Die schwarze Null

Die schwarze Null ist sexy. Selbst die schwäbische Hausfrau – ansonsten nicht gerade wegen Zügellosigkeit verschrien – wird zappelig, wenn sie die schwarze Null sieht. Was für eine schöne Zahl sie doch ist: tief schwarz, schimmernd, edel. Wo scheußlich stechen die anderen Zahlen von ihr ab, insbesondere die roten.

Und doch: Schönheit kostet. Alles hat seinen Preis. Auch die schwarze Null. Wer sich gern im lichten Schein der Einsparung sonnen möchte, darf nicht geizig sein. Die Rechnung kommt allerdings später.

Natürlich wird zu viel Geld ausgegeben. Mehr als man hat. Wie verwerflich! Die schwäbische Hausfrau schüttelt sich. Schweißperlen treten auf ihre Stirn, die nur der warme Wind, der aus dem Loch der schwarzen Null bläst, zu trocknen vermag.

Kein Wunder also, dass Politiker sich berufen fühlen, der schwarzen Null eine Gasse zu brechen. Dazu allerdings bedarf es der Brechstange nicht. Subtil will die Sache errungen werden, mit Fingerspitzengefühl. Sicher, das Notwendige muss immer bezahlt werden. Aber geht es nicht auch billiger?

Will man einsparen, ohne Schaden zu verursachen, dann muss man die Effizienz steigern. Wie viel Dummheit ist doch in der Welt – und die kostet. Fragen wir also die Experten, Leute die sich auskennen, was man besser machen könnte.

Doch halt, Vorsicht! Die schwarze Null blickt sorgenvoll. Experten kommen ja aus den Bereichen, in denen eingespart werden soll. Da können sie unmöglich neutral sein. Unter diesen Bedingungen ist es klüger, wenn sich die Politiker die Fachleute anhören, danach aber nach eigenem Gutdünken entscheiden. Wer, wenn nicht sie, die weisen Staatenlenker, wäre denn ein Fachmann für Effizienz?

Es so kommt es, wie es kommen muss. Die schöne schwarze Null bezieht den Elfenbeinturm hoch über den Regierungspalästen und blickt ins Land. Was man sieht, kann sie nicht erschüttern, denn sie ist blind. Wo andere Augen haben, hat sie nur ein Loch mit einem Rand drumherum. Ihre Leistung schmälert das nicht. Mehr als das braucht man ja nicht als schwarze Null. Sie ist eben sexy. Das muss genügen.

Wir aber sehen beispielsweise:

  • Ordnungshüter in argen Nöten. Seit Jahren wird beim Personal gespart. Folge: Die Polizei ist ihren Aufgaben nur noch begrenzt gewachsen. Kriminelle und Terroristen richten vermeidbaren Schaden an.
  • Schulen und Universitäten allenfalls Mittelmaß. Schüler drängen sich in Klassen, Studenten in Hörsäle. Das Niveau ist im internationalen Vergleich beschämend. Die Folge: Die Deutschen verblöden und die Konkurrenzfähigkeit unserer Wirtschaft ist bedroht.
  • Transferleistungen unter aller Sau. Den Sozialhilfe- und Hartz-4-Empfängern gönnt man nicht die Butter auf dem Brot. Dies begünstigt Lohndumping. Folge: Die Menschen haben immer weniger Geld auf der Tasche. Die Binnennachfrage sinkt. Darunter leidet die Wirtschaft.

Die Faszination der schwarzen Null ist dennoch ungebrochen. Der gute Wille zählt. Sparen ist schließlich eine Tugend. Mehr Geld auszugeben, als man einnimmt, ist demgegenüber ein Frevel. Macht der Staat Schulden, so heißt es, dann bürdet er schändlichst kommenden Generationen Lasten auf. Er schadet unseren Kindern und Kindeskindern, lässt sie für uns arbeiten. Wie unmoralisch!

Seht ihr, sagt die schwarze Null, ihr könnt über mich sagen, was ihr wollt -ich garantiere euch immerhin, dass eure Kinder dereinst an eurem Grab dank eurer Sparsamkeit mit Liebe und Wohlwollen an euch denken werden.

Schaut man genauer hin, dann allerdings allerdings zeigt sich, dass sich der Staat das Geld bei Privatleuten borgt. Die künftigen Generationen erben also nicht nur die Schulden des Staates, sondern auch die dementsprechenden Ansprüche gegenüber dem Staat. Unterm Strich gleich sich das aus. Das ist so sicher wie, nein das ist sicherer als das Amen in der Kirche. Unerbittliche Logik. Buchhaltung.

Es geht recht eigentlich gar nicht ums Geld. Es kommt darauf an, nützliche reale Güter und Dienstleistungen zu produzieren. Alles, was uns hilft, genau dies zu tun, ist gut und nicht schlecht. Mitunter muss der Staat, müssen wir alle zu diesem Zweck Schulden machen.