Ballade vom Glanz und Elend der Homöopathie

Inhaltsverzeichnis

1

Ein schwarzes Schiff nahm ihn an Bord,
in einem kleinen Hafenort,
wo er im dreißigsten Jahr
ein Frisör und Salber war.

Er wurde aus der Stadt gejagt,
weil eine Frau, von Gicht geplagt,
untreu wurde durch seine Arznei,
dem Ehemann war’s nicht einerlei.

Der Bürgermeister war der Gatte
und deshalb gab es keine Debatte.
Schuld war der Salber, ohne Frage.
Dies also war die Ausgangslage,
als Hans Quack sich, mit unterdrücktem Fluchen,
grimmig anschickte, das Weite zu suchen.

2

Herzpurpur blähte das Segel mit Wucht,
trieb das Schiff in eine düstere Schlucht.
Kapitän und Mannschaft waren Skelette,
denen sich niemand gern anvertraut hätte.

Zunächst ging’s lustig und geschwind,
doch bald ermattete der Wind.
Russige Treidler kamen aus den Fichten,
um mürrisch ihre Arbeit zu verrichten.
Die Segel entbehrten des Windes sehr.
Manneskraft sorgte nun für den Verkehr.

Vor Flussungetümen, die in Strudeln hausten,
sich die Treidler, so hieß es, erbärmlich grausten.
Gefahr bestand, dass dort, wo die Monster verweilten,
die Treidler skrupellos ihren Seilen enteilten.

Als ein Untier dann auftauchte aus den Fluten,
verschwanden die Treidler auch, wie zu vermuten,
in des Waldes unermesslichem Grün.
Nur einer blieb dort und stellte sich kühn.
Und trotzte seelenruhig dem monströsen Wesen.

Kein Wunder. Er gehörte zum Volk der Chinesen.
Denn nach der Erkenntnis des Konfuzius
bringt ein Drache Glück nur und keinen Verdruss.
Der Treidler, der so dreist und vermessen
sich überschätzte, wurde gefressen.

3

Doch der Spuk war bald vorbei
durch Hans Quacks gute Arznei,
die er flugs ins Wasser schmiss,
was das Monster schier zerriss.
Kein Trug sind Hahnemanns Elexiere,
denn darauf reagieren auch Tiere.

Dieser Erfolg gab dem Flüchtling Quack Mut,
milderte seine Verzweiflung und Wut.
Er war sich keiner Schuld bewusst.
Zurückzukehr’n hatte er Lust.
Konnte er das Ungetüm bezwingen,
könnt’s ihm auch bei den Bürgern gelingen.
Mit Kraft und Saft der Homöopathie
fühlte er sich stark und voller Genie.

Häuslich war’s, verdammt, und Buttermilch!
Dieser Bürgermeister, dieser Knilch.
Hat einen Schuldigen gesucht.
Ich geb‘ nicht auf, er sei verflucht.
Große Schranzen überm Dach.
Sei gewitzt, Hans Quack, denk nach!

4

Dank der zauberischen Macht der Globuli
blies der Wind nun so stark wie zuvor noch nie.
Sogar unser Salber war erstaunt und fasziniert,
dass Homöopathie selbst schlechtes Wetter kuriert.

Hurtig ging’s nun einem fernen Ziel entgegen,
doch daran war Hans Quack nicht mehr gelegen.
Da dichter noch, als dräuten sie.
(Das war zum Glück nur Poesie).
Getrichtert, hart und gottergeben –
Ja, so eben ist auch das Leben.

Mit einem Rettungsboot ans Ufer überzusetzen,
bat er den Captain und erntete bares Entsetzen.
Unter Skeletten sei es seit Jahren
nicht Brauch, mit Rettungsbooten zu fahren.
Dies brächte nur Gefahr in einem fort.
Zudem gäb’s Rettungsboote nicht an Bord.

Nur eine List konnte ihn noch retten.
Globuli helfen nicht bei Skeletten.
Geschrieben stand dies in einem magischen Buch
und daher wagte er erst gar nicht den Versuch.

Denn Experimente, das wusste der Mann,
kommen gegen uralte Weisheit nicht an.
Um bei Skeletten sämtliche Knochen krachen
zu lassen, war mit Heilkunst kein Staat zu machen.

5

Zur Umkehr bewegst du den Knochenmann
nicht durch Wundertaten und Zauberbann.
Kannst du die Massen für dich gewinnen,
wird er sich endlich anders besinnen.

Die Masse, die ihren Willen entdeckt,
hat manches Skelett zum Leben erweckt.
Die Skelette waren Automaten,
die einst aber eine Seele hatten.
Doch traten Massen, die fordernd grölen
vor ihre blicklosen Augenhöhlen,
dann fügte sich wieder Fleisch zum Gebein,
und zwar wahrhaftig und nicht nur zum Schein.

Den Passagieren redete der Salber nun ein,
dass die Skelette des Teufels Sendboten sei’n.
Sie müssten die Skelette zwingen, das Schiff zu wenden,
sonst würden sie unweigerlich in der Hölle enden.

Jeden Einzelnen sprach Quack an als den Gerechten,
dem nichts wichtiger als das, was and’re dächten.
Herausstehend sei er, für sich eine Klasse
und daher eine Zierde jedweder Masse.

Sei ein solcher Mensch zur Umkehr entschlossen,
dann fände er auch die rechten Genossen.
Die Bläue des Himmels, die Freiheit der Berge
seien die Richtschnur und nicht die Sieben Zwerge.

6

Auch wenn die Leute nicht alles verstanden,
so war guter Wille durchaus vorhanden.
Schon bald erhob der Masse Zorn keck
sein Schwert auf des schwarzen Schiffes Deck.

Rasch war das Deck voller Menschen mit flammenden Blicken,
bereit, die Skelette notfalls in Beinhaus zu schicken.
In den Skeletten regte sich mächtige Wut
und entfachte die erloschene Lebensglut.

Wer wagt es? rief der Kapitän – die Mannschaft stand Spalier –
und verwandelte sich in einem schmucken Offizier.
Vom Fleisch umschlossen war nun wieder sein Gebein.
In den Augen strahlte mysteriöser Schein.

Die Mannschaft nun wieder: kraftvolle Jugend,
zum Bersten erfüllt von menschlicher Tugend.
Also eitel und oberflächlich
und natürlich äußerst bestechlich,
dazu feige, auf eigenen Vorteil bedacht.
Und dies verlieh der Masse wundersame Macht.

„Purpur gibt den Segeln Fahrt,
Hunde bellen in der Gischt.
Hinter uns ein Mann, der Art,
dessen Licht erlischt.“
So skandierten die Chöre am Ufer,
schauerlich laut, verzweifelte Rufer.

7

„Zurück, sonst werden wir mit Mann und Maus verderben!“,
rief die Masse, „und auf dem Grund des Flusses sterben.“
Die Mannschaft schwankte und wankte,
als die Menge Umkehr verlangte.

Der Kapitän jedoch, er stand felsenfest.
Doch der Geheul des Untiers gab ihm den Rest.
Aus Fleisch und Blut bestehend, dachte er sich weise,
er sei nun auch eine gute Monsterspeise.

Die Treidler hatten den Braten längst gerochen
und kamen mit ihren Seilen angekrochen.
Sie zeigten sich reumütig, schuldbewusst,
voll überschäumender Arbeitslust.

Und endlich gegen Abend dann
kam das Schiff am Ausgangsort an.
Die Bürger hatten den Salber gern zurück.
Für viele Kranke war’s ein großes Glück.

Nur der Bürgermeister, in seinem Groll,
fand es gar nicht toll, das Maß war nun voll.
Unter Fluchen und finsteren Schwüren
ließ er den Scheiterhaufen anschüren.

Schon bald brannte Quack im christlichen Feuer.
Da war, trotz Globuli, guter Rat teuer.
Und die bitt’re Moral von der Geschicht‘:
An Homöopathie glaub‘ besser nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.