Farbe

Als ich, vor Jahren, als junger Mann regelmäßig mit der Bahn von Lünen nach Dortmund zur Schule fuhr, sah ich stets kurz vor der Einfahrt in den Hauptbahnhof eine schmucklose Hauswand. Auf diese war großformatig ein Werbespruch gepinselt: „Farbe erhält, was sonst verfällt.“

Die Farbe war verblasst, teilweise abgebröckelt und an einigen Stellen auch nur noch zu erahnen. Das Unternehmen, das einst hinter diesem Werbespruch steckte, hatte schon während des Krieges seinen Betrieb eingestellt, zu einer Zeit, als es bei den Nazis nicht mehr viel zum Übertünchen gab.

Ich fand diesen Widerspruch in sich sehr amüsant. Doch meine Lehrer, denen ich davon berichtete, konnte partout nicht verstehen, was eigentlich der Witz dabei sein sollte. Abbröckelnde Farbe ist schließlich nicht so besonders lustig.

Deswegen fürchte ich, dass meine Leser auch nicht erkennen können, warum mich der gescheiterte Versuch, eine Jamaika-Koalition zu schmieden, an dieses Jugenderlebnis erinnert. Egal, fahren wir fort.

Schwarz steht für das Dunkel des Waldes, grün für seine lebendige Frische und Gelb für die Sonne, die ihre Strahlen über ihn ergießt. Schade, dass uns die schöne Illusion, die sich damit verbindet, nun durch das Platzen der Verhandlungen geraubt wird.

Wir bekommen allerdings so oder so keine Regierung, die Anspielungen an den deutschen Wald zulässt. Ganz gleich, wer die Koalition bildet, ganz gleich, wer Kanzler ist – diese Regierung wird unvergleichlich sein. Wie soll man auch irgendetwas ohne Eigenschaften mit irgendetwas anderem vergleichen.

Es sind offenbar graue Feldmäuse gezüchtet worden in all den Jahren und die Zucht hat sich inzwischen so vervollkommnet, dass sich die Nager vor dem Hintergrund nicht mehr abheben. Früher gab es Adenauer, Brandt, Wehner und Strauss, heute sind X, Y und Z – nein, heute sind X1, X2 … Xn an ihre Stelle getreten.

Sowas nennt man McDonaldisierung. Man erhält in allen Filialen das Gleiche und die einzelnen Produkte sehen unterschiedlich aus, schmecken aber ähnlich. Das ist effizient und den Kunden gefällt es. Sie wählen dieses Angebot, immer und immer wieder.

Fürs Auge ist allerdings gesorgt. Vielfalt kann man herrlich durch einen bunten Anstrich suggerieren, auch wenn sich in den Näpfen und Tüten im Grunde nur der übliche Einheitsbrei befindet. Und dieser wird in großen Tankschiffen weltweit verbreitet. Überall kommt dieselbe Sorte Politiker heraus. Und wenn einer einmal aus dem Rahmen fällt, dann wirkt er so, als stamme er nur von einer anderen Fastfood-Kette.

Farbe erhält, was sonst verfällt. Doch nun ist der Lack ab. Die Töpfchen sind leer und es ist nur noch ein verwaschenes Grau da, das wohl vor Jahren aus Schwarz und Rot gemischt worden ist. Manche möchten das jetzt wieder entmischen. Aber da wird wohl nichts draus.

Hinter den farbig angestrichenen Fassaden der Parteien haben sich farblose Abgeordnete versammelt. Aber wer sagt denn, dass diese nicht wieder Farbe annehmen können, wenn man sie lässt. Ein Chamäleon vor einer Betonwand sieht ja auch grau aus, ohne es zu sein.

In Grundgesetz steht, der einzelne Abgeordnete sei an keine Weisung gebunden und nur seinem Gewissen verantwortlich. Wie wäre es, wenn die Volksvertreter unabhängig von parteilicher Bindung eine Kanzlerin oder einen Kanzler wählen würden. Der müsste sich dann wechselnde Mehrheiten suchen. So schlimm kann das doch nicht sein. Plötzlich welch ein Farbenrausch, wie ein Wald im Indianersommer.

Ein Traum. Die Effizienz spricht dagegen. Der Aufwand für Lobbyisten würde enorm steigen. Das kostet – und nicht nur Nerven, sondern auch Geld. Jede Menge Knete. Und natürlich: Wir, die Kunden, bezahlen das. Irgendwer muss das ja bezahlen und wir sind halt die Beutetiere.

Farbe erhält, was sonst verfällt. Damit ist natürlich die Fassade gemeint. Ich musste damals, als junger Mann, innerlich schmunzeln, als beim Vorbeifahren an der erwähnten Hauswand sich, auf den Sitzen mir gegenüber, eine nicht mehr ganz taufrische Dame ungeniert schminkte. Das geht eine Weile, aber irgendwann, irgendwann geht’s nimmer.