Psychische Krankheit und menschliche Autonomie

In der Soziologie versteht man unter Rollen Systeme normativer Zwänge und diesen zugeordneter Rechte. Im Klartext: Wer eine Rolle spielt, muss den Erwartungen anderer Leute entsprechen. Im Austausch müssen andere Menschen die Erwartungen des Rollenspielers erfüllen. Den Zwängen und Rechten entsprechen die Erwartungen von Mitmenschen in Institutionen, z. B. in der Familie, in der Schule, in Vereinen, in Unternehmen, in Arztpraxen und Krankenhäusern. Rollenkonformität setzt die hinlängliche Bereitschaft und Fähigkeit voraus, diesen Zwängen nachzugeben und die Rechte wahrzunehmen.

Zur Krankenrolle gehören folgende Rechte und Pflichten:

Rechte:

  • Der Kranke wird teilweise von den Aufgaben entbunden, die ihm andere Rollen auferlegen.
  • Der Kranke wird für seinen Zustand nicht verantwortlich gemacht.

Pflichten:

  • Der Kranke sollte sich bemühen, wieder gesund zu werden.
  • Der Kranke sollte kompetente Helfer suchen und sich deren Anordnungen fügen.

Als krank Diagnostizierte weigern sich gelegentlich, die entsprechende Rolle zu übernehmen, z. B. mit dem Argument, sie seien gar nicht krank oder hätten keine Zeit dazu. Häufiger als in anderen Bereichen der Medizin ist dies bei den so genannten psychisch Kranken der Fall.

Um definitiv zu entscheiden, ob eine Diagnose zutrifft, muss man objektive Methoden besitzen. Diese Methoden müssen in der Lage sein, von subjektiven Sichtweisen unabhängige Grundlagen für eine diagnostische Entscheidung zu schaffen. Im Falle der so genannten psychischen Krankheiten gibt es derartige Methoden allerdings nicht.

Die von den Psychiatern und Psychotherapeuten erwartete, ja geforderte „Krankheitseinsicht“ bezieht sich

  • einerseits auf das System der Zwänge und Rechte, das mit der Rolle des „psychisch Kranken“ verbunden ist. Das wesentliche Recht besteht in der Entbindung von Aufgaben (z. B. Krankschreibung) und die entscheidende Pflicht ist die Bereitschaft zur Mitwirkung an ärztlichen Maßnahmen (meist Einnahme der verordneten Medikamente).
  • Andererseits wird erwartet, dass sich der Patient die (spekulative) Theorie der Ursachen seiner „Erkrankung“, die ihm sein Arzt unterbreitet, zu eigen macht. Damit soll vor allem die „Compliance“ gefördert werden, also die Bereitschaft zur Rollenkonformität.

Rund 90 Prozent der Psychiatriepatienten unterwerfen sich freiwillig diesem Regime von Rechten und Pflichten. Warum?

In seinem Buch „Choice Theory“ bringt der amerikanische Psychiater William Glasser die Grundlage menschlichen Handelns in bewundernswert schlichten Formulierungen auf den Punkt:

„Die Entscheidungstheorie erklärt, warum wir, bei allen praktischen Anliegen, alles, was wir tun, auswählen, einschließlich des Elends, das wir fühlen. Andere Leute können uns weder elend, noch glücklich machen. Alles, was wir von ihnen erhalten oder ihnen geben können, sind Informationen. Doch an sich können uns Informationen nicht dazu veranlassen, irgendetwas zu tun oder zu fühlen. Sie gehen in unser Gehirn, wo wir sie verarbeiten und dann entscheiden, was zu tun ist…. (Wir wählen) alle unsere Handlungen und Gedanken und, indirekt, beinahe alle unserer Gefühle und einen großen Teil unserer physiologischen Reaktionen aus1)Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial.“

Daraus folgt, dass auch die „psychische Krankheit“ auf einer Wahl beruht. Menschen werden nicht durch Defekte oder Defizite in ihrem Gehirn dazu gezwungen, sich abnorm zu verhalten. Sie entscheiden sich dazu.

Vielleicht irrt sich Glasser ja. Womöglich gibt es, tief im Inneren des Gehirns verborgen, psychopathologische Prozesse. Vielleicht werden irgendwann einmal Mechanismen entdeckt, die Menschen dazu zwingen, aus der Rolle zu fallen. Bisher aber konnten sie noch nicht entdeckt werden. Daher ist es nicht legitim, sie den so genannten psychisch Kranken zu unterstellen.

Erkenntnistheoretisch betrachtet, lässt sich also die Existenz pathologischer Prozesse im Gehirn nicht ausschließen. Aber solange wir sie nicht nachweisen können, müssen wir aus Gewissensgründen darauf verzichten, sie bei anderen vorauszusetzen. Schließlich ist die Unterstellung, dass jemand einem Automatismus (im Gehirn) unterliege, gleichbedeutend mit seiner (partiellen) Degradierung zum Roboter. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund für die Annahme, der Mensch sei eine zu seinen Handlungen gezwungene Maschine. Dazu fehlt der empirische Beweis.

Daher ist es, pragmatisch gesehen, klüger, den so genannten psychisch Kranken die Entscheidungsfähigkeit nicht abzusprechen. Wenn nämlich die psychische Krankheit auf einer Entscheidung beruht, kann man sich auch gegen sie entscheiden. Dies ist ein berechtigter Optimismus.

Daher setze ich voraus, dass „psychisch Kranke“ ein völlig intaktes Gehirn haben, dessen Reaktionen den Bedingungen in ihrem Milieu entsprechen.

Besonders deutlich sieht man dies bei Frontsoldaten. In seinem Buch „The Painful Field“ weist der Militärhistoriker Richard A. Gabriel nach, dass fast alle Soldaten nach einigen Wochen im Kugelhagel an der Front psychisch dekompensieren.2)Auf Deutsch: Sie klappen zusammen. Dies betrifft auch solche, die nie zuvor irgendwelche Auffälligkeiten des Verhaltens und Erlebens gezeigt haben. 3)Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press Diese Soldaten sind nicht verrückt, sondern sie reagieren nur menschlich auf den Wahnsinn des Krieges.

Man kann dies durchaus verallgemeinern: Wenn ein Mensch unter Hartz-4 nach einer Weile morgens nicht mehr aus dem Bett findet und jede Initiative verloren hat, dann ist er nicht depressiv. Er reagiert vielmehr nur menschlich auf den Wahnsinn von Hartz-4. In Griechenland, so berichten die Medien, steigern die Selbstmordzahlen seit Beginn der verheerenden Wirtschaftskrise dort. Die Menschen bringen sich aber nicht um, weil sie Depressionen haben. Sie tun dies, weil ihre wirtschaftliche Situation ausweglos geworden ist.

In ganz Europa steigt zur Zeit die Zahl der Menschen mit psychiatrischen Diagnosen dramatisch. Dies liegt nicht daran, dass ein Virus grassiert, der Menschen psychisch krank macht. Dies ist die Folge der turbokapitalistischen Demontage selbst der bescheidensten Ansätze eines Sozialstaats und der durch „neoliberale“ Ideologien vorangetriebenen Entsolidarisierung der Gesellschaften.

Psychiatriekritiker werden häufig als Ideologen gebrandmarkt. Allein, was ist denn eine Ideologie? Eine Ideologie ist ein System von Ideen, das nicht durch Fakten erhärtet wurde. Dann aber ist Psychiatrie und nicht Psychiatriekritik Ideologie. Denn nicht nur lassen sich keine Hirnstörungen bei den so genannten psychisch Kranken nachweisen. Es fehlen auch Befunde, die zwingend die häufig unterstellte genetische Komponente belegen.

Warum also entscheiden sich Menschen, die Rolle des psychisch Kranken zu spielen? Einen Beweis dafür, dass sie im Sinne des medizinischen Modells tatsächlich krank sind, gibt es ja nicht. Es lässt sich nicht nachweisen, dass ihre „Symptome“ von einer Hirnstörung hervorgebracht wurden.

Meine These: Zumeist ist die Rolle des psychisch Kranken die beste Verhaltensalternative, die Betroffene zu erkennen vermögen. Die Umwelt hat ihnen Informationen geliefert. Aus diesen Informationen haben sie den Schluss gezogen: Du fährst am besten, wenn du die Rolle des psychisch Kranken spielst. Dies mag ein rationaler, zutreffender Schluss sein oder auch nicht. Vielleicht gibt es ja doch bessere Alternativen, die vom „Erkrankten“ nur nicht gesehen werden. Dann kann es nach einer Weile des Abwartens durchaus hilfreich sein, ihn mit der Nase darauf zu stoßen – behutsam zwar, aber auch mit Nachdruck.

Fußnoten   [ + ]

1.Glasser, W. (1999). Choice Theory. New York: Harper Perennial
2.Auf Deutsch: Sie klappen zusammen.
3.Gabriel, R. A. (1988). The Painful Field. The Psychiatric Dimension of Modern War. New York, Westport, Con., London: Greenwood Press