Green Berets, die Berliner und ein paar Stangen Dynamit

Die „United States Army Special Forces Command (Airborne)“ sind eine Spezialeinheit der US-Armee. Als Spezialisten für unkonventionelle Kriegsführung, Terrorismusbekämpfung und Feindaufklärung unter schwierigsten Bedingungen gehören sie zur militärischen Elite. Im Volk sind sie besser als „Green Berets“ bekannt. John Wayne verkörperte einen Obristen dieser Einheit in seinem, wegen angeblicher Kriegsverherrlichung umstrittenen Film, „Die grünen Teufel“. Die inoffizielle Hymne „The Ballad of the Green Berets“ wurde – intoniert vom Special-Forces-Sanitäter Barry Sadler – weltberühmt. Eine deutsche Version stammt von Freddy Quinn. Auch Heidi Brühl war damit erfolgreich.

Nach dem Volksaufstand in der DDR im Jahr 1953 verlegte das Pentagon einen Teil der Special Forces, die 10th Special Forces Group, ins bayerische Bad Tölz.1)10th Special Forces Group Eine Voraussetzung für den Dienst bei dieser Truppe in Deutschland war die perfekte Beherrschung der deutschen Sprache. Nicht wenige Soldaten dieser Einheit hatten deutsche Vorfahren, manche waren sogar in Deutschland geboren, wie der legendäre, urbairische Kommandant Ludwig Faistenhammer (vulgo König Ludwig, Träger des Ehrenrings der Stadt Bald Tölz).

Da die Oberbayern begeistert bei den Kriegsspielen der Green Berets im Alpen- und Alpenvorland mitwirkten, war den Menschen dort natürlich bekannt, mit welcher Art von Soldaten man es zu tun hatte. Sie fanden in mancher Scheune Unterschlupf, wenn sie die Infiltration von Feindgebieten probten. Die wackeren Bayern übernahmen dann die Rolle der heimischen Aufständischen.

In Berlin stellte sich allerdings die Sache anders dar. Dort hatten die Special Forces ein ultrastreng geheimes Detachment, eine kleine, selbständige, von Bad Tölz unabhängige Untereinheit, namens Detachment „A“.2)Detachment „A“ – Berlin Special Forces Sie erhielt gegen Ende des Kalten Kriegs aus Sicherheitsgründen eine andere Bezeichnung.

Selbst in Militärkreisen und erst recht unter verantwortlichen deutschen Politikern wussten wenige, dass dieses Detachement existierte.

Die Geheimhaltung war angesichts der Aufgabe dieser Einheit allerdings auch bitter notwendig. Sie hatte sechs Teams. Diese sechs Teams sollten nach Ausbruch eines Kriegs zwischen dem Warschauer Pakt und der NATO hinter den feindlichen Linien auf dem Boden Westberlins und der DDR als „Stay-behind“-Element Aufklärung betreiben, militärisch relevante Ziele in die Luft sprengen und sich dann nach getaner Tat in den Westen absetzen. Dies war fraglos ein Selbstmordkommando, wenngleich die Soldaten zumindest eine theoretische Chance gehabt hätten.

Dies zur Vorrede.

James Stejskal, ein ehemaliger Angehöriger dieser Berliner Truppe, hat ein Buch über das Detachment „A“ geschrieben.3)Stejskal, James. Special Forces Berlin: Clandestine Cold War Operations of the US Army’s Elite, 1956–1990. Casemate. Kindle-Version. Wer sich für die Tätigkeit einer Spezialeinheit dieser Sorte, die oft auch mit der GSG 9 und Bundeswehr-Kampfschwimmern trainierte, interessiert, sollte es zur Hand nehmen. Ob Skejskal das Kriegshandwerk verstand, kann ich nicht beurteilen, schreiben kann er jedenfalls.

Da es sich um eine „klassifizierte“ Einheit handelte, musste Stejskal sein Werk natürlich den Zensurbehörden der CIA und des US-Verteidigungsministeriums vorlegen. Dies sei, so der Autor, ein auch für den Geduldigsten schwer zu ertragender Vorgang gewesen. Er kennzeichnete die edierten Stellen mit Fußnoten oder direkt im Text durch „redacted“.

Da ich seit Jahren zensierte Dokumente lese, bin ich an Derartiges gewöhnt. Meist sind solche „geschwärzten Stellen“ ärgerlich, weil sie die Neugier frustrieren. Mitunter sind sie aber auch für den, der sich in der Materie auskennt, durchaus erheiternd.

Stejskal berichtet, wie im Jahr 1957 Teile des Berliner Detachments hinzugezogen wurden, um eine nagelneue Waffe auszuprobieren, eine Atomic Demolition Munition.4)Siehe meinen Artikel: Atomic Demolition Munition – Wunderwaffen für den Nuklearkrieg Dabei handelt es sich um eine – vergleichsweise – kleine Atombombe. Sie wird nicht mit Raketen abgeschossen oder von Flugzeugen abgeworfen, sondern von Soldaten an den Einsatzort gebracht.

Die Teilnehmer an dieser Übung sprangen irgendwo mitsamt ihrer atomaren Last über bayrischem Gelände mit Fallschirmen ab. Der Autor schildert den Vorgang über mehrere Seiten in launigen Worten. Es muss eine verdammte Plackerei gewesen sein, denn die ADM waren damals erheblich schwerer als die später entwickelten SADM. Er gelangt zu dem Fazit: Für Special Forces seien ADM durchaus einsatzfähig, vor allem die Leichtgewichte.

Dies sei allerdings die erste und letzte Übung des Berliner Detachments mit diesem Waffentyp gewesen. Aus Rücksicht auf das politische Umfeld und aus Sicherheitsbedenken sei auf eine Lagerung dieser Mini-Nukes in Berlin verzichtet worden.

Das allerdings macht mich staunen. Und dies umso mehr, als dieser Passage ein Fußnotenverweis anhaftet. Die entsprechende Fußnote besteht nur aus einem Wort: redacted.

Man bedenke: Die Berliner Spezialeinheit umfasste sechs Teams. Wäre der Russe gekommen, dann hätten also die „Warrior“ ihre Stiefel geschnürt und in ihre Rucksäcke zusätzlich ein paar Stangen Dynamik gesteckt. Sie hätten, so gerüstet, die heranrückenden Panzerverbände des Warschauer Pakts lange genug aufgehalten, um der NATO mehr Zeit zu geben, Truppen und Panzer aus aller Herren Länder heranzuschaffen.

Diese Vorstellung ist so absurd, dass man kein besonderes Militärwissen braucht, um dies auch zu erkennen. Dass diese Spezialeinheit aus hoch qualifizierten und bestens trainierten Soldaten bestand, bezweifele ich nicht. Aber selbst ein Hollywood-Film für ein geistig unterdurchschnittlich bestücktes Publikum hätte nicht mit einer solch hahnebüchenen Story aufwarten können.

In den einschlägigen Handbüchern der US-Armee wird im Übrigen darauf hingewiesen, dass man zur Sprengung relevanter „Targets“ weitaus mehr Leute und mehr Zeit braucht, als den Berliner Special Forces zur Verfügung gestanden hätte.5)Siehe z. B. das Field Manual: Countermobility – FM 5-102: COUNTERMOBILITY. Headquarters, Department of the Army, Washington, DC, 14 March 1985

Anders aber hätte die Sache ausgesehen, wenn die sechs Teams anstelle von ein bisschem konventionellem Sprengstoff ein, zwei SADM in den Rucksäcken gehabt hätten. Die W54-(ADM)-Sprengköpfe wogen rund 23 Kilo. Special-Forces-Soldaten sind daran gewöhnt, auch über längere Strecken wesentlich schwerere Gegenstände auf ihren Rücken zu transportieren. Sie hätten mit diesen Bomben erhebliche, taktisch relevante physische und vor allem auch psychische Verheerungen anrichten können. Wie die DDR-Bevölkerung reagiert hätte, ist schwer vorherzusagen. Ob eine Solidarisierung mit den Russen zu erwarten gewesen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Man bedenke ja auch, dass gleichzeitig auf westdeutschem Boden, an der deutsch-deutschen Grenze die ADM hochgegangen wären. Ein Teil der Truppen des Warschauer Paktes wäre also durch einen nuklearen Feuerring eingeschlossen gewesen.

Aber gut: Da ja aus politischen Rücksichten und aus Sicherheitsbedenken keine Lagerung der Bomben in Westberlin möglich war, musste das Pentagon auf diese militärisch doch sicher verlockende Möglichkeit verzichten.

James Stejskal berichtet, wie die Truppe übte, durch Flüsse und Kanäle schwimmend und tauchend, im Kriegsfall das Westberliner Stadtgebiet zu verlassen und in die DDR einzudringen. Spezialeinheiten der Navy hatten vorgemacht, dass man ADM bequem auch auf dem Wasserweg platzieren kann.

Aber das ist Fantasie – wie so viel in Sachen taktischer Nuklarkrieg auf deutschem Boden. Wir wissen, dass er vorbereitet wurde. Nach wie vor aber ist so gut wie nichts darüber bekannt geworden, auf welche Weise er geführt werden sollte. Dazu hat die amerikanische Regierung bisher keine nennenswerten Dokumente freigegeben.

Sind wir Deutsche denn wirklich solche Schafe? Knapp dem Nukleartod entronnen, grasen wir wieder, als sei nichts geschehen? Wir wollen nicht wissen, was man mit uns vorhatte und wem das am meisten genutzt hätte. Nach wie vor haben bei den Wahlen die Rund-um-sorglos-Pakete diverser Parteien die größten Verkaufschancen. Hauptsache, wir müssen nicht übermäßig nachdenken.


Es gibt auch eine deutsche Übersetzung des Buchs von James Stejskal:

US-Spezialkräfte in Berlin: Detachment „A“ und „PSSE-B“ – Geheime Einsätze im Kalten Krieg (1956-1990)

Verlag Dr. Köster; Auflage: 1 (23. April 2018)

 

Fußnoten   [ + ]

1.10th Special Forces Group
2.Detachment „A“ – Berlin Special Forces
3.Stejskal, James. Special Forces Berlin: Clandestine Cold War Operations of the US Army’s Elite, 1956–1990. Casemate. Kindle-Version.
4.Siehe meinen Artikel: Atomic Demolition Munition – Wunderwaffen für den Nuklearkrieg
5.Siehe z. B. das Field Manual: Countermobility – FM 5-102: COUNTERMOBILITY. Headquarters, Department of the Army, Washington, DC, 14 March 1985