Begriff und Wirklichkeit in der Psychiatrie

Im wissenschaftliche Sinn valide ist ein Begriff, dem Tatsachen entsprechen. Der physikalische Begriff „Quark“ ist z. B. valide. Man kann diese Teilchen in Teilchenbeschleunigern nachweisen.

Tatsachen sind Sachverhalte, deren Bestehen von unabhängigen Beobachtern bezeugt werden kann. Sie nehmen diese Sachverhalte mit den eigenen Sinnen wahr. Eventuell benutzen sie dazu Instrumente, wie beispielsweise Mikroskope.

In der Wissenschaft werden Begriff im Allgemeinen durch Experimente oder systematische Beobachtungen validiert. Ein Experiment oder eine Beobachtung geben Hinweis auf die Existenz eines Sachverhalts. Forschergruppen an verschiedenen Instituten versuchen, das Experiment zu wiederholen oder die Beobachtung nachzuvollziehen. Gelingt dies, so darf der mutmaßliche Sachverhalt als Tatsache gelten.
So schützt sich die Wissenschaft vor einer Fehlinterpretation zufälliger Befunde oder Täuschung.

Das Einhorn ist ein Säugetier, das einem Pferd ähnelt, aber ein gewundenes Horn auf der Stirn trägt. Es hat gespaltene Hufe, einen Löwenschwanz und einen Ziegenbart. Sein Fell ist reinlich weiß. Einhornhengst und Einhornstute leben monogam zusammen, bis eines der beiden Tiere stirbt. Der Witwer oder die Witwe ziehen dann zum Horizont, um dort mit der untergehenden Sonne zu verschmelzen.

Man wird dieses Tier in der biologischen Nomenklatur vergeblich suchen. Denn es fehlt der Holotypus, ein Exemplar des Namensträgers, das in einer wissenschaftlichen Sammlung aufbewahrt wird.

Kurz: „Einhorn“ ist kein valider wissenschaftlicher Begriff. Ihm entspricht nichts in der Realität. Man muss es, bis zum Beweis des Gegenteils, als Fabeltier betrachten, als Ausgeburt der Fantasie. Weitere hypothetische Lebewesen dieser Art sind Bigfoot und Yeti oder die Steinlaus (Petrophaga lorioti).

Der psychisch Kranke ist ein ebensolches hypothetisches Lebewesen. Zwar gibt es Menschen mit problematischen Formen des Verhaltens und Erlebens. Sie sind z. B. übertrieben traurig oder vertreten abwegige Ideen. Durch diese Beobachtung ist aber noch nicht bewiesen, dass dieses Verhalten und Erleben tatsächlich durch eine Krankheit verursacht wird.

Es gibt bisher keine objektiven Tests, mit denen man eine psychiatrische Diagnose erhärten kann. Diese Diagnose beruhen ausschließlich auf subjektiven Äußerungen des mutmaßlichen Patienten oder dritter Personen (z. B. Angehörigen).

1961 schrieb der amerikanische Psychiater Thomas Szasz: „Die psychiatrischen Krankheiten sind ein Mythos.“ Damit löste er einen Sturm der Entrüstung aus. Allein bisher gelang es der Psychiatrie nicht, ihn zu widerlegen. Sie konnte keine Studien vorlegen, die zweifelsfrei belegen, dass irgendeine der psychischen Krankheiten tatsächlich durch einen physiologischen Prozess im Nervensystem verursacht wird. Auch spezifische psychische Abläufe als Ursache für psychische Krankheiten wurden bisher noch nicht entdeckt. Allerdings herrscht an Spekulationen auf diesem Gebiet kein Mangel. Doch Spekulationen sind keine Beweise.

Die Kryptozoologie ist ein Teilgebiet der Biologie, das vor dem Menschen bisher verborgene Tierarten aufspürt. Manchmal ist dieser Disziplin durchaus Erfolg beschieden. So hielt man zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Berggorilla noch für eine Ausgeburt der Fantasie. Seine reale Existenz ist heute Schulwissen. Andere Entdeckungen verborgener Lebewesen, wie im Falle des Bigfoots oder des Yetis, erwiesen sich allerdings als Schwindel.

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass die Kryptomedizin irgendwann einmal einen „psychisch Kranken“ ausfindig macht. Psychisch Kranke sind im medizinischen Sinn Menschen, die aufgrund körperlicher Ursachen beispielsweise an einer „Schizophrenie“, an einer „Depression“ oder an einer „Aufmerksamkeits-/Hyperaktivitätsstörung“ leiden.

Es ist aber auch denkbar, dass es sich bei diesen „Krankheiten“ um willkürliche Zusammenstellungen von Phänomenen handelt. Diese Phänomene werden  als „Symptome psychischer Krankheiten“ gedeutet, obwohl sie eventuell andere Ursachen haben. Sie als einheitliche, voneinander abgegrenzte „Syndrome“ zu betrachten, wäre also ein Irrtum.

So wie mancher Bigfoot mitunter schon als gemeiner Bär identifiziert wurde, musste auch schon mancher „psychisch Kranke“ aus den Verzeichnissen psychiatrischer Fabelwesen entlassen werden.

Man denke zum Beispiel an den Homosexuellen. Zwar halten Psychoanalytiker auch heute noch daran fest, dass Homosexuelle pervers und krank seien. Aber es gibt ja auch obskure Vereinigungen, die die beispielsweise an die Realität von Yetis glauben, obwohl die Fachwelt allgemein davon nichts wissen will. Aus den maßgeblichen Klassifikationssystemen psychiatrischer Krankheiten (DSM, ICD) ist die Homosexualität jedenfalls verschwunden.

Andererseits existieren natürlich auch körperliche Erkrankungen mit Auswirkungen auf das Verhalten und Erleben. Mitunter stellt sich eine mutmaßliche „psychische Krankheit“ als neurologische oder sonstige körperliche Störung heraus. Die Epileptiker beispielsweise galten seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhundert als „psychisch Kranke“, bis schließlich die tatsächliche Ursache dieser Störung identifiziert werden konnte.

Wenn etwas wirklich Vorhandenes nicht für das, was es ist, sondern für etwas anderes gehalten wird, spricht man von illusionärer Verkennung. Dies dürfte häufig der Grund für UFO-Sichtungen sein. Die fehlende Validität psychiatrischer Diagnosen spricht dafür, dass auch diesen eine illusionäre Verkennung zugrunde liegt.

Man meint, einen psychisch Kranken zu sehen. Das, was tatsächlich mit den Sinnen wahrgenommen wird, ist aber ein Mensch, der sich aus unbekannten Gründen bizarr verhält. Er bekundet z. B., Stimmen zu hören, die sonst niemand hört oder an Ideen zu glauben, die andere für nicht plausibel oder abwegig halten.

Nicht nur bei der Wahrnehmung mit dem bloßen Auge, sondern sogar unter Zuhilfenahme moderner Instrumente, sind wir vor illusionären Verkennungen nicht gefeit.

Dies zeigt sich z. B. bei den voll computerisierten bildgebenden Verfahren, mit denen man den Ursachen „psychischer Krankheiten“ im Gehirn auf der Spur zu sein wähnt. Dabei lassen wir uns allerdings von bunten Bildern täuschen. Die Auflösung dieser Verfahren ist viel zu gering, um die entscheidenden mikroskopischen Netzwerke im Hirn sichtbar zu machen.