Hypnotische Blindheit

Vorbemerkung

Als “hysterische Blindheit” bezeichnete man früher die bekundete Unfähigkeit zu sehen, sofern diese Störung nicht durch eine körperliche Beeinträchtigung verursacht wurde. Heute tritt dieses Phänomen immer noch auf, aber die Psychiatrie nennt es mit Rücksicht auf den Feminismus nicht mehr hysterisch.

Funktionelle Störungen der Wahrnehmungssysteme und des Bewegungsapparates sind bei Soldaten in Kriegen recht häufig. Die Militärpsychiatrie ersann bereits im 19. Jahrhundert zum Teil brutale, teilweise aber auch sehr raffinierte Methoden, um Soldaten beispielsweise mit einer angeblichen funktionellen Blindheit als Schwindler zu entlarven.

Nicht alle dieser Soldaten landeten als Simulanten vor dem Erschießungskommando. Nicht wenige bestanden die Tests und wurden als Kriegsneurotiker diagnostiziert.

Daraus schließe ich, dass funktionelle Störungen des Sehsinns ohne körperliche Ursachen tatsächlich existieren, also nicht immer vorgetäuscht sind.

Parallelen

In einem Aufsatz für die Ärztliche Standeszeitung in Wien schrieb Sigmund Freud:

„Sie wissen, man nimmt die hysterische Blindheit als den Typus einer psychogenen Sehstörung an. Die Genese einer solchen glaubt man nach den Untersuchungen der französischen Schule eines Charcot, Janet, Binet zu kennen. Man ist ja imstande, eine solche Blindheit experimentell zu erzeugen, wenn man eine des Somnambulismus fähige Person zur Verfügung hat. Versetzt man diese in tiefe Hypnose und suggeriert ihr die Vorstellung, sie sehe mit dem einen Auge nichts, so benimmt sie sich tatsächlich wie eine auf diesem Auge Erblindete, wie eine Hysterika mit spontan entwickelter Sehstörung. Man darf also den Mechanismus der spontanen hysterischen Sehstörung nach dem Vorbild der suggerierten hypnotischen konstruieren.“1)Freud, S. (1910). Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Ärztliche Standeszeitung, Wien, Festnummer für Professor L. Königstein

Diesen Umweg ins Reich der Hysterie habe ich unternommen, weil gegen die Möglichkeit hypnotischer Blindheit gern die Unterstellung vorgebracht wird, diese sei nicht echt, sondern nur eine Gefälligkeit des Hypnotisierten gegenüber dem Hypnotiseur.

Dass dies mitunter der Fall sein mag, will ich vorsichtigerweise nicht bestreiten.

Dennoch kann aus meiner Sicht an der Echtheit dieses Phänomens kein Zweifel bestehen, denn

  • erstens tritt es auch spontan auf, bei den so genannten Hysterikern, und
  • zweitens konnte es in mehr als hundert Jahren empirischer Hypnoseforschung vielfach bei unterschiedlichsten Versuchspersonen aus aller Herren Länder und zu allen Zeiten kraft Suggestion hervorgerufen werden.

Ein merkwürdiger Aspekt

Ein sehr merkwürdiger Aspekt, der sich in diesen Experimenten immer wieder zeigt, soll uns hier besonders interessieren. In einem neueren Experiment wurde er von den Psychologen David Mallard und Richard A. Bryant demonstriert.2)Mallard, D., & Bryant, R. A. (2001). Hypnotic color blindness and performance on the Stroop test. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 49, 330-338

An diesem Experiment nahmen hochgradig hypnotisierbare Versuchspersonen teil. Sie mussten zunächst eine Reihe von Assoziationen von Formen und Farbnamen lernen. Dann wurde ihnen eine Farbenblindheit suggeriert. Schließlich wurden ihnen die Formen gezeigt. Ein Teil dieser Formen hatte die Farbe, die dem zuvor mit ihnen verbundenen Farbnamen entsprach. Bei dem anderen Teil der Formen war dies nicht der Fall.

Mit anderen Worten: Einige der farbigen Formen waren kongruent mit den zuvor gelernten Farbnamen-Form-Assoziationen, die anderen nicht.

Die Versuchspersonen wurden nun gebeten, die Formen zu benennen. In etwa 50 Prozent der Teilnehmer ließen erkennen, dass sie nach einer entsprechenden Suggestion farbenblind geworden waren.

Doch auch bei diesen zeigte sich ein Phänomen, das in der Experimentalpsychologie als “Stroop-Effekt” bezeichnet wird. Falls die Farben der Formen nicht den zuvor gelernten Farbnamen-Form-Assoziationen entsprachen, brauchten auch die hypnotisch farbenblinden Personen länger dafür, die Formen zu benennen.

Dies lässt darauf schließen, dass die hypnotisch Farbenblinden ebenfalls die Farben wahrnahmen, obwohl ihnen dies nicht bewusst war.

Wenn wir, meiner Vorrede eingedenk, die Ehrlichkeit der angeblich farbenblind gewordenen Versuchspersonen voraussetzen, dann offenbarte sich bei ihnen ein Phänomen, das ich als “sehendes Nichtsehen” bezeichnen möchte.

Dieses merkwürdige Phänomen wird noch deutlicher bei einem Experiment mit einem Stuhl, das zur Folklore der experimentellen Hypnoseforschung zählt und im Lauf der Jahrzehnte unzählige Male realisiert wurde.

Der Hypnotisand wird in Hypnose versetzt und ihm wird eine hypnotische Blindheit für einen Stuhl suggeriert. Nun wird der Hypnotisierte aufgefordert, sämtliche Gegenstände in einem Bereich des hypnotischen Laboratoriums, in dem sich nun auch der Stuhl befindet, zu benennen. Die ausreichend hypnotisierbare Versuchsperson wird alle erkennbaren Gegenstände aufzählen, mit Ausnahme des Stuhls.

Nach diesem Test erhält der Hypnotisand den posthypnotischen Befehl, nach dem Aufwachen aus der Hypnose von einem Punkt (A) zu einem anderen Punkt des Raumes (B) zu gehen – und zwar auf dem kürzesten Wege. Die selektive Blindheit für Stühle wird nicht aufgehoben. Zudem wird eine Amnesie für den Vorgang der Hypnotisierung hervorgerufen.

Nun wird der Hypnotisand aus der Hypnose aufgeweckt. Er ist aber immer noch “stuhlblind”. Dies ist ihm natürlich nicht bewusst.

Daraufhin wird das zuvor suggerierte Signal gegeben, das die Ausführung des posthypnotischen Befehls auslöst, auf dem kürzesten Weg von A nach B voranzuschreiten.

Der Hypnotiseur berührt beispielsweise wie zufällig seine Nase mit dem linken Zeigefinger und der Hypnotisand setzt sich in Bewegung. Der experimentellen Anordnung entsprechend, versperrt der Stuhl allerdings den kürzesten Weg zwischen A und B.

In aller Regel wird der hypnotisch selektiv Blinde jedoch nicht mit dem Stuhl zusammenstoßen, sondern sich – nicht selten in skurrilen Mustern – um ihn herumbewegen. Auf Befragen wird er entweder bestreiten, nicht auf direktem Weg von A nach B gegangen zu sein, oder er wird scheinbar vernünftige Gründe für sein Verhalten angeben (Rationalisierung).

Erst wenn die Amnesie für die Hypnotisierung wieder aufgehoben wurde, kann die Versuchsperson den Stuhl bewusst wahrnehmen. Um von A nach B zu gehen und dabei dem Stuhl auszuweichen, ist es logisch zwingend erforderlich, den Stuhl zu sehen. Er muss also bewusst sein.

Gleichzeitig aber weiß die Versuchsperson nicht, dass sie den Stuhl bewusst wahrgenommen hat, sobald sie danach befragt wird.

Überdies hatte die Versuchsperson die Absicht, den Befehlen des Hypnotiseurs zu gehorchen, sie handelte diesen Absichten entsprechend, ohne sich dessen infolge der hypnotischen Amnesie bewusst zu sein.

Und schlussendlich hatte die Versuchsperson auch die Absicht, dem Stuhl auszuweichen, sie handelte in Übereinstimmung mit diesem Vorsatz, rationalisiert aber die Gründe ihres Verhaltens den Tatsachen widersprechend.3)Damit all dies nicht allzu fantastisch klingt, sei darauf hingewiesen, dass nur hypnotische Virtuosi dieses Phänomen voll ausprägen. Die Reaktionen auf entsprechende hypnotische Phänomene sind vielfältig. Manche Versuchspersonen scheinen die Gegenstände nur zu ignorieren, für die sie hypnotisch blind gemacht wurden. Siehe: Gauld, A. (1992). A history of hypnotism. Cambridge, USA: Cambridge University Press, 445 ff. (Abschnitt: Negative hallucinations

Phänomene dieser Art könnte man als “wissendes Nichtwissen” bezeichnen. Die Versuchsperson weiß, dass ein Stuhl im Weg steht und sie weiß es zugleich nicht.

Dieses “wissende Nichtwissen” ist überaus charakteristisch für hypnotische Prozesse – nicht nur im Bereich der hypnotischen Blindheit.

Das “wissende Nichtwissen” widerspricht offensichtlich der Logik, jedenfalls der klassischen. Möglicherweise sind derartige Phänomene nur auf Basis einer nicht-klassischen, einer polykontexturalen Logik im Sinne Gotthardt Günthers4)Gotthardt Günther (1900-1984) war ein deutscher Philosoph und Logiker, der sich mit mehrwertigen Logiken beschäftigte. Die klassische Logik ist zweiwertig: wahr oder falsch. zu verstehen.

Hypnologik

Aus dieser Sicht würde das Bewusstsein durch Hypnotisierung in mehrere Kontexte (mindestens zwei) zerfallen. Jeder für sich gehorcht der klassischen Logik. Sie widersprechen sich aber untereinander.

In oben beschriebenen Fall gäbe es also u. a. folgende Kontexte des Bewusstseins:

  • Kontext 1: Von A nach B gehen, Stuhl sehen, dem Stuhl ausweichen
  • Kontext 2: Von A nach B gehen, den Stuhl nicht sehen, Kursabweichung ggf. vermerken, aber nicht reflektieren.

Beide Kontexte sind während des Handlungsvollzugs, trotz ihrer Widersprüchlichkeit, aktiv. Das Bewusstsein ist gespalten.

Hebt nun der Hypnotiseur die Amnesie des Hypnotisierten für die Hypnose auf, dann tritt die Erinnerung an Kontext 1 hervor und dominiert wieder das Bewusstsein. Der zuvor Hypnotisierte verhält sich also wieder so wie ein Nicht-Hypnotisierter.

Aus meiner Sicht gibt es “nichtwissendes Wissen” nicht nur bei Hypnotisierten. Es handelt sich dabei vielmehr um ein ziemlich alltägliches Phänomen. Dies entzieht sich aber nur zu leicht der Reflexion. Denn nach landläufiger Auffassung kann im Fokus der Aufmerksamkeit immer nur ein Bewusstseinskontext stehen. Dadurch wird die Illusion eines einheitlichen Ichs hervorgerufen.

Das Stuhl-Experiment spricht für die Vermutung, dass es zumindest zwei Ich-Zustände mit zwei voneinander unabhängigen Aufmerksamkeiten geben kann.

Die hypnotische Blindheit wird auch als negative Halluzination bezeichnet. Bei der positiven Halluzination sieht man etwas, was nicht vorhanden ist. Bei der negativen ist es umgekehrt. Negative Halluzinationen setzen aber positive Halluzinationen voraus.

Im vorliegenden Fall muss der Hypnotisand alle Bereiche des Hintergrunds, die vom Stuhl verdeckt werden, halluzinieren. Steht der Stuhl beispielsweise – sagen wir – auf einem Teppich mit einem eingewobenen Kamel, so muss der Hypnotisierte jene Teile des Kamels, die durch die Sitzfläche des Stuhls dem Blick entzogen sind, halluzinieren.

Damit er aber weiß, was er zu halluzinieren hat, was also vom Stuhl verdeckt wurde, muss er den Stuhl gesehen haben.

Pointiert formuliert: Um eine hypnotische Blindheit für einen Stuhl zu entwickeln, muss man den Stuhl sehen. Man muss den Stuhl sehen, um ihn nicht zu sehen. Welcher Teil dieses Phänomens ist denn da bewusst, welcher nicht?

Nehmen wir an, jemand erhält den posthypnotischen Befehl, nach dem Aufwachen aus der Hypnose in die Hände zu klatschen, sobald der Hypnotiseur “Auf Wiedersehen” sagt. Er wird für diesen Befehl amnestisch gemacht. Der Hypnotiseur sagt: “Auf Wiedersehen” und der Hypnotisierte klatscht in die Hände.

Einerseits hatte der Hypnotisierte, weil amnestisch, nicht die bewusste Absicht, in die Hände zu klatschen, weil der Hypnotiseur “Auf Wiedersehen” sagte. Wäre ihm aber nicht bewusst gewesen, dass “Auf Wiedersehen” das vereinbarte Signal dafür war, in die Hände zu klatschen, dann hätte der Hypnotisierte nicht in die Hände geklatscht.

Die konditionierte, gleichsam automatisierte Reaktion auf “Auf Wiedersehen” ist nämlich ebenfalls “Auf Wiedersehen”. In die Hände zu klatschen, ist in diesem Falle ein Durchbrechen einer automatischen Reaktion und genau dies ist ein Charakteristikum bewussten Handelns.

Auch hier die Frage: Welcher Teil ist bewusst? Es ist erlernt, einem Hindernis auszuweichen, sofern man es sieht. Sieht man es nicht, stolpert man darüber oder rasselt dagegen.

Wie ich oben bereits schrieb, setzt die hypnotische Blindheit eine negative Halluzination voraus. Man muss Dinge halluzinieren, die durch den Gegenstand verdeckt werden, für den man durch einen hypnotischen Befehl blind wurde.

Wie schon hervorgehoben: Man muss den Gegenstand gesehen haben, um ihn nicht zu sehen. Weil das so ist, kann man ihm auch ausweichen. Weicht man ihm aber aus, so ist das immer bewusst, auch wenn man darüber nicht nachdenken muss. Ausweichen kann man nämlich nur Gegenständen, deren Lage man verortet. Man muss seinen Abstand zum Gegenstand, dem ausgewichen werden soll, im Handlungsverlauf immer wieder neu bestimmen.

So etwas nennt man in den Neuro-Wissenschaften “executive control” und“executive control” ist ein Merkmal von Bewusstheit. Man denke noch einmal an das Phänomen der hypnotischen Blindheit und an die Tatsache, dass der Hypnotisierte den Gegenstand sehen muss, um ihn nicht zu sehen.

Sehen und Nicht-Sehen sind hier funktionell unentwirrbar miteinander verschränkt, weil die negative Halluzination eine positive Halluzination erfordert, der perfekt auf erstere abgestimmt ist. Und das lässt sich im Rahmen der klassischen Logik eben nicht modellieren.

Ein Experiment: Der Versuchsperson wird eine Liste mit Wörtern vorgelegt. Sie wird aufgefordert, diese Liste auswendig zu lernen. Eines dieser Wörter beginnt mit einem X, sagen wir: Xanten. Nun wird eine selektive Amnesie für alle Wörter erzeugt, die mit X beginnen. Bei derartigen Experimenten können gut hypnotisierbare Versuchspersonen, die sonst fehlerfrei die gesamte Liste erinnern, das Wort “Xanten” nicht reproduzieren. Nicht selten liegt es ihnen aber auf der Zunge. Es kommt ihnen so vor, als kennten sie es, als wüssten sie es, als hätten sie es gleich, Augenblick noch… Nichts ist. Wissendes Nichtwissen.

Alltägliche Quasi-Hypnosen

Alle hypnotischen Phänomene können auch spontan, also ohne Einwirkung eines Hypnotiseurs und ohne formelle Hypnose-Einleitung, im Alltag auftreten. Sie sind dann in aller Regel jedoch nicht so ausgeprägt.

Beispiel: Unter einem Image verstehen wir den Gesamteindruck, den die Mehrheit einer Gruppe von Menschen von einer Sache oder einer Person hat. Durch entsprechende Kampagnen wird versucht, das Image von Gegenständen zu manipulieren.

Häufig wird durch Massenveranstaltungen oder durch die Medien ein quasi-hypnotischer Einfluss auf die Zielgruppen der Kampagnen ausgeübt.

  • Die Nazis beispielsweise versuchten, ein negatives Image der Juden aufzubauen bzw., falls bereits vorhanden, zu verstärken. Dieses Image bezog sich natürlich auch auf die äußere Erscheinung. Die Nazis verstanden sehr viel vom Einsatz hypnotischer Mittel in der Propaganda. Mit diesen Mitteln kann man auch eine hypnotische Blindheit erzeugen. Wenn also die Nazis Juden als raffgierig und reich darstellen, dann dürften viele Deutsche eindeutige Zeichen von Armut oder bescheidene Verhältnisse bei jüdischen Menschen nicht wahrgenommen haben.
  • Ähnliches gilt natürlich für Moslems. Wenn beispielsweise antimuslimische Ideologen mit quasi-hypnotischen Mitteln das Bild der von ihren Männern unterdrückten und gering geschätzten Muslima zeichnen, dann werden selbst deutliche Anzeichen eines respektvollen Verhaltens von Muslimen gegenüber ihren Frauen buchstäblich nicht gesehen.5)Die unlängst verstorbene Mathematikerin Maryam Mirzakhani, die erste Frau, die mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, stammte aus dem islamischen, patriarchalischen Iran. Dort entdeckte man ihr mathematisches Talent bereits in früher Kindheit und förderten sie umfassend. Sie ist nicht das einzige talentierte Mädchen, dem eine solche Behandlung widerfuhr. Im Iran gibt es eigens Gymnasien zur Förderung hochtalentierter Mädchen.

In beiden Fällen handelt es sich aber um ein sehendes Nichtsehen, um wissendes Nichtwissen. Anders als im hypnotischen Experiment, in dem später die Suggestion zurückgenommen wird, bleiben bei solchen Kampagnen-Hypnotisierungen die beiden Bewusstseinskontexte dauerhaft bestehen. Dadurch entsteht ein kognitiv-affektiver innerer Konflikt, der sich bewusster Reflexion entzieht und daher auch nicht aufgelöst werden kann. Dies führt kompensatorisch zu einer Verhärtung des negativ gefärbten Vorstellungsbildes.

Auf diese Weise wird Unsicherheit, die als unangenehm erfahren wird, vermindert. Sobald es also erst einmal gelungen ist, mit derartigen Image-Kampagnen eine hypnotische Blindheit zu erzeugen, gewinnt der psychologische Effekt eine Eigendynamik, wird partiell unabhängig von der quasi-hypnotischen Manipulation.

Fazit

Meine Anmerkungen zur hypnotischen Blindheit können und wollen die Lektüre eines Lehrbuchs zur Hypnose nicht ersetzen. Vielmehr wollen sie auf ein Phänomen aufmerksam machen, das zum Verständnis der so genannten psychischen Krankheiten als richtungsweisend betrachtet werden darf: wissendes Nichtwissen.

Der voll Hypnotisierte handelt so, als ob er keinen freien Willen mehr habe. Die Grundlage dieses Handelns, dieses “Als ob” ist jedoch die freie Willensentscheidung, die Rolle des Willenlosen zu übernehmen. Der Hypnotisierte steht freiwillig unter Zwang.

Dieses Phänomen ist aus meiner Sicht im Rahmen der klassischen, aristotelischen Logik nicht zu begreifen. Daher habe ich vorgeschlagen, es auf Grundlage der Günther-Logik zu modellieren.

Auch der so genannte psychisch Kranke handelt so, also ob er einem Automatismus unterliege, der sich seiner Kontrolle entzieht. Aber er hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, sich diesem Automatismus hinzugeben.

Wie beim Hypnotisierten gehört es zu seiner Rolle, nicht zu wissen, dass er sich dazu entschieden hat – und es gleichzeitig natürlich doch zu wissen.

Er denkt, fühlt und handelt auf Basis wissenden Nichtwissens, also im Rahmen einer polykontexturalen Logik.

Auch dass Image des psychisch Kranken wird von der Psychiatrie und den Medien durch hypnotische Mechanismen geformt, so wie das Bild des Juden durch die Nazis oder des Muslimen durch anti-islamische Ideologen.

Fußnoten   [ + ]

1.Freud, S. (1910). Die psychogene Sehstörung in psychoanalytischer Auffassung. Ärztliche Standeszeitung, Wien, Festnummer für Professor L. Königstein
2.Mallard, D., & Bryant, R. A. (2001). Hypnotic color blindness and performance on the Stroop test. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis, 49, 330-338
3.Damit all dies nicht allzu fantastisch klingt, sei darauf hingewiesen, dass nur hypnotische Virtuosi dieses Phänomen voll ausprägen. Die Reaktionen auf entsprechende hypnotische Phänomene sind vielfältig. Manche Versuchspersonen scheinen die Gegenstände nur zu ignorieren, für die sie hypnotisch blind gemacht wurden. Siehe: Gauld, A. (1992). A history of hypnotism. Cambridge, USA: Cambridge University Press, 445 ff. (Abschnitt: Negative hallucinations
4.Gotthardt Günther (1900-1984) war ein deutscher Philosoph und Logiker, der sich mit mehrwertigen Logiken beschäftigte. Die klassische Logik ist zweiwertig: wahr oder falsch.
5.Die unlängst verstorbene Mathematikerin Maryam Mirzakhani, die erste Frau, die mit der Fields-Medaille ausgezeichnet wurde, stammte aus dem islamischen, patriarchalischen Iran. Dort entdeckte man ihr mathematisches Talent bereits in früher Kindheit und förderten sie umfassend. Sie ist nicht das einzige talentierte Mädchen, dem eine solche Behandlung widerfuhr. Im Iran gibt es eigens Gymnasien zur Förderung hochtalentierter Mädchen.