Außer Kontrolle oder Machtspiel?

Viele Menschen fürchten sich vor „psychisch Kranken“. Oft ist es nur ein Unbehagen, man geht „instinktiv“ auf Distanz. Mitunter äußert sich die Furcht auch in offener Ablehnung. Eine Krankheit ist ein Prozess, den der Betroffene nicht oder allenfalls teilweise kontrollieren kann. Der „psychisch Kranke“ wirkt bedrohlich, weil man vermutet, dass er sich nicht immer hinlänglich im Griff habe. Man rechnet jederzeit damit, dass er etwas Unverantwortliches oder Unvernünftiges tut und dass er dabei womöglich sich und / oder anderen schadet.

Außer Kontrolle? Manche dieser Menschen, die sich als „psychisch krank“ empfinden, spielen mit dieser Furcht. Sie lassen ihre Mitmenschen wissen, dass ihre „psychische Krankheit“ automatisch wieder aufflammen oder sich verstärken könne, wenn man sich nicht sehr rücksichtsvoll um sie kümmere bzw. wenn man ihnen dieses oder jenes verweigere. Die Mitmenschen hätten sich die Konsequenzen selbst zuzuschreiben, da sie, die „Kranken“, ja nichts für ihre „Krankheit“ könnten.

Wer als „Normaler“ an das Konzept der „psychischen Krankheit“ glaubt, ist solchen Erpressungsversuchen hilflos ausgeliefert. Oft ist den Betroffenen gar nicht bewusst, dass sie andere erpressen. Sie haben dieses Motiv verdrängt. Verdrängung ist Selbstbetrug. Denn man kann nichts aus dem Bewusstsein verbannen, wenn man nicht irgendwie vermerkt hat, dass es existiert.

Die „psychische Krankheit“ ist somit häufig ein Machtspiel, das gern von relativ Ohnmächtigen gespielt wird, die keine bessere Möglichkeit zu haben glauben, sich mit ihren Anliegen durchzusetzen. Dass es bei derartigen Machtspielen nicht ohne Blessuren auf allen Seiten abgeht, dürfte sich von selbst verstehen. Der „psychisch Kranke“ kann dann seine Mitmenschen anklagen, sie würden auf einem hilflosen Kranken, der für seinen Zustand nichts könne, erbarmungslos herumtrampeln. Das ist dann die Munition für weitere Machtspiele.

Der Arzt und Psychotherapeut Alfred Adler, dem die Rolle des Machtstrebens im Feld der „psychischen Krankheiten“ sehr wohl bewusst war, schreibt in seinem Buch „Menschenkenntnis“:

“Das Ziel der Überlegenheit ist ein geheimes Ziel. Infolge der Einwirkung des Gemeinschaftsgefühls kann es sich nur im Geheimen entfalten und verbirgt sich immer hinter einer freundlichen Maske.“

Dieser Einschätzung kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen. Manche „psychisch Kranke“ verbergen ihr Machtstreben keineswegs stets hinter einer freundlichen Maske. Der rasende und tobende „Schizophrene“ ist alles andere als freundlich. Aber er verbirgt sich hinter einer Maske, die der freundlichen zumindest gleichwertig ist, nämlich hinter der Maske der Unschuld.

Dies ist einer der Gründe, warum sich manche „psychisch Kranke“ an ihre Diagnose klammern wie an einen Rettungsring. Dank dieser Diagnose gelten sie als nicht voll verantwortlich, als Opfer eines Mechanismus‘, der sich ihrer Kontrolle entzieht. Dies enthebt sie der Notwendigkeit, ihr Machtspiel hinter einer freundlichen Maske zu spielen.

Solche Machtspiele, bei denen der „Normale“ beinahe unausweichlich der Verlierer und der „psychisch Kranke“ der Gewinner ist, speisen ein Hauptmotiv für das Unbehagen, das viele Menschen in der Gegenwart „psychisch Kranker“ empfinden. Selbstverständlich erzeugen solche Machtspiele Leiden, auch bei den „psychisch Kranken“, weil sie oftmals mit einem zähen Ringen verbunden sind, aber nicht selten leiden die Angehörigen mehr als jene, die angeblich „psychisch erkrankt“ sind.

Mir ist bewusst, dass ich hier ein Tabu anspreche und mir den Zorn vieler wohlmeinender Menschen zuziehen werde. Viele erdulden lieber die Zumutungen ihrer „psychisch kranken“ Angehörigen, als dass sie sich dem Zorn hingeben, der sie ergreifen müsste, wenn sie sich die Wahrheit eingestehen würden.

Viele meinen, ich gäbe den „psychisch Kranken“ die Schuld. Doch das ist keineswegs der Fall. Mitunter leben die Betroffenen unter so misslichen Lebensbedingungen, dass ihnen kaum etwas anderes übrig bleibt, als das Machtspiel der „psychisch Kranken“ zu spielen.

Man sollte sich, bevor man von „psychisch Kranken“ spricht, lieber die sozialen Systeme genauer anschauen, in denen derartige Phänomene auftauchen. Aus meiner Sicht entscheiden sich die betroffenen Individuen zwar, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen, aber sie unterliegen dabei meist sozialen und ökonomischen Bedingungen, die ihnen wenig Alternativen bieten.

Was bleibt beispielsweise einer Frau mit einem lieblosen Ehemann, außer Rand und Band geratenen Kindern und mobbenden Kollegen am Arbeitsplatz denn anderes übrig, als „depressiv“ zu werden. Sie hätte zwar unsere Hochachtung verdient, wenn sie dieser „Lösung“ ihrer Probleme widerstünde; aber könnte es ihr verdenken, falls sie nicht die Kraft dazu fände?

Die „psychische Krankheit“ kann durchaus die Sprache sein, mit der man berechtigte Ansprüche anmeldet. Machtspiele sind an sich nichts Schlechtes. Auch ihre Missdeutung als „psychische Krankheit“ kann hilfreich sein, wenn die Aufdeckung ihrer systemischen Ursachen fruchtlos wäre, weil man die Verhältnisse ja doch nicht zu ändern vermag. Mir geht es hier nur darum, offensichtliche Sachverhalte beim Namen zu nennen, vor denen man nur zu gern die Augen verschließt. Mir liegt nichts daran, Schuld zuzuweisen.

Außer Kontrolle? Jeder, der sie sehen will, kann die systemischen Faktoren erkennen, die Menschen geneigt stimmen, derartige Machtspiele zu spielen. Dennoch sind die Menschen diesen Systemeffekten nicht ausgeliefert wie Reaktionsautomaten. Begriffe man sie als Reaktionsautomaten, so würde dies eine einseitige Schuldzuweisung implizieren: Verantwortlich wären dann Familie, Arbeitgeber, Schule, Behörden oder die Psychiatrie, beispielsweise. Schuldig werden alle, die diese Aufziehmännchen in Betrieb nehmen und auf einen verhängnisvollen Kurs setzen.

Dass niemand hilflos systembedingten Zwängen ausgeliefert ist, beweisen jene Menschen, die unter vergleichbaren Bedingungen andere Wege als „psychisch kranke“ Machtspiele gefunden haben, sich Geltung zu verschaffen. Der Einwand, dass die einen durch biologische Einflussgrößen davor geschützt und die anderen dazu gedrängt würden, „psychisch krank“ zu werden, wird durch die Tatsache entkräftet, dass es trotz jahrzehntelanger Forschung mit modernen Methoden nicht gelungen ist, solche Faktoren zu identifizieren.

Außer Kontrolle. Die Psychiatrie hat Machtspiele mit angeblichem Kontrollverlust nicht erfunden. Auch in früheren Zeiten gaben sich Menschen der Raserei oder anderen Formen des mutmaßlichen Verlustes der Selbstbeherrschung hin. Häufig wurde dann die Besessenheit durch Teufel und Dämonen dafür verantwortlich gemacht. So wie früher die Kirche ist heute die Psychiatrie für die Reglementierung solcher Phänomene zuständig, und damals wie heute bedient man sich mitunter drakonischer Mittel.

So wie die Kirche früher ist auch die Psychiatrie heute nicht unparteiisch, wenn sie in „psychisch kranke“ Machtspiele eingreift. Sie agiert im Interesse öffentlicher Ruhe und Ordnung und sie neigt dazu, sich in Konfliktsituationen mit den sozial Stärkeren zu verbünden. Obwohl dies für den so genannten psychisch Kranken schlimmstenfalls mit dem Risiko der Zwangseinweisung verbunden ist, bleibt ihm aber dennoch genug Spielraum, um sich im Machtspiel häufig substanzielle Vorteile zu verschaffen.

Die Quelle der Stigmatisierung „psychisch Kranker“ ist zweifellos die psychiatrische Diagnose. Die „Krankheitsbilder“ sind eine Ansammlung überwiegend negativer Eigenschaften. Wer „psychisch Kranke“ stigmatisiert, kann dies angesichts derartiger Diagnosen als gerechtfertigt empfinden. Allerdings hat die Ablehnung der „psychisch Kranken“ tiefere Wurzeln. Man entwertet sie, wie man den Gegner in Machtkämpfen entwertet.

Die Stigmatisierung ist nur bitter für jene, die zumindest Zweifel daran haben, psychisch krank zu sein, aber so etikettiert wurden. Wer freiwillig die Rolle des „psychisch Kranken“ übernimmt, erleidet durch die Diagnose keine Stigmatisierung, auch nicht durch deren soziale Folgen. Er benutzt die Diagnose und ihre Folgen als Waffe in seinem Machtspiel.

Der Kontrollverlust, den das Krankheitskonzept suggeriert, ist ein wesentliches Element dieses Machtspiels. Er erlaubt den Betroffenen, hinter der Maske der Unschuld zu agieren. Die eigentliche Quelle der Stigmatisierung, nämlich die Diagnose des Kontrollverlusts, wird mit Klauen und Zähnen verteidigt.

„Psychisch Kranke“ werden gefürchtet, weil sie sich angeblich nicht beherrschen können. Und nun fordern die Antistigma-Protagonisten unter den „psychisch Kranken“, man solle sie wie ganz normale Kranke behandeln (also wie Leute, die den pathologischen Prozess nicht steuern können). Nach allen Regeln der PR ist so eine „Message“ ein unverzeihlicher Fehler. Was bringt diese Leute dazu, einen solchen offenkundigen Fehler zu begehen? Will man etwa gar nicht die Stigmatisierung überwinden, sondern nur die Schuldgefühle bei jenen mehren, die stigmatisieren?

Dieses Motiv würde sehr gut zur These des Machtkampfs passen. Stigmatisiert werden in aller Regel Leute, vor denen man sich fürchtet. Warum heizt man dann mit Antistigma-Kampagnen diese Furcht noch an – indem man die Störer als Hirnkranke hinstellt, die außer Kontrolle geraten und für ihre Taten nicht verantwortlich seien?

Wer ernsthaft der Stigmatisierung entgegenwirken möchte, müsste konsequenterweise für die Abschaffung psychiatrischer Diagnosen plädieren. Doch nur wenige „psychisch Kranke“, die sich über Stigmatisierung beklagen, fordern diesen logisch konsequenten Schritt. Auch wenn ihnen dies nicht bewusst ist, so spüren viele Betroffene doch instinktiv, dass sie die Stigmatisierung in Kauf nehmen müssen, wenn sie die Rolle des „psychisch Kranken“ effektiv als Machtspiel ausgestalten wollen.

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