Angehörige

Frauke und Paul sind sei 15 Jahren verheiratet; sie haben eine Sohn, Georg. Seit einiger Zeit macht Georg Schwierigkeiten in der Schule. Er ist ein kreatives Kind und lernt am liebsten, schnellsten und besten, wenn er Gelegenheit hat, neue Einsichten selbst zu entdecken. Die Schule bietet ihm kaum die Chance dazu. Bisher hat er die Zähne zusammengebissen und sich in das scheinbar Unabänderliche gefügt. Doch seit rund sechs Monaten ist er im Unterricht nicht mehr bei der Sache. Fachleute diagnostizieren eine hyperkinetische Störung.

Fraukes Schwester Ernestine meint jedoch im vertraulichen Gespräch unter Schwestern, es gäbe in der Ehe von Frauke und Paul sich verschärfende Spannungen und es könne durchaus sein, dass sich diese beständigen Kleinkriege zwischen den Eheleuten negativ auf Georgs schulische Leistungen und sein Verhalten dort ausgewirkt hätten. Frauke dankt ihrer Schwester für dieses offene Wort, betont aber, dass sie sich, seitdem das Kind erkrankt sei, mit ihrem Mann wieder wesentlich besser verstehe, die Not schweiße eben doch zusammen.

Georg soll ein Stimulans nehmen, da die Eltern aber nicht nur Gutes darüber gelesen haben, kommen sie schließlich überein, eine zweite Meinung einzuholen. Der hinzugezogene Psychologe spricht mit den Eltern, dem Kind und schließlich auch mit Ernestine. Er entwickelt die Hypothese, dass die Verminderung der Streitigkeiten zwischen den Eltern eine Verstärkung der „Symptome“ des Kindes bedeuten könnten. Georg habe gelernt, dass sich die Eltern weniger stritten, wenn sie mit seinen schulischen Schwierigkeiten beschäftigt seien. Er verursache diese also gleichsam, um Streit zu schlichten.

Frauke und Paul sind mit dieser Erklärung verständlicherweise nicht zufrieden. Man habe ihnen gesagt, Pauls Verhalten beruhe auf einer Störung im Gehirn, und nun plötzlich sollten sie an allem Schuld sein? Da beide jedoch leicht zu Schuldgefühlen neigen, soll ein objektiver Test Sicherheit bringen. Wenn in Georgs Gehirn etwas nicht stimme, dann, so meinen sie, müsse sich dies ja auch nachweisen lassen. Man besteht auf einer Magnetresonanztomographie, obwohl diese eigentlich bei dieser „Krankheit“ nicht üblich ist. Kein Befund.

Dies sei kein Wunder, so heißt es; bildgebende Verfahren könnten bei dieser „Erkrankung“ nicht konsistent zwischen erkrankten bzw. gesunden Individuen unterscheiden und würden daher in der Regel nur für Forschungszwecke eingesetzt. Man sei nach wie vor auf eine sorgfältige klinische Diagnose angewiesen, die sich auf psychologische Tests und beobachtetes Verhalten stütze.

Ernestine gibt zu bedenken, dass Tests und Beobachtungen ja schön und gut seien; es würde aber immer nur Georg getestet, beobachtet und behandelt. Sie rät, einen Familientherapeuten zu konsultieren. Doch die „Krankheit“ des Kindes hat die Eheleute nunmehr einander schon so sehr angenähert, dass Ernestine als Fremdkörper von außen aufgefasst wird. Man wolle es doch zunächst einmal mit dem Stimulans versuchen. Helfe dieses, so sei damit der Beweis erbracht, dass Georgs Gehirn tatsächlich gestört sei.

Dass sich eine „hyperkinetische Störung“ (ADHS) auf diese Weise nicht beweisen lässt, sei am Rande erwähnt. Diese Stimulanzien steigern bei jedem die Konzentration; unabhängig davon, ob er eine angebliche „hyperkinetische Störung“ hat oder nicht. Überdies mischt sich in die pharmakologische Wirkung dieser Drogen ein zusätzlicher, kräftiger Placeboeffekt. All dies ist unabhängig davon, auf welchen Ursachen Georgs Verhalten tatsächlich beruht.

Beim gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis weiß niemand so genau, was Georg zu seinen Kapriolen antreibt. In seinem Gehirn finden sich keine Anhaltspunkte; und die familiären Bedingungen geben ebenfalls keinen eindeutigen Aufschluss. Selbstverständlich können wir eine Hirnstörung als Ursache nicht mit Sicherheit ausschließen. Die alternative These jedoch, dass es sich um eine Dressur und Selbstdressur zur „psychischen Krankheit“ handeln könnte, entbehrt zumindest nicht einer gewissen Plausibilität.

Nehmen wir an, Georgs Zustand bessert sich nach ein paar Jahren. Warum? Weil Selbstkorrekturprozesse im Gehirn, eventuell unterstützt durch Medikamente, dies bewirkten? Oder weil sich die familiären Verhältnisse, eventuell unterstützt durch Familientherapie, positiv veränderten?

Was auch immer geschieht: Keine denkbare Ursachentheorie wird dadurch widerlegt oder bestätigt.
Man könnte einwenden, die Ursachen seien letztlich egal, Hauptsache, die Therapie helfe. Ja, sicher, doch für welche Therapie sollen sich Frauke und Paul entscheiden, wenn die Ursachen der Probleme Georgs nicht bekannt sind? Vielleicht würden Georgs Schwierigkeiten ja von ganz allein verschwinden, wenn ihm die Schule mehr Gelegenheit zu entdeckendem Lernen einräumen könnte. Sollen die Eltern einen Wechsel in eine private Schule veranlassen?

Ernestine ist im Übrigen nicht die Einzige, die es besser weiß. Da gibt es noch den Bruder Otto, Fraukes Mutter und einen Arbeitskollegen Pauls. Sie alle offerieren Patentrezepte. Eine Nachbarin schlägt gar eine Fernbehandlung durch geistiges Heilen vor.

Ich will nicht unterstellen, dass irgendeine dieser Therapien unwirksam wäre. Zumindest mit dem Placeboeffekt darf gerechnet werden. Man kann auch einfach nur die Zeit verstreichen lassen. Das Leben geht weiter, so oder so. Dies klingt zynisch, ist so aber nicht gemeint. Gerade bei den so genannten psychischen Störungen findet sich das Phänomen des Aufschaukelns durch übermäßige Beachtung. Die Psychiatrie weiß dies natürlich. Manche Psychiater fordern daher, man möge doch bei den lieben Kleinen möglichst im zartesten Alter schon auf die klitzekleinsten Anzeichen einer potenziellen psychischen Störung achten. Nur dadurch könne sichergestellt werden, dass der Nachwuchs gleich von Anfang an eine angemessene lebenslange Versorgung seines Problems erhalte.

Übermäßige Beachtung erhält ein Phänomen mitunter dann, wenn es sich gut eignet, ein gravierenderes Problem zu übertünchen, das vordringlich gelöst werden müsste, an das man sich aber nicht herantraut. Eigentlich müssten Frauke und Paul über eine Scheidung nachdenken, aber die erste schlechte Note Georgs in Deutsch (gerade in Deutsch!) gibt Anlass, dieses Thema erst einmal zu vertagen, und sich dem kleinsten gemeinsamen Nenner zuzuwenden. Wenn sich erst einmal die winzigste Störung als geeignet erwiesen hat, höchst unangenehme andere Probleme zu verdrängen, dann kann es durchaus sein, dass diese winzigste Störung als zartes Pflänzchen behandelt wird. Es wird gehegt und gepflegt, bis es zu stattlicher Größe herangewachsen ist.
Ob eine ausgewachsene „psychische Krankheit“ zuvor einmal ein solches zartes Pflänzchen gewesen ist? Wer kann das wissen?

Dass wir, sobald wir ein Phänomen als „Symptom einer psychischen Krankheit“ auffassen, unseren Blickwinkel erheblich verengen, dürfte sich nicht bestreiten lassen. Diese Deutung mag als Reduktion von Komplexität und damit als Erleichterung empfunden werden. Doch ist diese Reduktion auch zulässig angesichts unseres schieren Nichtwissens in dieser Sache?

Was also ist Frauke und Paul zu raten?

Die Antwort besteht aus einem Wort. Da ein einzelnes Wort als dürftig, wenn nicht als grausam erscheinen könnte, schicke ich folgende Erläuterung voran:
Ein Rat ist immer dann angebracht, wenn der Ratgeber etwas besser weiß als der Ratsuchende. Natürlich kann man immer Trost spenden und Mut machen. Doch dies ist kein Rat. Ein Rat hat immer etwas mit Wissen zu tun. Und Wissen gibt es in diesem Fall nun einmal nicht. Georgs „psychische Krankheit“ ist ein Rätsel.

Was also ist Frauke und Paul zu raten?

Es gibt sicher viele Leute mit praktischen Erfahrungen in ähnlich gelagerten Fällen, bei denen dieses oder jenes gut geholfen hat. Bei dem einen hat das eine gewirkt, beim anderen das krasse Gegenteil. Und dies ist kein Wunder, denn einen Placebo-Effekt haben auch einander ausschließende Mittel gleichermaßen. Überdies stellt sich ohnehin die Frage, ob das Problem zu den ähnlich gelagerten Fällen zählt. Dies könnte man letztlich nur dann entscheiden, wenn man weiß, was die Ursachen sind. Genau diese aber sind unbekannt.

Was also ist Frauke und Paul zu raten?

Nichts.

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