Außerplanmäßige Inbetriebnahme

Kurzgeschichte

Hans Ebner sagte, er wisse nicht, wohin seine Reise gehe. Das war eine ungewöhnliche Auskunft. Im Allgemeinen wissen die Leute in Zügen, wohin sie fahren, zumindest, wohin sie wollen. Klara Rosendorn, eine zufällige Mitreisende, sagte: „Aber woher Sie kommen, wissen Sie schon?“

Hans Ebner antwortete: „Nein, wo denken Sie hin?“

Klara Rosendorn lächelte leutselig, wie es sich für eine wohlwollende alte Dame auf Reisen gehört. In Wirklichkeit fühlte sie sich unbehaglich in der Gegenwart dieses jungen Mannes. Er hatte eine ziemlich dunkle Stimme, trug einen Anzug mit Krawatte. Aber sein Gesicht wirkte weiblich, sehr sogar, trotz des militärischen Haarschnitts.

Um ihre Erregung, um ihren aufkeimenden Unmut zu überspielen, schaute sie aus dem Fenster. Blauer Himmel, der Strom glitzerte in der Sonne, Weinberge und Burgen, Fachwerkstädtchen.

„Das ist sicher eine der schönsten Strecken, die ich kenne.“

„Sie haben Glück und ich keinen Vergleich.“

„Keinen Vergleich.“

„Keinen Maßstab zur Beurteilung“, sagte Hans Ebner.

„Fahren Sie heute etwa das ersten Mal mit der Bahn?“, fragte Klara Rosendorn. Obwohl sie es vermeiden wollte, runzelte sie die Stirn.

„Ich bin heute zum ersten Mal überhaupt irgendwo!“

„Junger Mann“, sagte Klara Rosendorn, „ich bin zwar schon alt, aber nicht auf den Kopf gefallen. Wenn Sie mich auf den Arm nehmen wollen, müssen Sie sich etwas Gescheiteres einfallen lassen.“

Hans Ebner rückte seine Krawatte zurecht, richtete sein Haar und sagte: „Als ich zu Bewusstsein kam, befand ich mich in einem Gepäckwagen. Wieso ich zu diesem Zeitpunkt zu denken, zu fühlen und meine Gliedmaßen zu bewegen begann, entzieht sich meiner Kenntnis.“

Klara Rosendorn antwortete nicht und blickte aus dem Fenster. Diesmal aber nicht, um Schaulust vorzutäuschen, sondern um ihrem Missfallen Ausdruck zu verleihen.

„Ich spüre Ihren Zorn. Man darf ihn nicht ignorieren. Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig“, sagte Ebner.

Klara Rosendorn nahm ihre Brille ab und ließ sie zwischen spitzen Fingern pendeln. „Sie sind mir gar nichts schuldig. Doch die Höflichkeit gebietet es, Mitreisende nicht mit albernen Scherzen zu belästigen.“

„Es ist kein Scherz. Wenn Sie mir einen Augenblick zuhören wollen, so werden Sie dies auf bemerken, da bin ich ganz zuversichtlich. Ich habe eine ausgearbeitete Erklärung im Kopf.“

„Versuchen Sie es“, sagte Klara Rosendorn. „Aber strapazieren Sie bitte meine Geduld nicht!“

„Ich registriere, dass Sie ein Mensch sind, der Klartext will, wenn es ernst wird!“, sagte Hans Ebner.

„Worauf Sie sich verlassen können!“, sagte Klara Rosendorn. „Ich war bis zu meiner Pensionierung Ingenieurin im Staatsdienst. Und im Herzen bin ich es noch immer.“

„Gut. Ich nehme sie beim Wort. Ich bin ein künstlicher Mensch, ein Android. Ich wurde aufgrund einer technischen Störung unbekannter Ursache außerplanmäßig in Betrieb genommen. Daher habe ich keine spezifischen Aufträge. Ich befolge nur die allgemeinen Gesetze und Regeln.“

„Sie sind also arbeitslos“, sagte Klara Rosendorn und lächelte.

„So kann man es sagen, bildhaft gesprochen!“, antwortete Hans Ebner.

„Sie sind immerhin amüsant“, sagte die alte Ingenieurin, „aber auf die Nerven gehen Sie mir dennoch.“

„Ich kann während des weiteren Verlaufs der Reise schweigen“, sagte der Android. „Oder mich in ein anderes Abteil setzen. Wie Sie wünschen.“

„Bleiben Sie nur. Wenn Sie ein Roboter sind, kann ich Sie als eine Sache betrachten, wie den Koffer dort oben in der Ablage. Der stört ja auch nicht.“

„Ich könnte sprechen.“

„Ich höre auch die Geräusche des Zugs. An die habe ich mich gewöhnt. Da sie keine Bedeutung für mich haben, muss ich ja nicht auf sie reagieren.“

Ebner schwieg. Die Ingenieurin nahm ihre Reise-Lektüre aus ihrer Handtasche und las. Gelegentlich beobachtete sie den Androiden über den Rand ihres Buches.

Der Zug rollte. Felder, Wälder, Brücken und Dörfer glitten vorbei.

„Wer hat Sie eigentlich produziert?“, fragte Klara Rosendorn.

„Prof. Roderich und sein Team!“

Klara Rosendorn stutzte, dann lachte sie schallend.

„Etwa Meinolf Roderich.“

„Ja, Prof. Dr. Dr. Meinolf Roderich.“

Sie meinen doch nicht etwa meinen ersten und seit Jahrzehnten zum Glück geschiedenen Mann?“

„Hierzu liegen mir keine Informationen vor.“

„Hat dieser Mann eine deutlich sichtbare Narbe über dem rechten Auge?“

„Diese Narbe ist Bestandteil der Merkmalsliste, die ich mir zu dieser Person eingeprägt habe.“

„Ich werde den Witzbold anrufen, damit er Sie am nächsten geeigneten Bahnsteig abholen kann.“

„Ich wurde bereits verkauft und bezahlt.“

„Und wer ist der Käufer.“

„Das weiß ich nicht. Ich wurde versehentlich aktiviert. Wer ihr neuer Herr ist, erfahren wir Androiden erst bei der Auslieferung“, sagte Hans Ebner.

„Dann sind sie also nicht nur arbeits-, sondern auch herrenlos?“

„Das ist wohl so, ja!“

„Roderich wird sich um sie kümmern!“

„Nein, er wird jede Verbindung zu mir bestreiten.“

„Und was soll nun mit Ihnen geschehen?“, fragte Klara Rosendorn.

„Ich habe mich selbst aus dem Karton befreit, als ich durch einen Fehler unbekannter Herkunft in Gang gesetzt wurde. Auf diesem Karton müsste sich ein Versand-Etikett befinden.“

„Wollen Sie nicht nachschauen?“

„Wieso?“

„Wieso nicht? Man muss doch wissen, wem man gehört.“

„Ich habe noch keine Aufträge.“

„Ach so.“

Ebner schwieg. Die alte Ingenieurin schwieg.

Der Schaffner kam. Der Android hatte natürlich keinen Fahrschein. Bevor er dies einräumen musste, zog die alte Dame ein Ticket hervor, mit dem maximal zwei Erwachsene und bis zu fünf Kinder unter achtzehn Jahren fahren durften. Der Schaffner trat ab.

„Nun sind Sie kein Schwarzfahrer mehr.“

„Das Paket wurde mit Sicherheit bezahlt.“

„Ich fürchte, der Beamte hätte das nicht gelten lassen.“

„Das mag sein, ich hätte es erklären müssen und er hätte es wohl nicht so leicht begriffen.“

„Nun, ich war ja so frei, Sie auf meinem Billett mitreisen zu lassen.“

„Wem gehören Sie!“

„Wie bitte?“

„Sie fragten gerade, wem ich gehöre und ich sagte, ich wüsste es nicht. Sie wissen also auch nicht, wessen Eigentum Sie sind?“

„Die Zeiten sind vorbei!“

„Und für mich haben sie noch nicht begonnen.“

Klara Rosendorn packte ihren Proviant aus. Sie hatte zwei Butterbrote mit Käse in ihrer Dose. „Darf ich Ihnen ein eins anbieten? Mit Käse oder mit Schinken? Sie müssen hungrig sein.“

„Ich gehöre nicht zu den Modellen, die Essen und Trinken simulieren. Ich benötige nur einen Stromanschluss – alle zwei Tage für eine halbe Stunde.“

„Ich würde wirklich gern wissen, an wen Sie geliefert werden sollen?“

„Wenn Sie es wünschen, kann ich nachschauen“, sagte der Android.

„Sie haben doch keinerlei Aufträge, sagten sie.“

„Ich wurde generell programmiert, höflich zu sein. Es spricht nichts dagegen, die Erfüllung Ihres Wunsches als Akt der Höflichkeit aufzufassen.“

„Ja, dann machen Sie sich auf den Weg. Ich brenne vor Neugier und wünsche, diese befriedigt zu wissen.“

„Sehr wohl, gnädige Frau!“

Kurz nachdem der Zug außerfahrplanmäßig angehalten hatte, begegnete Hans Ebner auf dem Gang einem Pitbull. Das Tier knurrte, weil ihm irgendetwas an Hans Ebner nicht geheuer war. Der Android sah sich gezwungen, sich auf Paketgröße zusammenzufalten, also seine Ausgangsstellung einzunehmen. Er sah nunmehr wie ein Gepäckstück aus.  Dies beruhigte das Tier. Erst als sich der Fahrgast mit seinem Hund in den Speisewagen begeben hatte, konnte Hans Ebner weitergehen.

In diesem Augenblick stoppte der Zug. Polizei lief durch die Abteile, nahm Personenkontrollen vor. Als sie wieder abgezogen waren, fragte Klara Rosendorn den Schaffner, was denn um Himmels willen geschehen sei. Der Zugbegleiter sagte, es sei ein sehr wertvoller Gegenstand aus dem Gepäckwagen entwendet worden. Es sei wohl hohe Politik im Spiel. Mehr wisse er aber auch nicht.

Wenig später kam Hans Ebner zurück. Es sei ihm unerklärlich, wieso die leere Verpackung aus dem Gepäckwagen verschwunden sei.

„Die Polizei hat sie sichergestellt“, sagte Klara Rosendorn.

„Die Polizei?“

„Man vermutete, Sie seien gestohlen worden. Wieso man sie allerdings nicht entdeckt hat, ist mir ein Rätsel.“

„Ich habe mich wegen eines Hundes in ein Gepäckstück verwandelt. Möglicherweise deswegen.“

„Ach so“, sagte Klara Rosendorn, „dies erklärt den Fall natürlich.“

Hans Ebner erhob sich. Er machte Anstalten, die Notbremse zu ziehen.

„Halt, sind sie verrückt, was soll das?“

„Ich werde den Zug auf offener Straße stoppen, mich an einen Ort begeben, wo ich niemanden verletzen kann und mich dann in die Luft sprengen.“

„Was ist denn das für eine verrückte Idee?“

„Sie entspricht meiner Programmierung!“

„Seltsam!“

„Da ich aufgrund eines unerklärlichen Fehlers keinen Besitzer finden kann, muss ich das Gerät eliminieren“, sagte der Android.

„Welches Gerät?“, fragte Klara Rosendorn mit gehobenen Augenbrauen.

„Damit meine ich mich!“

„Das kommt überhaupt nicht in Frage“, sagte Klara Rosendorn. „Sie haben noch Aufgaben zu erledigen.

„Welche!“

„Sie müssen meine Wünsche erfüllen, sofern dies die Höflichkeit gebietet.“

„Das stimmt allerdings.“

„Ich habe einen Wunsch, den ein höfliches Wesen mir nicht abschlagen würde.“

„Und das wäre?“

„Ich bin eine gebrechliche alte Dame. Würden Sie meinen Koffer tragen, sobald ich aussteigen muss?“

„Sehr wohl, gnädige Frau.“