Lug und Trug

Wer meint, dass seelisch Leidende Kranke seien, die ins Bett gesteckt gehören und die, wenn warme oder kalte Wadenwickel nicht fruchten wollen, am besten diverse Psychopharmaka zum heißen Tee serviert bekommen sollten, der muss hier nicht weiterlesen, denn der kennt ja die Antwort auf obige Frage natürlich schon: „Nein, Gott bewahre! Seelisch leidende Menschen sind psychisch Kranke, die, wie körperlich Kranke ja auch, für ihre Störung nicht verantwortlich gemacht werden können. Ein schweres Schicksal drückt sie nieder; aus eigener Kraft können sie sich nicht wieder erheben, sie bedürfen des Arztes, der ihnen seinen starken Arm reicht und sie mit diversen Produkten aus dem Füllhorn der Pharmaindustrie wieder aufrichtet.“
Nun weiß ich aber, dass sich unter meinen Lesern der eine oder andere kritische Geist befindet, dem die Behauptung des Psychiaters Thomas Szasz, dass psychische Krankheiten keine Realität, beileibe nicht, sondern ein Mythos seien, durchaus nachvollziehbar erscheint. Wenn aber psychische Krankheiten ein Mythos sind, dann könnte man doch folgern, dass Menschen, die wähnen, psychisch krank zu sein, in Wirklichkeit „eingebildete Kranke“ seien.
Sofern man sich aber zu dieser, irgendwie zwingenden, Schlussfolgerung verstehen will, so liegt es fraglos nahe, nach der Moral dieser „eingebildeten Kranken“ zu fragen. Kuscheln sie sich bequem ins warme Bett, während andere furchtlos, unter Umständen auch mit zusammengebissenen Zähnen, den scharfen Stürmen der Welt trotzen?
Natürlich gibt es Menschen, die sich als psychisch krank empfinden und die sich dennoch in die Arbeit schleppen, um dort unter Qualen ihre Pflicht zu erfüllen. Und selbstverständlich gibt es auch Menschen, die sich als psychisch krank einstufen, die, immer den Tränen oder der Verzweiflung nahe, gewissenhaft ihren privaten Verpflichtungen obliegen. Selbstverständlich wäre es ungerecht, diese Menschen als faule Säcke zu bezeichnen.
Aber, wer könnte es leugnen: Es gibt natürlich auch jene Zeitgenossen, die sich wegen einer angeblichen psychischen Krankheit krankschreiben oder gar frühverrenten lassen. Und es gibt auch jene Zeitgenossen, die, statt die Hausordnung zu erledigen und Fenster zu putzen, lieber vor dem Bügelfernsehen jammern und wehklagen, während die Küche und oft sogar das eigentlich vom TV-Format geforderte Eisen kalt bleiben.
Soll man diese Menschen nun faule Säcke nennen oder ist doch etwas dran am angeblichen Mythos der psychischen Krankheiten? Im Gegensatz zum Begriff der „psychischen Krankheit“ lässt sich der Term „fauler Sack“ sehr leicht präzise definieren. Ein „fauler Sack“ ist ein Mensch, der seinen Pflichten nicht nachkommt, obwohl dies mit Recht von ihm erwartet werden kann, obwohl sie zumutbar sind und obwohl er keine vernünftigen Gründe vorzubringen weiß, warum er ihnen nicht obliegt.
Wenn nun ein „psychisch Kranker“ seine Pflichtvergessenheit mit einer „psychischen Krankheit“ rechtfertigt, unter der er leide und die ihn niederzwinge, so dürfen wir ihm, gestützt auf die Überlegungen von Thomas Szasz und ähnlich gestrickten Geistern, zurufen: „Erzähle uns nicht so einen Quark! Psychische Krankheiten sind ein Mythos! Du bist ein fauler Sack!“
Oder etwa nicht? Menschen, die sich noch kein entsprechendes Attest verschafft haben, schallt dieser Ruf im Übrigen tatsächlich sehr häufig entgegen, oft gepaart mit dem wohlmeinenden Rat, er möge sich am Riemen reißen, sich zusammennehmen und sich nicht hängenlassen. Da bleibt dem Menschen, dem solche Rede auf Dauer nicht am Arsch vorbeigeht, kaum etwas anderes übrig, als sich die „psychische Krankheit“ offiziell bescheinigen zu lassen.
Zwar kann ich es nicht beweisen, aber aus meiner Sicht liegt es auf der Hand, dass viele nicht „betroffene“ Zeitgenossen auch solchen Attesten von Fachärzten nicht so recht trauen und dass dieses Misstrauen einer der wahren und wichtigsten Gründe für die so genannte Stigmatisierung „psychisch Kranker“ ist. Stigmatisierung: Das ist die wilde, die unreflektierte Psychiatriekritik im Volke, der sich im Allgemeinen noch der Psychiaterwitz hinzugesellt und der Hinweis, dass man doch häufig Angehörige dieser Zunft, wenn man’s nicht besser wüsste, kaum von ihren Patienten unterscheiden könne.
Ein dumpfes Bauchgefühl sagt vielen Leuten, dass die Psychiatrie den faulen Säcken ein Alibi verschafft, aber die gefährlichen Irren immer wieder laufen lässt. Da helfen keine Anti-Stigma-Kampagnen, weil der Mythos der psychischen Krankheiten auch die „breite Masse“ nicht vollends zu überzeugen vermag.
Es gibt natürlich gute und nicht nur mythologische Gründe, sich seinen Pflichten zu entziehen. Wenn beispielsweise ein Sklave, statt pflichtschuldigst Zuckerrohr zu schneiden, dass Weite suchte, dann wurde er den Erwartungen, die in der Sklavenhaltergesellschaft als legitim und selbstverständlich galten, zwar nicht gerecht, wohl aber seinem Freiheitsdrange, den wir ihm als aufgeklärte Menschen nicht verargen können. Nun sage aber niemand, es gäbe nicht auch unter uns, in modernen Industriestaaten, Menschen, die zwar nicht de jure, aber de facto Sklaven sind oder die sich zumindest aus nachvollziehbaren Gründen so fühlen.
Allerdings setzen sich mitunter auch extrem Fleißige, schäumend Ehrgeizige dem Verdacht aus, faule Säcke zu sein, indem sie „psychisch krank“ werden und infolgedessen ihren Pflichten nicht mehr nachkommen. Nicht selten fühlen sich solche Menschen auch zu Glanzleistungen beim Spielen der Rolle des „psychisch Kranken“ verpflichtet: sowohl was das Leiden, das Heulen und Zähneknirschen, als auch was die „Compliance“ als Patient betrifft.
Böse, böse kann das enden.
Letztlich muss kein „psychisch Kranker“ der sich behandeln lässt, ein schlechtes Gewissen haben. Auch wenn die „psychische Krankheit“ ein Mythos ist, so ist er doch kein fauler Sack. Vielmehr ist er, indem er die Rolle des psychisch kranken Patienten spielt, ein Bestandteil einer Wertschöpfungskette und schafft Arbeitsplätze. Dafür nimmt er zum Teil erhebliche Lasten auf sich. Man denke an die wertvolle Lebenszeit, die er in Wartungs- und Behandlungszimmern oder in Kliniken verausgabt; auch die oft erheblichen und womöglich irreversiblen Nebenwirkungen der Psychopharmaka müssen hier veranschlagt werden.
Ohne ihn, den eingebildet psychisch Kranken, brächen ganze Wirtschaftszweige zusammen. Und dafür bekommt er keine müde Mark, im Gegenteil: Ist er krankenversichert, dann bezahlt er sogar dafür. Sauber!
Und was heißt schon eingebildet? Die meisten Menschen, die sich selbst als psychisch krank verstehen, sind Opfer von Suggestionen. Auch dies kann ich nicht beweisen, aber davon bin ich zutiefst überzeugt. Sie wurden durch salbungsvolle Wort verführt. Allerdings, dies muss einschränkend hinzugefügt werden: Wer nicht verführt werden will, dem bleibt dies in aller Regel auch erspart, sofern er sich Mühe gibt. Und das tun faule Säcke eben nicht gern.
Kein Mensch, der sich selbst als „psychisch krank“ bezeichnet, möge sich der Illusion hingeben, ihm bliebe das Verdikt „fauler Sack“ erspart. Auch wenn man ihm das nicht offen ins Gesicht sagt: Dieser Verdacht steht zunächst einmal im Raum, und die einzige zuverlässige Methode, ihn vom Tisch zu bringen, besteht darin, sich, als vollkommen unfähig zu jeder nützlichen Tätigkeit, darzustellen. Erst wenn einer als Vollidiot oder Knallkopf anerkannt ist, muss er nicht mehr fürchten, als fauler Sack zu gelten. Selbst wenn ein „psychisch Kranker“ wie ein Ackergaul schuftet, wird ihm eine Leistungsminderung bzw. Leistungszurückhaltung unterstellt. Ein Grund im Übrigen für viele Suizide „psychisch Kranker“, aus meiner Sicht!
Nun mag mir der aufmerksame Leser unterstellen, dass ich mich bisher um die Antwort auf die Frage im Titel dieses Abschnitts meiner Polemik herumgedrückt hätte. Es sei von mir kein klares Ja oder Nein zu lesen gewesen. Diesem Erwartungsdruck halte ich nicht länger stand, und also antworte ich. Ja. Natürlich sind sie faule Säcke, und wenn sie stolz darauf wären, dann würden sie sich auch nicht mehr als „psychisch krank“ empfinden. Die Heilwirkung des Stolzes tritt unmittelbar ein, so, als ob das „Medikament“ intravenös injiziert worden wäre. Einmal kräftig durchatmen, und weg ist’s – das absurde Gefühl der Scham.
Faulheit ist im Übrigen ein Menschenrecht und es gibt gute Gründe, dieses Recht bei Gelegenheit auch in Anspruch zu nehmen. Dies muss jeder für sich selbst entscheiden und ggf. natürlich die Konsequenzen tragen. Wer selbst noch nie faul war, der werfe den ersten Stein. Kein Mythos existiert ohne Grund. Jeder erfüllt eine sozio-ökonomische Funktion.
In einer Klassengesellschaft kann man das Thema Faulheit und Fleiß, gerechtes und ungerechtes Einkommen, Leistung und Leistungsverweigerung nicht im Klartext, rational und offen diskutieren. Man müsste sonst ja unumwunden darauf hinweisen, dass die schlimmsten Asozialen an der Spitze unserer Gesellschaft angesiedelt sind. Das aber hören die da oben nicht so gern, und wer es bei uns zu etwas bringen will, der hält sich besser mit solchen losen Reden zurück.
Allerlei Mythen treten an die Stelle eines freien und rationalen Diskurses zu diesem Thema: der Mythos von der Leistungsgesellschaft, der Mythos vom freien Spiel der Kräfte am Markt, der Mythos, dass jeder seines Glückes Schmied sei, der Mythos von der psychischen Krankheit. Und das alles ist – Lug und Trug, versteht sich. Die Kosten trägt die Allgemeinheit.