Bewusstseinskontrolle

Es geschieht natürlich nur zu ihrem Besten. Mit Eigennutz hat das nichts zu tun. Herrschaft spielt keine Rolle. An Niedertracht darf nicht einmal gedacht werden.

Fred Müller neigt dazu, sich grundlos durch die Haare zu streichen, wenn er sich beispielsweise ein spannendes Fußballspiel anschaut oder seiner Frau die Funktion der Fernbedienung auseinanderlegt.

Fred Müller stört das nicht, im Gegenteil, er bemerkt es nicht einmal. Liese Müller aber sagt: „Streich‘ dir doch nicht pausenlos durch die Haare, Fred.“ Manchmal sagt sie auch: „Muss du dir denn immerzu durch die Haare streichen?“ Und gelegentlich heißt es: „Warum streichst du dir nur unentwegt durch die Haare?“

Fred Müller sagt „Ja, ja!“ oder „Weiß auch nicht!“ Für eine Weile unterdrückt er dann eventuell sogar den Impuls, aber nicht auf Dauer. Allein, Liese Müller bleibt beharrlich. Weiß sie doch: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Bestätigt findet sie ihr Verhalten durch die Werbung. Auch diese wirkt ihre Wunder bekanntlich durch beständige Wiederholung.

Liese Müller fühlt sich natürlich im Recht. Sie will nur nicht, dass sich ihr Ehemann zum Narren macht. Er streicht sich ja auch sinnlos durchs Haar, wenn andere dabei sind. Nicht auszudenken, was seine Kollegen davon halten oder gar sein Chef.

Fred Müller bemerkt davon allerdings nichts. Ihm fällt nicht einmal auf, dass er sich durch die Haare streicht – es sei denn, seine Frau ermahnt ihn.

Schlussendlich geht sie ihm so auf die Nerven, dass ihre Erziehungsmaßnahme  Wirkung zeigt. Er stellt die störende, genauer: Er stellt die seine Frau störende Marotte ein.

Wir wissen nicht, welche Funktion dieses Verhaltensmuster im Persönlichkeitssystem Müllers erfüllte. Es mag sein, dass er sogar erleichtert ist, die seltsame Angewohnheit überwunden zu haben. Gleichermaßen ist es möglich, dass er erst wieder halbwegs zufrieden ist, bis er einen passablen Ersatz gefunden hat. Vielleicht kaut er in Zukunft an den Nägeln und das Spiel geht von vorn los.

Interaktionen auf diesem Niveau ereignen sich ununterbrochen auf diesem Planeten. Ihnen gemeinsam ist, dass Menschen das Verhalten ihrer Zeitgenossen zu kontrollieren versuchen, ohne sie gefragt zu haben. Für diese Kontrolle gibt es keine freundliche Bezeichnung, es ist eine Anmaßung.

Unsere Vorfahren, die für unsere moderne Demokratie auf den Barrikaden standen, die mitunter für sie sogar ins Gefängnis gingen oder ihr Leben ließen – sie hatten einen Traum: Er handelte von mündigen Bürgern, die den Mut haben, sich ihres Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen (um Kant zu paraphrasieren). Die Menschen sollten nicht mehr herumgeschubst werden wie auf den Gütern der Feudalaristokratie oder beim Militär eines autokratischen Monarchen.

Dieser Traum ist bisher ein Traum geblieben. Die Leute werden heute von Propaganda-Agenturen mit Hilfe der Medien herumgeschubst, damit sie unter Umgehung ihres Verstandes auch ja das Richtige wählen. Und die Leute lassen sich das gefallen. Viele halten dies sogar für Freiheit.

Es könnte kaum einen größeren Kontrast geben zwischen dem Konzept der modernen Demokratie und den heute herrschenden Verhältnissen. Dies liegt auch daran, dass die Menschen es nicht anders gewöhnt sind. Von klein auf und Tag für Tag versuchen andere, sie ungefragt zu kontrollieren. Das ist einfach bequemer, als an ihren Verstand zu appellieren.

Jeder verwendet viel Fleiß und Mühe darauf, seine Mitmenschen mit dem einen oder anderen Trick oder auch nur durch schiere Penetranz zu manipulieren. Der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Entscheidend ist, was hinten dabei herauskommt.

Doch wer echte Demokratie will, der darf sich nicht nur darum kümmern, dass freie Wahlen stattfinden und dass die Wahlzettel fair ausgezählt werden. Es genügt auch nicht, nur für das Recht auf freie Meinungsäußerung zu kämpfen. Das alles reicht nicht.

Selbst wenn alle formalen Voraussetzungen erfüllt sind, so gäbe es keine Demokratie, wenn das Entscheidende fehlte: Demokraten. Demokraten sind nicht Leute, die Demokratie gut finden, so wie man für einen Popstar schwärmt oder von einem Urlaubsziel begeistert ist. Demokraten sind Leute, die den Mut haben, sich ihres eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen. Demokraten sind Leute, die den Regierenden auf die Finger schauen, die rational überprüfen, welche Politik getrieben und welche unterlassen wird.

Zur Zivilisation gehört nicht nur, dem Staat das Gewaltmonopol zu übertragen, obwohl dies die Voraussetzung für alles andere ist. Zur Zivilisation zählt darüber hinaus, den Eigensinn und die Vernunft der Mitmenschen zu respektieren und ihre Anwendung zu ermutigen.

Wir sind ein barbarisches Land. Noch Fragen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.