlich komfortabel, eingerichtet?

Diese Frage ist schwer allgemein zu beantworten. Es kommt auf den Einzelnen an. Leichter kann man erkennen, was die Kraft dazu raubt: Alles nämlich, was die Verantwortung für den eigenen inneren Zustand auf andere überträgt. Für äußere Bedingungen kann man häufig nichts. Sie sind auch oft beim besten Willen nicht zu ändern. Aber das Innenleben steht allein unter der Kontrolle des Individuums. Deswegen ist es auch allein dafür verantwortlich.

Diesen Gedanken habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Dazu ist er zu genial. Er ist ein Kern der stoischen Philosophie.

Fußnoten   [ + ]

1. Genetische Ursachen gestörten Verhaltens bzw. unzulänglicher Auseinandersetzung mit Lebensproblemen konnten zwar bisher noch nicht nachgewiesen werden. Es würde mich aber wundern, wenn es sie nicht gäbe. Aufgrund mangelnder Nachweise können sie bei den folgenden Überlegungen allerdings keine Rolle spielen.
2. Sich über Schuldfragen Gedanken zu machen, halte ich ohnehin für müßig. Das ist eine Beschäftigung mit der Vergangenheit, die sich nicht mehr ändern lässt. Auf die Zukunft aber hat man immerhin einen gewissen positiven Einfluss, wenn man falsche Entscheidungen vermeidet.
3. Sigmund Freud verstand das Symptom als Sexualbetätigung des psychisch Kranken (Freud, S. (1906). Meine Ansichten über die Rolle der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen). Die Symptome sind eine „Wiederkehr des Verdrängten“, allerdings sind die damit verbundenen Lustgefühle nicht mehr zum Bewusstsein zugelassen. Dennoch verhält sich der „Patient“ so, als ob ihm seine Symptome Spaß machten. Nicht nur psychoanalytisch, auch lerntheoretisch kann man Symptome nur verstehen, wenn man ihre positiven Konsequenzen erkennt.