Furcht vor sexueller Belästigung und Vergewaltigung

Seitdem sich der Zustrom von Migranten aus islamischen Ländern 2015 in Deutschland krisenhaft zuspitzte, steigt auch die Furcht der Frauen vor sexueller Belästigung und Vergewaltigung. Es ist offenkundig nicht zu bestreiten, dass sich manche dieser Männer Straftaten in diesem Bereich zuschulden kommen ließen. Dennoch aber ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer solcher Übergriffe zu werden, vergleichsweise gering. Die Wahrscheinlichkeit, im eigenen Haushalt selbstverschuldet einen Unfall zu erleiden, ist vermutlich größer.

Inzwischen fühlt sich eine Mehrheit der Frauen nicht mehr so sicher auf Deutschlands Straßen und Plätzen wie noch vor einigen Jahren. Die entscheidende Wende erfolgte wohl anlässlich der Ereignisse auf dem Kölner Bahnhofsvorplatz. Dieses Phänomen – so verständlich es einem auch vorkommt – erscheint bei näherer Betrachtung doch als überaus erklärungsbedürftig. Denn weitaus größere alltägliche Gefahren werden von den meisten Frauen doch eher gelassen hingenommen.

Manche meinen nun, die gestiegene Furcht sei die Folge zunehmender Berichterstattung über solche Straftaten in den Medien. Und in der Tat kann nicht bestritten werden, dass die allermeisten Frauen von diesen Phänomenen nicht aus eigener Erfahrung wissen, sondern dass ihnen die entsprechende Information durch Zeitungen, das Internet und das Fernsehen zugetragen wurde. Die Psychologen sprechen hier von einem Verfügbarkeitseffekt. Wird häufig über eine Gefahr berichtet, ist so auch dem Bewusstsein leicht verfügbar, dies führt zu einer Überschätzung ihrer Wahrscheinlichkeit und entsprechend zu zunehmenden Ängsten.

Diese Erklärung scheint auf den ersten Blick plausibel. Dennoch kann sie mich nicht überzeugen. Die Medien berichten Tag für Tag über Verkehrsunfälle. Auch nur annähernde vergleichbare emotionale Reaktionen löst dies aber nicht aus. Zumindest als alleinige Erklärung ist der Verfügbarkeitseffekt also nicht geeignet.

Manche unterstellen, die steigende Furcht der Frauen sei die Folge der Hetze und des bewussten Angsteinflößens durch Rechtspopulisten, Rechtsextreme, Rechtsradikale und Nazis. Diese würden insbesondere das Internet benutzen, um jeden derartigen Vorfall aufzubauschen und auszuweiden. Sie würden sogar Fake News verbreiten, um Panik zu entfachen.

Wenn man sich manche Kommentare in den sozialen Netzwerken anschaut, so könnte einem diese Erklärung durchaus plausibel erscheinen. Doch einer eingehenden Betrachtung hält auch dieses Argument nicht stand. Schließlich steigt die Furcht bei weitaus mehr Frauen, als die Rechten weibliche Anhänger haben. Und diese verbreiten auch Ängste in anderen Bereichen, ohne das dies den gleichen Widerhalt beim weiblichen Geschlecht fände. Nein, die These des Angstschürens kann nicht wirklich befriedigen.

Wir wissen bei weitem nicht so viel über menschliches Verhalten, wie uns Psychologen und Psychiater weismachen wollen. Vieles ist ein Rätsel. Es gibt allerdings einige grundlegende Einsichten, an denen nicht mit vernünftigen Gründen gezweifelt werden kann. Dazu zählt das Prinzip von Lohn und Strafe. Jeder weiß, dass Verhalten, das belohnt wird, die Tendenz zu Wiederholung aufweist. Wird es bestraft, so schwächt es sich ab.

Angst zu zeigen ist nun ein Verhalten, für das dieselben Gesetze gelten wie für anderes Verhalten auch. Üblicherweise haben die Menschen für Angstreaktionen ihrer Mitmenschen Verständnis, aber nicht übermäßig. Ganz gering ist das Verständnis, wenn die Angst Menschen daran hindert, Wünschenswertes zu tun. Deswegen neigen wir dazu, uns am Riemen zu reißen und der Furcht keinen allzu großen Raum einzuräumen.

Zeigt heute aber eine Frau Furcht vor sexueller Gewalt durch Migranten, so darf sie sogar dann mit Verständnis rechnen, wenn diese Reaktion nach menschlichem Ermessen maßlos übertrieben erscheint. Und dies, so fürchte ich, könnte daran liegen, dass vielen, vielen Menschen diese emotionale Reaktion nur zu gut in den Kram passt.

Denn weitaus mehr Menschen, als öffentlich zugeben, wollen den Zustrom von Migranten, vor allem von Muslimen drastisch begrenzen. So denken nicht nur die Wähler der Rechten, sondern dies ist ein mehr oder weniger klar bewusster Impuls der Ablehnung von Zuwanderung in diesem Ausmaß bei sehr vielen Bürgern. Was aber spräche denn mehr gegen Migration als das Argument: „Unsere Frauen fühlen sich nicht mehr sicher auf unseren Straßen und Plätzen.“

Und so ist die Äußerung von Furcht vor sexueller Gewalt durch Migranten ein Verhalten, das mit Applaus rechnen darf. Verhalten, das belohnt wird, verstärkt sich. Würde – warum auch immer – für eine Weile z. B. zunehmend über die Gefahren der Handy-Nutzung berichtet, müsste mit Derartigem nicht gerechnet werden.