Aydan Özoğuz, Alexander Gauland und die deutsche Kultur

Aydan Özoğuz, die Integrationsbeauftragte des Bundes veröffentlichte am 14. Mai 2017 einen Artikel unter der Überschrift: „Leitkultur verkommt zum Klischee des Deutschseins“.1)Aydan Özoğuz: GESELLSCHAFTSVERTRAG STATT LEITKULTUR, Tagesspiegel Causa, 14. Mai 2017 Dieser Text sorgte für Empörung im rechten Lager. Alle anderen nahmen seinen Inhalt schweigend zur Kenntnis. Sie verteidigten allenfalls Aydan Özoğuz gegen einen persönlichen Angriff Alexander Gaulands, des stellvertretenden Sprechers der AfD.

Gauland hatte sich über den Artikel der Staatsministerin heftig erbost und sich zu der Forderung verstiegen, Özoğuz in Anatolien zu entsorgen. Diese indiskutable Formulierung rief ein regelrechtes Sperrfeuer auf den AfD-Mann hervor, in dem sich eine sachliche Auseinandersetzung der Inhalte des Artikels leider nicht entfalten konnte.

Bedauerlicherweise!

Özoğuz spricht nämlich Grundsätzliches an. Es geht hier nicht um das übliche Gerede, mit dem sich Politiker ihre Zeit vertreiben. Wenn die Staatsministerin testen wollte, was alles die Menschen links von der AfD zu schlucken bereit sind, so hätte sie ihr Thema gut gewählt. Wie ein Hypnotiseur versucht sie, eine negative Halluzination zu induzieren – und siehe! es gelingt ihr: bildlich gesprochen sehen viele, allzu viele das Scheunentor nicht mehr, vor dem sie stehen.

Özoğuz bezieht sich auf ein Thesenpapier der „Initiative kulturelle Integration.“ In diesem wurde auf den Begriff der Leitkultur verzichtet. Dies sei ein Befreiungsschlag. Dieser Begriff würde ohnehin nur von Leuten ins Spiel gebracht, denen Deutschland zu vielfältig und zu kompliziert sei. Sie fährt fort:

„Sobald diese Leitkultur aber inhaltlich gefüllt wird, gleitet die Debatte ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkommen zum Klischee des Deutschsein. Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“

Eine Leitkultur könne es nicht geben, so die Ministerin, weil die „spezifisch deutsche Kultur“ ja überhaupt nicht existiere, also auch nicht eine Leitfunktion zu übernehmen in der Lage sei.

Sie begründet dies wie folgt:

„Schon historisch haben eher regionale Kulturen, haben Einwanderung und Vielfalt unsere Geschichte geprägt. Globalisierung und Pluralisierung von Lebenswelten führen zu einer weiteren Vervielfältigung von Vielfalt.“

In den Ohren des voll hypnotisierten Lesers klingt dies überaus plausibel. Wo ist sie denn, die deutsche Kultur? Ich kann sie nicht sehen.

Sobald der Leser aus der Hypnose aufwacht, wird diese negative Halluzination2)Eine negative Halluzination ist eine Halluzination, bei der man nicht sieht, was vorhanden ist. natürlich durchbrochen und er sieht wieder, was sich vor seinen Augen abspielt. Doch dies kann dauern. Aydan Özoğuz ist ja nicht die einzige, die in dieses Horn stößt. Viele, allzu viele wollen sich hypnotisieren lassen und viele, allzu viele sind bereit dazu, in dem Zaubermantel Mesmers zu schlüpfen.

Kultur ist ein Sammelbegriff. Er steht für alles, was Menschen gestaltend hervorbringen. Menschen sind Gemeinschaftswesen. Ihr Leben vollzieht sich überwiegend in Institutionen. Institutionen sind menschliche Interaktionen spezifischer Art, die Regeln unterliegen. Familie, Kindergarten, Schule, Universität, Behörden, Unternehmen, all dies sind Institutionen, also Formen der Interaktion, die Regeln gehorchen. Diese können formell, also (meist schriftlich) festgelegt oder informell sein, also auf stillschweigender Übereinkunft beruhen.

Daraus folgt: Das kulturelle Leben der Menschen entfaltet sich in Institutionen. Die Regeln sind historisch gewachsen. Sie unterscheiden sich von Volk zu Volk mehr oder weniger stark. Deswegen ist es höchst unwahrscheinlich, dass sich ein Volk ohne eigene Kultur entwickelt. Wir Deutsche haben sogar recht ausgeprägte eigenständige Elemente in unserer Kultur, die unsere von anderen deutlich unterscheiden.

Ich werden jetzt langsam von 10 bis 0 zählen, und wenn ich bei 0 angekommen bin, dann werden Sie sich die Augen reiben und dann werden Sie die deutsche Kultur wieder sehen, die immer schon in Ihnen und um Sie herum vorhanden war.

Die Höhlenmalereien in der El-Castillo-Höhle sind ein früher Ausdruck menschlicher Kultur. Ihre Schöpfer konnten sie nur hervorbringen, weil sie Jagdglück und deswegen etwas zu essen hatten. So ist dies bis auf den heutigen Tag. Das Wirtschaftliche ermöglicht das Kulturelle und prägt es.

So war und ist dies auch in Deutschland. Das Wirtschaftliche ist aber nicht nur Voraussetzung des Kulturellen im engeren Sinne (z. B. Höhlenmalerei), sondern auch selbst Kultur ein weitesten, im profanen Sinne.

Die deutsche Kultur der neueren Zeit prägt der so genannte Rheinische Kapitalismus. Diese Variante des Kapitalismus heißt nicht zufällig rheinisch, sie ist auch ein urdeutsches, nach dem kerndeutschen Strom benanntes, spezifisch deutsches Kulturgut. Die Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmern und Gewerkschaften, die duale Ausbildung, kurz: die soziale Marktwirtschaft sind Ausdruck dieses Rheinischen Kapitalismus. Er sucht seinesgleichen in der Welt.

Leider wird er seit einiger Zeit Stück für Stück demontiert und durch die amerikanische Variante ersetzt. Das ist Kulturverfall. Doch dies steht auf einem anderen Blatt.

Halten wir fest:  Die Institutionen, die sich auf Basis der Rheinischen Kapitalismus entfaltet haben, sind spezifisch deutsches Kulturgut. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass andere dies zu kopieren versuchten und immer noch versuchten.

Man könnte Seiten damit füllen, deutsche kulturelle Besonderheiten herauszuarbeiten. Um die Leser aus der Hypnose aufzuwecken, dürfte dies aber nicht erforderlich sein. Einige weitere Beispiele sollen genügen. Bleiben wir im Rheinland. Ein imposantes Bauwerk in Köln (nein, ich meine nicht den Bahnhof) eignet sich wie kaum ein anderes, um das Spezifische an deutscher Kultur herauszuarbeiten.

Es gibt sicher andere Kirchen im gothischen Baustil. In anderen Ländern hat man auch schöne Kirchen zu bauen vermocht, ganz zu schweigen von schönen Moscheen. Und dennoch ist der Kölner Dom ein in Jahrhunderten gewachsenes einzigartiges Beispiel für die Qualität deutscher Baukunst. Wie blind muss man sein, um das nicht zu erkennen. Wenn man den Sakralbau Stein für Stein auseinandernähme und – sagen wir – nach Istanbul verpflanzte, so bliebe er dennoch der Kölner Dom. Er ist singulär, so wie die deutsche (und jede andere) Nationalkultur.

Rhein und Kölner Dom – wie viele Sagen und Mythen ranken sich um dies emotional hoch aufgeladenen Artefakte menschlichen Schaffens. Es sind deutsche Sagen, Mythen und romantische Narrative. Man kann sie nicht ab- und in Vielfalt auflösen.

Links des Rheins liegt ein wunderbares Land. Vive la France. Wer einmal Gelegenheit hatte, das Familienleben in beiden Ländern zu betrachten, weiß: Da gibt es Unterschiede. Sogar erhebliche. Französische Kinder sind besser erzogen, sie achten in stärkerem Maß die elterliche Autorität und sie dominieren das Familienleben weniger stark. Beispielsweise. Das deutsche Familienleben unterscheidet sich mehr oder weniger stark auch von anderen Ländern.

In türkischen Schulen dominieren rezeptives Lernen und somit ein entsprechend autoritärer Frontalunterricht – demgegenüber herrscht in deutschen Schulen – man verzeihe mir die Übertreibung – das Chaos vor. Jedes Schulsystem, weltweit, hat nationale Besonderheiten; diese sind kulturelle Produkte und kulturprägend zugleich.

Wohin man schaut, sobald man aus der Hypnose aufgewacht ist, erblickt man deutsche Kultur. Sie ist existent. Da mag Aydan Özoğuz behaupten, was sie mag. Ihre Unterstellung:

„Kein Wunder, denn eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.“

ist offensichtlich falsch. Wir erleben hier auch nicht, dank Globalisierung, wie sie mutmaßt, eine „Vervielfältigung von Vielfalt“, sondern allenfalls eine Verselbständigung von Unterschieden in Parallelgesellschaften. Kultur ist kein ausschließlich linguistisches Phänomen.

Aus dem schieren Vorhandensein einer deutschen Kultur lässt sich allerdings nicht der Anspruch ableiten, dass es eine spezifische oder gar eine spezifisch deutsche Leitkultur geben müsse.

Gauland schreibt zur Leitkultur3)Alexander Gauland: Nicht wir, sondern die Muslime müssen sich anpassen:

„Es mehren sich die Anzeichen, dass unsere Lebensweise in Deutschland schleichend ausgehöhlt wird. Durch falsche Rücksicht auf die islamische Minderheit im Land verzichten wir immer mehr auf unsere christlich-abendländischen Gewohnheiten. Das führt in Kombination mit der noch immer unkontrollierten Einwanderung von Muslimen nach Deutschland in eine islamisch geprägte Gesellschaft.

Sankt Martin wird ‚Lichterfest‘ genannt, auf öffentlichen Plätzen wird auf Weihnachtsbäume verzichtet, Mädchen werden vom Schwimmunterricht freigestellt, Schweinefleisch aus den Schulen verbannt.

All dies sind traurige Beispiele für unseren mangelnden Selbstbehauptungswillen. Wir müssen uns den Muslimen in Deutschland nicht anpassen; wer mit und bei uns leben will, muss sich uns anpassen. Die deutsche Kultur muss Leitkultur hierzulande bleiben und wir dürfen in dieser Sache keinen Fußbreit den muslimischen Einwanderern weichen. Es ist völlig absurd, Teile unserer Kultur aus Gründen, die nichts mit uns zu tun haben, einfach so aufzugeben. Dieser schleichenden Aushöhlung muss Einhalt geboten werden!“

Wieso eigentlich? Und wer sind wir denn?

Genauer: Wer ist das Subjekt der deutschen Kultur? Rechtlich gesehen, sind die Subjekte der deutschen Kultur die deutschen Staatsbürger. Und Staatsbürger ist der Inhaber eines deutschen Passes. Unsere Kultur ist, im Kern, die Art, in der deutsche Menschen (Inhaber deutscher Pässe) ihr Dasein gestalten. Könnten sich diese Menschen nicht auch die türkische Art anverwandeln, die arabische oder ein „bunt gesprenkeltes Gemälde aus allem, was je geglaubt“ 4)Nietzsche wurde?

Unser Grundgesetz bietet jedenfalls keinen Anhaltspunkt dafür, wie die deutsche Leitkultur aussehen sollte, mit dem Ideal einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung sind diverse, wenn auch nicht alle Kulturen vereinbar. Jeder darf in diesem Rahmen seine Persönlichkeit frei entfalten, also Kultur schaffen, sofern er nicht gegen das Sittengesetz verstößt. Was darunter zu verstehen sei, lässt das Grundgesetz offen. Aber es gibt natürlich nur ein Sittengesetz – und deswegen verbietet sich das Multikulti unterschiedlicher Sitten in einem Lande unter der Herrschaft des Grundgesetzes.

Gauland spricht von „christlich-abendländischen Gewohnheiten“. Pah! Noch nicht einmal das Weihnachtsfest kann heute als „christlich-abendländische Gewohnheit“ bezeichnet werden, ohne das einem die Schamesröte ins Gesicht steigt. Selbst einem Atheisten wie mir erscheint es als Sakrileg, unser Weihnachtsfest, diesen seelenlosen Konsumtaumel, als „christlich-abendländisch“ zu bezeichnen.

Unsere heutige Kultur ist die Kultur eines Industriestaats in deutscher Variante. Hier waltet nicht das christliche Abendland, sondern der Geist der Aufklärung. Wir orientieren uns nicht an der Bibel, sondern am naturwissenschaftlichen Weltbild. Unser Menschenbild ist nicht die Gottesebenbildlichkeit, sondern der Humanismus. Wir haben einen Prozess der Zivilisation durchlaufen, oftmals mit schmerzlichen Rückschlägen, und wir sind nun auf einer Stufe angelangt, die durch das staatliche Gewaltmonopol gekennzeichnet ist, dass eine auf Volkssouveränität beruhende Verfassung legitimiert.

Wir sind so frei, uns glücklich zu schätzen, eine höhere Kulturstufe erreicht zu haben. Auf die Frage: „Ist es legitim, seine Religion mit Gewalt zu verbreiten?“ antworten wir mit einem entschiedenen Nein. Wer dies aber bejaht, gehört definitiv nicht in unsere Kultur, der gehört nicht zu Deutschland.5)Zu Deutschland gehört ebenso wenig, wer Menschen anderer Kulturen mit Gewalt außer Landes treiben will. Solche Typen gehören allenfalls zur deutschen Knastkultur.

Es ist die legitime Arroganz eines souveränen Volkes, seine aufgeklärte, am naturwissenschaftlichen Weltbild orientierte  jeder religiösen Kultur vorzuziehen. Dies ist die deutsche Leitkultur, in ihrer gewachsenen, historisch bestimmten Form. Dies ist die Kultur der Menschen, die in blutigen Kämpfen errungene Kultur der Menschen, denen dieses Deutschland gehört und immer gehören wird: der deutschen Staatsbürger, also der Inhaber deutscher Pässe.

Fußnoten   [ + ]

1. Aydan Özoğuz: GESELLSCHAFTSVERTRAG STATT LEITKULTUR, Tagesspiegel Causa, 14. Mai 2017
2. Eine negative Halluzination ist eine Halluzination, bei der man nicht sieht, was vorhanden ist.
3. Alexander Gauland: Nicht wir, sondern die Muslime müssen sich anpassen
4. Nietzsche
5. Zu Deutschland gehört ebenso wenig, wer Menschen anderer Kulturen mit Gewalt außer Landes treiben will. Solche Typen gehören allenfalls zur deutschen Knastkultur.