Die Machtspiele der psychisch Kranken

Viele Menschen fürchten sich vor „psychisch Kranken“. Oft ist es nur ein Unbehagen, man geht „instinktiv“ auf Distanz. Mitunter äußert sich die Furcht auch in offener Ablehnung.

Eine Krankheit ist schließlich ein Prozess, den der Betroffene nicht oder allenfalls teilweise kontrollieren kann. Der „psychisch Kranke“ wirkt bedrohlich, weil man vermutet, dass er sich nicht immer hinlänglich im Griff habe. Man rechnet jederzeit damit, dass er etwas Unverantwortliches oder Unvernünftiges tut. Er könnte dabei womöglich sich und / oder anderen schaden. Eine entscheidende Determinante für die Einstellung gegenüber den so genannten psychisch Kranken dürfte darin bestehen, ob man die Betroffenen für behandelbar (und somit kontrollierbar) hält.1)McGinty E. E. et al. (2015). Portraying mental illness and drug addiction as treatable health conditions: effects of a randomized experiment on stigma and discrimination. Soc Sci Med. 2015 Feb;126:73-85

Außer Kontrolle? Manche dieser Menschen, die sich als „psychisch krank“ empfinden, spielen mit dieser Furcht. Sie lassen ihre Mitmenschen wissen, dass ihre „psychische Krankheit“ durchaus wieder aufflammen oder sich verstärken könne. Dies ließe sich nur verhindern, wenn man sich sehr rücksichtsvoll um sie kümmere. Keinesfalls aber dürfe man ihnen Gewünschtes verweigern. Die Mitmenschen hätten sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben. Sie, die „Kranken“, könnten ja nichts für ihre „Krankheit“.

Wer als „Normaler“ an das Konzept der „psychischen Krankheit“ glaubt, ist solchen Erpressungsversuchen hilflos ausgeliefert. Oft ist den Betroffenen gar nicht bewusst, dass sie andere erpressen. Sie haben dieses Motiv verdrängt. Verdrängung ist Selbstbetrug. Denn man kann nichts aus dem Bewusstsein verbannen, wenn man nicht weiß, dass es existiert.

Die „psychische Krankheit“ ist somit häufig ein Machtspiel, das gern von relativ Ohnmächtigen gespielt wird. Sie glauben, keine bessere Möglichkeit zur Durchsetzung ihres Anliegens zu besitzen.

Dass es bei derartigen Machtspielen nicht ohne Blessuren auf allen Seiten abgeht, dürfte sich von selbst verstehen. Der „psychisch Kranke“ hat aber die besseren Karten. Er kann seine Mitmenschen anklagen. Sie würden auf einem hilflosen Kranken, der für seinen Zustand nichts könne, erbarmungslos herumtrampeln.

Der Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler, dem die Rolle des Machtstrebens im Feld der „psychischen Krankheiten“ sehr wohl bewusst war, schreibt in seinem Buch „Menschenkenntnis“:

„Das Ziel der Überlegenheit ist ein geheimes Ziel. Infolge der Einwirkung des Gemeinschaftsgefühls kann es sich nur im Geheimen entfalten und verbirgt sich immer hinter einer freundlichen Maske. 2)Adler, A. (1927, 1993). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Psychologie Fischer, Fischer Taschenbuch Verlag.“

Dieser Einschätzung kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen. Manche „psychisch Kranke“ verbergen ihr Machtstreben keineswegs stets hinter einer freundlichen Maske. Der rasende und tobende „Schizophrene“ ist alles andere als freundlich. Aber er verbirgt sich hinter einer Maske, die der freundlichen zumindest gleichwertig ist, nämlich hinter der Maske der Unschuld.

Dies ist einer der Gründe, warum sich manche „psychisch Kranke“ an ihre Diagnose klammern wie an einen Rettungsring. Dank dieser Diagnose gelten sie als nicht voll verantwortlich. Man begreift sie schließlich als Opfer eines Mechanismus‘, der sich ihrer Kontrolle entzieht. Dies enthebt sie der Notwendigkeit, ihr Machtspiel hinter einer freundlichen Maske zu spielen.

Bei solchen Machtspielen ist der „Normale“ beinahe unausweichlich der Verlierer und der „psychisch Kranke“ der Gewinner. Diese unfairen Spiele sind wesentlich für das Unbehagen verantwortlich, das viele Menschen in der Gegenwart „psychisch Kranker“ empfinden.

Selbstverständlich erzeugen solche Machtspiele Leiden, auch bei den „psychisch Kranken“. Denn sie sind oftmals mit einem zähen Ringen verbunden. Aber nicht selten leiden die Angehörigen mehr als jene, die angeblich „psychisch erkrankt“ sind.

Diese Auffassung stellt natürlich einen Tabubruch dar. Viele ertragen lieber die Zumutungen ihrer „psychisch kranken“ Angehörigen, als sich die Wahrheit einzugestehen. Sie fürchten sich vor dem Zorn, der sie bei einem unverstellten Blick auf die Tatsachen ergreifen müsste.

Viele meinen, durch solche Überlegungen gäbe man den „psychisch Kranken“ die Schuld. Doch das ist keineswegs der Fall. Mitunter leben die Betroffenen unter so misslichen Lebensbedingungen, dass ihnen kaum etwas anderes übrig bleibt, als das Machtspiel der „psychisch Kranken“ zu spielen.3)Ein Beispiel sind Kinder, die in dysfunktionalen Familien leben müssen.

Dennoch: Trotz aller mildernden Umstände haben die „psychisch Kranken“ natürlich die Verantwortung für sich selbst.4)Das Thema „Psychische Kranke – Machtspiele -Verantwortung“ wird in der Wissenschaft selten thematisiert, eher von Angehörigen.

Bevor man von „psychisch Kranken“ spricht, sollte man sich zunächst lieber die sozialen Systeme genauer anschauen, in denen derartige Phänomene auftauchen. Aus meiner Sicht entscheiden sich die betroffenen Individuen dazu, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen.5)Siehe meinen Artikel: Die Entscheidung zur Krankheit und die Rolle des psychisch Kranken Aber sie unterliegen dabei meist sozialen und ökonomischen Bedingungen, die ihnen wenig Alternativen bieten.6)Häufig dürfen sie sich tatsächlich keine Hoffnung machen, dass konstruktive Lebensentwürfe anerkannt oder gar belohnt würden.

Was bleibt beispielsweise einer Frau mit einem lieblosen Ehemann, außer Rand und Band geratenen Kindern und mobbenden Kollegen am Arbeitsplatz denn anderes übrig, als „depressiv“ zu werden? Sie müsste ihren ganzen Mut zusammennehmen, um sich konstruktiv zu wehren. Aber wer hat diesen Mut schon nach jahrelanger Zermürbung durch widrige Umstände?

Die „psychische Krankheit“ kann durchaus die Sprache sein, mit der man berechtigte Ansprüche anmeldet. Machtspiele sind an sich nichts Schlechtes. Auch ihre Missdeutung als „psychische Krankheit“ kann durchaus entlastend sein. Was nützte es denn auch, die tatsächlichen Ursachen aufzudecken, wenn man die Verhältnisse ja doch nicht zu ändern vermag.

Hier geht es nur darum, offensichtliche Sachverhalte beim Namen zu nennen, vor denen man nur zu gern die Augen verschließt. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, Schuld zuzuweisen. Ebenso wenig aber gibt es einen vernünftigen Grund, Verantwortung zu bestreiten.

Außer Kontrolle? Jeder, der sie sehen will, kann die sozialen Faktoren erkennen, die Menschen zu derartigen Machtspielen geneigt stimmen. Dennoch sind die Menschen diesen sozialen Bedingungen nicht ausgeliefert wie Reaktionsautomaten.

Begriffe man sie als Reaktionsautomaten, so würde daraus eine einseitige Schuldzuweisung folgen: Verantwortlich wären dann Familie, Arbeitgeber, Schule, Behörden oder die Psychiatrie, beispielsweise.

Niemand ist hilflos solchen Zwängen ausgeliefert. Dies beweisen jene Menschen, die unter vergleichbaren Bedingungen andere Wege als „psychisch kranke“ Machtspiele gefunden haben, sich Geltung zu verschaffen.

Manche meinen, dass die einen durch biologische Einflussgrößen davor geschützt und die anderen dazu gedrängt würden, „psychisch krank“ zu werden. Doch diese Auffassung wird durch die Tatsache entkräftet, dass es trotz jahrzehntelanger Forschung mit modernen Methoden nicht gelungen ist, solche Faktoren zu identifizieren.7)Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen

Man tun den s. g. psychisch Kranken im Übrigen keinen Gefallen, wenn man in Auseinandersetzungen mit Rücksicht auf ihre Krankheit klein beigibt. Denn diese Art der Rücksichtnahme fördert unweigerlich (uneingestandene) Ressentiments. Wenn „psychisch Kranke“ mit solcherlei Machtspielen Erfolg haben, steigt die Wahrscheinlichkeit ihrer Wiederholung. Irgendwann aber führt das beständig wachsende Ressentiment beinahe zwangsläufig zum Gegenschlag – selbst bei gutmütigen und wohlmeinenden Zeitgenossen.

Fußnoten   [ + ]

1.McGinty E. E. et al. (2015). Portraying mental illness and drug addiction as treatable health conditions: effects of a randomized experiment on stigma and discrimination. Soc Sci Med. 2015 Feb;126:73-85
2.Adler, A. (1927, 1993). Menschenkenntnis. Frankfurt a. M.: Psychologie Fischer, Fischer Taschenbuch Verlag
3.Ein Beispiel sind Kinder, die in dysfunktionalen Familien leben müssen.
4.Das Thema „Psychische Kranke – Machtspiele -Verantwortung“ wird in der Wissenschaft selten thematisiert, eher von Angehörigen.
5.Siehe meinen Artikel: Die Entscheidung zur Krankheit und die Rolle des psychisch Kranken
6.Häufig dürfen sie sich tatsächlich keine Hoffnung machen, dass konstruktive Lebensentwürfe anerkannt oder gar belohnt würden.
7.Siehe meinen Artikel: Die wissenschaftliche Fundierung psychiatrischer Diagnosen