Bergpredigt

Er stand auf einem Berge. Dem Volk galt seine Rede. Jedwedem Volk. Der Menschheit. Steinmeier, Bundespräsident. Der Berg trägt, in Erinnerung an vergangene Schlachten mit unzähligen Gefallenen, den Beinamen „Menschenfresser“.

Und also sprach Steinmeier: „Nicht dieser Berg ist ein Menschenfresser – der Nationalismus ist ein Menschenfresser.“ Mörderisch sei nicht der Berg gewesen, sondern „der Irrglaube an die Überlegenheit der eigenen Nation über andere Nationen, für den Millionen junger Männer in den Krieg zogen und darin umkamen.“1)Steinmeier und Macron erinnern der Kriegstoren

Als ich jung war, Tertianer, in der hohen Zeit des Kalten Krieges, lernte ich: Nationalismus ist böse, Patriotismus ist gut. Es wurden Leute gebraucht, die ihr Vaterland liebten, da es galt, gegen die Kommunisten zu bestehen. Ohne ein bisschen Vaterlandsliebe, so fürchtete man wohl, würde der junge deutsche Mann der roten Gefahr im Feld nicht gewachsen sein. Nationalismus war, in Form des Antikommunismus, allerdings nur in dieser, durchaus erwünscht. Man durfte ihn nur nicht so nennen. Lange her.

Vom Patriotismus ist heute kaum noch die Rede. Wer dennoch davon spricht, wird als rechtspopulistisch, wenn nicht als Nazi eingestuft. Vaterlandsliebe wird nicht mehr so dringend gebraucht, wenn es um die Einheit Europas geht.

Der Nationalismus, sagt unser Bundespräsident, ist ein Menschenfresser. Er sagt nicht: Der Egoismus ist ein Menschenfresser. Er könnte es mit dem gleichen Recht, wohl mit größerem Recht sagen.

Der Egoismus stellt die Interessen eines Individuums über die seiner Mitmenschen. Der Nationalismus stellt die Interessen der eigenen Nation über die anderer Nationen. Nationalismus ist Egoismus in größerer Dimension.

Das aber, so unterstelle ich ihm, möchte unser Bundespräsident nicht äußern. Aus seiner Zeit als SPD-Politiker weiß ich, dass er zu den Neoliberalen zählt. Die meinen, dass Gutes und nur Gutes dabei herauskommt, wenn Egoisten am Markt miteinander konkurrieren. Man nennt das Selbstregulation. Selbstregulation frisst keine Menschen. Oder doch?

Der Nationalismus sei der Irrglaube an die Überlegenheit der eigenen Nation über andere Nationen, sagt Steinmeier. In meiner Jugend wurde mir derartiger Relativismus bereits in der Grundschule ausgetrieben. Selbstverständlich sei unser System dem Menschen verachtenden Kommunismus überlegen, so predigten die Schulmeister. Lange her.

Heute werden derartige Überlegenheitsgefühle nicht mehr gebraucht. Es gilt, Gegensätze zu überwinden. Jeder hat seine Stärken und Schwächen. Nationalismus ist ein Menschenfresser. Gutes und Schlechtes sind relativ. Deswegen kann es auch keine Nationen geben, die anderen überlegen sind – in dieser oder jener Hinsicht. Nordkorea und Deutschland – was zählen da die Unterschiede?

Und nun kommt das stärkste Stück: Wegen ihres Irrglaubens zogen Millionen Männer in den Krieg und kamen darin um. Sagt Steinmeier. Sie gingen nicht etwa an die Front, weil sie einen Befehl dazu erhalten hatten, weil sie sonst wegen Wehrdienstverweigerung bestraft worden wären – nein: Es war der Irrglaube.

Welch ein Hohn! Steinmeier sprach in einer Gedenkstätte, die an die Kriegsgräuel des 1. Weltkriegs gemahnt. Damals waren viele Deutsche in der Tat euphorisch, bejubelten den Waffengang. Allerdings setzte rasch Ernüchterung ein. Konnten sie daraufhin nach Hause gehen?  Die Staatenlenker, die sie in den Krieg schickten, hätten wohl etwas dagegen gehabt.

Der Nationalismus ist ein Menschenfresser? Nationalismus ist ein abstrakter Begriff. Er tut nichts. Im 1. Weltkrieg war die Quelle der Kommandos die Oberste Heeresleitung. Da führte kein Nationalismus das Regiment. Es waren Menschen. Und zu diesen Menschen zählte nicht jeder Nationalist. Das war eine Elite, eine Machtelite.

Der Nationalismus ist eine Ideologie. Ideologien motivieren. Stacheln sie Menschen nur zum Töten an? Nationalismus ist, wie bereits erwähnt, Egoismus im Großen. Egoismus ist eine Ideologie. Er ist der Glaube daran, dass Individuen zuerst für sich selbst sorgen sollen und dürfen. Wenn Menschen miteinander konkurrieren, dann führt der Egoismus dazu, dass sie sich übers Ohr zu hauen versuchen. Schauen wir uns beispielsweise das Treiben am Pharma-Markt und in der Pharma-Industrie an, so finden wir rasch Beispiele für diese Einschätzung.2)Psychopharmaka – Mehr Schaden als Nutzen

Niemand aber, der noch halbwegs bei Trost ist, würde behaupten, die vom Egoismus angetriebene Marktwirtschaft bringe nur Schlechtes hervor. Warum sollte der Nationalismus, dieser Egoismus im großen Stil, nicht auch Positives zeitigen?

Fußnoten   [ + ]

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