Automatismen oder Gewohnheiten

Heute ist es wieder Mode geworden, als Ersatz für die oder als Ergänzung zu den „biologischen“ Ursachen „psychischer Krankheiten“ seelische Verletzungen (meist in früher Kindheit) als maßgeblich zu unterstellen. Und ich will gar nicht bestreiten, dass traumatisierende Umwelten Menschen besonders geneigt stimmen können, sofort oder im späteren Leben die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen. Aber es bleibt dennoch die freie Entscheidung des Betroffenen; er ist nicht wie ein Automat dazu gezwungen.

Dennoch erscheinen den Betroffenen und oft auch den Beobachtern die „psychisch kranken“ Muster des Verhaltens und Erlebens wie Automatismen. Die Frage ist, ob diese Erscheinung auch ihrem Wesen entspricht. Entweder ein Verhalten erfolgt automatisch (Beispiel: Achillessehnenreflex), dann hat man keine Wahl. Hat man aber eine Wahl, dann handelt es sich nicht um ein automatisches Verhalten.

Wir Menschen haben fast immer die Wahl. Unser Verhalten beruht weitgehend auf Entscheidungen. Ob diese Entscheidungen Ausdruck eines freien Willens sind oder nicht, ist eine andere Frage. Auf jeden Fall aber findet ein Abwägen statt, das sich auch am Rande des Bewusstseins oder unbewusst vollziehen kann, und dies ist ein Charakteristikum von Entscheidungen. Daher sind die meisten Verhaltensmuster, die als automatisch eingestuft werden, in Wirklichkeit Gewohnheiten.

Gewohnheiten gehen häufig aus bewusst gesteuertem Verhalten hervor, das zur Routine wird und dann kaum noch Aufmerksamkeit erfordert. Doch selbst wenn sich Gewohnheiten nur unbeachtet eingeschlichen, eingeschliffen haben und gedankenloser Wiederholung geschuldet sind, so haben sie doch zumindest eine, meist aber eine Kette von Entscheidungen zur Voraussetzung.

Und auch der Vollzug von Gewohnheiten kann auf Entscheidungen nicht verzichten. Wer z. B. während einer Autofahrt bei ruhigem Verkehr und auf bekannter Strecke telefoniert, fährt in aller Regel gewohnheitsmäßig; und doch ist er in der Lage, in Gefahrensituationen sich voll und bewusst dem Geschehen auf der Straße zu widmen. Also wird diese Gewohnheit von permanenten unbewussten Entscheidungen zur etwaigen Notwendigkeit einer vollen Konzentration auf die Fahrer-Tätigkeit begleitet.

Wer immer und immer wieder eine Praline einer bestimmten Sorte in den Mund steckt und genießerisch auf der Zunge zergehen lässt, der wird sich mit der Zeit daran gewöhnen. Die wahrscheinliche Konsequenz aber, dass nämlich diese Gewohnheit eventuell schwer zu überwinden ist, hat er sich bei seinen vielen Entscheidungen, eine Praline dieser Sorte zu essen, nicht bewusst gemacht. Dennoch hat er eine Gewohnheit ausgeprägt, die ohne diese Entscheidungen nicht zustande gekommen wäre.

Es gibt Gewohnheiten des Wahrnehmens, des Fühlens, des Denkens, des Verhaltens, kurz: jede erdenkliche Lebensäußerung, die nicht allzu komplex und schwierig auszuüben ist, kann zur Gewohnheit werden. Dies gilt natürlich auch für die so genannten psychischen Krankheiten, die selbstredend ebenfalls Gewohnheiten in vollster Blüte sind.

Natürlich sind die „psychisch Kranken“ in der Regel keine Simulanten. Sie würden Stein auf Bein schwören, dass sie für ihre „Symptome“ nichts könnten. Aber bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass sie durchaus viele, viele kleine Entscheidungen gefällt haben, die zu ihren „Symptomen“ führten, ohne dass sie sich dies dabei bewusst gemacht hätten.

Wer sich beispielsweise dazu entschließt, seine Wut zu unterdrücken, weil er sich vor den Konsequenzen ihres Auslebens fürchtet, der darf sich nicht wundern, wenn er früher oder später unter Gemütsverstimmungen leidet. Denn schlussendlich sind unterdrückte Wut und Gemütsverstimmungen ja nur zwei Seiten einer Medaille. Beim „Depressiven“ ist das Unterdrücken von Wut zur Gewohnheit geworden. Man könnte alle erdenklichen so genannten psychischen Krankheiten in dieser Weise durchdeklinieren und würde zu demselben Ergebnis kommen. Dies sei der Fantasie des Lesers überlassen.

In aller Regel entziehen sich die Gewohnheiten, unter denen der „psychisch Kranke“ leidet, der Reflexion des Betroffenen. Er fühlt sich seinen „Symptomen“ hilflos ausgeliefert und wähnt, dass ihnen ein Mechanismus, der sich seiner Kontrolle entziehe, zugrunde läge. In diesem Glauben wird er natürlich durch die Psychiatrie verstärkt, die sich für diesen eingebildeten Mechanismus zuständig fühlt und ihr Einkommen damit generiert.

Dieser Mechanismus aber ist keine Fehlfunktion des Gehirns, sondern eine Gewohnheit, die der Mensch ausgebildet hat, um sein Leben zu bewältigen. Diese Gewohnheiten haben sich oft ohne oder am Rande seiner Aufmerksamkeit entwickelt und darum hat er auch nicht gelernt, diese Verhaltensweisen bewusst zu kontrollieren. Alles, was er zu tun hätte, wäre, sich dazu zu entscheiden, diesen Gewohnheiten seine volle Aufmerksamkeit zu widmen und beharrlich, in einem mitunter mühevollen Prozess, die Kontrolle zurückzuerobern.

Besser wäre es natürlich, die eigenartigen Verhaltensweisen, die von der Psychiatrie als „Symptome“ einer „psychischen Krankheit“ gedeutet werden, gar nicht erst zur Gewohnheit werden zu lassen. Doch leider strömen häufig viel mehr Reize auf uns ein, als unser Bewusstsein zu meistern vermag. Schon allein deswegen entstehen beinahe zwangsläufig manche Gewohnheiten, die wir, sobald sich ihre unerwünschten Konsequenzen zeigen, am liebsten schnell wieder loswürden.

Hat sich eine Gewohnheit erst einmal gebildet, so erscheint sie oftmals als die beste aller Verhaltensalternativen, die dem betroffenen Menschen in seiner Situation zur Verfügung stehen. Dies muss objektiv nicht der Fall sein. Es mag Alternativen geben, die den eigenen Zielen besser dienen würden. Aber wer vermag seine Situation schon immer objektiv einzuschätzen?

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