Der Wille zur Krankheit

Ein Mensch fühlt sich schlecht. Ihm ist, als sei er in ein schwarzes Loch gefallen. Oder er leidet unter Zwangsgedanken. Womöglich fühlt er sich verfolgt und niemand will es ihm glauben. Was auch immer das Problem sein mag, es ist von sich aus kein Symptom. Es wird erst durch die entsprechende Sichtweise dazu.

Zum Symptom wird das Problem, wenn man es im Licht des medizinischen Modells der psychischen Krankheiten betrachtet. Diese Denkart ist weit verbreitet in unserer Kultur. Lebte der Mensch, dem es schlecht geht, in einer anderen, böte sich auch eine andere Interpretation an. Er würde dann vielleicht glauben, von Dämonen besessen zu sein. Eventuell wäre er sich auch sicher, der Nachbar habe ihn verhext.

An Dämonen und Hexerei glauben wir heute nicht mehr. Schließlich ist es nicht bewiesen, dass Dämonen und Hexen überhaupt existieren. Es ist allerdings auch nicht bewiesen, dass es psychische Krankheiten im Sinn des medizinischen Modells gibt.

Spätestens wenn der Mensch, dem es schlecht geht, sich zum Psychiater aufmacht, hat er die Rolle des psychisch Kranken übernommen. Ob so etwas wie eine psychische Krankheit real ist, wissen wir nicht. Aber die Rolle eines psychisch Kranken kann man auch spielen, wenn psychische Krankheiten eine Erfindung sind. Man kann ja auch in einem Film die Rolle des Glöckners von Notre Dame übernehmen, obwohl dieser Kirchenbedienstete nur der Fantasie Victor Hugos entsprungen ist.

Bisher vermochte die Psychiatrie, trotz rund 150-jähriger Forschung, noch keinen Mechanismus im Gehirn oder im Körper zu entdecken, der die so genannten „psychisch Kranken“ zwingt, die entsprechenden „Symptome“ auszuprägen. Daher liegt es nahe, als Alternative zu den pathologischen Ursachen dieser Phänomene den Willen ins Spiel zu bringen. Dieses alternativen Ansatz entsprechend ist der Wille die entscheidende Dimension, die den sog. psychischen Krankheiten zugrunde liegt.

Manche wenden ein, dass niemand so recht wisse, was der Wille eigentlich sei. Es handele sich um ein vages Konstrukt, dass für ein wissenschaftliches Modell des Verhaltens nicht geeignet sei. Dem stimme ich natürlich zu. Und zwar leichten Herzens. Denn ein wissenschaftlicher Begriff ist auch gar nicht nötig, um Folgendes zu verstehen. Man muss nur wissen, wie es sich anfühlt, etwas zu wollen oder nicht zu wollen, beispielsweise eine Flasche Cola oder ein Steak bzw. einen Schnupfen oder eine Gehaltskürzung. Dem meisten Lesern dürfte dies vertraut sein.

Der sog. psychisch Kranke will psychisch krank sein. Die sog. psychische Krankheit ist nämlich eine Form der Bewältigung von Lebensproblemen, eine Strategie und Taktik, ein Lebensstil. Es handelt sich um einen Lebensstil, der teilweise durch psychiatrische Denkfiguren vorfabriziert wurde.

Auf den ersten Blick erscheint diese These nicht sehr plausibel. Schließlich sind „psychische Krankheiten“ ja offensichtlich keine Zustände, die überwiegend mit Annehmlichkeiten verbunden sind.

  • Will denn der Schizophrene, der von Wahn und Ängsten geplagt ist, wirklich psychisch krank sein?
  • Will denn der Alkoholiker, der gerade Ehe und Karriere zerstört, wirklich weitersaufen?
  • Will denn der Raucher, dem gerade ein Raucherbein abgenommen wurde, wirklich weiterrauchen?

Die so genannten psychischen Störungen bergen in der Tat oft mehr oder weniger stark ausgeprägte, selbstzerstörerische Tendenzen. Aber wer sagt denn, dass der Mensch nicht auch Selbstzerstörung wollen kann oder billigend in Kauf nimmt?

  • Kein Süchtiger wird mit vorgehaltenem Maschinengewehr dazu gezwungen, die Schnapsflasche zu leeren, sich die Spritze zu geben, Pillen zu schlucken.
  • Kein Depressiver könnte in ein schwarzes Loch fallen, wenn er es nicht zugelassen hätte oder gar mit voller Absicht, sehenden Auges, in es hineingestürzt wäre.
  • Kein Schizophrener unterläge einem Wahn, wenn er sich an diesen nicht klammerte wie ein Ertrinkender an den berühmten Strohhalm.

Der Wille ist aus dem Gefüge der menschlichen Seele nicht wegzudenken. Sogar das so genannte Unbewusste, das unser Verhalten scheinbar gegen unseren Willen steuert, ist ein Produkt absichtlicher Operationen, der so genannten Abwehrmechanismen. Diese sind aber gar nicht mechanisch. Es handelt sich vielmehr um Steuerungen unserer Aufmerksamkeit. Sie erfolgen, weil wir vor unserer Angst kapituliert haben und nun ein Unbewusstes haben wollen. Dieser Wunsch ist so stark, dass sogar der Wunsch zu verdrängen der Verdrängung anheimfällt. Und so gibt es bei den so genannten psychischen Krankheiten auch keine Spontan-Heilungen.

  • Wenn beispielsweise ein Alkoholiker ohne Hilfe von Psycho-Experten das Saufen aufgibt, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Heilung. Daran ist nichts spontan. Vielmehr hat der Alkoholiker sich entschieden, nicht mehr zu trinken, und er hat diese Entscheidung durchgehalten. Das aber ist eine Frage des Willens.
  • Wenn beispielsweise ein Depressiver ohne ärztliche Unterstützung aus seinem schwarzen Loch emporsteigt, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Heilung. Daran ist nichts spontan. Vielmehr hat der Depressive sich entschieden, nicht länger das Büßergewand zur Sühne für tatsächliche oder vermeintliche Fehler zu tragen, seinen Streik gegen das Dasein zu beenden und den Stürmen des Lebens wieder zu trotzen. Er braucht einen starken Willen, diese Entscheidung durchzuhalten.
  • Wenn beispielsweise ein Schizophrener ohne psychiatrischen Beistand wieder in die Welt der alltäglichen Konventionen zurückkehrt, dann ist diese erfreuliche Entwicklung keineswegs eine Spontan-Heilung. Daran ist nichts spontan. Der Schizophrene hat sich vielmehr entschieden, wieder in die Welt geteilter Auffassungen zurückzukehren (wenn auch, unter Umständen, zähneknirschend).

Hinter diesem „Willen zur Krankheit“ steckt vermutlich der Wunsch, eine Botschaft mitzuteilen, die man nicht offen aussprechen kann. Der Schizophrene beispielsweise will seinen Mitmenschen im Klartext Folgendes sagen:

„Dass ihr mich nicht versteht, ist kein Wunder, denn ich bin euch fremd geworden und erst wenn ihr wieder mitfühlender geworden seid, werdet ihr euch wieder in meine Lage hineinversetzen können.“

Der Depressive beispielsweise will seinen Mitmenschen im Klartext Folgendes sagen:

„Ihr habt einfach zu viel an mir herumgezerrt und jetzt will ich nicht mehr. Schau her! Ich hülle mich in Sack und Asche, gönne mir keine Freude. Seht, wie ich leide. Deswegen dürft ihr mir meine Totalverweigerung nicht verargen.“

Mind on Strike! Solche Botschaften könnte man für jede der sog. psychischen Krankheiten formulieren. Sie werden natürlich niemals im Klartext offen ausgesprochen. Der sog. psychisch Kranke kennt diesen Klartext in aller Regel ja auch nicht. Aber er handelt so, als ob dieser unausgesprochene Klartext seine Absichtserklärung wäre.

Wenn wir die Lebenssituation eines „psychisch Kranken“ vorurteilsfrei analysieren, dann werden wir feststellen, dass der Klartext dazu auch passt. Er ist die angemessene Antwort auf eine unhaltbare (oder als unhaltbar empfundene) Lage.

Die sog. psychisch Kranken sind nicht selten das schwächste Glied in einem sozialen Bezugssystem. In diesem sozialen Kontext ist es ihnen nicht gestattet, ihre Haltung im Klartext zu formulieren. Es ist ihnen nur erlaubt, diese in Gestalt psychiatrischer Symptome auszudrücken.