Alternativen zur Psychiatrie

Mitunter werde ich gefragt – und dies wohl nicht selten in der Hoffnung, ich möge eine Antwort schuldig bleiben – wie denn die Hilfe für „psychisch Kranke“ nach Abschaffung der Psychiatrie aussehen solle.

Darauf könnte ich antworten, 

  • dass ich erstens gar nicht wisse, wer mit „psychisch Kranke“ gemeint sei und 
  • dass ich zweitens die Psychiatrie auch nicht beseitigen wolle, sondern nur den psychiatrischen Zwang. 

Aber ich will mich nicht mit solchen Ausflüchten oder gar Spitzfindigkeiten aus der Affäre ziehen.

Selbstverständlich habe ich darüber nachgedacht, was an die Stelle der Psychiatrie treten könnte. Vielversprechende Ansätze gibt es bereits, nur nicht genug davon; sie könnten ausgebaut werden.

In vielen Staaten, vor allem in Europa und den USA, werden Alternativen zur Mainstream-Psychiatrie praktiziert, die ohne oder mit wenig Medikamenten auskommen, bei denen die Selbsthilfe und die semi-professionelle Hilfe im Vordergrund stehen.

Diese Alternativen haben sich durchaus als erfolgreich herausgestellt, aber sie stießen – mit Ausnahmen – bisher auf wenig Gegenliebe in der Psychiatrie und in der Politik.

Diese Ansätze beruhen auf

  • Hoffnung
  • Sicherheit
  • dem Selbst
  • unterstützenden Beziehungen zwischen gleichermaßen Beeinträchtigten (gegenseitige Hilfe)
  • Autonomie
  • Bewältigungsstrategien
  • Lebenssinn

Die Hoffnung tritt an die Stelle der Furcht davor, ein Leben lang eine Schattenexistenz unter dem Einfluss zweifelhafter Psychopharmaka führen zu müssen.
Sicherheit gewähren Konzepte, die Zwang und Willkür ausschließen. Das Selbst kann sich entfalten, weil den Betroffenen nicht die Weltsicht des Arztes oder der Psychiatrie aufgezwungen wird.
Gegenseitige Hilfe ersetzt das traditionelle Arzt-Patient-Verhältnis, in dem der Arzt bestimmt und der Patient sich fügt.
Autonomie bedeutet, dass den Betroffenen auch in schwierigen Situation nicht das Recht beschnitten wird, Herren des eigenen Schicksals zu sein. Statt den „Patienten“ mit vorgefertigten Behandlungsplänen zwangszubeglücken, entwickeln, erproben und beschreiten die „Patienten“, mitunter assistiert von Profis, eigenständige Lösungswege (Bewältigungsstrategien).
Die Betroffenen werden nicht zu Objekten medizinischer Leistungen degradiert, sondern sie können in selbstbestimmter Aktion einen eigenen Lebenssinn erfahren bzw. entwickeln.

In diesen Ansätzen (Recovery Approach) spielt die „Compliance“1)Unter Compliance versteht man die Bereitschaft, ärztliche Anweisungen zu befolgen. Non-Compliance ist ein erhebliches Problem bei „Patienten“, die als „psychisch krank“ diagnostiziert wurden. Zwei Drittel der „Patienten“, denen Psychopharmaka verschrieben werden, unterbrechen die Einnahme im Lauf des ersten Jahres, häufig aus eigener Entscheidung und ohne ihren Arzt darüber zu informieren. Die Non-Compliance ist besonders ausgeprägt bei Menschen, die Neuroleptika oder Antidepressiva nehmen sollen (Mitchell, A. J. & Selmes, T. (2007). Why don’t patients take their medicine? Reasons and solutions in psychiatry. Advances in Psychiatric Treatment, vol. 13, 336–346 ). keine Rolle, denn es gibt keine Ärzte, die Anweisungen geben, und es gibt keine Patienten, die ihnen gehorchen müssten.

Diese Ansätze überwinden das klassische Arzt-Patient-Verhältnis (hier der wissende, aktive Arzt, dort der unwissende, passive Patient). Die Alternative zu dieser antiquierten Beziehung ist Selbsthilfe, gegenseitige Hilfe von gleichfalls Betroffenen – unter Anleitung von Professionellen.
Diese Mitarbeiter müssen keineswegs Psychiater, Psychologen oder Sozialarbeiter sein bzw. eine wie auch immer geartete spezielle Ausbildung absolviert haben.2)Zusammenfassende Analysen einschlägiger empirischer Studien zeigen, dass bei vergleichbaren Aufgaben ehemals selbst betroffene Laienhelfer (peer support interventions) nicht schlechter, tendenziell sogar besser abschneiden als ausgebildete Kräfte; siehe: Pfeiffer, P.N., Heisler, M., Piette, J.D., Rogers, M.A., & Valenstein, M. (2011). Efficacy of peer support interventions for depression: A meta- analysis. General Hospital Psychiatry, 33, 29-36. doi:10.1016/j.genhosppsych.2010.10.002 / Pitt, V., Lowe, D., Hill, S., Prictor, M., Hetrick, S.E., Ryan, R., & Berends, L. (2013). Consumer-providers of care for adult clients of statutory mental health services (Article No. CD004807). Cochrane Database of Systematic Reviews, 3. doi:10.1002/14651858.CD004807. pub2 . Sie müssen nur hilfreich sein, und ob sie dies sind, können nur die Betroffenen entscheiden.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass die Psychiatrie und die Pharmaindustrie den einschlägigen Markt dominieren und (meist auch erfolgreich) Alternativen bekämpfen – es sei denn, sie integrierten sich in das System und unterstellten sich psychiatrischer Oberhoheit. Dennoch setzen sich mitunter Alternativen durch, arbeiten hervorragend, können sich in der Regel aber nicht lange halten.

Gut: Entwerfen wir also eine Utopie. Was wäre, wenn eine gute Fee uns von der gegenwärtigen Psychiatrie befreit hätte?

  • In den Medien würden die Menschen nicht mehr dazu gedrängt, bei den allerkleinsten Anklängen eines Anflugs einer „psychischen Störung“ den Arzt aufzusuchen, um sich Pillen oder Psychotherapien verordnen zu lassen. Im Gegenteil: Menschen in Lebenskrisen würden ermutigt, sich selbst zu helfen.
    Dies schließt die Nutzung alter Hausmittel, die Lektüre von Philosophen oder von Ratgeber-Literatur, Gespräche mit Freunden und Verwandten sowie gegebenenfalls auch den vorübergehenden Konsum von Drogen (aller Art, einschließlich „Psychopharmaka“) ein, die in reiner Form in Apotheken erhältlich wären.
  • Der Staat würde Selbsthilfegruppen eine großzügige Förderung gewähren, was ihm umso leichter fiele, da ja die Kosten für die sündhaft teure Psychiatrie wegfielen.
  • Bereits in der Schule würden die Kinder ermutigt, sich bei Problemen zusammenzuschließen und gemeinsam aus eigener Kraft nach einer Lösung zu streben.
  • Menschen, die selbst eine Lebenskrise überwunden haben, würden Organisationen bilden, die andere beim Aufbau und bei der Aufrechterhaltung von Selbsthilfegruppen beraten.
  • Vielfältige Hilfen würden von Einrichtungen mit so genannten semiprofessionellen Mitarbeitern bereitgestellt. Bei diesen Mitarbeitern würde es sich um Menschen mit Lebenserfahrung und Charisma handeln, die sich für eine solche Arbeit interessieren und die keineswegs irgendein einschlägiges Fach studiert haben müssten. Sie würden beispielsweise Beratungsstellen betreiben oder Häuser, in denen man eine Zeit lang wohnen und zur Ruhe kommen kann.
  • Es gäbe Deeskalationsteams, bestehend aus Sozialarbeitern, die auf Wunsch von Betroffenen unbürokratisch vermittelnd vor Ort eingreifen könnten, wenn sich Konflikte innerhalb der Familie, in Nachbarschaften, am Arbeitsplatz zuspitzen.
  • Sozialpädagogen würden Bildungsangebote unterbreiten, um Betroffenen und allgemein Interessierten das vorhandene psychologische und soziologische Wissen über Ursachen und Formen der Überwindung von Lebenskrisen zu vermitteln.
  • Nach wie vor würden auch spezialisierte Ärzte gebraucht. Sie hätten zu überprüfen, ob in dem einen oder anderen Fall die Lebenskrise teilweise auf einer körperlichen, beispielsweise neurologischen Störung beruht, die sich auf das Verhalten und Erleben auswirkt. Diese wäre dann entsprechend, also nicht psychiatrisch, zu behandeln.
    Vielfach befinden sich die als „psychisch krank“ Diagnostizierten auch in einem schlechten gesundheitlichen Allgemeinzustand.3)Kinderman, P. (2014). A Prescription for Psychiatry. Why We Need a Whole New Approach to Mental Health and Wellbeing. London: Palgrave Macmillan
    Dies ist ein weites, heute vielfach vernachlässigtes Betätigungsfeld für Ärzte.
  • In der Gesellschaft insgesamt hätte sich eine Geisteshaltung entwickelt, die Abweichungen von Normen und Erwartungen als Spielart der Normalität betrachtet. Man würde solche Abweichungen weder verharmlosen, noch überbewerten, sondern man hätte gelernt, differenziert und mit abgestuften Mitteln darauf zu reagieren. Zwang wäre geächtet und würde allenfalls in Notfällen vorübergehend als legitim erachtet.
  • Dieses System, das an die Stelle der alten Psychiatrie getreten wäre, würde sich natürlich als erheblich kosteneffizienter erweisen. Das gesparte Geld würde aber nicht für Panzer ausgegeben oder für eine saftige Diätenerhöhung, sondern für Maßnahmen zur Prävention. Hier wäre an verbesserte Freizeitangebote für Jugendliche zu denken, an kulturelle Angebote im Stadtteil (Sozio-Kultur), an Maßnahmen zur Humanisierung des Arbeitslebens und an vieles mehr.
  • Jeder Bürger erhielte ein bedingungsloses Grundeinkommen, das groß genug wäre, um die allgemeinen Lebenskosten auf bescheidenem Niveau zu bestreiten und um am sozialen sowie kulturellen Leben teilnehmen zu können.
    Wer bereit wäre und die Gelegenheit dazu fände, eine Arbeit zu übernehmen, erhielte natürlich eine zusätzliche Vergütung, die nicht nur dem Aufwand entspräche, sondern einen kräftigen Anreiz böte, sich nicht mit dem Grundeinkommen zufrieden zu geben.
    Und so wäre niemand gezwungen, sich in eine Arbeit zu schleppen, der er sich (momentan) nicht gewachsen fühlt.

Meine Vorschläge haben leider keine Chance auf Verwirklichung. Die Realisierung dieser Maßnahmen würde nämlich zwangsläufig zu wirtschaftlichen Verlusten und / oder Machteinbußen in der Psychiatrie, in der Pharmaindustrie, in den Nebengewerben des psychiatrisch-pharmaindustriellen Komplexes und selbstverständlich auch in Justiz und Strafvollzug führen.

Da die „psychisch Kranken“ keine Lobby haben, fehlt auch in der Politik das Interesse, sich zur Durchsetzung humaner Verhältnisse mit den genannten mächtigen Interessengruppen anzulegen. Die Hoffnung auf grundlegende Reformen hat also, trotz des desolaten Zustands der Psychiatrie, keine realistische Grundlage.

Dennoch habe ich sie hier vorgetragen, damit in Zukunft niemand mehr behaupten kann, ich hätte mir keine Gedanken darüber gemacht, was nach der Psychiatrie kommen soll.

In diesem Blog werde ich mich nicht damit beschäftigen, Utopien dieser Art bunt auszumalen. Vielmehr werde ich mich hin und wieder damit auseinandersetzen, was der Einzelne hier und heute unter den gegebenen, fraglos desolaten Bedingungen in Angriff nehmen kann, um der Psychiatrie zu entgehen bzw. zu entkommen.

Fußnoten   [ + ]

1.Unter Compliance versteht man die Bereitschaft, ärztliche Anweisungen zu befolgen. Non-Compliance ist ein erhebliches Problem bei „Patienten“, die als „psychisch krank“ diagnostiziert wurden. Zwei Drittel der „Patienten“, denen Psychopharmaka verschrieben werden, unterbrechen die Einnahme im Lauf des ersten Jahres, häufig aus eigener Entscheidung und ohne ihren Arzt darüber zu informieren. Die Non-Compliance ist besonders ausgeprägt bei Menschen, die Neuroleptika oder Antidepressiva nehmen sollen (Mitchell, A. J. & Selmes, T. (2007). Why don’t patients take their medicine? Reasons and solutions in psychiatry. Advances in Psychiatric Treatment, vol. 13, 336–346 ).
2.Zusammenfassende Analysen einschlägiger empirischer Studien zeigen, dass bei vergleichbaren Aufgaben ehemals selbst betroffene Laienhelfer (peer support interventions) nicht schlechter, tendenziell sogar besser abschneiden als ausgebildete Kräfte; siehe: Pfeiffer, P.N., Heisler, M., Piette, J.D., Rogers, M.A., & Valenstein, M. (2011). Efficacy of peer support interventions for depression: A meta- analysis. General Hospital Psychiatry, 33, 29-36. doi:10.1016/j.genhosppsych.2010.10.002 / Pitt, V., Lowe, D., Hill, S., Prictor, M., Hetrick, S.E., Ryan, R., & Berends, L. (2013). Consumer-providers of care for adult clients of statutory mental health services (Article No. CD004807). Cochrane Database of Systematic Reviews, 3. doi:10.1002/14651858.CD004807. pub2 .
3.Kinderman, P. (2014). A Prescription for Psychiatry. Why We Need a Whole New Approach to Mental Health and Wellbeing. London: Palgrave Macmillan