Anlage und Umwelt

Umwelt

Vor etwa 3200 Jahren erreichten Angehörige einer Gruppe von Völkern – die auf dem Bismarck-Archipel nördlich Neu-Guineas lebten, die ihren Lebensunterhalt durch Landwirtschaft und Fischerei erwarben und die bereits die Seefahrt beherrschten – mit ihren Booten einige der Inseln Polynesiens und besiedelten sie. Polynesien besteht aus Tausenden von Inseln, die über den pazifischen Ozean verstreut sind. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Isolation, ihrer Entwicklungsmöglichkeiten, ihres Klimas, ihrer Produktivität sowie ihrer geologischen und biologischen Ressourcen erheblich. Es gibt karge Eilande, die kaum menschliches Leben gestatten, und Inseln mit hervorragenden Bedingungen, die vielfältige wirtschaftliche Aktivitäten erlauben.

Ab etwa 1200 vor Christus also erfolgte die Besiedlung der meisten dieser Inseln, sofern bewohnbar, durch eine kleine Gruppe von Menschen mit verwandtem genetischen Hintergrund. Die Kolonisierung war 500 n. Chr. weitgehend abgeschlossen. In dieser, historisch und erst recht naturgeschichtlich betrachtet, kurzen Zeit entwickelten die Nachfahren dieser genetisch eng verwandten Pioniere die unterschiedlichsten Gesellschaftsformationen: von Jäger- und Sammlergesellschaften bis hin zu komplexen Monarchien auf vergleichsweise hohem technischen Niveau. Welche Entwicklungslinie eine Gesellschaft nahm, hing eindeutig eng mit den bereits genannten Faktoren, also mit den Lebensbedingungen der Inseln zusammen, die diese Völker beheimateten (Diamond 1997).

Diese Entwicklung lässt sich aus Sicht des amerikanischen Universalgelehrten Jared Mason Diamond verallgemeinern. Die Völker unterscheiden sich hinsichtlich ihres Wohlstandes, ihrer Kultur und Gesellschaftsordnung nicht etwa wegen ihrer Erbanlagen, sondern aufgrund der unterschiedlichen Lebensbedingungen auf diesem Planeten. Polynesien zeigt dies besonders deutlich, weil die Besiedlung über einen relativ kurzen Zeitraum erfolgte und weil sich der gemeinsame genetische Ursprung der Kolonisten nachweisen lässt.

Die Kolonisten hatten auf den einzelnen Inseln teilweise höchst unterschiedliche Startbedingungen – und die hoch entwickelten Gesellschaften waren den primitiven nicht deswegen „überlegen“, weil sie, genetisch bedingt, aus klügeren und tüchtigeren Individuen bestanden, sondern weil sie bessere Startbedingungen hatten, auf deren Grundlage sie sich weiterentwickeln konnten. Auf manchen Inseln waren die Lebensbedingungen so erbärmlich, dass die ursprünglichen Bauern und Fischer des Bismarck-Archipels sich dort zu Jägern und Sammlern zurückentwickeln mussten, wohingegen die natürlichen Gegebenheiten auf anderen Inseln so vorteilhaft waren, dass aufgrund der erwirtschafteten Überschüsse eine Kaste von Priestern und Adeligen ernährt werden konnte.

Die Besiedlung Polynesiens ist ein Paradebeispiel für die These, dass der Mensch ein Produkt seiner Umwelt sei. Hier zeigt sich, nachgerade wie in einem historischen Laboratorium, wie sich die Umweltbedingungen auf die Entwicklung von Ethnien auswirken. Doch Vergleichbares ereignete sich überall in der Welt, auch wenn es nicht überall in dieser Eindeutigkeit und Klarheit ans Licht trat.

Gene

Es sprechen gute Gründe dafür, dass die von Diamond herausgearbeitete Gesetzmäßigkeit nicht nur auf Unterschiede zwischen Ethnien, sondern auch auf Unterschiede zwischen gesellschaftlichen Klassen bzw. Schichten und sogar auf Unterschiede zwischen Individuen zutrifft. Genetische Unterschiede zwischen Individuen, die sich auf das Verhalten und Erleben auswirken, will ich nicht bestreiten, allein, die sozialen und ökonomischen Determinanten können den genetischen Effekt annullieren.

So mag beispielsweise ein Kind aus einer Unterschichtsfamilie mit einem kleinkriminellen und alkoholabhängigen Vater und einer Mutter, die sich prostituiert, so klug und so fleißig sein, wie man es sich nur wünschen kann -: gegen einen durchschnittlichen Altersgenossen aus einer behütenden Mittelschichtsfamilie hat es in aller Regel keine Chancen. Dieses unter günstigen Bedingungen aufwachsende Kind hat auf der Karriereleiter einen sozial bedingten Vorsprung, der zumeist nicht mehr aufzuholen ist. Die Gegenbeispiele, von denen die Zeitungen gelegentlich berichten, sind Ausnahmen, und wären sie nicht keine Ausnahmen, dann würden die Zeitungen nicht über sie berichten.

Es gibt nicht die Spur eines Beweises dafür, dass die so genannten psychischen Störungen (also bestimmte Abweichungen von sozialen Normen oder den Erwartungen von Mitmenschen) angeboren oder durch genetische Faktoren mitbedingt sind. Diese Behauptung widerspricht zwar landläufiger Meinung; sie stimmt dennoch uneingeschränkt mit dem Stand der empirischen Forschung überein.

Der amerikanische Psychologe, Psychotherapeut und Spezialist für Verhaltensgenetik Jay Joseph hat die bisherige Erfolglosigkeit dieses Forschungszweigs in einer umfassenden und repräsentativen Betrachtung einschlägiger empirischer Untersuchungen akribisch dokumentiert (Joseph 2012). Dies bedeutet nicht, dass genetische Ursachen angesichts des Forschungsstandes ausgeschlossen sind, sondern nur, dass sie trotz jahrzehntelanger Forschung nicht gefunden wurden.1

Es handelt sich hier nicht nur um ein akademisches Problem, über das man achselzuckend hinweggehen könnte. Denn der psychiatrisch-pharmaindustrielle Komplex wird nicht müde, den Mythos genetischer Ursachen psychischer Störungen zu propagieren. Die einschlägig tätigen Genetiker werden den desaströsen Zustand ihres Spezialgebietes nicht gern einräumen, da Forschungsgelder auf dem Spiel stehen. Dies ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Zwillingsforschung an erheblichen methodischen Mängeln krankt und dass sich die Resultate der „Genome-wide Association Studies“ in aller Regel nicht replizieren lassen (Joseph 2013). Die Auswirkungen dieses Mythos sind verheerend.

Wer an genetische Ursachen glaubt,

  • nimmt psychische Störungen als gravierender wahr
  • neigt zu der Auffassung, dass sie den Betroffenen vermutlich ein Leben lang begleiten werden
  • befürchtet, dass die Geschwister der Person ähnliche Probleme entwickeln
  • hält es für wahrscheinlich, dass die Kinder des „Erkrankten“ ebenfalls an dieser Störung leiden (werden)
  • und hält tendenziell einen größeren sozialen Abstand zu den Betroffenen

als Menschen, die nicht von diesem Mythos infiziert sind (Phelan 2005).

Die Infektion mit diesem Mythos scheint offenbar vielfach auch das kritische Denken zu beeinträchtigen. Wie oft hört man doch, dass schließlich bestimmte „psychische Krankheiten“ in Familien gehäuft auftreten würden. Dies spräche für genetische Ursachen. Wer kurz durchatmet und nachdenkt, müsste allerdings erkennen, dass eine andere Erklärung zumindest ebenso plausibel ist. Kinder neigen dazu, ihre Eltern zu imitieren; diese sind, im Guten wie im Schlechten, Vorbilder.

Fundamental Attribution Error

Aus sozialpsychologischen Experimenten wissen wir, dass Menschen dazu neigen, die persönlichen Determinanten des Verhaltens gegenüber den situativen überzubewerten. Diese Tendenz ist besonders ausgeprägt, wenn es gilt, das Verhalten anderer Menschen zu beurteilen. Mitunter neigen wir sogar dann dazu, dem Handelnden die Schuld zu geben, wenn die situativen Einschränkungen seines Handelns offensichtlich sind (Jones & Harris 1967).

Zu den persönlichen Ursachen, die menschlichem Verhalten zugeschrieben werden, zählen natürlich nicht nur genetische Faktoren, sondern auch soziale Einflussgrößen wie Erziehung oder auch Traumatisierung in Kindheit und Jugend. Wie auch immer: Ohne diesen „fundamental attribution error“, diese menschlich-allzumenschliche Neigung zur Fehlattribution, hätte das Konzept der „psychischen Krankheiten“ vermutlich niemals eine Chance gehabt, sich in der Bevölkerung durchzusetzen.

Es ist natürlich kein fundamentaler Attribuierungsfehler, wenn wir persönliche Gründe für ein Verhalten annehmen; vielmehr besteht er darin, äußere Gründe als Einflussfaktoren auszuschließen oder gering zu schätzen. So ist es beispielsweise durchaus richtig anzunehmen, dass sich Menschen dazu entscheiden, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen; unzulässig aber wäre die These, dass die äußeren Umstände bei dieser Entscheidung keine Rolle spielen würden.

Es versteht sich von selbst, dass auf Ursachenzuschreibungen eine Vielzahl von Einflussgrößen einwirken und dass sich deswegen der „fundamental attribution error“ nicht immer in unverminderter Stärke zeigt. Es neigt auch nicht jeder Mensch in gleichem Maße zu diesem weit verbreiteten Denkfehler.

Ein Faktor, der die Neigung zur Fehlattribution verstärkt, ist natürlich der Individualismus, der schlicht und eingängig durch den Slogan „Jeder ist seines Glückes Schmied“ charakterisiert wird. Das Zusammenwirken von Fehlattribuierung und Individualismus dürfte auch einer der Gründe dafür sein, dass mit dem Siegeszug des Neoliberalismus in den Industriestaaten auch die Häufigkeit der „psychischen Erkrankungen“ zu steigen scheint. Die Betroffenen und vor allem deren Mitmenschen sind in immer stärkerem Maß geneigt, Problemen des Verhaltens und Erlebens persönliche Ursachen zuzuschreiben.

Der Einfluss von Umweltfaktoren wird ignoriert, obwohl er offensichtlich ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob man nun die „psychischen Krankheiten“ auf eine biologische Ursache oder auf Traumatisierung zurückführt. In beiden Fällen wird die Ursache in Prozessen gesehen, die im Individuum ablaufen. Ob man nun glaubt, diese Prozesse seien durch die Gene oder frühkindliche Erfahrungen hervorgerufen worden, spielt für das Grundsätzliche keine Rolle: Die Bedeutung der aktuellen Lebenssituation, die in gesellschaftlichen Verhältnissen wurzelt, für das Verhalten des Betroffenen wird verkannt oder heruntergespielt.

Mäuse

Mäuse wuselten wie wild in ihren Käfigen herum und soffen Zuckerwasser, als ob sie sich keine Sorgen um ihre Figur machen müssten. Sie gingen extreme Risiken ein und verhielten sich auch sonst so, wie die Versuchsleiter sich einen manischen Menschen vorstellten. Doch nicht nur dies qualifizierte sie zu „Models“. Diese Mäuse waren zudem so genannte Knockout-Mäuse. Man hatte an ihrem Genom herumgefummelt. Ein Gen war ausgeschaltet worden, das NCAN-Gen. Dieses Gen steht in Verdacht, beim der „bipolaren Störung“ eine Rolle zu spielen, und zwar bei den manischen Phasen.

Die Tiere waren also „Mouse-Models of Mental Illness“. Die Wissenschaftler gaben den aufgeregten Mäusen nunmehr Lithium. Lithium ist ein Medikament, dass kurzfristig manische „Symptome“ abwürgt, aber langfristig ineffektiv ist und mit vielen Folgeschäden verbunden sein kann (Moncrieff 1997). Und siehe da: Die Mäuse wurden ruhig, als ob sie Maniker wären und zum ersten Mal Lithium erhalten hätten.

Wenn das nicht eine Pressemeldung wert ist! Und so geschah es auch. Die Forscher schickten ein Communiqué in die Welt hinaus. Darin stand, sie hätten herausgefunden, das NCAN-Gen korreliere mit manischen Symptomen bei Menschen und Mäusen. Weltweit erscheinen nunmehr Zeitungsberichte, die diesen Durchbruch der Wissenschaft würdigen.

So berichtete beispielsweise auch die „Welt“ am 02. 09. 2012 unter dem Titel „Forscher entschlüsseln das Gen für Manie“ darüber (Jiménez 2012). Manisches Verhalten kommt am häufigsten in Verbindung mit Depressionen vor. Man nennt diese Kombination „bipolare Störung“. Es gibt zwei Varianten, jene mit der ausgeprägteren Manie wird als „bipolare Störung I“ bezeichnet. Die Konkordanzrate2 der „bipolaren Störung I“ bei eineiigen Zwillingen beträgt 0,43 (Kieseppä 2005).

Die Forschung zeigt, dass bei der „bipolaren Störung I“ Umweltfaktoren einen erheblichen Einfluss haben. Sonst müsste ja, wenn ein Zwilling bipolar ist, auch der andere gestört sein. Davon ist eine Konkordanzrate von 0,43 aber weit entfernt. Die Konkordanzrate wurde im Übrigen bei Zwillingspaaren ermittelt, die gemeinsam aufwuchsen. Daher könnte ein Teil der Übereinstimmung auch auf Umweltfaktoren zurückzuführen sein, da Eltern und andere Mitmenschen eineiige Zwillingen nun einmal gleichförmiger behandeln als zweieiige. Dies beschränkt sich nicht nur auf die Neigung, ihnen dieselben Kleidungsstücke anzuziehen, wenn sie klein sind.

Eine sinnvolle Schätzung der Erblichkeit ist nur möglich, wenn eineiige Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden und in unterschiedlichen Milieus aufwuchsen, in die Untersuchung einbezogen wurden. Die Konkordanzrate von 0,43 verführt also vermutlich eine Überschätzung des Erbeinflusses.

Nehmen wir dennoch einmal an, es gäbe dieses Manie-Gen tatsächlich und dieses Manie-Gen hätte, wie die Autoren der Mäuse-Studie behaupten, einen wesentlichen Einfluss auf die Entstehung einer bipolaren Störung. Wie ist es dann möglich, dass sich Leute nicht selten von ihrer Manie verabschieden, beispielsweise nach einer Psychotherapie, nach Einnahme eines Placebos, nachdem sie einen Ehepartner gefunden oder eine Scheidung hinter sich gebracht haben usw.?

All dies sind Umweltereignisse. Sind diese etwa in der Lage, defekte Erbanlagen zu korrigieren? Wenn man nun annimmt, dass Erbeinflüsse durch Umweltfaktoren (wie beispielsweise eine Psychotherapie) ausgeschaltet werden können, dann wird man wohl auch einräumen müssen, dass sie durch Umweltfaktoren eingeschaltet werden können. Wie auch immer: Was hier zur „bipolaren Störung“ gesagt wurde, gilt für alle anderen „psychischen Störungen“ gleichermaßen. Und darüber hinaus: Es trifft auf alle Formen des Verhaltens und Erlebens zu.

Interaktionen von Anlage und Umwelt

Nehmen wir einmal an, ein Mensch habe ein angeborenes Talent zum Klavierspielen. Ein solch begabter Zeitgenosse hat mit Sicherheit ein erhöhtes „Risiko“, eines Tages professioneller Pianist zu werden, um dann unter all den Unwägbarkeiten eines Künstlerlebens zu leiden, verbunden auch mit dem Zwang, viele Stunden am Tag zu üben, zu üben und nochmals zu üben. Es ist aber keineswegs sicher, dass sich dieser Mensch der Musik verschreibt. Er könnte beispielsweise auch Rechtsanwalt, Arzt, Psychiater oder Drogenhändler werden – je nachdem, welche Umwelteinflüsse auf ihn einwirken.

Für die Gene gilt, was die Astrologie fälschlicherweise über die Sterne behauptet: Was das Verhalten und Erleben betrifft, so machen die Gene geneigt, aber sie zwingen nicht. Menschen mit einem angeborenen Talent zur Manie, zum Wahn, zur Halluzination, zur Traurigkeit oder Ängstlichkeit müssen deswegen nicht zu Schauspielern werden, die sich – vorübergehend oder gar auf Dauer – als „psychisch Kranke“ inszenieren.

Wir sehen also: Selbst wenn genetische Einflüsse bei den Phänomenen, die von der Psychiatrie als „Symptome psychischer Krankheiten“ missdeutet werden, eine Rolle spielen sollten, so können sich diese Einflüsse nur unter entsprechenden Umweltbedingungen Geltung verschaffen.

Der Neurobiologe Steven P. Rose (Professor an der University of London) schreibt, dass Organismen und ihre Umwelten einander durchdringen. Umwelten wählen Organismen aus und Organismen wählen Umwelten aus. Organismen und Umwelten verändern sich und einander beständig.

Both ‚genomes‘ and ‚enviromes‘ are abstractions from this continuous dialectic.“ (Beide, ‚Genome‘ und ‚Envirome‘, sind Abstraktionen dieser kontinuierlichen Dialektik.“

Daraus folge, dass wir die Zukunft des Menschen nicht vorherzusagen in der Lage wären. Wir könnten nur auf die jeweils herrschenden Bedingungen reagieren. Individuen und Kollektive könnten durchaus ihre eigene Zukunft konstruieren, wobei wir uns die Umstände, unter denen dies geschieht, allerdings nicht aussuchen könnten. Zwar lägen alle Aspekte des Lebens in den Genen, aber dies bedeute zweierlei: Einerseits gebe es eine „Lebenslinie“, die relativ unbeeinflussbar sei durch Umwelteinflüsse, andererseits aber seien wir auch in der Lage, flexibel auf unvorhersehbare Umwelteinflüsse zu reagieren. Der Lebensprozess sei selbstorganisierend. Daher mache uns unsere Biologie frei (Rose 2001).

Dies sollten Menschen, die als „bipolar“ oder „manisch“ diagnostiziert wurden, sorgsam bedenken, bevor sie sich dazu entscheiden, Knockout-Mäuse als Modelle ihres Lebens zu betrachten. Bei Mäusen kann man zwar Rastlosigkeit und innere Unruhe beobachten, aber andere „Symptome“ der menschlichen Manie wie Ideenflucht, Kritiklosigkeit, Realitätsverlust und Größenwahn doch wohl eher nicht.

Tiermodelle der so genannten psychischen Krankheiten sind letztlich ein schlechter Witz, denn die Lebensprobleme, die von der Psychiatrie als Ausdruck einer „Erkrankung“ gedeutet werden, haben außer uns die anderen Tiere nicht. Ein Hund beispielsweise hat keine Angst vor einem Zahnarzt, mit dem er persönlich noch keine schlechten Erfahrungen hatte; ein Mensch aber fürchtet sich u. U. sogar vor einem ihm völlig unbekannten Dentisten.

Falls Menschen, die als bipolar oder manisch diagnostiziert wurden, sich dennoch für das Mäusemodell entscheiden, sollten sie zumindest versuchen, sich bei ihren Psychisch-krank-Inszenierungen in den Grenzen des Mäusemöglichen zu bewegen. Sie würden damit auch der Forschung helfen, die ja auf möglichst realitätsnahe Modelle angewiesen ist.

Wie bereits erwähnt, mag es genetisch bedingte Unterschiede der Intelligenz, des Fleißes oder anderer Aspekte des menschlichen Verhaltens und Erlebens geben; dies halte ich für durchaus wahrscheinlich; allein sie geben nicht den Ausschlag, weil die nackten, manchmal brutalen, mitunter wunderbaren Tatsachen des spezifisch menschlichen Lebens sich letztlich durchsetzen. Und so ist es auch nicht erstaunlich, dass wir in den Chefetagen der großen Unternehmen überwiegend, ja, fast ausschließlich Führungskräfte finden, die der Oberschicht oder der gehobenen Mittelschicht entstammen, wie der Soziologe und Eliteforscher Michael Hartmann überzeugend nachwies (Hartmann 1996).

Dies liegt vermutlich nicht daran, dass die Angehörigen der gehobenen Stände klüger wären, sondern daran, dass ihre Karriere-Wege durch ihre privilegierte Herkunft sozial gebahnt wurden. Dass solche Einsichten vielen Leuten sauer aufstoßen, lässt sich leicht nachvollziehen – denn sie widersprechen den Ideologien fundamental, die den meisten von uns in der Familie, in der Schule und, sofern eine solche absolviert wurde, an der Universität eingeimpft wurden. Auch die Medien sind voll von solchen Märchen, nach denen jeder seines Glückes Schmied sei. Doch die allermeisten von uns besitzen gar nicht den Hammer, den Amboss und die Werkstatt für derlei Schmiedearbeiten. Dies zu erwähnen, vergessen die Ideologen nur zu gern.

Rassismus und andere Unarten

Mitunter zeigen sich Rassisten verwundert darüber, dass Neger3 mit ihrem (angeblichen) Durchschnitts-IQ von 70 in ihrem angestammten Kral so gut über die Runden kommen. Sie kommen nicht nur gut über die Runden, sondern sie nehmen ihre Umwelt sogar viel differenzierter wahr und agieren cleverer in ihr als unser ideologisch vernagelter Rassist, der dem Neger intelligenzmäßig das Wasser nicht zu reichen vermag. Dies liegt auch daran, dass unser Wohlstandsrassist abends vor dem verdummenden Fernsehgerät hockt oder die Bildzeitung studiert, von Kindesbeinen an, wohingegen der Neger in seinem Kral sich schon als Kind aktiv darüber Gedanken machen muss, wie er sich seine Lebensmittel verschaffen und dazu noch ein bisschen Spaß haben kann (Diamond 1997: Kindle Edition Pos. 290 ff.).

Kurz: Schwierige Lebensumstände zwingen, im Gegensatz zu verwöhnenden, dazu, seine Intelligenz beständig zu schärfen. Daran ändert auch die tendenzielle Überlegenheit von Menschen aus Industriestaaten beim Lösen von Problemen, die auf die Erfahrungswelt und die Motivation dieser Leute zugeschnitten sind, nicht das Allergeringste. Dies gilt selbstverständlich auch für den Intelligenztest, der sogar in seinen angeblich kulturunabhängigen („culture-fair“) Varianten alles andere ist als dies.

Man kann sich dies leicht klarmachen, wenn sich fragt, ob beispielsweise die Intelligenztestwerte von Leuten aus kompetitiven mit denen von Leuten aus nicht-kompetitiven Gesellschaften tatsächlich vergleichbar sind, selbst wenn sie, was die Aufgaben betrifft, „culture-fair“ konstruiert wurden. Wer auf Konkurrenzkampf geeicht ist, wird einen Intelligenztest wesentlich motivierter bewältigen als ein Mensch, der sich gegenüber anderen nicht hervorheben möchte.

Eine amerikanische Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen der Schichtzugehörigkeit und der Leistung von Studenten in Prüfungen. Es ging hier um den Einfluss der Furcht von Studenten aus der Unterschicht, sie könnten das negative Stereotyp bestätigen, das mit ihrer Schichtzugehörigkeit verbunden ist. Es zeigte sich, dass Studenten aus der Unterschicht deutlich schlechtere Leistungen bei den Testaufgaben erbrachten,

  • wenn ihre Schichtzugehörigkeit vor der Prüfung bekanntgegeben wurde (a)
  • oder wenn man ihnen suggerierte, als handele sich um einen Intelligenztest (b),

als unter weniger belastenden Bedingungen. Das niedrigste Niveau erreichten die Versuchspersonen aus der Unterschicht, wenn die beiden oben genannten Faktoren (a und b) gleichzeitig auf ihre Leistung einwirkten (Spencer & Castano 2007).

Diese Studie widerspricht also der Annahme, erbliche Intelligenzmängel führten dazu, dass sich eine Unterschicht bilde und dass ihre Mitglieder wegen ererbter niedriger Intelligenz dazu tendierten, in der Unterschicht zu verbleiben. Sie spricht eher dafür, dass unzulängliche Lebensbedingungen das Selbstvertrauen annagen und sich dann im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung leistungsmindernd auswirken.

Wir können die Betrachtungen zur Intelligenz natürlich auch mühelos auf die so genannten „psychischen Krankheiten“ übertragen. „Garbage in – garbage out“, heißt es im Computerjargon. Wenn man einen Rechner mit unsinnigen Daten füttert, dann darf man nicht erwarten, dass er Weisheiten und tiefe Einsichten ausspuckt. Und dann darf man auch nicht ungeprüft behaupten, er sei defekt oder das Programm sei schlecht. Und so ist das auch bei den so genannten psychischen Krankheiten. Wenn ein Mensch von Kindesbeinen an mit Lebensverhältnissen konfrontiert wird, die ihn verwirren, desorientieren, entmutigen, in seinen Entfaltungsmöglichkeiten beschränken, enormen emotionalen Belastungen aussetzen, traumatisieren, einengen und seelisch aushungern, dann darf man sich ebenso wenig wundern, wenn dieser Mensch früher oder später Muster des Verhaltens und Erlebens zeigt, die bei oberflächlicher und kenntnisloser Betrachtung mit den Merkmalen psychiatrischer Diagnosen übereinstimmen.

In einer amerikanischen Studie fand sich eine enge Assoziation zwischen der Bildung der Eltern und der Dauer und Schwere psychischer Störungen ihrer Kinder (McLaughlin 2011). Die Studie kann aus methodischen Gründen keinen Aufschluss darüber geben, wie dieser Zusammenhang zu deuten ist.

Eine mögliche Interpretation4 lautet: Man könnte vermuten, dass Eltern mit einem niedrigen Bildungsniveau kaum in der Lage sind, ihren Kindern ein differenziertes verbales Rüstzeug zur Beschreibung seelischer Zustände zu vermitteln und dass ihre Kinder deswegen eher geneigt sind, angesichts ihrer mangelhaften sprachlichen Möglichkeiten, psychiatrische Diagnosen und die damit verbundenen Rollenerwartungen für sich zu übernehmen, als die Kinder gebildeterer Eltern.

Während Menschen aus den „gehobenen Ständen“ außergewöhnliche seelische Phänomene eher als „spirituelle“ (z. B. Kundalini-Prozess) oder „existenzielle“ (z. B. Lebenskrise) Erfahrungen in ihr Weltbild einordnen können, zwingen den damit überforderten Angehörigen der Unterschicht dessen häufig geringe sprachliche Möglichkeiten in die psychiatrische Praxis, wo ihm der psychiatrische Marketing-Jargon (Diagnosen und Ursachentheorien) zur Beschreibung seiner Zustände angeboten wird.

Mancher mag obige Interpretation für weit hergeholt halten; dies ist sie bei nüchterner Betrachtung aber ganz und gar nicht. Denn es kommt noch ein weiterer Faktor hinzu, der diese Interpretation wahrscheinlich macht. Die Kinder von Eltern mit einem niederen Bildungsniveau lernen in ihrer Kindheit keinen so unbefangenen Umgang mit Akademikern wie Kindern aus den „höheren Gesellschaftsschichten“. Sie sind daher eher geneigt, „Experten“ Glauben zu schenken oder ihnen sogar kritiklos gegenüberzustehen. Sie haben in ihrer Kindheit Akademiker ja nicht in der Unterhose gesehen oder beim Zähneputzen beobachtet, geschweige denn, sie bei kleinen oder großen Fehlern ertappt. Dies kann dazu führen, dass Menschen, deren Eltern ungebildet waren, eher geneigt sind, Psychiater aufzusuchen und psychiatrische Diagnosen (also Expertenurteile von Akademikern) in ihr Selbstbild zu integrieren und danach zu leben, als Kinder von Eltern mit Universitätsstudium.

Derartige Beobachtungen und Überlegungen sprechen dafür, dass die in vielen Studien bestätigte, überproportionale Häufung von so genannten „psychisch Kranken“ in der Unterschicht nicht auf die direkten Einflüsse der sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen (Milieu-Faktoren wie beispielsweise Armut, berufliche Perspektivlosigkeit, Gewalt, Missbrauch, Verwahrlosung) zurückzuführen ist. Wenn dies der Fall wäre, müssten ja auch alle Menschen aus der Unterschicht als mehr oder weniger psychisch krank eingestuft werden. Erst recht gibt es keinen Beweis dafür, dass genetische Faktoren hier ausschlaggebend sind.

Vielmehr scheinen die Auswirkungen von Sozialisationsprozessen auf das Selbstwertgefühl, das Selbstvertrauen und die Kritikfähigkeit eine wesentliche vermittelnde Rolle zu spielen. Diese Sozialisationsprozesse sind zwar typisch für die Unterschicht, aber nicht bei allen Angehörigen dieser Klasse gleichermaßen stark ausgeprägt. Dies betrifft vor allem die sprachliche Sozialisation und das Ausmaß, in dem diese den Sozialisierten befähigt, außergewöhnliche seelische Phänomene zu erfassen und in die eigene Persönlichkeit zu integrieren.

Oder

Der Argumentationsgang läuft, trotz der Berücksichtigung möglicher genetischer Einflüsse und der Interaktion von Anlage und Umwelt schlussendlich auf folgende These hinaus: Dass manche Menschen zu Insassen von Irrenanstalten werden, liegt ebenso wenig überwiegend an angeborenen Defekten oder Defiziten wie die Tatsache, dass manche Kolonisten der Inseln Polynesiens das Los von Jägern und Sammlern auf sich nehmen mussten, obwohl ihre Vorfahren bereits zivilisierte Bauern, Fischer und Handwerker waren. Die Launen von Wind und Wellen treiben manche Menschen halt auf karge Inseln und dort müssen dann sie und ihre Nachkommen schauen, wie sie unter diesen erschwerten Bedingungen mehr schlecht als recht überleben.

Obwohl sie plausibel zu sein scheint, kann diese These dennoch nicht restlos überzeugen. Es mag zwar sein, dass den Einzelnen widrige Lebensbedingungen stark einschränken oder dass ihm privilegierte Verhältnisse eine Fülle von Möglichkeiten bieten, aber ein Mechanismus, der diese Umstände automatisch mit bestimmten Formen des Verhaltens und Erlebens verbindet, wurde bisher noch nicht entdeckt. Es verwandeln sich eben nicht alle Menschen, die unter katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen aufwachsen, in Monster oder Jammergestalten; und nicht alle, die das Leben reich beschenkte, werden den Erwartungen gerecht, die man aufgrund ihrer Privilegien in sie setzte.

Es mag zwar sein, dass Umstände uns drängen oder uns geneigt stimmen, dieses zu tun und jenes zu lassen und dass sie unseren Bemühungen Grenzen ziehen oder sie unterstützen, aber es widerspricht der Lebenserfahrung, dass wir deswegen Sklaven unserer Umwelt wären. Der Mensch scheint über einen freien Willen zu gebieten, und dies nicht wegen einer Laune der Natur, sondern weil ihm dieser in der Evolution einen Vorteil brachte.

Beim Stand der neurowissenschaftlichen Forschung ist es zwar noch nicht möglich, diese These empirisch zu erhärten; aber entgegen anders lautenden Gerüchten spricht auch kein bekanntes Faktum dagegen, dass das menschliche Gehirn zum freien Willen befähigt ist, wie Peter Ulric Tse in einem Buch zu diesem Thema nachwies (Tse 2013). Dabei ist der Wille natürlich nicht voraussetzungslos frei.

Wenn ein junger Mensch – nennen wir ihn Paul – beispielsweise beobachtet, wie die Mutter unter Stress zur Pillenröhre und der Vater zur Flasche greift, dem werden ihm in Belastungssituationen natürlich zunächst Pille oder Flasche in den Sinn kommen. Insofern ist seine Entscheidung nicht schrankenlos frei, weil sich ihm bestimmte Verhaltensalternativen aufdrängen. Dennoch kann ihm, durch Zufall, beispielsweise an seinem Ausbildungsplatz ein anderer Auszubildender namens Leo begegnen, der mit Stress konstruktiver umgeht und Paul kann sich entscheiden, Leo zum Vorbild zu wählen. Auch Leo ist Teil von Pauls Umwelt; der von Umwelteinflüssen völlig freie Wille ist vermutlich eine Fiktion; dennoch kann nicht gesagt werden, dass Menschen grundsätzlich Opfer ihres Milieus, also Reaktionsautomaten wären.

Denn Paul könnte sich beispielsweise auch entscheiden, das Nachahmen Leos für der Mühe nicht wert zu erachten. Selbstverständlich werden wir mit den Handlungen, zu denen wir uns entscheiden, nicht immer auch Erfolg haben. Ob wir ans Ziel gelangen, hängt nicht nur von unseren Fähigkeiten, sondern auch von den äußeren Umständen ab. Manche Handlungsalternativen haben, durch objektive Faktoren bedingt, saumäßig schlechte Erfolgswahrscheinlichkeiten. Doch es gibt Leute, die lassen sich davon nicht abschrecken. Sie kommen zu Fall, sie stehen wieder auf, sie versuchen es erneut, immer wieder. Sie sind beharrlich. Manche kommen durch.

Literatur

Diamond, J. (1997) Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. W.W. Norton & Co.

Hartmann, M. (1996). Topmanager – Die Rekrutierung einer Elite. Frankfurt am Main: Campus Verlag

Jiménez, F. (2012). Forscher entschlüsseln das Gen für Manie. Die Welt, 2. September

Jones, E. E.; Harris, V. A. (1967). „The attribution of attitudes“. Journal of Experimental Social Psychology 3 (1): 1–24

Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83

Joseph, J. (2013). „Schizophrenia“ and heredity. Why the emperor still has no genes. In: Read, J. & Dillon, J. (Eds.). Models of Madness: Psychological, Social, and Biological Approaches to Madness. London: Routledge

Joseph, J. (2013). Five Decades of Gene Finding Failures in Psychiatry. Mad in America

Kieseppä T. (2005). A Twin Study On Genetic And Environmental Factors In Bipolar I Disorder. Academic Dissertation, University of Helsinki

McLaughlin, K. A. et al. (2011). Childhood socio-economic status and the onset, persistence, and severity of DSM-IV mental disorders in a US national sample. Social Science & Medicine Volume 73, Issue 7, October 2011, Pages 1088–1096

Moncrieff, J. (1997). Lithium: evidence reconsidered. British Journal of Psychiatry, 171, 113-119

Phelan, J. C. (2005). Geneticization of deviant behavior and consequences for stigma: The case of mental illness. Journal of Health and Social Behavior 46: 307-322

Rose, S. (2001). Moving on from old dichotomies: beyond nature – nurture towards a lifeline perspective. British Journal of Psychiatry, 178, suppl. 40, s 3 – s 7

Spencer, B. & Castano, E. (2007) Social Class is Dead. Long Live Social Class! Stereotype Threat among Low Socioeconomic Status Individuals. Soc Just Res, 20:418–432

Tse, P. U. (2013). The Neural Basis of Free Will: Criterial Causation by Peter Ulric Tse, Cambridge: MIT Press

Angesichts der heutigen Datenlage ist die Hypothese psycho-sozialer Ursachen der Phänomene, die von der Psychiatrie als „psychische Krankheiten“ gedeutet werden, wesentlich wahrscheinlicher als die Hypothese genetischer Ursachen.

Die Konkordanzrate ist ein Maß der Übereinstimmung zwischen Individuen hinsichtlich eines Merkmals.

In meiner Kindheit und Jugend galt „Neger“ als eine einwandfreie, nicht diskriminierend gemeinte Bezeichnung für Schwarze. Als Schimpfwort wurde „Nigger“ betrachtet. Die Protagonisten der politischen Korrektheit suggerieren uns zwar, dass „Neger“ schon immer eine rassistische Bezeichnung gewesen sei; dieser Auffassung muss ich als Zeitzeuge aber entschieden widersprechen.

Vorausgeschickt sei, dass in dieser Studie psychische Störungen von Psychiatern diagnostiziert, also nicht objektiv gemessen wurden. Es müssen also die sozialen Prozesse berücksichtigt werden, die zu diesen Diagnosen führten.