Nuclear Aftermath: Vertuschung und atomare Panik

Eine unerwünschte Reportage

Am 2. September 1945 fuhr der australische Journalist Wilfred Burchett mit dem Zug von Tokio nach Hiroshima. Es gelang ihm, die Kontrollen des amerikanischen Militärs zu umgehen. Die Zensoren der Streitkräfte wollten den Aufenthalt ausländischer Journalisten in Japan auf die Hauptstadt beschränken. Er brauchte zwanzig Stunden für 680 km. Burchett beobachtete, dass auch einen Monat nach der Explosion immer noch Menschen aus mysteriösen Gründen starben, obwohl sie äußerlich unverletzt wirkten. Hiroshima sehe nicht wie eine bombardierte Stadt aus, schrieb er in seiner Reportage über diesen Trip ins Grauen, sondern diese Stadt erwecke den Eindruck, als sei eine Dampfwalze über sie hinweggerollt und habe ihre Existenz ausgelöscht (Selden, 2005).

Die Zensoren des amerikanischen Militärs konfiszierten zwar seine Kamera und seine belichteten Filme, Burchett schaffte es aber, seinen Bericht via Telex an den „London Daily Express“ zu schicken. Die britische Zeitung veröffentlichte seine Depesche am 5. September 1945. Und so erfuhr die Welt, dass die Strahlung die geheimnisvollste und schrecklichste Folge einer Atombomben-Explosion sei. In seinem Bericht bezeichnete der australische Journalist die Strahlenkrankheit als „atomare Pest“. Dreißig Tage nach dem Atombombenabwurf, heißt es dort, stürben Japaner immer noch, mysteriös und grauenvoll, an einem unbekannten Irgendetwas (“unknown something“).

Die Welt war schockiert und die Regierung der Vereinigten Staaten hatte ein ernsthaftes PR-Problem. Zur Schadensreduzierung ordnete General MacArthur umgehend an, dass Burchett auf der Stelle Japan zu verlassen habe. Seine Kamera und Filmmaterial verschwanden. Die US-Regierung reagierte auf Burchetts Reportage aus erster Hand umgehend mit einer Verharmlosung der Strahlenwirkung, spielte die Opfer in der Zivilbevölkerung herunter und unterstellte dem australischen Journalisten, japanischer Propaganda aufgesessen zu sein.

Das Imperium schlägt zurück

Der Wissenschaftsjournalist William L. Lawrence, der nicht nur auf der Gehaltsliste der New York Times, sondern auch des Pentagons stand, publizierte am 12. September 1945 in der New Yorker Zeitung einen Artikel, der Burchetts Reportage diametral widersprach: Nicht die Strahlung sei für die Todesfälle verantwortlich, sondern die Druckwelle. Lawrence gewann für diesen und andere Artikel mit ähnlichem Tenor den Pulitzer-Preis.

Im März 1945 hatten sich Lawrence und General Lesley Groves in den Räumen der New York Times getroffen. Das Treffen wurde geheim gehalten. Lawrence sollte Pressemeldungen schreiben, um die Mechanismen, die Atomwaffen zugrunde liegen, in einer dem Laien verständlichen Sprache darzustellen. Die Propaganda-Maschinerie des Pentagons setzte alle Hebel in Bewegung, um die Bedeutung der radioaktiven Strahlung herunterzuspielen.

Der Abteilungsleiter des Atombomben-Projekts im amerikanischen Verteidigungsministerium, General T. F. Farrell verneinte kategorisch, dass die Bombe einen lang anhaltenden radioaktiven Effekt habe (Goodman & Goodman, 2004).

Am 5. September 1945 veröffentlichte die amerikanische Regierung einen Bericht über die angeblich bestialische Behandlung von amerikanischen Kriegsgefangenen durch die Japaner (Burgan, 2010, 76). Unabhängig davon, ob diese schier endlose Aneinanderreihung von Grausamkeiten auf einem wahren Kern beruhte, verriet doch ihr Stil die dahinter stehende Absicht: Die Atombombenabwürfe sollten damit gerechtfertigt und das Gewissen des amerikanischen Volks beruhigt werden.

Die amerikanischen Besatzungstruppen in Japan ordneten als eine ihrer ersten Maßnahmen die Abschaffung der Zensur an, die unter dem alten, diktatorischen Regime Japans gegolten hatte. Gleichzeitig aber führten sie selbst eine Zensur ein, deren oberste Priorität die Vertuschung der Folgen ihres Nuklearangriffs war. Während der gesamten Besatzungszeit ermutigten die amerikanischen Behörden japanische Wissenschaftler, die Folgen der Atombombenabwürfe zu erforschen; eine Veröffentlichung der Resultate in Zeitungen, Zeitschriften oder Fachmagazinen ließen sie aber nicht zu (Selden & Selden, 1989, 33).

Umfangreiches Filmmaterial, das ein dreißigköpfiges japanisches Kamera-Team zwischen August und Dezember in den beiden verwüsteten Städten aufgenommen hatte, wurde von den amerikanischen Behörden im Februar 1946 konfisziert und den Japanern erst 1966, also zwanzig Jahre später, zurückerstattet (Dower, 1998, 32).

Der amerikanische Journalist George Weller kam am 6. August 1945 nach Nagasaki und verfasste eine Serie von Berichten über die atomaren Verwüstungen. Die amerikanische Zensur verhinderte jedoch die Veröffentlichung dieser Reportagen. Weller berichtete u. a., wie Menschen ohne sichtbare Verletzungen, die zuvor auch keine Krankheitssymptome zeigten, drei, vier Wochen nach dem Atombombenabwurf plötzlich einer besonderen, rätselhaften, nicht diagnostizierten Krankheit erlagen. Die Ärzte, mit denen Weller sprach, waren ratlos. Die Menschen starben ihnen unter den Händen weg.

Der führende Radiologe Yosisada Nakashima, schrieb Weller, sei allerdings davon überzeugt, dass die Erkrankten unter den Folgen der radioaktiven Strahlung litten, die durch die Bombenexplosion freigesetzt wurde und deren Wirkung sich nun mit zeitlicher Verzögerung zeige.

Wellers Reportagen wurden erstmals 2006 von seinem Sohn Anthony veröffentlicht. George Weller erlebte diese Veröffentlichung nicht mehr; er starb 2002 (Weller & Weller, 2006, 45).

Die Konsequenz der amerikanischen Geheimhaltungspolitik bestand u. a. auch darin, dass die japanischen Strahlenopfer keine Berichte über ihre Erfahrungen und Leiden veröffentlichen durften, wodurch sie einer wichtigen Möglichkeit der Traumaverarbeitung beraubt wurden (Dower, 1998, 33).

Herseys Reportage im „New Yorker“

Infolge dieser Pressezensur erfuhr auch die amerikanische Öffentlichkeit – außer vagen Gerüchten – nichts Handfestes über die unmittelbaren und langfristigen Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Dies änderte sich erst am 31. August 1946, als der „New Yorker“ eine umfangreiche Reportage des amerikanischen Autors John Hersey veröffentlichte: „Hiroshima“.

John Hersey beschrieb die Schicksale von sechs Überlebenden – unter ihnen der deutsche Jesuitenpater Wilhelm Kleinsorge (Hersey, 1946). Der Artikel füllte die gesamte Ausgabe des „New Yorkers“, obwohl er zunächst auf vier Ausgaben verteilt werden sollte. Das Blatt war innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Die Reportage wurde in Radiosendungen vorgelesen und lebhaft in Zeitungen und Zeitschriften diskutiert; er war eine Sensation ersten Ranges. Kurz nach der Veröffentlichung im „New Yorker“ erschien der Bericht auch als Buch in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Allerdings versuchten die Besatzungsbehörden mit massivem Druck, seine Verbreitung in Japan zu verhindern.

Bericht einer Untersuchungskommission

Die Entscheidungsträger der amerikanischen Politik wurden durch den Bericht einer Untersuchungskommission ausführlich über die Folgen der radioaktiven Strahlung, die durch die Atombomben freigesetzt wurde, informiert.

In diesem Bericht heißt es:

“Es gibt Grund zu der Annahme, dass auch bei völligem Fehlen der Effekte von Druckwelle und Feuer die Zahl der Toten unter dem Menschen, die sich innerhalb eines Radius‘ von einer halben Meile um Ground Zero befanden, nur wenig niedriger gewesen wäre. Der grundsätzliche Unterschied wäre der Todeszeitpunkt gewesen. Statt unmittelbar getötet zu werden wie die meisten Opfer, hätten sie ein paar Tage oder sogar drei oder vier Wochen überlebt, nur um dann der Strahlenkrankheit zu erliegen (Strategic Bombing Survey, 1946, 26).“

Dieser Bericht wurde umgehend der Geheimhaltung unterworfen und erst 1973 freigegeben (Hunner, 2004, 91).

Keine Hysterie

1948 veröffentlichte der „Surgeon General“, der Leiter der öffentlichen Gesundheitsdienste der Vereinigten Staaten eine Broschüre mit dem bezeichnenden Titel: „Armeeärzte sagen, dass einer Atombomben-Explosion keine Hysterie folgen muss.“ Hier heißt es, dass die sensationelle Prophezeiung, die Strahlung würde Geburtsdefekte hervorrufen, keine reale Grundlage besitze, da die Radioaktivität das Ungeborene in aller Regel töte und daher nur eine Zunahme von Abtreibungen und Fehlgeburten zu befürchten sei. Auch solle man bei einem eventuellen Haarausfall nicht übermäßig besorgt sein, weil die Haare ja wieder nachwachsen würden, sofern der Betroffene keine tödliche Dosis abbekommen habe (Caufield, 1989, 102).

Das Magazin „Time“ griff diese Stellungnahme in einem Bericht vom 19. April 1948 auf und zitierte Oberst James P. Cooney vom „Medical Corps“ der US-Armee: „Washington ist zu dem Schluss gekommen, dass die Öffentlichkeit bezüglich der Atombombe viel zu nervös sei.“ Die Armeeärzte, so heißt es in diesem Bericht der „Time“, räumten zwar ein, dass die unmittelbaren Wirkungen einer Atombombenexplosion sehr ernst seien. Da gäbe es nicht viel, was sogar ein Mann der Medizin tun könne. Aber die Bedrohung durch die Atombombe sei zumindest erkannt worden, und man habe einen wachsenden Fundus des Wissens gesammelt, so dass die Probleme letztlich gemeistert werden könnten.

Im August 1946 forderte die amerikanische Psychologenvereinigung (“American Psychological Association“), dass die möglichen Vorteile der Atomenergie hervorgehoben und entwickelt werden müssten, damit die demoralisierende Furcht, die den Begriff „Atomenergie“ umgebe, vermindert werden könne. Andernfalls könne die Atom-Phobie die Nation zerstören (Caufield, 1989, 64).

Die rote Bombe und das blaue Buch

Am 29. August 1949 zündeten die Kommunisten ihre erste Kernwaffe in der Kasachischen Sowjetrepublik. Dies war das Ende des atomaren Monopols der Vereinigten Staaten. Die atomare Hysterie bekam neuen Auftrieb in der amerikanischen Bevölkerung.

Im September 1950 veröffentlichte das „National Security Resources Board“ einen Report mit dem Titel: „Vereinigte Staaten Zivilschutz“, der wegen seines Einbandes auch „Das blaue Buch“ genannt wurde. Das blaue Buch betonte, dass Panik das wohl ernsteste Problem der sozialen Kontrolle bei einer nuklearen Attacke sei. Panik würde immense Schwierigkeiten für die Exekutivorgane heraufbeschwören und deswegen seien die Beamten durch ein spezielles Training darauf vorzubereiten, Paniksituationen zu meistern (National Security Resources Board, 1950).

Ein Schriftsteller schreibt Klartext

Philip Whylie war nicht nur ein überaus erfolgreicher Autor, der Sachbücher und Sciencefiction schrieb, sondern zu Beginn der fünfziger Jahre auch einer der Berater des „Joint Congressional Committee for Atomic Energy“.

In einem Artikel für das „Bulletin of the Atomic Scientists“ (Whylie, 1954), der im Februar 1954 erschien, stellte er fest, dass die offizielle Einschätzung einer „Neigung zur Panik“ eine Fehleinschätzung der Psychologen sei, die sich mit den Reaktionen der amerikanischen Bevölkerung auf die Atombombe auseinandersetzen. Vielmehr zeigten bereits sehr viele, wenn nicht die Mehrheit der Amerikaner die klinischen Symptome der Hysterie, die zur Panik prädisponiere.

Whylie wusste, wovon er sprach. Er verfügte nicht nur über ein gutes Wissen zur Psychologie und ordentliche Kenntnisse der Atomphysik, sondern er besaß auch die erforderliche Genehmigung zur Einsicht in geheime Regierungsdokumente. Laut Whylie besagte die offizielle Position der Regierung damals, dass die amerikanische Bevölkerung nach einem atomaren Angriff in der Lage sein würde, wieder zur Arbeit zurückzukehren und die Produktion aufrechtzuerhalten – also die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kriegsführung zu gewährleisten.

Whylie bezweifelte, dass derartige Schlussfolgerungen aus Studien zum Verhalten bei Naturkatastrophen auf Atomschläge übertragen werden könnten. Er diagnostizierte eine Verdrängung der Atomangst, die im Ernstfall zu Panikattacken führen müsse. Die paranoide Kommunistenhatz1 und der Glaube an fliegende Untertassen2 seien weitere Symptome der Hysterie und Beweise für die Unfähigkeit vieler Amerikaner, sich rational mit der atomaren Bedrohung auseinanderzusetzen.

Die amerikanische Regierung, schreibt Whylie, habe bisher weniger als nichts getan, um die Bevölkerung auf die psychologischen Auswirkungen eines Atomangriffs vorzubereiten. Weniger als nichts, weil kostspielige Daten nur zu der absurden Schlussfolgerung geführt hätten, dass Amerikaner, die nicht in Panik gerieten, weil sie bei einem Gemeindefest durch verdorbenen Kartoffelsalat vergiftet wurden, auch bei einer Atombombenexplosion die Nerven behalten würden.

Die Erkenntnisse japanischer Wissenschaftler, die den psychologischen Effekt der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki studiert hätten, seien sträflich ignoriert worden. Die japanischen Spezialisten hätten drei wesentliche Quellen der psychologischen Reaktionen identifiziert:

  1. das Spektakel der Bombe und die direkten Nachwirkungen
  2. der Anblick der Verletzten und Toten und deren überwältigende Zahl
  3. die Furcht aller Überlebenden vor weiteren Bomben.

Whylie weist darauf hin, dass sogar mit Atombomben bestens vertraute Männer davonstürmten, als sie bei einem Atomtest in Nevada nach einem Wechsel der Windrichtung Staub einhüllte, obwohl sie die Sicherheitsfachleute von der Harmlosigkeit des Staubs zu überzeugen versuchten. Dabei habe es sich auch um hochrangige Vertreter verschiedener Waffengattungen gehandelt. Und dies sei ja nur ein Test gewesen, ohne den Anblick grausam verstümmelter menschlicher Körper und ohne die Bedrohung durch weitere Bomben. Bei einer realen atomaren Attacke sei Massenpanik unter diesen Bedingungen die unausweichliche Folge.

Die Psychiatrie rüstet nach

In der April-Ausgabe des „Bulletins of the Atomic Scientists“ setzte sich der Psychiater und Experte für Stress im Krieg, John Patrick Spiegel mit Whylies Artikel auseinander (Spiegel, 1954). Spiegel bezweifelt, dass es hilfreich sei, den Amerikanern eine kollektive Hysterie zu unterstellen und ihnen zum Zwecke der Heilung die psychologischen Mechanismen zu erklären, die dieser Störung zugrunde liegen. Auch die beständige Drohung mit einer Katastrophe führe fast unausweichlich zur Abstumpfung.

Eine grundlegende Kurskorrektur sei zwingend erforderlich. Die Erfahrung des letzten Krieges habe gezeigt, dass die Charakteristika der Gruppe für die Widerstandsfähigkeit gegenüber Kriegsstress wesentlicher seien als die psychopathologischen Merkmale des Individuums. Aus diesem Grund sei Whylies Ansatz, die Mechanismen psychischer Störungen als Instrument zur Analyse des Verhaltens der Bevölkerung bei Atomangriffen zu nutzen, weniger Erfolg versprechend als die sozialpsychologische Sichtweise.

Das entscheidende Problem, das die gegenseitige Situation kennzeichne, sei nicht die Folge einer Massenneurose, sondern einer Rollenunsicherheit. Die Diskussionen über Rüstungskontrolle, militärische Abwehrbereitschaft, Zivilschutz und Geheimhaltung hätten zu einer Verunsicherung geführt, die situationsbedingt sei und nicht in einer individuellen Psychopathologie wurzele. Die ganze Nation sehe sich mit völlig neuartigen Rollenerwartungen konfrontiert. Da es keinen nationalen Konsens gäbe, wie diesen Erwartungen zu entsprechen sei, schwinge sich jeder zum Experten auf.

Dies liege im amerikanischen Charakter begründet. Dieses falsche Expertentum führe zur Konfusion und sei der wahre Grund für die zunehmenden Ängste in der Bevölkerung. Aus den Studien zum Verhalten bei Naturkatastrophen sei der vorläufige Schluss zu ziehen, dass die Amerikaner in einer realen, konkreten Gefahrensituation viel effektiver reagieren würden, als dies ihre Reaktion auf bloß vorgestellte Gefahrensituationen erwarten ließe. Wenn der Amerikaner etwas zu tun habe und nicht nur über zukünftige Handlungen nachsinne, so sei sein Verhalten in der Regel kontrolliert und zielgerichtet.

Dies sei allerdings keine exakte Prognose. Man könne nicht genau einschätzen, wie sich die Amerikaner angesichts eines atomaren Holocausts verhalten würden. Aber es sei durchaus beruhigend zu wissen, dass die skandalöse Neigung der Amerikaner zur Aktion bisher in Katastrophensituationen ausgezeichnete Dienste geleistet habe. Es gäbe gute Gründe anzunehmen, dass Amerikaner, wenn sie erst einmal ihre Rolle im Zivilschutz verstanden hätten, sich im Ernstfall geordnet und organisiert verhalten würden, und zwar weit jenseits der Vorstellungskraft von Menschen, die wie Whylie von ihren alptraumartigen Phantasien fasziniert seien.

Panikforschung

Seit den Bombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki wurden die psychischen Reaktionen der Bevölkerung auf eine nukleare Attacke im Auftrag der amerikanischen Regierung systematisch erforscht; dabei wurden die Erfahrungen konventioneller Bombardements in Deutschland und Japans sowie natürlich auch die Wirkung der beiden ersten Nuklear-Angriffe akribisch ausgewertet.

Allerdings, so betonte der Psychologe und Berater des „Committee of Desaster Studies“, Donald N. Michael in einem Beitrag für das „Bulletin of the Atomic Scientists“ aus dem Jahr 1955, konnte die Unsicherheit hinsichtlich des mutmaßlichen Verhaltens der amerikanischen Bevölkerung auf diesem Wege nicht beseitigt werden, da die Vergleichbarkeit nicht gegeben war. „Die verfügbaren Daten erlauben einfach keine Vorhersagen, wie lange die städtische Bevölkerung Amerikas im Falle einer atomaren Katastrophe durchhalten wird“, betonte der Wissenschaftler (Michael, 1955, 177).

Diese Einschätzung aus dem Jahre 1955 konnte auch in den folgenden Jahrzehnten nicht korrigiert werden. In einer Monographie, die 1995 vom „Office of the Surgeon General, United States Army“ herausgegeben wurde, heißt es:

„Es gibt nur rund zwanzig brauchbare Studien zu den Reaktionen bei nuklearen Explosionen; viele davon sind autobiographische Berichte (Jones, 1995, 101).“

Diese Studien zeigten, dass neuropsychiatrische Störungen, die direkt durch die Strahlung ausgelöst wurden, eher selten seien. Vielmehr sei mit psychischen Störungen zu rechnen, die durch den extremen Stress sowie durch den Verlust von Familienangehörigen, Freunden und Eigentum hervorgerufen würden.

Zivilschutz

Der amerikanische Zivilschutz in den fünfziger Jahren war ein integraler Bestandteil der amerikanischen Politik der nuklearen Abschreckung. Die entsprechende militärische Strategie setzte die Bereitschaft des amerikanischen Volkes voraus, einen Atomkrieg zu riskieren und sich auf dessen unvermeidliche Konsequenzen einzustellen. Diese Bereitschaft jedoch hing von dem mystischen Glauben ab, man könne einen Erstschlag überleben, um den Feind dann durch einen massiven Gegenschlag auszulöschen (Garrison, 2006, 36).

1952 begann die amerikanische Zivilschutzbehörde FCDA, die Bevölkerung durch Erziehungsmaßnahmen zu beruhigen. In einer Broschüre und einem Film wurde der Eindruck erweckt, Atombomben seien, von der Radioaktivität einmal abgesehen, ganz normale Bomben, nur etwas stärker. Die Wirkungen der Radioaktivität wurden mit einem Sonnenbrand verglichen. Auch der radioaktive Staub sei harmlos, wenn man ihn mit warmem Wasser und Seife abwüsche (Garrison, 2006, 42).

Dies war der Auftakt für eine Serie ähnlicher Maßnahmen, die über die Tatsache hinwegtäuschen sollten, dass die von einer Atombombe getroffenen Bewohner der Ballungszentren keine Überlebenschance hatten. Effektive Zivilschutzmaßnahmen wurden als zu teuer oder als nicht praktikabel erachtet.

Die amerikanischen Schulen wurden zum bevorzugten Schauplatz der Erziehungsmaßnahmen des amerikanischen Zivilschutzes; die Kinder lernten, sich im Falle eines atomaren Angriffs mit dem Rücken zum Fenster unter die Bänke zu ducken und das Gesicht mit den Armen zu verdecken (Garrison, 2006, 44 f.).

Unerwünschte Nebenwirkungen einer Kampagne

Die atomare Panik, die Anlass zu derartigen Erziehungsmaßnahmen gab, wurde durch die Aktivisten der Anti-Atomwaffenbewegung im Übrigen gezielt angeheizt. In öffentlichen Vorträgen, Radiosendungen und in den Massenmedien wurde den Amerikanern drastisch vor Augen geführt, in welcher ungeheuren und noch nie dagewesenen Gefahr sie schwebten. In sehr anschaulichen Szenarien zerstörter amerikanischer Städte nach Atomangriffen erzeugten Journalisten bewusst Vernichtungsängste, um die Amerikaner aus ihrer angeblichen Apathie zu reißen. Man hoffte, dass die Furcht bewirken, was Moral allein nicht erreichen könne (Boyer, 1986, 17).

Diese Furcht-Kampagne erwies sich allerdings als Bumerang. Die Furcht steigerte sich zur Panik und als die Sowjets ihre erste Atombombe zündeten, machte sich die Mehrheit der Amerikaner nicht etwa für die Vernichtung aller Atombomben stark, sondern stand weitgehend geschlossen hinter ihrer Regierung, die den Bau einer Wasserstoffbombe forcierte, den Rüstungswettlauf anheizte und den Kalten Krieg verschärfte (Boyer, 1986, 18).

Die Militärs waren alarmiert. Die atomare Panik gefährdete die nationale Verteidigungsfähigkeit. Eine Studie des „Civil Defense Board“ kam zu dem Schluss, dass eine atomare Attacke die Fähigkeit des Volkes zum Widerstand zerstören könne (Chernus, 2002, 22).

Um ihre Soldaten an die Atombombe zu gewöhnen, probten die amerikanischen Streitkräfte von 1951 bis 1962 den taktischen Nuklearkrieg gleichsam unterm Atompilz – in der „Nevada Test Site“, dem Atomtestgelände in einer Wüste des US-Bundesstaats Nevada, rund 120 Kilometer von Las Vegas entfernt. Während der so genannten „Exercises Desert Rock“ sowie der „Operation Ivy Flats“ mussten die Männer unmittelbar nach einer nuklearen Detonation durch den verstrahlten Wüstenstaub marschieren, manche auch mit dem Fallschirm im Bereich des „Ground Zero“ abspringen (Titus, 1986).3

Literatur

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Sharpe Spiegel, J. P. (1954). Cry Wolf, Cry Havoc. Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. X, Number 4 (April)

Titus, C. (1986). Bombs in the backyard : atomic testing and American Politics. Reno: University of Nevada Press

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Whiley, P. (1954). Panic, Psychology, and the Bomb. In: Bulletin of the Atomic Scientists, Vol. X, Number 2 (Feb.)

McCarthy; seine Macht begann gerade zu bröckeln.

Der UFO-Glaube entwickelte sich in den Nachkriegsjahren zu einem Massenphänomen in den Vereinigten Staaten. C. G. Jung präsentierte 1958 in einem Buch die These, dass es sich bei diesen „Sichtungen“ um Projektionen in Zeiten extremer Bedrohung (möglicher „Atomselbstmord“ der Menschheit) handeln könne (siehe Der Spiegel, 12, 1958: Himmlische Zeichen).

Im dritten Teil dieser Abhandlung werden diese Manöver ausführlich beschrieben.