Psychische Krankheit als Self-handicapping

Unter dem ideologischen Einfluss der Psychiatrie neigen wir dazu, psychisch Leidende als Opfer unkontrollierbarer Prozesse im Nervensystem zu betrachten, also als Kranke im medizinischen Sinn.1)Nebenbei bemerkt: Dies ist eine einseitige und im Grunde diskriminierende Sicht, zumal sich diese körperlichen Prozesse ja nicht nachweisen lassen. Es fällt uns daher schwer, diese Menschen auch als Akteure zu sehen. Könnten sie nicht auch Täter sein, die ihre psychische Krankheit als Mittel einsetzen? Könnten sie damit auch bewusste oder unbewusste Ziele verfolgen und Belohnungen (Krankheitsgewinn) anstreben?

Es ist im Übrigen irrational, diese Menschen nur als passive Subjekte zu betrachten. Rational zu urteilen, bedeutet, zunächst ein umfassendes Bild aller möglicherweise relevanten Gesichtspunkte zu entwickeln. Daraus folgt natürlich auch, dass man „psychische Krankheiten“ gleichermaßen aus der Perspektive aktiven, zielgerichteten Verhaltens in den Blick nehmen muss.

Warum Menschen freiwillig die Rolle des psychisch Kranken übernehmen, weiß ich nicht. Auch die Wissenschaft, so fürchte ich, liefert dazu nur Spekulationen. Falls sie etwas weiß, hat sie dieses Wissen jedenfalls gut versteckt. Seit Jahrzehnten lese ich die einschlägige Fachliteratur. Hypothesen wurden da jede Menge vorgetragen, durchaus. Aber Beweise konnte ich nicht entdecken.

Warum stellt sich jemand als psychisch krank dar? Über die Gründe kann man offensichtlich nur mutmaßen.2)Mutmaßen muss man im Übrigen auch, wenn man eine Verhaltensänderung anstrebt. Ohne Hypothesen über Motive gibt es nämlich auch keine Hypothesen über die Verstärkungen, die das zu ändernde Verhalten aufrecht erhalten. Ein mögliches Motiv springt mir förmlich ins Auge: Self-handicapping.

Jemand hat die Erfahrung gemacht, dass ihm nichts gelingen will. Er hat sich nach Kräften bemüht, seine Ziele zu erreichen. Dennoch stand er am Ende mit leeren Händen da. Nun ist er resigniert und traut sich nichts mehr zu. Nun braucht er eine Erklärung für sein Scheitern3)Hier kommt es nicht darauf an, ob er tatsächlich, objektiv betrachtet, gescheitert ist. Auch ist es unerheblich, ob er dafür verantwortlich war. Entscheidend ist, das er selbst dies so einschätzt., die ihm eine Gesichtswahrung erlaubt. Man kann natürlich widrigen Umständen die Schuld geben. Doch wenn man unter allen erdenklichen Umständen versagt zu haben glaubt, ist dies nicht plausibel. Also bleiben nur noch persönliche Gründe. Zur Gesichtswahrung eignen sich besonders solche Gründe dieser Art, für die man nichts kann. Wie wäre es also mit einer Krankheit?

Dieses Verhalten wurde experimentell gründlich erforscht. Man nennt es „Self-handicapping“.

So wurde Versuchspersonen beispielsweise erzählt, sie seien Teilnehmer an einer Medikamentenstudie. Sie hätten die Wahl zwischen einen leistungsfördernden und einem leistungshemmenden Medikament. Wenn Versuchspersonen sicher zu wissen glaubten, dass sie bei der sich anschließenden Test-Aufgabe, unabhängig von der Art des Medikaments, scheitern würden, so bevorzugten sie das leistungshemmende Medikament.4)Berglas, S. & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36, 405 – 417

Die Suche nach passenden Ausreden bei erwartetem Misserfolg zum Schutz der Selbstachtung ist menschlich und allgegenwärtig. Eine psychische Erkrankung erscheint für diesen Zweck beinahe wie maßgeschneidert.

Beispiel: Depression. Misserfolge werden von Depressiven in der Regel als selbst verursacht betrachtet, als Ausdruck einer allgemeinen Unfähigkeit gedeutet und als Bestätigung für dauerhaftes Versagen aufgefasst.5)Peterson, C.; Maier, S. F.; Seligman, M. E. P. (1995). Learned Helplessness: A Theory for the Age of Personal Control. New York: Oxford University Press Solche Einschätzungen führen naturgemäß zu einem geringen Selbstwertgefühl.

Bei genauerem Hinschauen ergibt sich eine Interpretation, die auf Self-handicapping schließen lässt. Der Depressive sieht sich selbst mit einer (unbewussten) Absicht negativer. Er will sich daran hindern, Pläne in Angriff zu nehmen, bei denen er zu scheitern fürchtet. Dies hätte u. U. ja ein noch negativeres Selbstbild zur Folge. Da ist es doch besser, die ehrgeizigen Pläne aus Krankheitsgründen gar nicht erst ins Auge zu fassen.

Durch ein gesenktes Selbstwertgefühl will der Depressive also eine noch schlimmere Verringerung seiner Selbstachtung vermeiden, die sich in Folge eigener Aktivität einstellen könnte. Er zieht sich lieber „depressiv“ in sein Schneckenhaus zurück. Dies könnte man durchaus als Versuch der Schadensbegrenzung verstehen.

Durch die Diagnose einer „psychischen Krankheit“ hat er immerhin eine Entschuldigung dafür, hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Sie lautet: „Weil ich so furchtbar depressiv bin, kann ich nicht das leisten, wozu ich als Gesunder mühelos imstande wäre. Es ist nicht meine Schuld, depressiv zu sein. Diese Erkrankung ist die Folge eines angeborenen Serotoninmangels bzw. einer schweren Traumatisierung in der Kindheit.“6)Rolf Degen hat einschlägige Forschungen zur Selbstachtung zusammengetragen. Sie zeigen, dass die Selbstachtung generell keinen Einfluss darauf hat, welches Geschick uns im Leben widerfahren wird (Degen, R. (2000). Lexikon der Psycho-Irrtümer. Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag). Richard Bentall zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Bei Menschen, die als „psychisch krank“ eingestuft wurden, spielt das Selbstwertgefühl durchaus eine bedeutsame Rolle (Bentall, R. P. (2003) Madness Explained: Psychosis and Human Nature London: Penguin Books Ltd).

Dass die so genannten Depressiven häufig ein niedriges Selbstwertgefühl haben, ist offensichtlich. Forschungen bestätigen7)Bentall, R. (2009). Doctoring the mind: is our current treatment of mental illness really any good? New York, NYU Press, dass Wahnvorstellungen die Funktion haben können, ein quälend niedriges Selbstwertgefühl zu erhöhen. Dies geschieht üblicherweise dadurch, dass Betroffene im Wahn anderen, beispielsweise den Außerirdischen oder den Illuminaten, die Schuld am eigenen Scheitern zuschreiben.

Der „Paranoide“ versucht, sein Selbstwertgefühl auf Kosten einer tragfähigen Realitätsorientierung zu steigern. Der Depressive senkt es, um in der Realität durch Misserfolgsvermeidung noch schlimmere Selbstwerteinbußen zu verhindern.

Depressive zeichnen sich nicht selten durch eine unterdrückte, passive Feindseligkeit aus. Der amerikanische Psychiater William Glasser deutet die Depression als unterdrückte Wut.8)Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial Der Betroffene entscheidet sich für die Depression, weil er sich vor den Konsequenzen ausgelebter Aggression fürchtet.

Diese Auffassung lässt sich mühelos in die hier gewählte Interpretation der Rolle des Selbstwertgefühls im Ursachenbündel der „Depression“ integrieren. Wer z. B. seine Wut auf den Boss offen äußert, verliert womöglich seinen Arbeitsplatz. Das ist nicht gut für das Selbstwertgefühl. Unter diesen Umständen könnte es durchaus als besser empfunden werden, sich durch Depression vor einer solchen Einbuße an Selbstachtung zu schützen. Wenn die Verminderung der Selbstachtung durch die Depression geringer ist als die Reduzierung des Selbstwertgefühls durch Arbeitsplatzverlust, geht die Rechnung auf.

Dem Depressiven ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach. Der Spatz symbolisiert die Vorteile der Krankenrolle des Depressiven. Die Taube steht für einen möglichen Erfolg aggressiver Selbstbehauptung, der aber als unwahrscheinlich erachtet wird.

Eine „psychische Krankheit“ ist ohne Zweifel ein Handicap. Dieses Handicap eignet sich hervorragend für das Self-handicapping. Erstens ist man als “Erkrankter” nämlich Opfer eines pathologischen Prozesses, der sich eigener Kontrolle entzieht. Zweitens muss man evtl. sogar Medikamente schlucken, deren Nebenwirkungen im Allgemeinen die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Damit lassen sich dann leicht eigene Minderleistungen selbstwertschonend erklären.

Diese Strategie vermag aber nur dann das Selbstwertgefühl zu schützen, wenn man selbst daran glaubt, krank zu sein. Zwar beeinträchtigt eine „psychische Krankheit“ ebenfalls das Selbstwertgefühl. Doch wenn man gezwungen wäre, die Verantwortung für chronisches Scheitern auf die eigene Kappe zu nehmen, dann hätte dies noch viel desaströsere Folgen für die Selbstachtung.

Zum Glück aber besagt die herrschende Lehre der Psychiatrie, dass „psychische Krankheiten“ Automatismen seien, die der Betroffene nicht oder nur unzulänglich kontrollieren kann.

Diese Lehre eignet sich also hervorragend als Marketing-Instrument, weil sie die potenzielle Kundschaft in Watte packt. Das Versagen ist leichter zu ertragen, wenn man es auf einen Schicksalsschlag, eine Krankheit zurückführen kann. Die Erklärungsalternativen wären ja beispielsweise Faulheit, mangelnde Cleverness, fehlendes Durchhaltevermögen und ähnliche, höchst abwertende Attribute.9)Depressives Leid könnte erheblich vermindert werden, wenn sich die Menschen über die wahre Natur ihres Daseins klar würden. In diesem Leben hängen Erfolg und Misserfolg nur in einem höchst geringen Maß von eigenen Leistungen ab. Lebenschancen sind sehr ungleich verteilt. Die meisten Menschen haben objektiv kaum Möglichkeiten, ihre Lebensbedingungen einschneidend zu verändern. Deswegen ist es ganz und gar verfehlt, sein Selbstwertgefühl an Erfolg und Misserfolg zu koppeln. Für einen reichen Papa kann man beispielsweise ebenso wenig etwas wie für eine alkoholkranke Mama.

Die generelle, zweifellos stark vereinfachte Formel, lautet demgemäß: Durch die Übernahme der Rolle des „psychisch Kranken“ versucht der „Erkrankte“, sich vor einer größeren Einbuße an Selbstachtung, die sich mutmaßlich ohne „Krankheit“ einstellen würde, zu schützen. Er wählt also, wie jeder Mensch, unter den gebotenen Alternativen jene aus, die ihm die beste zu sein scheint.

Er mag sich dabei natürlich täuschen. Vielleicht ist die Rolle des „psychisch Kranken“ objektiv ja gar nicht die beste Möglichkeit zur Optimierung der Selbstwertregulation. Doch das ist hier unerheblich. Entscheidend ist, dass der Betroffene glaubt, durch seine „Erkrankung“ weniger unglücklich zu sein als ohne diese. Zwar nötigt ihm die Krankenrolle auf, sich behandeln, aber niemand kann ihn dazu zwingen, sich durch diese Behandlung auch (dauerhaft) „heilen“ zu lassen.

  • Selbstverständlich nagt die Diskriminierung durch die Diagnose „Schizophrenie“ an der Selbstachtung des „Paranoiden“. Aber ohne seine Paranoia müsste er sich für sein Versagen im Leben selbst verantwortlich fühlen. Er könnte die Schuld nicht bösen Verfolgern in die Schuhe schieben.
  • Der „Depressive“ zeigt aller Welt durch sein Verhalten, wie wenig er von sich selber hält. Aber ohne seine Depression müsste er hinaus ins feindliche Leben. Dort könnte er vielleicht seine aufgestaute Wut nicht beherrschen. Dort wäre er vielleicht überfordernden Aufgaben nicht gewachsen. Dort müsste er womöglich mit einer größeren Beeinträchtigung seines Selbstwertgefühls rechnen.
  • Ein Mensch mit einer „Borderline-Persönlichkeitsstörung“ kann eine Beziehungskrise dadurch bewältigen, dass er den zuvor vergötterten Partner nunmehr verteufelt. Dies wird seine Selbstachtung zwar belasten, denn seine Mitwelt wird ihm wegen dieser willkürlichen Ungerechtigkeit zusetzen. Aber was wäre, wenn er ohne seine „Störung“ dem eigenen Versagen in der Beziehung ins Auge blicken müsste?

Man kann diesen Gedanken anhand aller erdenklichen so genannten psychischen Krankheiten durchdeklinieren. Man wird mühelos Strategien erkennen, wie der Betroffene versucht, so viel wie möglich von seinem Selbstwertgefühl zu retten. Damit verbindet sich die Hoffnung, so weniger unglücklich zu sein.

Es ist im Übrigen nicht erforderlich, dass der Betroffene seine „Strategie“ bewusst reflektiert und sie nach sorgsamer Erwägung aller Vor- und Nachteile anwendet. Im Gegenteil: Je weniger er davon weiß, je stärker er davon überzeugt ist, „psychisch krank“ zu sein, desto effektiver ist die Strategie. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, wenn man die Psychiatrie als Komplizin des Self-handicapping begreift oder sogar als Anstifterin dazu. Denn die10)empirisch haltlose, aber dennoch vehement verfochtene Theorie der biologischen11)oder alternativ dazu traumatischen Ursachen „psychischer Krankheiten“ trägt zur Selbstentlastung der „Patienten“ bei.

Dies gilt auch für alle wohlmeinenden Bemühungen der Psychiatrie, die Entstigmatisierung „psychischer Krankheiten“ voranzutreiben.
Entstigmatisierung bedeutet im Klartext ja, Bedrohungen des Selbstwertgefühls zu vermindern, die mit dem Spielen der Rolle des „psychisch Kranken“ verbunden sind. Auch diese Bemühungen eignen sich also hervorragend als Bestandteile einer Marketingstrategie.

Forscher haben einen Fragebogen zur Messung der Tendenz zum Self-handicapping entwickelt und siehe da: Diese Neigung korreliert hoch mit der Hypochondrie12)Smith, T.W., Snyder, C.R., & Perkins, S.C. (1983). The self-serving function of hypochondriacal complaints: Physical symptoms as self-handicapping strategies. Journal of Personality and Social Psychology, 787–797 Wer hätte das gedacht?

Man möge mich nicht falsch verstehen. Die Betroffenen sind in aller Regel keine Simulanten. Ihnen geht es wirklich schlecht. Sonst würden sie doch gar nicht auf die Ideen verfallen, sich als psychisch krank zu empfinden. Aber sie verwechseln ihr Lebensleid, ihre Lebensprobleme, bestärkt durch die Psychiatrie, mit einer Krankheit. Dies führt zu falschen Weichenstellungen, die verheerende Folgen haben können – vor allem die Chronifizierung.

Nun mag man einwenden, dass oben skizzierte Theorie zwar zu erklären vermag, warum Menschen „psychisch krank“ werden. Sie gäbe aber keine Antwort darauf, warum sie dieses oder jenes „Syndrom“ entwickeln. 13)Hier handelt es sich im Übrigen um einen Prüfstein für alle Theorien der Ursachen psychischer Krankheiten (mit Ausnahme derjenigen, die meinen, ein Mensch ziehe seine „psychische Krankheit“ in einer Gen-Lotterie.) Die Frage der „Krankheitswahl“ wird sich allerdings, wenn überhaupt, nur von Fall zu Fall beantworten lassen.

Nicht immer treten die Zusammenhänge so krass hervor wie bei den Kriegszitterern“ im 1. Weltkrieg.14)Bereits zu Beginn des 1. Weltkriegs prägten Soldaten in großer Zahl Symptome aus, die damals als hysterisch eingestuft wurden. Dazu zählte ein unkontrollierbares Zittern, was dieser „Krankheit“ den volkstümlichen Namen „Kriegszitterer“ gab. All diesen Symptomen war gemeinsam, dass sie offensichtlich gegen die Rückkehr des Betroffenen in das „Stahlgewitter“ an der Front sprachen. Wenn er wegen seines Zitterns nicht mehr an die Front musste, konnte er dort auch nicht mehr versagen. Er konnte sich weiterhin als pflichtbewusster Soldat und Patriot fühlen. Er war nicht feige und schwach, nein, sondern krank. Es ist nun wirklich nicht weit hergeholt, bei derartigen „posttraumatischen Belastungsstörungen“ ein Self-handicapping zu vermuten.

Es ist durchaus denkbar, dass die „Symptome“ einer „psychischen Krankheit“ nicht in einer direkten Beziehung zu den Anforderungen stehen, die es zu vermeiden gilt (weil man Misserfolg fürchtet), sondern nur in einer indirekten oder gar symbolischen. Es kann auch sein, dass der Betroffene einen Menschen aus seinem Erfahrungskreis imitiert, der zuvor bereits erfolgreich mit einer bestimmten „psychischen Krankheit“ einer Misserfolgserfahrung ausgewichen ist.

Nicht selten dürften die Vorlieben des diagnostizierenden Psychiaters für die Art der „psychischen Krankheit“ verantwortlich sein. Ganz zu schweigen von den Einflüssen der Mode. Ach, wie viele wurden doch “multiple Persönlichkeiten”, als dies gerade en vogue war. Nach der hier vorgetragenen Theorie müsste es eine Tendenz zur Bevorzugung „psychischer Krankheiten“ geben, die mit einer geringeren Stigmatisierung verbunden sind.

Wer sich dazu entschieden hat, die Rolle des „psychisch Kranken“ zu übernehmen, kann allerdings diese Entscheidung noch einmal überdenken und ggf. widerrufen. Es ist, wie bereits erwähnt, die Regel, dass sich Menschen für jene Alternative entscheiden, die ihnen als die vorteilhafteste erscheint.

Einer wählt beispielsweise eine „Depression“, weil er sich davor fürchtet, durch eine Prüfung zu fallen. Dies könnte eine kluge Entscheidung sein, dann nämlich

  1. wenn die Wahrscheinlichkeit des Durchfallens sehr hoch ist und
  2. wenn dies als fürchterliche Katastrophe erlebt wird.

Nicht so klug wäre diese Entscheidung natürlich,

  1. wenn, objektiv gesehen, eine gute Chance besteht, das Examen zu bestehen
  2. wenn das Durchfallen, bei näherer Betrachtung, keineswegs eine fürchterliche Katastrophe wäre.

Es lohnt sich also für den „psychisch Kranken“, seine Entscheidung, diese Rolle zu spielen, noch einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Dazu muss er sich jedoch zunächst eingestehen, dass seine „Krankheit“ tatsächlich auf einer Entscheidung beruht und nicht auf einer „gestörten Hirnchemie“ oder anderen unentrinnbaren Schicksalsmächten. Wer sehr an dieser Interpretation seiner Krankheit hängt, wird sich dazu allerdings nur schwer durchringen können.

Der amerikanische Psychiater William Glasser hält die Depression, wie bereits erwähnt, für eine Entscheidung des Depressiven. Sie sei ein Versuch, das Ausleben von Wut zu verhindern, vor dessen Konsequenzen man sich fürchtet. Der Depressive, sagt Glasser, deprimiere sich selbst.

Ähnliche Gedanken wie Glasser äußerte der amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Albert Ellis15)Ellis, A. & Dryden, W. (2007). The Practice of Rational Emotive Behavior Therapy (2nd ed.). New York City: Springer Publishing in seiner ABC-Theorie. A steht dabei für Adversity, ein widriges Ereignis. B bedeutet: Belief System, das Glaubenssystem. Und C ist die Abkürzung für Consequences, die emotionalen und verhaltensmäßigen Folgewirkungen.

Aus dieser Sicht löst ein widriges Ereignis (beispielsweise eine bevorstehende schwere Prüfung) nicht automatisch eine Reaktion (beispielsweise eine „Depression“) aus. Die Reaktion wird vielmehr durch die Interpretation von A vermittelt. Und diese Interpretation hängt vom Glaubenssystem B ab.

Wer sich einbildet, er würde auf jeden Fall die Prüfung nicht bestehen und das Durchfallen sei eine Katastrophe schlimmsten Ausmaßes, der wird eben mit hoher Wahrscheinlichkeit depressiv oder vielleicht auch psychotisch, was auch immer (C).

Nun mag mancher auf die Idee kommen, dass diese Entscheidungen zur psychischen Krankheit eben das Kranke seien und des Arztes bedürften. Gegen diese Auslegung spricht, dass seit über 150 Jahren die Psychiatrie mit immer besseren empirischen Methoden nach den körperlichen Ursachen im Gehirn und anderswo sucht, ohne fündig geworden zu sein.

Dies ist allerdings auch kaum verwunderlich. Es ist eben nicht krankhaft, sich für die, subjektiv gesehen, beste Handlungsalternative zu entscheiden. Die Leute sind aus meiner Sicht ganz normal. Vielleicht irren sie sich, vielleicht schätzen sie ihre Situation falsch ein: Aber krank, krank sind sie nun wirklich nicht. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen.

Für manche mag es auch zu spät sein, sich neu zu entscheiden. Sie haben sich mit ihrer „psychischen Krankheit“ eingerichtet. Sie beziehen eventuell Frührente. Sie dürfen die Erwartungen ihrer Ärzte und Mitmenschen nicht enttäuschen, die sie eben nur zu gern „psychisch krank“ sehen möchten. Ihre „psychische Krankheit“ ist eine kreative Lösung, die zu Inszenierungen mit allerlei staunenswerten Glanzlichtern führt.

Man möge dies nicht falsch verstehen: Es ist das gute Recht eines freien Bürgers, sich als „psychisch krank“ darzustellen, wenn ihm danach ist. Höchstwahrscheinlich wird er darunter leiden, mitunter sogar erheblich; doch sagt: Was hätte nicht seinen Preis im Leben? Es ist keine Schande, sich für die Rolle des „psychisch Kranken“ entschieden zu haben. Es ist auch keine Schande, daran wider besseres Wissen festzuhalten. Jeder darf selbst entscheiden, wie er durchs Leben gehen möchte.

Ich weiß im Übrigen nicht, ob Glassers oder ähnliche Theorien tatsächlich zutreffen. Sie sind nicht bewiesen. Und diesen Mangel teilen sie mit allen anderen Theorien der so genannten psychischen Krankheiten.

Das Leben ist ein Rätsel. Schon allein deswegen sollte man sich nicht anmaßen, Leute zu verurteilen, die sich als „psychisch krank“ empfinden. Aber natürlich hat jeder das Recht, die so genannten psychisch Kranken so zu sehen, wie er fast alle anderen erwachsenen Leute vermutlich auch sieht: als freie, mündige Bürger, die sich dafür entscheiden, Dinge zu tun oder zu lassen – und die dafür auch verantwortlich sind.

Fußnoten   [ + ]

1.Nebenbei bemerkt: Dies ist eine einseitige und im Grunde diskriminierende Sicht, zumal sich diese körperlichen Prozesse ja nicht nachweisen lassen.
2.Mutmaßen muss man im Übrigen auch, wenn man eine Verhaltensänderung anstrebt. Ohne Hypothesen über Motive gibt es nämlich auch keine Hypothesen über die Verstärkungen, die das zu ändernde Verhalten aufrecht erhalten.
3.Hier kommt es nicht darauf an, ob er tatsächlich, objektiv betrachtet, gescheitert ist. Auch ist es unerheblich, ob er dafür verantwortlich war. Entscheidend ist, das er selbst dies so einschätzt.
4.Berglas, S. & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36, 405 – 417
5.Peterson, C.; Maier, S. F.; Seligman, M. E. P. (1995). Learned Helplessness: A Theory for the Age of Personal Control. New York: Oxford University Press
6.Rolf Degen hat einschlägige Forschungen zur Selbstachtung zusammengetragen. Sie zeigen, dass die Selbstachtung generell keinen Einfluss darauf hat, welches Geschick uns im Leben widerfahren wird (Degen, R. (2000). Lexikon der Psycho-Irrtümer. Warum der Mensch sich nicht therapieren, erziehen und beeinflussen lässt. Frankfurt/Main: Eichborn Verlag). Richard Bentall zeichnet jedoch ein differenzierteres Bild: Bei Menschen, die als „psychisch krank“ eingestuft wurden, spielt das Selbstwertgefühl durchaus eine bedeutsame Rolle (Bentall, R. P. (2003) Madness Explained: Psychosis and Human Nature London: Penguin Books Ltd).
7.Bentall, R. (2009). Doctoring the mind: is our current treatment of mental illness really any good? New York, NYU Press
8.Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial
9.Depressives Leid könnte erheblich vermindert werden, wenn sich die Menschen über die wahre Natur ihres Daseins klar würden. In diesem Leben hängen Erfolg und Misserfolg nur in einem höchst geringen Maß von eigenen Leistungen ab. Lebenschancen sind sehr ungleich verteilt. Die meisten Menschen haben objektiv kaum Möglichkeiten, ihre Lebensbedingungen einschneidend zu verändern. Deswegen ist es ganz und gar verfehlt, sein Selbstwertgefühl an Erfolg und Misserfolg zu koppeln. Für einen reichen Papa kann man beispielsweise ebenso wenig etwas wie für eine alkoholkranke Mama.
10.empirisch haltlose, aber dennoch vehement verfochtene
11.oder alternativ dazu traumatischen
12.Smith, T.W., Snyder, C.R., & Perkins, S.C. (1983). The self-serving function of hypochondriacal complaints: Physical symptoms as self-handicapping strategies. Journal of Personality and Social Psychology, 787–797
13.Hier handelt es sich im Übrigen um einen Prüfstein für alle Theorien der Ursachen psychischer Krankheiten (mit Ausnahme derjenigen, die meinen, ein Mensch ziehe seine „psychische Krankheit“ in einer Gen-Lotterie.)
14.Bereits zu Beginn des 1. Weltkriegs prägten Soldaten in großer Zahl Symptome aus, die damals als hysterisch eingestuft wurden. Dazu zählte ein unkontrollierbares Zittern, was dieser „Krankheit“ den volkstümlichen Namen „Kriegszitterer“ gab. All diesen Symptomen war gemeinsam, dass sie offensichtlich gegen die Rückkehr des Betroffenen in das „Stahlgewitter“ an der Front sprachen.
15.Ellis, A. & Dryden, W. (2007). The Practice of Rational Emotive Behavior Therapy (2nd ed.). New York City: Springer Publishing