Fehlerquellen der biologisch orientierten Forschung in der Psychiatrie

Vorbemerkung

Die Psychiatrie versucht, ihre Theorien und Maßnahmen biologisch zu untermauern. Dies ist selbstverständlich nicht zu beanstanden. Die Psychiatrie versteht sich schließlich als medizinische Disziplin. Anders als die Medizin früherer Zeit ist die heutige kein Mischmasch als Erfahrung, Gewohnheit und Hokuspokus. Sie ist naturwissenschaftlich fundiert. Ihre Annahmen werden durch Experimente und systematische Beobachtungen, teils mit erheblichem apparativem Aufwand, erhärtet.

Die Psychiatrie kann dabei zur Zeit allerdings mit dem Rest der Medizin nicht mithalten. Die Neurowissenschaft des menschlichen Verhaltens und Erlebens ist noch Lichtjahre davon entfernt, praktisch verwertbare, handfeste Erkenntnisse für die Psychiatrie zu liefern.

Die Versuche zur biologischen Absicherung der Psychiatrie erscheinen dennoch auf den ersten Blick plausibel. Sie werden in einer wissenschaftlich klingenden Sprache vorgetragen. In dieser Sprache tauchen hin und wieder auch naturwissenschaftliche Begriffe auf. Sie schwimmen in ihr wie Fettaugen auf einer Magersuppe. Schaut man genauer hin, erkennt man allerdings die Denkfehler.

Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die genannten Denkfehler sind überdies nur teilweise typisch für biologisch psychiatrische Studien. Viele finden sich auch, mehr oder weniger stark ausgeprägt, in anderen empirischen Disziplinen. Sie zeigen sich im Grunde überall da, wo noch keine solide naturwissenschaftliche Basis zu Gebote steht.

Fakten stützen keine Bewertungen

Würde beispielsweise eine biologische Ursache eines störenden Verhaltens gefunden, dann hieße dies keineswegs, dass es sich dabei um eine Krankheit handeln muss. Nehmen wir einmal an, es ließe sich ein „dysfunktionaler Schaltkreis“ im Gehirn als Ursache des „Querulantenwahns“ 1)International Classification of Diseases (ICD), Code F22.8 zweifelsfrei dingfest machen.

Dann wäre der dysfunktionale Schaltkreis keineswegs der Beweis für das Vorliegen einer Krankheit. Denn der inkriminierte Schaltkreis im Hirn des Prozesshansels nervt ja vor allem die Gerichte, nicht aber den Betroffenen selbst.

Dieser ist vielleicht nur dann mit sich im Reinen, wenn er Prozesse führt, wie aussichtslos diese auch immer sein mögen. Er fühlt sich pudelwohl, ist putzmunter und in seinem Element, wenn er vor Gericht für sein angeblich gerechtes Anliegen kämpft. Verliert er seine Prozesse, dann beweist dies aus seiner Sicht ohnehin nur, dass auch die Gerichte Teil der Verschwörung sind. Mag er also auch Ursache des Verhaltens sein, zur „Krankheitsursache“ wird der ominöse Schaltkreis also erst durch eine Bewertung. Bewertungen sind aber keine Fakten.

Sie werden durch Tatsachen auch nicht erzwungen. Sie sind vielmehr subjektiv und meist Ausdruck offener oder auch getarnter Interessen. Es versteht sich von selbst, dass ein subjektiver Krankheitsbegriff in der Wissenschaft nichts zu suchen hat. Es hängt ja auch nicht von der Bewertung eines Physikers ab, ob ein Elektron ein Elektron ist oder etwas anderes.

Kaschierte Voraussetzungen

Die Gültigkeit empirischer Studien beruht immer auch auf Voraussetzungen, die nicht selbst Gegenstand der Überprüfung sind. So ist beispielsweise das Resultat eines psychologischen Experiments nur unter einer Bedingung aufs „reale Leben“ übertragbar: Man muss voraussetzen können, dass alle wesentlichen Merkmale der entsprechenden Situation im realen Leben mit den Bedingungen des Experiments im psychologischen Labor übereinstimmen.

Eine angemessene Würdigung der Tragweite empirischer Untersuchungen ist nur möglich, wenn im Forschungsbericht zumindest die grundlegenden Voraussetzungen reflektiert werden. Es gibt leider jede Menge Studien im psychiatrischen Bereich, die solche Voraussetzungen verschleiern.

Ein Beispiel dafür sind viele korrelationsstatistische2)In der Statistik bezeichnet „Korrelation“ den Zusammenhang zwischen zwei Messgrößen. Die Enge des Zusammenhangs wird durch den sogenannten Korrelationskoeffizienten ausgedrückt. Er wird mit einer Zahl zwischen -1 und +1 beziffert. 0 bedeutet, dass kein Zusammenhang besteht. Negative Koeffizienten besagen, dass ein Wert in der einen Messreihe tendenziell umso kleiner ist, je größer der entsprechende Wert in der anderen Messreihe ausfällt. Bei positiven Koeffizienten ist es umgekehrt. Je höher der Koeffizient (plus oder minus), desto stärker ist die Tendenz, also die Enge des Zusammenhangs. Studien zu den genetischen Ursachen der so genannten psychischen Störungen.

Den Kern dieses Forschungszweiges stellen Untersuchungen dar, die gemeinsam aufgewachsene eineiige Zwillinge mit gemeinsam aufgewachsenen zweieiigen Zwillingen hinsichtlich psychischer Störungen miteinander vergleichen. Sind sich nun die eineiigen in dieser Hinsicht ähnlicher als die zweieiigen, so schließt man daraus messerscharf, dass dies eine genetische Komponente beweise.
Dieser Schluss hängt allerdings von einer Voraussetzung ab, die nicht diskutiert wird. Man darf sie aber dennoch nicht unter den Teppich kehren. Sonst kann man diese Studien nicht vernünftig einordnen.

Diese Voraussetzung lautet: Die Umwelt wirkt sich in gleicher Weise auf eineiige wie auf zweieiige Zwillingen aus. Denn wäre dieser Einfluss beispielsweise gleichförmiger auf die eineiigen Zwillinge, dann könnte deren größere Ähnlichkeit darauf zurückzuführen sein, dass man sie ähnlicher behandelt.

Und dies ist ja nun auch erkennbar der Fall. Oft genug zieht man sie sogar gleich an. Manche Leute können eineiige Zwillinge optisch nicht auseinanderhalten. Man erwartet von ihnen deswegen auch, dass sie sich auch psychisch ähneln. Dies kann sich wie eine selbst erfüllende Prophezeiung auswirken. Außerdem ahmen sie einander in aller Regel viel stärker nach als zweieiige Zwillinge.3)Zu den methodischen Problemen der Zwillingsforschung siehe z. B.: Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer

Empirische Studien zum Verhalten und Erleben von Menschen unterliegen zahllosen Störquellen, die zu falschen Ergebnissen führen können. Deswegen ist ein einzelner Befund, so sensationell das Ergebnis auch immer klingen mag, für sich genommen im Grunde nichts wert. Erst wenn verschiedene Forschergruppen an unterschiedlichen Institutionen mit unterschiedlichen Stichproben zu vergleichbaren Resultaten gelangt sind, dann kann man den entsprechenden Studien wissenschaftliches Gewicht beimessen.

Nur leider sind solche erfolgreichen Replikationen von Untersuchungen in der psychiatrischen Forschung überaus selten. Sie werden vielfach auch gar nicht erst versucht. Die Befunde, die beispielsweise mit bildgebenden Verfahren (Tomographie des Gehirns) gewonnen wurden, lassen sich in aller Regel nicht replizieren.4)Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege. Dies gilt gleichermaßen für die so genannten „Genome Wide Association Studies“ zur Identifizierung genetischer Ursachen psychischer Störungen.5)Joseph, J. (2011). The Crumbling Pillars of Behavioral Genetics. GeneWatch, 24 (6), 4-7

Rosinenpicken (Publication Bias)

Die Resultate empirischer Forschungen unterliegen zufälligen Schwankungen. Sie haben nichts mit den Einflüssen zu tun, die im Fokus der Forschung stehen. Wenn man beispielsweise zwei Versuchsgruppen dasselbe Schlafmittel gibt, dann wird dennoch  die durchschnittliche Zufriedenheit mit dem Medikament in den beiden Gruppen voneinander abweichen. Damit ist auch dann zu rechnen, wenn die Versuchspersonen zufällig aus der Population ausgewählt und zufällig auf die Gruppen verteilt wurden. Es kommt also auf die Größe der Abweichung und die Zahl der Versuchspersonen an. Je größer die Zahl der Versuchspersonen ist, desto geringer werden die zufälligen Abweichungen sein.

Aus diesem Grund werden die Messwertunterschiede mit statistischen Tests überprüft. Man will ja wissen, ob es „überzufällige“ Unterschiede zwischen den Gruppen gibt. Dabei nimmt man eine Irrtumswahrscheinlichkeit in Kauf. Diese beträgt üblicherweise fünf Prozent. Daraus folgt: Wenn man in hundert Experimenten die Behandlungsform A mit der Behandlungsform B vergleicht, diese aber gleich effizient sind, so ist dennoch zu erwarten, dass sich bei 5 Versuchen statistisch scheinbar signifikante Effizienzunterschiede zeigen. Dies ergibt sich aus der Irrtumswahrscheinlichkeit von 5 Prozent, die in Kauf genommen wurde. Es sind bei hundert Versuchen natürlich nicht immer exakt fünf Ergebnisse scheinsignifikant. Dies ist aber der Mittelwert, wenn man diese Serien von hundert Versuchen vielfach wiederholt.

Das Problem dabei: Forscher behandeln die erfolgreichen Experimente und die nicht erfolgreichen unterschiedlich. Sie neigen dazu, die signifikanten Befunde zu veröffentlichen und die nicht-signifikanten in der Schublade verstauben zu lassen. Sie können allerdings nicht wissen, ob es sich bei diesen signifikanten Ergebnissen um Scheinsignifikanzen handelt oder nicht. Es ist also denkbar, dass es in der Forschungsliteratur nur so vor scheinsignifikanten Zufallsbefunden wimmelt. Dies kann aber niemand überprüfen. Man weiß ja nicht, wie viele einschlägige Studien insgesamt verwirklicht wurden.

Missachtung der Grundregeln

Obwohl man dies nicht glauben mag: Viele Wissenschaftler kennen die Grundregeln empirischen Forschens nicht. Und wer sie kennt, wird viel zu oft nicht allzu gern daran erinnert, wenn die Ergebnisse methodisch fragwürdiger Experimente in seinem Sinn ausfallen.

So setzt beispielsweise die Gültigkeit statistischer Signifikanztests voraus, das die Teilnehmer einer Untersuchung zufällig aus einer Grundgesamtheit ausgewählt und dann ebenso zufällig auf die Versuchs- bzw. Kontrollbedingungen verteilt wurden.

Die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens leuchtet unmittelbar ein, wenn man sich folgendes Beispiel vor Augen hält: Es soll geprüft werden, ob sich das Medikament X besser zur Behandlung von Depressionen eignet als das Medikament Y. Man führt ein Experiment folgender Art durch: In einer Klinik (A) befinden sich überwiegend leichte Fälle, die von sehr liebenswerten Ärzten behandelt werden. In der anderen Klinik (B) aber sind die Patienten schwer gestört und die Mediziner ausgesprochene Stinkefinger. Nun überprüft man die Effektivität des Medikaments X in Klinik A und die des Medikaments Y in Klinik B. Selbst wenn der gemessene Unterschied der Effektivität den Signifikanztest besteht, so bedeutet dies keineswegs, dass die eine Methode der anderen de facto überlegen ist. Das Ergebnis könnte durch einen Selektionseffekt verfälscht worden sein. Man hätte eben Patienten und Therapeuten zufällig auswählen und auf die beiden Gruppen verteilen müssen.

Leider sind Missachtungen von Grundregeln dieser Art nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel,. Sie sind natürlich nicht immer so offensichtlich sind wie in diesem Beispiel.

Unreliable und invalide Messungen

Die Reliabilität sagt aus, wie genau eine Messverfahren misst, was es misst. Die Validität ist ein Maß dafür, wie genau ein Messverfahren das misst, was es zu messen vorgibt. Wie die Beispiele Anders Behring Breivik und Gustl Mollath zeigen, fallen psychiatrische Gutachten über ein und dieselbe Person nicht selten höchst unterschiedlich aus und dies bestätigt auch die empirische Forschung.

Psychiatrische Diagnosen sind im Allgemeinen ziemlich unreliabel. Dabei ist zu konstatieren, dass sich die Reliabilität mit der Entwicklung von psychiatrischen Diagnoseschemata nicht verbessert, sondern sogar verschlechtert hat. So ist beispielsweise die neueste Version der amerikanischen „Psychiaterbibel“ DSM-5 weniger reliabel als ihre Vorgängerversionen. 6)Greenberg, G. (2013). The Book of Woe. The DSM and the Unmaking of Psychiatry. New York N.Y.: blue rider press, Penguin Group

Mit der Validität psychiatrischer Diagnosen sieht es allerdings noch viel finsterer aus. Die Validität bestimmt man am besten, indem man die Messwerte mit einem Außenkriterium korreliert, das unabhängig vom diagnostischen Verfahren gemessen werden kann. So könnte man beispielsweise einen Intelligenztest validieren, indem man die IQ-Werte mit der Leistung in einem Computersimulationsspiel vergleicht. Die Aufgabe des Spiels könnte z. B. darin bestehen, die Verspätungen von Zügen in einem Netz zu reduzieren. Vorausgesetzt wird hier, dass die Versuchspersonen keine Erfahrung mit dieser Aufgabe haben. Unter diesen Bedingungen dürfte Einigkeit darüber bestehen, dass es sich hier um eine Aufgabe handelt, die vor allem Intelligenz erfordert. Diese Aufgabe ist zudem eindeutig von den Intelligenztestaufgaben unterschieden. Dies ist eine zwingende Voraussetzung für eine Validierung.

Wie nun aber will man psychiatrische Diagnosen validieren? Wie zeigt sich z. B. ein Wahn im realen Leben? Der Diagnostiker konstatiert einen Wahn aufgrund von Äußerungen des Patienten, die ihm wahnhaft erscheinen. Doch wie stellt man einen Wahn im realen Leben unabhängig von verbalen Äußerungen zweifelsfrei fest? Schön wäre es, wenn man den Wahnsinn im Hirn lokalisieren könnte. Kann man aber nicht.

Die Psychiatrie hat sich mit solchen (nicht nur) theoretischen Fragen das Leben bisher noch nicht allzu schwer gemacht. Sie betrachtet ihre Diagnosen vielmehr als valide, wenn Ehepartner, Verwandte, Freunde, Arbeitgeber etc. zu dieser Diagnose passende Informationen liefern. Das dies keine echte Validierung ist, sollte unmittelbar einleuchten. Man fragt ja zur Validierung eines Intelligenztests auch nicht die Eltern oder Ehepartner des Probanden, für wie intelligent sie ihn halten.

Bisher wurden noch keine Biomarker für psychische Krankheiten gefunden, die durch wiederholte Experimente erhärtet werden konnten. Eine „biologische Validierung“ ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt also unmöglich. Es versteht sich von selbst, dass die Aussagekraft psychiatrischer Forschung allein schon wegen der offensichtlichen Reliabiltäts- und Validitätsmängel erheblich eingeschränkt ist.

Wie beispielsweise soll man eine angebliche Korrelation zwischen einer psychiatrischen Diagnose und bestimmten Prozessen im Gehirn interpretieren, wenn man weiß, dass die Diagnosen nicht hinlänglich valide und reliabel sind? Man findet beispielsweise in einer Gruppe von Depressiven und Nicht-Depressiven einen Zusammenhang zwischen der Diagnose Depression und einem Faktor X im Hirn. Der Zusammenhang ist nicht sehr stark, aber statistisch betrachtet auch nicht zufällig.

Ist die Diagnose Depression nicht reliabel und valide, so muss mit Folgendem gerechnet werden: Es finden sich in der Gruppe der Depressiven Versuchspersonen, die nicht depressiv sind. Zur Gruppe der Nicht-Depressiven zählen auch Teilnehmer, die es in Wirklichkeit doch sind. Ein statistisch gesicherter Zusammenhang zwischen der Diagnose Depression und dem Faktor X kann unter diesen Bedingungen alles Mögliche bedeuten. Praktisch besagt eine derartige Untersuchung also nichts.

Erwartungen

Psychiatrische Studien orientieren sich am naturwissenschaftlichen Ideal. Die Naturwissenschaften beobachten im Allgemeinen jedoch Objekte ohne Selbstbewusstsein. Sie experimentieren mit Gegenständen, die nicht über Sinn und Zweck des Experiments nachdenken.

Man stelle sich zum Beispiel folgende Konstellation vor: Die Elektrokrampftherapie soll mit einer Scheinbehandlung verglichen werden. Die Elektrokrampf-Therapeuten sind durchdrungen von der Überzeugung, dass die Elektrokrampftherapie eine leistungsstarke und, bei sachgerechter Anwendung, ungefährliche Methode sei. Dies glauben auch die Elektrokrampf-Patienten. Die Placebo-Therapeuten aber sind sich überwiegend unsicher, ob man mit leidenden Menschen überhaupt in dieser Weise experimentieren sollte. Die Placebo-Patienten gehören zu einem Kreis von Leuten, die gegenüber Elektrokrampftherapie generell skeptisch eingestellt sind.

Dieses Problem könnte man nicht dadurch lösen, indem man Patienten und Therapeuten zufällig auf die Versuchsbedingungen verteilt. Denn hätte man zwar keine Häufung von Elektroschockfreunden unter den Patienten und Therapeuten der Versuchsgruppe und keine Häufung von Elektroschockskeptikern in der Placebokontrollgruppe. Aber man hätte immer noch Therapeuten, die wissen, ob sie tatsächlich schocken oder nur so tun. Es lässt sich nicht ausschließen, dass dieses Wissen auf mehr oder weniger subtile Weise den Patienten kommuniziert wird.

Bei Medikamenten-Studien kann man natürlich auch den Ärzten vorgaukeln, dass sie ein Verum verabreichen, obwohl sie die Placebogruppe versorgen. Aber bei solchen Studien findet schnell eine „Entblindung“ statt. Denn viele der aktiven, echten Medikamente haben charakteristische, spürbare Nebenwirkungen, die beim Placebo natürlich nicht auftreten. Die Placebo-Patienten bemerken das Ausbleiben der Nebenwirkungen. Sie beschleicht der Verdacht, zur Placebogruppe zu gehören. Dies schwächt den Placeboeffekt ab oder hebt ihn gar auf. Die Verum-Patienten stellen die Nebenwirkungen fest. Sie schließen daraus, dass sie nicht zur Placebogruppe gehören. Damit ist eine gestiegene Erwartung der Wirksamkeit des Medikaments verbunden.

Diesem Phänomen könnte man entgegenwirken, indem man mit so genannten aktiven Placebos arbeitet. Dies sind Scheinmedikamente mit Nebenwirkungen, die mit denen des überprüften Verums vergleichbar sind. Dies würde zweifellos die Gefahr einer Entblindung abschwächen. Dennoch aber wissen auch die Patienten, dass sie ein Medikament erhalten, und dieses Wissen kann eine positive Erwartung erzeugen. Und dies selbst dann, wenn ihnen bewusst ist, dass sie möglicherweise zur Placebogruppe gehören.

Um herauszufinden, welche Wirkung eine Substanz unabhängig von irgendwelchen Erwartungen hat, müsste man sie den Versuchspersonen heimlich verabreichen. Dies allerdings verbietet sich aus ethischen Gründen. Man kann sich raffinierte Versuchspläne ausdenken, um Erwartungseffekte zu kontrollieren. Völlig ausschalten aber kann man sie allenfalls sehr selten.

Daher muss man fast immer damit rechnen, dass die Teilnehmer sich in Experimenten anders verhalten als im realen Leben. Über das reale Leben aber müssen die Experimente Aufschluss geben, wenn sie mehr als ein Glasperlenspiel sein wollen.

Externe Einflüsse

Die so genannten „psychisch Kranken“ sind Kunden von Psychiatrie und Pharma-Wirtschaft. U. U. sind sie sogar Zwangskunden. Es liegt also nahe, einen Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die psychiatrische und psychopharmakologische Forschung zu vermuten. Dass es sich bei dieser Vermutung nicht etwa um ein verschwörungstheoretisches Hirngespinst handelt, darf als erwiesen gelten. Der Einfluss ist sogar erheblich und er wirkt sich zugunsten der wirtschaftlich Interessierten aus. Dabei handelt es sich nicht immer um offenen Betrug, wenngleich auch dieser nicht selten vorkommt. Vielfach ist auch mit „unbewusst motivierten Schlampereien“ zu rechnen.

Ob die einschlägigen Skandale der letzten Zeit zu einer Richtungsänderung führen, darf bezweifelt werden. Und dies aus zwei Gründen: Erstens: Die Täter gehen in der Regel straffrei aus. Zweitens: Eventuelle Strafen können von den Leuten im Hintergrund aus der Portokasse bezahlt werden.7)Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Büchern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen; besonders zu empfehlen sind: Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate / Gøtzsche, P. C. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press

Die öffentliche Kontrolle der psychiatrischen Forschung ist mangelhaft. Die Fachpublikationen zeichnen ein geschöntes Bild des gegebenen Forschungsstandes. Dies liegt nicht nur am bereits erwähnten Rosinenpicken, sondern auch am inzwischen nachgewiesenen, verzerrenden Einfluss von Wirtschaftsinteressen auf die Publikationsorgane.

Dieser erstreckt sich aber nicht nur auf die Fach-, sondern auch auf die Publikumspresse. Zeitungen, Zeitschriften und das Fernsehen verbreiten nach wie vor unermüdlich Thesen, die wissenschaftlich längst widerlegt sind.8)Gøtzsche (2013: Kindle-Edition Position 3055): „Die Pharmawirtschaft hat Armeen bezahlter Blogger, die als Meinung getarntes Pharmamaterial im Internet verbreiten, und die meisten Medien-Unternehmen haben Pharma-Verbindungen… Dies hilft bei der Erklärung, warum wir so oft unkritische Artikel in der Presse finden, die ‚Copy-and-Paste-Versionen‘ der Pressemeldungen von Unternehmen über ihre Wundermittel sind.“ Auf diese Weise falsch informiert, ist die interessierte Öffentlichkeit weder motiviert, noch in der Lage, Druck zur Korrektur der Fehlentwicklungen in der psychiatrischen (einschließlich der psychopharmakologischen) Forschung auszuüben.

Fußnoten   [ + ]

1. International Classification of Diseases (ICD), Code F22.8
2. In der Statistik bezeichnet „Korrelation“ den Zusammenhang zwischen zwei Messgrößen. Die Enge des Zusammenhangs wird durch den sogenannten Korrelationskoeffizienten ausgedrückt. Er wird mit einer Zahl zwischen -1 und +1 beziffert. 0 bedeutet, dass kein Zusammenhang besteht. Negative Koeffizienten besagen, dass ein Wert in der einen Messreihe tendenziell umso kleiner ist, je größer der entsprechende Wert in der anderen Messreihe ausfällt. Bei positiven Koeffizienten ist es umgekehrt. Je höher der Koeffizient (plus oder minus), desto stärker ist die Tendenz, also die Enge des Zusammenhangs.
3. Zu den methodischen Problemen der Zwillingsforschung siehe z. B.: Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America
4. Siehe meinen Artikel: Ein toter Lachs und eine dressierte Ziege.
5. Joseph, J. (2011). The Crumbling Pillars of Behavioral Genetics. GeneWatch, 24 (6), 4-7
6. Greenberg, G. (2013). The Book of Woe. The DSM and the Unmaking of Psychiatry. New York N.Y.: blue rider press, Penguin Group
7. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von Büchern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen; besonders zu empfehlen sind: Goldacre, B. (2012).Bad Pharma. London: Fourth Estate / Gøtzsche, P. C. (2013). Deadly Medicines and Organised Crime: How Big Pharma has Corrupted Healthcare. Radcliffe / Gøtzsche, P. C. (2015). Deadly Psychiatry and Organized Denial. Kopenhagen: People’s Press
8. Gøtzsche (2013: Kindle-Edition Position 3055): „Die Pharmawirtschaft hat Armeen bezahlter Blogger, die als Meinung getarntes Pharmamaterial im Internet verbreiten, und die meisten Medien-Unternehmen haben Pharma-Verbindungen… Dies hilft bei der Erklärung, warum wir so oft unkritische Artikel in der Presse finden, die ‚Copy-and-Paste-Versionen‘ der Pressemeldungen von Unternehmen über ihre Wundermittel sind.“