Brain Scans

Seitdem es die bildgebenden Verfahren gibt, berufen sich Psychiater zur Legitimation ihrer Wissenschaft mit wachsendem Eifer auf die Befunde der modernen Hirnforschung. Tatsache ist zwar, dass mit den Methoden des „Neuroimaging“ bisher noch keine Ursache der so genannten psychischen Krankheiten entdeckt werden konnte (Borgwardt, et al. 2012), aber, so wird dem staunenden Publikum versprochen, man stünde kurz vor den entscheidenden Durchbrüchen.

Die Zeitungen und die Wissenschaftsmagazine im Fernsehen stoßen in dasselbe Horn; an Berichte über sensationelle Brain Scans mit bahnbrechenden Entdeckungen zu den Ursachen psychischer Krankheiten im Gehirn hat sich das interessierte Publikum inzwischen gewöhnt.

Wenn man sich davon nicht so ohne weiteres beeindrucken lassen will, sollte man sich allerdings fragen, ob der Entwicklungsstand der Neurowissenschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt solche „bahnbrechenden Entdeckungen“ überhaupt zulässt.

Die Psychiaterin Sally Satel und der Psychologe Scott O. Lilienfeld sind dieser Frage in ihrem Buch „Brainwashed“ nachgegangen (Satel, & Lilienfeld 2013). Satel ist nicht etwa dem antipsychiatrischen Denken zugeneigt, sondern im Gegenteil eine Gegnerin dieser Sichtweise, und auch Lilienfeld stellt die Existenz psychischer Krankheiten nicht in Frage. Dennoch gelangen die Autoren zu einem ernüchternden Fazit:

Immer wenn eine Zeitungsschlagzeile behauptet: ‚Brain Scans zeigen…‘, sollte der Leser sich eines gesunden Skeptizismus‘ befleißigen.“

Warum?

  1. Nur selten gestatten es Brain Scans den Forschern zu folgern, dass Struktur X die Funktion Y verursacht. Sie zeigen bestenfalls eine Korrelation an: Ein Teil des Gehirns ist aktiv, wenn die Versuchsperson eine bestimmte Aufgabe bewältigt. Korrelationen beweisen bekanntlich aber keine Kausalität.
  2. Die zur Auswertung von Brain Scans verwendete Substraktionstechnik setzt voraus, dass die Bedingungen für zwei mentale Aufgaben sich nur durch einen kognitiven Prozess unterscheiden. In Wirklichkeit aber sind die meisten mentalen Operationen, die wie eine einzelne Aufgabe erscheinen, aus einer Vielzahl diverser Komponenten zusammengesetzt.
  3. Die populäre Vorstellung, dass einzelne Regionen im Hirn für spezifische Formen des Verhaltens und Erlebens verantwortlich seien, ist eindeutig falsch. Nur in sehr seltenen Fällen sind mentale Funktionen an einem Ort im Gehirn lokalisiert.
  4. Die Ergebnisse der neurowissenschaftlichen Untersuchungen sind in starkem Maß von den Besonderheiten des experimentellen Designs abhängig und können häufig nicht verallgemeinert werden.
  5. Mit der funktionellen Magnetresonanztomographie kann man nicht etwa die Aktivität der Gehirnzellen direkt messen. Vielmehr wird der Blutfluss im Gehirn registriert. So gibt es beispielsweise eine Verzögerung von wenigstens zwei bis zu fünf Sekunden zwischen der Aktivierung eines Neurons und der Steigerung sauerstoffreichen Blutes, das zu ihm strömt.
    Daher können die Informationen über mentale Prozesse, die im Gehirn auftreten, und die neuronale Aktivität, die sie hervorbringt, zeitlich auseinanderklaffen und deswegen können schnelle Fluktuationen neuronaler Aktivität unentdeckt bleiben (Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Postion 574).“
  6. Die statistische Auswertung der Daten ist schwierig, das Procedere ist noch im Fluss und zwischen den Laboren nicht standardisiert. Die Replikation von Ergebnissen ist daher erheblich erschwert. Außerdem wird üblicherweise eine Vielzahl von Auswertungen vorgenommen. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit sind demgemäß Scheinsignifikanzen zu erwarten, also Befunde, die nur überzufällig erscheinen, es in Wirklichkeit aber nicht sind. Man kann diese Fehler zwar durch Korrekturformeln vermeiden, aber dies geschieht häufig nicht. Ein weiterer statistischer Fehler ist ebenso nicht selten:
    Wenn Forscher nach Korrelationen zwischen Reizen und Hirnaktivierung schauen, werfen sie oft ein weites Netz aus. Das führt sie zunächst auf winzige Regionen mit der höchsten Aktivität. Sobald sie sich in diesen kleinen Regionen eingerichtet haben, berechnen die Forscher die Korrelationen zwischen dem fraglichen psychologischen Zustand und der Gehirnaktivierung. Indem sie dies tun, nutzen sie unvermeidlich die Zufallsfluktuationen in den Daten aus, die wahrscheinlich nicht in späteren Untersuchungen bestätigt werden (Satel & Lilienfeld 2013: Kindle Edition Position 617).“

Die Neurowissenschaften beeindrucken durch apparativen Gigantismus, beträchtlichen Aufwand an Arbeitskraft und enorme Kosten. Sie sind jedoch eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Ihre Methoden sind alles andere als ausgereift. Bahnbrechende Erkenntnisse, die den jeweiligen medialen Hype unbeschadet überstehen, sind von ihr zur Zeit nicht zu erwarten.

Die lesenswerte Arbeit von Satel und Lilienfeld steht im Übrigen nicht allein. Eine größere Zahl von einschlägig forschenden Wissenschaftlern hat sich in den letzten Jahren skeptisch zur Lage der Neurowissenschaften geäußert. So schreibt William R. Uttal in seinem Buch „Mind and Brain“, dass es hier mehr Übertreibung als eine kritische Analyse, was die Experimente tatsächlich bedeuteten, zu verzeichnen gebe (Uttal 2011).

Aufgrund der aufgebauschten Berichterstattung in den Medien ist in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden, die Psychiatrie sei eine medizinische Disziplin auf neurowissenschaftlicher Grundlage. Dieser Eindruck ist noch nicht einmal annähernd richtig. In der psychiatrischen Praxis spielen daher die Brain Scans auch keine Rolle. Das National Institute of Mental Health, das weltweit größte psychiatrische Forschungszeitrum, das am Neuro-Hype in den Medien nicht ganz unschuldig ist, räumt auf einer Web-Seite unumwunden ein:

Was Brain Scans nicht können:

  • für sich genommen psychische Krankheiten diagnostizieren
  • das Risiko, eine psychische Krankheit zu bekommen, vorhersagen (NIMH2015).“

Allenfalls bei einer kleinen Zahl von Krankheiten, heißt es weiter, könnten Brain Scans Diagnosen bestätigen, wie beispielsweise bei Hirntumoren. Wie eingangs betont, konnten aber bei keiner der so genannten psychischen Krankheiten Veränderungen des Hirns als ursächlich diagnostiziert werden und daher taugen Brain Scans auch nicht zur Diagnose dieser mutmaßlichen Krankheiten.

Getreu der alten Weisheit, dass ein Bild mehr sage als tausend Worte, nutzt die Psychiatrie die suggestive Macht der bunten Brainscans dennoch für ihr Marketing. Dies ist natürlich legitim, denn die Psychiatrie ist ein Wirtschaftszweig wie jeder andere auch und zum Wirtschaften gehört, zumindest im Kapitalismus, das Marketing dazu. Es ist ein Teil des unternehmerischen Gesamtprozesses.

Fakt ist allerdings, dass die heutige Psychiatrie weder Brain Scans für ihre Arbeit nutzen kann, noch über sonstige halbwegs exakte Methoden verfügt. Dies liegt u. a. daran, dass weder ihre Diagnosen, noch ihre sonstigen Konstrukte valide sind.

Man nehme als Beispiel den Begriff der „Halluzination“. Hierzu heißt es im „Lehrbuch Psychiatrie“ von Andreasen und Black (1993: 41):

Wenn die Halluzinationen von religiöser Natur sind, sollten diese danach beurteilt werden, was innerhalb des sozialen und kulturellen Hintergrunds des Patienten normal ist.“

Dies ist eine Ermessensfrage, nichts, was sich im Rahmen eines validen Konstrukts operationalisieren ließe. Wir werden auch auf Brain Scans niemals erkennen können, ob jemand, gemessen an seinem sozialen und kulturellen Hintergrund, normal halluziniert.

In seinem Buch „Hallucinations“ (Sacks 2012) wies der Neurologe Oliver Sacks nach, dass Halluzinationen durch viele unterschiedliche Prozesse im Nervensystem ausgelöst werden können und keineswegs ein alleiniges Charakteristikum der „Schizophrenie“ sind. Über den Unterschied des Stimmenhörens bei „Schizophrenen“ und bei „Normalen“ schreibt er:

Die Stimmen, die manchmal von Leuten mit Schizophrenie gehört werden, tendieren dazu, anklagend, bedrohlich, höhnisch oder verfolgend zu sein. Im Gegensatz dazu, sind die von den ‚Normalen‘ halluzinierten Stimmen ziemlich wenig bemerkenswert…(Sacks 2012: 56).“

Und weiter:

Es ist klar, dass die Einstellungen zum Stimmenhören eine kritische Bedeutung besitzen.“

Mir ist kein Brain Scan bekannt, der irgendeinen Unterschied zwischen den Halluzinationen von „Schizophrenen“ oder „Normalen“ unter Beweis stellen würde.

Die mentalen Prozesse, in die das Stimmenhören eingebettet ist, sind offenbar sehr unterschiedlich und in entscheidender Weise abhängig von Einstellungen.1 Einstellungen aber sind das Ergebnis von Lernprozessen unterschiedlichster Art; ihnen liegt mit Sicherheit kein fixes Muster neuronaler Aktivität zugrunde.

Brain Scans sind heute gleichsam das heilige Symbol der Validität des medizinischen Modells „psychischer Krankheiten“. Doch ihre Symbolkraft beruht auf einer profanen Fehleinschätzung, deren Wurzeln im Reich des Wunschdenkens, der Eitelkeit und des Eigeninteresses zu suchen sind.

Literatur

Andreasen, N. C. & Black, D. W. (1993). Lehrbuch Psychiatrie. Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union

Borgwardt, S. et al. (2012). Why are psychiatric imaging methods clinically unreliable? Conclusions and practical guidelines for authors, editors and reviewers. Behavioral and Brain Functions, 8:46

Luhrmann, T. M. et al. (2015). Differences in voice-hearing experiences of people with psychosis in the USA, India and Ghana: interview-based study. The British Journal of Psychiatry Jan 2015, 206 (1) 41-44

NIMH (o. J., Download 2015). Neuroimaging and Mental Illness: A Window Into the Brain (Diese Web-Seite wurde inzwischen leider gelöscht)

Sacks, O. (2012). Hallucinations. New York, N. Y.: Knopf

Satel, S. & Lilienfeld, S. O. (2013). Brainwashed. The Seductive Appeal of Mindless Neuroscience. New York, N. Y.: Basic Books

Uttal, W. R. (2011). Mind and Brain. A Critical Appraisal of Cognitive Neuroscience. Cambridge: MIT Press

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1 Es gibt charakteristische und erhebliche Unterschiede hinsichtlich des Charakters der Stimmen, die von Betroffenen in unterschiedlichen Kulturen berichtet werden. Während beispielsweise die Stimmen, die weiße Amerikaner hören, tendenziell harsch und bedrohlich klingen, sind sie in Afrika und Indien eher wohlwollend und spielerisch (Luhrmann et al. 2015).

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