Abhängigkeit

Sucht ist kein Schicksalsschlag

Wer die erste Zigarette oder den ersten Joint raucht, wer sich den ersten Schuss setzt, wer beginnt, regelmäßig über den Durst zu trinken, der weiß im Allgemeinen, dass dieses Verhalten zur Sucht führen kann. Selbst Kindern ist dies bekannt, sobald sie in ein Alter kommen, in dem dieses Thema relevant zu werden beginnt.

Man wird niemals sofort süchtig, nach dem ersten Schluck, dem ersten Kick; man hat genügend Zeit, sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Die Sucht ist kein Schicksalsschlag, den man erdulden müsste und den man nicht zu beeinflussen vermag. Vielmehr geht sie aus einer Kette von Entscheidungen hervor, und bei jeder dieser Entscheidungen stehen wir vor der Wahl, es zu tun oder zu lassen.

Selbst wenn sich bereits eine körperliche Abhängigkeit eingestellt hat, können wir uns immer noch entscheiden. Wir können die Entzugserscheinungen durchhalten; wir müssen dem Drang nicht nachgeben. Dies beweisen zahllose Menschen, die sich mit oder ohne fremde Hilfe aus der Sucht gelöst haben.

Ein Krebskranker kann sich nicht dazu entscheiden, von heute auf morgen keinen Krebs mehr zu haben. Niemand, der tatsächlich krank ist, kann dies. Der so genannte Suchtkranke kann dies aber durchaus. Es gibt genug Beispiele dafür. Darum ist der Suchtkranke nicht wirklich krank. Es wird ihm vielmehr eingeredet, krank zu sein. Und viele, viele Süchtige lassen sich diese Einrede nur zu gern gefallen.

Ärzte und andere wohlmeinende Helfer behaupten, der Süchtige unterliege einem unwiderstehlichen Drang zum Konsum seiner Droge. Dieser Drang sei Ausdruck eines pathologischen Prozesses, der sich seiner Kontrolle entziehe. Die Neigung dazu sei angeboren.

Fein, sagt der Süchtige. Ihr seht also: Ich kann nichts dafür. Prost! Gemach, sagt der Arzt. Es ist zwar keine Schande, süchtig geworden zu sein; nichts dagegen zu tun, aber schon. Begib dich in Behandlung. Mit vereinter Kraft schaffen wir es. Also gut, sagt der Süchtige und beginnt eine Therapie. Diese scheitert weitaus häufiger, als sie zum Erfolg führt. Sagt der Süchtige: Da seht ihr es; niemand kann mir helfen. Ich bin eine dionysische Persönlichkeit. Bei mir ist Hopfen und Malz verloren. Cheerio!

Natürlich sind Hirnprozesse an süchtigem Verhalten beteiligt. Diese sind in jedes Verhalten involviert, nicht nur in abhängiges. Und die spezifischen Mechanismen der Sucht finden sich bei jedem Verhalten, das Erleichterung verschafft und deswegen häufig wiederholt wird. Wer beispielsweise ein Buch schreibt und für diese Aufgabe leidenschaftlich entflammt ist, den treibt es in jeder freien Minute vor den Computer und es gibt keinen Zweifel daran, dass sich bestimmte, hierfür maßgebliche Prozesse in seinem Hirn nicht von denen eines Junkies unterschieden. Es ist dann eben eine Lust, seine Gedanken zu Papier zu bringen und eine Qual, stattdessen etwas anderes tun zu müssen.

Dass Hirnprozesse beteiligt sind, bedeutet aber nicht, sie seien außer Kontrolle geraten und ursächlich für das Suchtverhalten. Ein Abhängiger kann sich in jedem Moment seiner Suchtkarriere dafür entscheiden, weiterzumachen oder aufzuhören. Wäre dies nicht so, dann dürfte man im Übrigen jede Suchttherapie als vertane Liebesmühe deuten. Dass solche Therapien in irgendeiner Weise auf einen Suchtmechanismus im Gehirn einwirken, wird ja wohl niemand behaupten wollen. Es fehlt jedenfalls jede Spur eines Beweises für eine derartige Einwirkung.

Entscheidung gegen die Sucht

Günstigenfalls entscheidet sich der Abhängige im Verlauf einer Therapie oder bei anderen Anlässen, der Sucht zu entsagen. Das ist alles. Im Allgemeinen geschieht dies, wenn der Süchtige bessere Alternativen zum süchtigen Lebensstil erkennt. Mitunter erfolgt der Wechsel des Lebensstils in Form einer großen Entscheidung, einer Umkehr, die eventuell sogar im Stil einer religiösen Bekehrung inszeniert wird. Meist aber sind es viele, viele kleine, oft kaum reflektierte Entscheidungen, die Fakten schaffen und dann irgendwann einmal in der Einsicht kulminieren, dass Abstinenz oder kontrollierter Konsum eine Menge für sich haben.

Und dann ist es, plötzlich oder im Lauf einer Übergangsphase, so weit: der süchtige Lebensstil wird über Bord geworfen und durch einen nicht-süchtigen ersetzt. Dann hat man etwas Besseres zu tun als in der Ecke zu sitzen und sich volllaufen zu lassen, beispielsweise.

Hart gesottene Verfechter des Krankheitskonzepts werden nun einwenden, dass diese Überlegungen vielleicht auf leichte Fälle zuträfen, auf die Schwerstsuchtkranken aber nicht. Die empirische Forschung zeigt jedoch, dass auch Abhängige mit erheblichem, langjährigen Konsum „clean“ werden können, und zwar kraft eigener Entscheidung. Die Spruch „Einmal süchtig – immer süchtig“ ist schlicht und ergreifend ein Aberglaube (Müller 2004).

Viele befreien sich allein schon darum von ihrer Sucht, weil sie älter werden und der süchtige Lebensstil nicht mehr zu den geänderten Lebensverhältnissen passt. Fast jeder kennt Leute, die in ihrer Jugend Säufer waren, später dann aber „zur Vernunft“ gelangten, „schon allein wegen der Kinder“.

Es ist Gift, einem Süchtigen zu sagen, seine Sucht sei eine Krankheit. Damit untergräbt man seine Motivation, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Das ist zwar physikalisch unmöglich, nicht aber psychologisch. Das kann man, wenn man durch Missbrauch von illegalen oder legalen Drogen einschließlich Alkohol in eine missliche Lage geraten ist. Man muss es nur wollen.

Im Falle der Abhängigkeit haben wir die Kette der Entscheidungen gleichsam vor Augen, die den Weg in die Sucht und aus ihr heraus vorantreiben. Dies hängt damit zusammen, dass die Abhängigkeit um beobachtbare Verhaltensweisen kreist. Man trinkt das Glas aus oder man lässt es stehen. Doch letztlich beruhen alle so genannten „psychischen Krankheiten“ auf Entscheidungen, und darum sind sie nicht wirklich Krankheiten, und darum kann man sie von sich abtun, wenn man dies tatsächlich will.

Es ist nicht zu viel verlangt, wenn man beispielsweise einen Alkoholiker auffordert, mit dem Saufen aufzuhören, sofern er damit seinem Umfeld unnötig Schaden zufügt. Und es ist wirklich kontraproduktiv, wenn man ihm sagt, er könne nichts dafür, weil er schließlich krank sei. Ihn aufzufordern, sich behandeln zu lassen, ist gleichermaßen irre, weil er sich nur selbst „behandeln“, sich für einen nicht-süchtigen Lebensstil entscheiden kann.

Paradoxien der Suchthilfe

In krassem Widerspruch zum Konzept der Krankheit steht im Übrigen die Tatsache, dass die Behandlung in den meisten Suchtkliniken eine überaus moralische ist. Die Sucht wird, zwar nicht in der Theorie, aber de facto als sittlicher Defekt gesehen und vom Abhängigen wird erwartet, dass er sie zugunsten sozialer Handlungsmuster überwindet. Nicht selten wird zu diesem Zweck Gruppendruck genutzt, die „Moral der Truppe“.

Was hat das mit Medizin zu tun?

Wenn ich richtig informiert bin, dann vertrauen die Anonymen Alkoholiker darauf, dass ihnen eine höhere Macht die Kraft verleihe, die Sucht zu überwinden und trocken zu bleiben. Ohne diese Unterstützung sei der Abhängige seiner Sucht hilflos ausgeliefert, da es sich um eine Krankheit handele, die sich seiner Kontrolle entziehe.

Ein beträchtlicher Teil der Süchtigen schafft die Überwindung der Abhängigkeit jedenfalls ohne irdische Hilfe professioneller Art. Wenn wir als aufgeklärte Zeitgenossen die höhere Macht außer acht lassen, dann kann man daraus eigentlich nur den Schluss ziehen, dass die Überwindung der Sucht aus eigener Kraft möglich ist.

Wäre es nicht klüger, anstatt auf eine höhere Macht oder den Weißkittel vielmehr auf die eigene Kraft zu vertrauen? Ein trockener Alkoholiker, der auf die eigene Leistung stolz ist und sie nicht (teilweise) anderen zuschreibt, erwirbt sich damit wohl einen wesentlichen Schutz vor Rückfällen, denn die eigene Leistung mindert die Schlagkraft von Argumenten, die den Rückfall als unvermeidlich und unumkehrbar rechtfertigen sollen.

Gerade bei den so genannten Abhängigkeitserkrankungen zeigt sich besonders krass, wie schädlich das medizinische Modell der „psychischen Krankheiten“ ist. Die Pathologisierung von Lebensstilen nützt in erster Linie denjenigen, die daran verdienen.

Den Betroffenen „hilft“ sie allenfalls indirekt deswegen, weil sie keine von Staat, Kassen und Versicherungen bezahlte Hilfe bekommen würden, wenn sie sich nicht pathologisieren ließen. Und das ist ein Skandal.

Der Wille zum Konsum

Es war, so scheint es auf den ersten Blick, ein großer Fortschritt, als die Sucht nicht mehr als Zeichen von Charakterschwäche und moralischem Schwachsinn verstanden, sondern als Krankheit anerkannt wurde. Dies war eine Lockerung des abendländischen, christo-kapitalistischen Asketismus. Wer haltlos soff, war nicht mehr des Teufels, sondern er konnte dies, als Kranker, nunmehr im Stand der Unschuld tun.

Fortschritt? Vielleicht handelt es sich hier ja nur um einen Fortschritt im Bereich der guten Ausreden. Heute kann sich der Süchtige damit rechtfertigen, dass ihm die Psychiatrie bescheinige, an einer, wahrscheinlich großteils angeborenen, Hirnerkrankung zu leiden, die ihn zum Konsum seiner Drogen zwinge.

Sucht – so lauten im Kern die Definitionen in den einschlägigen Lehrbüchern – ist ein komplexes Geschehen mit physischen, psychischen und sozialen Aspekten. Dies ist natürlich eine Leerformel, die vermutlich die Tatsache kaschieren soll, dass es eine einheitliche, empirisch erhärtete und von der Fachwelt geteilte Theorie der Suchtursachen nicht gibt (Peele & Alexander 1998).

Auch der Versuch, eine Suchtpersönlichkeit zu identifizieren, darf im Licht der empirischen Forschung als gescheitert betrachtet werden; desgleichen war die Suche nach einzelnen süchtigen Persönlichkeitszügen nicht erfolgreich (Rozin & Stoess 1993).

Im Gesamt der Einflussfaktoren spielt die Genetik, wenn überhaupt, vermutlich nur eine eher untergeordnete Rolle. Eine neuere, umfassende Metaanalyse der Studien zur Erblichkeit des Alkoholismus ergab z. B., dass die Gene dieses Phänomen maximal zu einem Drittel beeinflussen (Walters 2002). Dabei gilt es allerdings zu bedenken, dass alle diese Studien zur Erblichkeit grobe methodische Mängel aufweisen und daher vermutlich eine erhebliche Überschätzung des genetischen Einflusses darstellen (Joseph 2012).

Es gibt kein objektives Verfahren, durch das man Verhalten mit von Verhalten ohne Kontrollverlust unterscheiden könnte. Das „Zwanghafte“ der Sucht beruht auf Beobachtungen oder Selbstbeobachtungen, genauer, auf der Interpretation von Beobachtungen und Selbstbeobachtungen – und ob diese Interpretation den Tatsachen entspricht, bleibt dahingestellt.

Aus nüchterner Sicht drängt sich eher der Verdacht auf, dass Suchtverhalten nicht auf einem unwiderstehlichen Zwang, sondern auf Präferenzen beruht. Der Süchtige möchte hier und jetzt einen euphorischen Zustand erreichen oder eine dysphorische Erfahrung (Entzug) vermeiden. Es geht um Lust und Vermeidung von Unlust; also um ein alltägliches, normales Geschehen – und man muss keine „krankhafte Zwanghaftigkeit“ unterstellen, um derartige Phänomene zu erklären.

Es ist zwar nicht zu bestreiten, dass sich Hirnprozesse bei Süchtigen verändern. Doch dabei handelt es sich um Lernprozesse, die für lustvolle Erfahrungen gleich welcher Art charakteristisch sind. Wenn man deswegen die Sucht als krankhaft auffassen will, dann müsste man auch die Verliebtheit oder die Freude am Reisen als krankhaft bezeichnen (Lewis 2012).

Alles, was Spaß macht oder Leiden erspart, kann süchtig entarten.

Verzögertes Belohnungsmuster

Die Fähigkeit, kurzfristige Lusterfahrungen zugunsten langfristiger Erfolge aufzuschieben, wird in einer frühen Phase der kindlichen Entwicklung gelernt. Dieses Verhaltensmuster wird als „verzögertes Belohnungsmuster“ („deferred gratificaton pattern“ (Carducci 2009)) bezeichnet.

Es ist schwierig, wenngleich nicht unmöglich, dieses Muster in einer späteren Lebensphase zu erwerben. Wer sich dieses Muster nicht bereits in früher Kindheit angeeignet hat, ist naturgemäß suchtgefährdet. Er wird dann unter Umständen süchtig, aber nicht wegen einer Krankheit, sondern weil ein Lernprozess nicht erfolgte, der u. a. vor der Entwicklung süchtigen Verhaltens schützt.

Früher hätte man diesen Schutz als Selbstzucht bezeichnet. Man bewahrt im Genuss das Augenmaß und macht es sich nicht zur Gewohnheit, über die Stränge zu schlagen. Wer sich in Selbstzucht übt, wird durch die Vorstellung zukünftiger, größerer Freuden und Befriedigungen angetrieben. Wer nicht darauf vertraut, dass diese in Zukunft auch eintreten, ist geneigt, die größtmögliche Lust aus dem Augenblick herauszupressen – koste es, was es wolle.

Deswegen tendieren Menschen ohne verzögertes Belohnungsmuster zu riskanten Lebensstilen. Dabei muss es sich allerdings nicht unbedingt um süchtige Lebensstile handeln. Leute, die zu gefährlichen Überholmanövern, ungeschütztem Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern oder spontaner Kleinkriminalität neigen, gehören unter Umständen ebenfalls zu diesen Menschen mit nicht oder nur schwach ausgeprägtem „verzögerten Belohnungsmuster“.

Wer als Kind von seinen Eltern nicht dazu angehalten wurde, ein verzögertes Belohnungsmuster zu entwickeln, ist aber keineswegs dazu prädestiniert, entsprechende Devianzen zu entwickeln. Man kann, erst einmal zu Verstand gekommen, der Neigung zur Maßlosigkeit auch kraft eigener Entscheidung entgegenwirken – oder man kann andersherum den Mangel an Selbstzucht auch kultivieren und zum Lebensstil ausgestalten.

Es ist jedenfalls kein biologischer oder sonstiger Mechanismus bekannt, der uns dazu zwänge, habituell vernünftige Grenzen zu missachten.

Die Normalität der Sucht

Gene Heyman zeigt in seinem Buch „Addiction – A Disorder of Choice“ (Heyman 2010), dass die psychologischen Gesetze, die dem menschlichen Wahlverhalten grundsätzlich zugrunde liegen, auch für Handeln mit Suchtgefährdung gültig sind. Menschen neigten dazu, so Heyman, zu viel vom dem zu konsumieren, was ihnen besonders gut gefalle. Die meisten Menschen vermieden es, süchtig zu werden, weil sie es verabscheuten, wie ein Süchtiger zu sein.

Die so genannten Abhängigkeitserkrankungen seien die „Krankheiten“ mit der höchsten Rate an Selbstheilern. Dies liege daran, dass (fast) alle Süchtigen mit dem Konsum von Suchtmitteln aufhörten, wenn das Verhältnis von Kosten und Nutzen intolerabel schlecht geworden sei. Dies spräche, schreibt Heyman, dafür, dass es sich beim süchtigen um ein freiwilliges Verhalten handele, das – warum auch immer – maßlos geworden sei.

Die meisten Süchtigen überwänden ihre Abhängigkeit ohne professionelle Hilfe. Die große Mehrheit der Menschen, die in Befragungen angäben, im Laufe ihres Lebens schon einmal abhängig gewesen zu sein, seien zum Zeitpunkt der Befragung nicht mehr abhängig gewesen.

Süchtiges Verhalten habe zweifellos eine erbliche Grundlage, aber dies ändere nichts daran, dass es unter der Kontrolle von Anreizen stehe, freiwillig sei und daher kraft eigener Entscheidung aufgegeben werden könne.

Diese Auffassung vertritt auch Theodore Dalrymple, der viele Jahre als Psychiater in Gefängnissen mit Drogenabhängigen gearbeitet hat. Es sei, schreibt er, die blanke Sentimentalität, Drogenabhängige als Opfer einer Krankheit zu sehen. Es sei durchaus zutreffend, dass die meisten dieser Abhängigen aus unglücklichen Milieus stammten. Doch dies mache ihre Sucht keineswegs unvermeidlich und unüberwindlich. Die meisten Abhängigen nähmen für eine lange Zeit hin und wieder Heroin, bevor sie es regelmäßig konsumierten und physiologisch abhängig würden.

Es sei schlicht und ergreifend nicht wahr, dass die erste Spritze sie schon süchtig mache. Ihre Behauptung, sie seien hilflos gegenüber den Verlockungen des Drogenkonsums, sei nur der Versuch, sich selbst zu entschuldigen. Im Gegenteil: Sie seien mit Entschlossenheit süchtig geworden, so wie andere leidenschaftliche Sportler oder Briefmarkensammler wurden.

Sie würden auch keinesfalls von ihrer Sucht in die Kriminalität getrieben. Heroinabhängigkeit habe sich als „perfectly compatible“ mit regulärer Arbeit und einem ansonsten gesetzestreuen Leben erwiesen. Die meisten Heroinabhängigen wüssten auch, welches Leben sie als Süchtige erwarte. Außerdem hätten viele bereits eine umfangreiche Kriminalakte, bevor sie zum ersten Mal Heroin konsumierten (Dalrymple 2010).

Riskanter Lebensstil

Die Sucht ist ein riskanter Lebensstil, keine Krankheit. Sie ist ein Lebensstil, eine Form der Lebenspraxis, die allerdings körperliche Erkrankungen nach sich ziehen kann. Wer zu viel raucht, beispielsweise, erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu sterben. Der Begriff „Lebensstil“ ist hier nicht im Sinn von „Lifestyle“ zu verstehen. „Lifestyle“ ist das Gehabe von Leuten, die stets auf ihr Prestige bedacht sind, die sich immer mit den Statussymbolen umgeben, die gerade up to date sind.

Lebensstil ist vielmehr die Art und Weise, wie ein Mensch seine Leidenschaften, seine Vor- und Abneigungen auf der Bühne des Lebens präsentiert.

Nun höre ich den Einwand, Sucht sei doch der unkontrollierbare Zwang, beständig Alkohol oder Drogen in immer größeren Mengen konsumieren zu müssen – und dies können man nur als Krankheit bezeichnen.

Doch diese populäre Auffassung widerspricht offensichtlich den Tatsachen.

  • Erstens nämlich gibt es eine größere Zahl von sog. Selbstheilern, also Menschen, die aus eigener Kraft entweder abstinent werden oder zum kontrollierten Konsum zurückfinden.
  • Und zweitens gelingt es auch vielen Süchtigen, die Dosis relativ konstant zu halten. Nicht selten verordnen sie sich selbst einen Entzug, sie „dosieren sich herunter“ – aus Kosten- und / oder Gesundheitsgründen.

Das Suchtverhalten beruht offensichtlich nicht auf einem unwiderstehlichen Zwang, sondern auf Präferenzen. Der Süchtige möchte hier und jetzt einen euphorischen Zustand erreichen oder eine dysphorische Erfahrung (Entzug) vermeiden. Er nimmt dafür mittel- oder langfristige Nachteile in Kauf und verzichtet auf Vorteile, die mit Abstinenz oder Mäßigung verbunden wären. Kurz: Der Spatz in der Hand ist ihm lieber als die Taube auf dem Dach.

Der Süchtige strebt Lustgewinn oder Unlustvermeidung bewusst an. Diese Ziele sind Bestandteil seiner alltäglichen Lebensplanung; die Versorgung mit Stoff steht sogar im Mittelpunkt seiner Aktivität. Und solange der so genannte Suchtkranke seine Entscheidung zu einem süchtigen Lebensstil nicht aus freien Stücken revidiert, sind alle Hilfen vergeblich.

Es gibt kaum etwas Absurderes als Suchttherapien. Wer nicht mehr süchtig sein will (und darauf kommt es an), der braucht keine Suchttherapie. Wer sich für eine Suchttherapie entscheidet, will in aller Regel nicht abstinent werden. Wer nach einer solchen Behandlung wider Erwarten dauerhaft auf Rauschmittel verzichtet oder zum kontrollierten Konsum übergeht, der hätte dies auch ohne ärztliche Kunst geschafft.

Wohlweislich verzichtet die „Forschung“ darauf, in Untersuchungen der Effektivität von solchen Therapien eine Kontrollgruppe einzubeziehen, die keine Behandlung erhält und die auch nicht auf einer Warteliste steht.

Die Behauptung, Rückfälle gehörten nun einmal zum „Krankheitsbild“ der „Abhängigkeitserkrankungen“, ist eine Schutzbehauptung von Therapeuten, die ihre eklatante Erfolglosigkeit kaschieren möchten. Der Rückfall trifft den Betroffenen ja nicht wie ein Schicksalsschlag; er führt ihn vielmehr aktiv und sehenden Auges herbei. Damit annulliert er bewusst alle therapeutischen Bemühungen. Der Rückfall ist also tätige Psychiatriekritik.

Sucht ist keine Krankheit

Es ist nicht krank, den Spatz in der Hand der Taube auf dem Dach vorzuziehen. Es handelt sich vielmehr um eine Präferenz, für die man selbst Verantwortung übernehmen muss. Denn es liegt ja wohl auf der Hand, dass niemand gezwungen ist, im Übermaß Alkohol zu trinken, sich eine Spritze mit Heroin zu setzen oder sich eine Prise Kokain zu verabreichen. Wer dies tut, hat sich dazu entschieden, er unterliegt keinem Zwang. Die Gier ist kein Zwang. Wer ihr nachgibt, hat es an Selbstzucht fehlen lassen. So einfach ist das.

Wer solcherart Präferenzen als „krank“ betrachtet, überträgt die Verantwortung weitgehend auf den Arzt. Der „Patient“ ist dann nur noch verantwortlich für seine Bereitschaft zur „Therapie“ und zur Mitarbeit in dieser. Beim Rückfall kann der „Patient“ also leicht dem Arzt die Schuld zuschreiben oder, noch raffinierter, behaupten, dass ihm nicht zu helfen sei, weil sogar ein so guter Arzt wie sein Therapeut dies nicht geschafft habe.

Dass der Arzt in der Tat nicht helfen kann, liegt jedoch nicht an der Schwere der Erkrankung, sondern daran, dass es sich bei der Sucht gar nicht um eine Krankheit handelt. Sie beruht vielmehr auf einem Mangel an Selbstzucht. Diese aber fußt auf Selbstachtung und dem Vertrauen darauf, aus eigener Kraft seine Zukunft gestalten zu können. Selbstachtung und Vertrauen jedoch sind Fragen der eigenen Entscheidung.

Beispiele

Dass es sich bei den so genannten Abhängigkeitserkrankungen um Lebensstile handelt, wird uns bei einem Berufsstand, der als durchaus trinkfest gilt, besonders krass vor Augen geführt (hier können wir auch auf viele Biographien und Autobiographien zurückgreifen, die diesen Sachstand eindrucksvoll beleuchten):

Schon als Teenager trank Jack London harte Männer unter den Tisch. Als junger Schriftsteller versuchte er, seinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Seine Methode bestand darin, nicht mit dem Trinken zu beginnen, bevor er 1000 Wörter geschrieben hatte. Schnell lernte er, dieses Ziel bereits vor dem Mittagessen zu erreichen. Dann belohnte er sich mit ein paar harten Drinks, die er „pleasant jingle“ (angenehmes Geklimper) nannte und schrieb weiter. Nach weiteren 1000 Wörtern hatte er sich noch vor dem Abendessen wieder ein „pleasant jingle“ verdient.

Ernest Hemingway war ebenso trinkfest wie manche seiner Romanfiguren: Bereits zum Frühstück kippte er ein paar Gläser Gin, dann folgten Absynth, Wodka und fünf bis sechs Flaschen Wein pro Tag. Dabei konnte er halbwegs nüchtern wirken, obwohl er sturzbetrunken war.

1932 feuerte das Dabney Oil Syndicate seinen Vizepräsidenten Raymond Chandler wegen Trunksucht und häufiger Fehlzeiten. Chandler sah nur noch eine Möglichkeit, Beruf und Alkoholismus miteinander zu verbinden: Er wurde Kriminalschriftsteller.

Man muss nicht lange überlegen, um weitere Namen berühmter, süchtiger Autoren aus dem Ärmel zu schütteln: Joseph Roth, Hans Fallada, Joachim Ringelnatz, Ernst Herhaus, William Faulkner, Eugene O’Neill, John O’Hara, Charles Bukowsky, William Burroughs, Scott Fitzgerald, Hart Crane, Truman Capote, Jean Stafford, Edgar Allan Poe und viele andere Schluckspechte der Weltliteratur. Offenbar besitzen Alkohol und andere Drogen Eigenschaften, die gerade Schriftsteller faszinieren, weil sie scheinbar ihrer Arbeit dienlich sind:

  • Alkohol z. B. wirkt in kleinen Dosen anregend und belebend, weckt die Lebensgeister, vertreibt Müdigkeit und Sorgen, gibt neuen Schwung, hilft den Gedanken, eingefahrene Gleise zu verlassen, neue Verbindungen herzustellen und löst Schreibblockaden.
  • Wird dem Alkohol über den kleinen Durst hinaus zugesprochen, so entfaltet er beruhigende, einschläfernde und betäubende Wirkungen.
  • Wer von den Produkten seiner Kreativität leben muss, steht nur zu oft unter erheblichem Termin- und Leistungsdruck. Vielfach wird der Stress durch die hohen Maßstäbe des Autors selbst noch verstärkt. Und so liegt es nahe, den Stress durch Alkohol zu lindern, um weiter auf hohem Niveau schöpferisch wirken zu können.
  • Wer sich selbst mit überhöhten Maßstäben misst wie viele Kreative, leidet nicht selten unter nagenden Selbstzweifeln. Alkohol jedoch stimuliert, in größeren Mengen genossen, Größenphantasien und bläht das Selbstwertgefühl gewaltig auf. Oft sind dann die Selbstzweifel wie weggeblasen und an ihre Stelle treten Gefühle künstlerischer Überlegenheit und Unschlagbarkeit.
  • Schriftsteller leiden weitaus häufiger unter Gemütsverstimmungen als andere Bevölkerungsgruppen. Solche Menschen neigen aber verstärkt dazu, ihre seelischen Qualen mit Alkohol oder anderen Drogen zu betäuben.
  • Cannabisprodukte und Halluzinogene wie LSD oder Mescalin können Tagträume und Trancezustände hervorrufen. In diesen Bewusstseinslagen weicht die Realität des Alltags zurück und gibt der Phantasie Raum. Viele Künstler und andere schöpferisch tätige Menschen sind von den oft farbenprächtigen, verwirrenden, bizarren Bildern und scheinbar tiefgründigen Symbolen fasziniert, die dank solcher Drogen aus ihrem Unbewussten emporsteigen.
  • Amphetamine („Speed“) machen munter, schnell und unterdrücken das Schlafbedürfnis. Bei Schriftstellern können sie den Schreibfluss fördern und die produktiven Phasen verlängern. Da der Schriftsteller aber – so lautet das Motto der Branche – „einen eisernen Arsch und einen großen Papierkorb braucht“, also sehr viel Zeit und Ausdauer für seine Arbeit benötigt, ist die Versuchung groß, Amphetamine als Doping einzusetzen. Jack Kerouac z. B., die Gallionsfigur der Beat-Generation, war ein Speed-Freak wie aus einem Beatnik-Roman. 1951 schrieb er den ersten Entwurf von „On the Road“ (186.000 Wörter) in einem dreiwöchigen Marathon, natürlich unter dem Einfluss von Amphetaminen.

Manche Künstler waren und sind davon überzeugt, dass Alkohol und andere Drogen ihre schöpferische Kraft verstärken und ihnen jene Intensität des Lebens vermitteln, die sie zum Gelingen ihrer Werke unbedingt benötigen. Es wäre zu einfach, diesen Künstlern Selbstbetrug oder gar eine Lebenslüge zu unterstellen. Es mag durchaus sein, dass Alkohol und andere Drogen zu Beginn einer schriftstellerischen und süchtigen Karriere ein kreatives Feuerwerk entfachen.

Einige Autoren wie Jack London bauen den Rauschmittelkonsum als Belohnung in ihren Arbeitsprozess ein, so dass er – durchaus auch im Sinn der Lerntheorie – zu einem Verstärker der literarischen Produktion wird.

Der Alkohol verkürze zwar das Leben, schrieb Joseph Roth an Stefan Zweig, aber er verhindere den unmittelbaren psychischen Tod.

„Ich versetze gewissermaßen die letzten 20 Jahre meines Lebens beim Alkohol, weil ich noch 7 oder 14 Tage Leben mir gewinnen muss. Freilich kommt dann, um beim Bilde zu bleiben, plötzlich ein Punkt, wo der Wucherer vor der Zeit über einen herfällt.“

1939 starb Roth 44-jährig in einem Pariser Armenhospital am Delirium tremens und einer Lungenentzündung. Man mag einwenden, dass die Lebensgeschichten bzw. die Sauf- und Drogen-Geschichten von Schriftstellern nicht verallgemeinert werden könnten, weil diese, und Künstler allgemein, ein besonderes Völkchen seien. Dies mag ja stimmen, aber es ist nicht einzusehen, wieso dies auch speziell für den Umgang mit Rauschmitteln gelten sollte. Warum sollte ein Lebensstil, der auf einer Entscheidung zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung beruht, nur für Schriftsteller verführerisch sein?

Ein Deal mit dem Leben

Aus meiner Sicht ist der Süchtige keineswegs einem physischen Prozess passiv ausgeliefert wie ein körperlich Kranker. Alkoholismus und Drogensucht sind keine Krankheiten, sondern riskante Lebensstile, die allerdings Krankheiten wie z. B. Leberschäden verursachen können. Inwiefern dieser Lebensstil frei gewählt wurde, ist eine philosophische Frage. Hat überhaupt irgendwer einen freien Willen? Vermutlich schon, letztlich gibt es keine überzeugenden philosophischen oder naturwissenschaftlichen Gründe, ihn zu bestreiten.

  • Fakt jedenfalls ist, dass niemand den Trinker mit vorgehaltener Pistole zwingt, sich den Schnaps hinter die Binde zu gießen.
  • Niemand erpresst ihn unter Androhung schlimmster Nachteile, sich volllaufen zu lassen.
  • Es wartet kein Erschießungskommando auf ihn, wenn er das Bier stehen lässt.
  • Der Suchtmittelkonsum ist auch kein innerer Zwang, dem der Betroffene hilflos ausgeliefert wäre. Denn viele Menschen überwinden ihre Sucht aus eigener Kraft, auch ohne die so genannte professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Joseph Roth hat recht: Der Süchtige macht einen Deal mit dem Leben. Er weiß auch, dass der Wucherer vorzeitig kommen kann. Das nimmt er in Kauf; seine freie Entscheidung. Auch wenn letztlich jeder für seinen Lebensstil selbst verantwortlich ist, so darf man die Augen nicht davor verschließen, dass die Umwelt bestimmte Lebensstile fördert oder zumindest toleriert – und der alkoholisierte Lebensstil gehört zweifelsfrei dazu.

Bekanntlich kann der Verzicht auf Alkohol durchaus zu Konflikten mit den lieben Mitmenschen führen, die sich bei feucht-fröhlichen Anlässen in Gegenwart eines Nicht-Trinkers offenbar nicht wohl fühlen.

Joachim Ringelnatz konnte von Frauen und vom Alkohol nach Meinung von Freunden nie genug bekommen, doch manchmal wurde es selbst dem überaus Trinkfesten zu viel. Dann tat er, obwohl stocknüchtern, in Gesellschaften so, als ob er schwer betrunken sei, um die Erwartungen nicht zu enttäuschen.

Literatur

Carducci, B. J.(2009). Basic Processes of Mischel’s Cognitive-Affective Perspective: Delay of Gratification and Conditions of Behavioral Consistency. The Psychology of Personality: Viewpoints, Research, and Applications. John Wiley and Sons. pp. 443–4

Dalrymple, T. (2010). Spoilt Rotten: The Toxic Cult of Sentimentality. London: Gibson Square

Heyman, G. M. (2010). Addiction – A Disorder of Choice. Harvard: Harvard University Press

Joseph, J. (2012). The „Missing Heritability“ of Psychiatric Disorders: Elusive Genes or Non-Existent Genes? Applied Developmental Science, 16, 65-83

Lewis, M. (2012). Why Addiction is not a Brain Disease. PLOS Blogs, November 12

Peele, S. & Alexander, B. K. (1998). Theories of Addiction. In: Peele, S.: The Meaning of Addiction. Compulsive Experience and its Interpretation. San Francisco (Jossey-Bass)

Rozin, P. & Stoess, C. (1993). Is there a general tendency to become addicted? Addictive Behavior, 18, 81-87, 1993

Walters, G. D. (2002). The heritability of alcohol abuse and dependence: a meta-analysis of behavior genetic research. American Journal of Drug and Alcohol Abuse, August 2002

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